Allgemeiner Konsumverein Kiel: Unterschied zwischen den Versionen

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Zeile 82: Zeile 82:
 
Datei:Fotos 284.jpg|Betriebshof der coop in Gaarden ([[1969]])  
 
Datei:Fotos 284.jpg|Betriebshof der coop in Gaarden ([[1969]])  
 
Datei:Fotos 285.jpg|Betriebshof der coop in Gaarden ([[1969]])  
 
Datei:Fotos 285.jpg|Betriebshof der coop in Gaarden ([[1969]])  
 +
Datei:Fotos 288.jpg|coop-Supermarkt in der Insterburger Straße, Ecke Masurenring in Neumühlen-Dietrichsdorf ([[1969]])
 +
Datei:Fotos 289.jpg|Neuer coop-Markt an der Schanze 42 (Ecke Brauner Berg) in Friedrichsort. Dies ist die 60. Verkaufsstelle von coop Kiel, der 26. Großraumladen. ([[1969]])
 +
Datei:Fotos 291.jpg|Archivtitel: Coop-Supermarkt am Bebelplatz in Elmschenhagen. Eröffnung der 60. Verkaufsstelle der Genossenschaft. ([[1969]])
 +
Datei:Fotos 292.jpg|coop-Supermarkt am Ankerplatz in Schilksee . Eröffnung. ([[1972]])
 
</gallery>
 
</gallery>
  

Version vom 9. August 2018, 16:47 Uhr

Zentrale des Kieler Konsum
Allgemeiner Konsumverein Kiel
Die Karte wird geladen …
Sörensenstraße
24114 Kiel

Am 26. Oktober 1899 gründeten 45 Arbeiter den Allgemeinen Konsumverein für Kiel und Umgegend (AKVK). Der Name existiert nicht mehr. Der Geist und die genossenschaftliche Organisationsform leben aber bis heute weiter in der coop Schleswig-Holstein eG, seit 2006 coop eG, die in ganz Norddeutschland die Supermarktketten "sky" und "plaza" betreibt, in kleineren Orten auch die "topkauf"-Kette, und der größte private Arbeitgeber Schleswig-Holsteins ist.[1] Sie wird allerdings in absehbarer Zeit verschwinden und durch Rewe-Märkte ersetzt werden.

Vorgeschichte

Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Arbeiterfamilien in der schnell wachsenden Industriestadt Kiel wie in allen vergleichbaren Städten mit erheblichen Versorgungsproblemen zu kämpfen. Die schwere Arbeit und die langen Arbeitszeiten machten die Eigenversorgung durch Landwirtschaft unmöglich. Man war auf Einzelhändler angewiesen, die ihre Produkte oft mit illegalen und gesundheitsschädlichen Mitteln streckten, nicht reell abwogen und zu überhöhten Preisen verkauften. Bei großen Firmen kam es vor, dass sie eigene Läden eröffneten und ihre Arbeiter - etwa durch Bezahlung in spezieller Währung - zwangen, dort die minderwertigen und überteuerten Waren zu kaufen. Das "Anschreiben" - Verkauf auf Kredit, wenn etwa Ende des Monats das Geld zur Neige ging - schuf weitere Abhängigkeiten. Die Konsumvereine stellten eine Gegenwehr gegen diese Verhältnisse dar.

Der erste deutsche Konsumverein gründete sich 1850 in Eilenburg/Sachsen. Bereits 1861 wurde auch in Kiel der - erfolglose - Versuch einer solchen Gründung unternommen; 1889 entstand die Vereinsbäckerei, die Keimzelle des späteren Konsum. Die privaten Einzelhändler wehrten sich entschieden, da sie ihre Geschäfte zu Recht bedroht sahen. Auch der preußische Staat zeigte Misstrauen, wie gegen alle Bestrebungen der Arbeiter, ihre Lebensumstände und ihren Status zu verbessern.

Auf Druck der Einzelhändler boykottierten viele Großhändler und Fabrikanten die Konsumvereine. Deshalb gründete sich 1894 in Hamburg die Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine mbH (GEG). Sie importierte selbst und baute ein Netz eigener Fabriken auf, darunter eine Seifen-, eine Schokoladen- und eine Fischfabrik sowie eine Kaffeerösterei. Ihre Produkte wurden unter der Marke »GEG« verkauft und erfreuten sich bald großer Beliebtheit.[2]

Gründung

1899 wurde der Kieler "Konsum", wie er bei den Mitgliedern hieß, gegründet. Dass dies nicht früher geschah, hatte seinen Grund auch darin, dass Kiels führender Sozialdemokrat Stephan Heinzel dem Gedankengut von Ferdinand Lassalle verpflichtet war. Er lehnte Konsumvereine ab, da durch sie "der Klassenkampfcharakter der Partei großen Schaden erleiden würde"[3]. Bereits 1889 wandte er sich vehement, wenn auch vergeblich, gegen die Gründung der Vereinsbäckerei. In einer Broschüre zum Reichsparteitag 1927 in Kiel hieß es dazu:

Stephan Heinzel
"Bei der Gründung von Konsum- sowie Produktivgenossenschaften waren in den eigenen Reihen meist recht harte Widerstände zu überwinden. Diese waren Ende der achtziger Jahre bei der Gründung der 'Vereinsbäckerei' besonders stark. War es doch in erster Linie unser langjähriger, bewährter Vertrauensmann Stephan Heinzel, der mit seinem lebhaften, südländischen Temperament die Gründung der Genossenschaft aus prinzipiellen und taktischen Gründen mit seiner ganzen Kraft bekämpfte. In Volks- und Parteiversammlungen sowie in Freundeskreisen, überall warnte er die Genossen aufs energischste vor dem Beitritt zu dieser Genossenschaft. Ja, als die Bäckerinnungsmeister in der 'Alhambra' in Gaarden zusammenkamen, um über die Mittel und Wege zu beraten, die der gehaßten Genossenschaft, von der sie mit Recht eine scharfe Konkurrenz befürchteten, das Lebenslicht so schnell wie möglich wieder ausblasen sollten, da erschien auch in dieser Versammlung unser ärgster Gegner, der Genosse Heinzel (er war von den Innungsmeistern besonders eingeladen worden) und hielt eine Rede gegen die Genossenschaftsidee im allgemeinen und insbesondere gegen die zur Debatte stehende Bäckerei-Genossenschaft. Er prophezeite derselben ein rasches Ende. Da unser Genosse Heinzel innerhalb der Arbeiterschaft außerordentlich beliebt war, und auch infolge seines lauteren Charakters in weiten Kreisen des Bürgertums hoch geschätzt wurde, war sein Kampf gegen die junge Genossenschaft für diese besonders schmerzhaft."[4]
Hermann Adam

"Vertraue Deiner eigenen Kraft, gestützt auf die Genossenschaft!", lautete dagegen die Losung der Konsumvereine.[5] Ihr Ziel war, durch gemeinsamen Einkauf bei vertrauenswürdigen Lieferanten den Mitgliedern gute Ware zu reellen Preisen anbieten zu können und den Reingewinn wieder an sie auszuschütten.

Die Gründungsversammlung des Allgemeinen Konsumvereins für Kiel und Umgegend e.G.m.b.H (AKVK) am 26. Oktober 1899 geschah auf Initiative des ehemaligen Werftarbeiters Hermann Adam[6], der bis zu seinem Tode im September 1929 Geschäftsführer blieb. Er spielte auch in der Kieler und Landes-SPD eine führende Rolle als Vorsitzender der Pressekommission, die das Aufsichtsorgan für die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung bildete.

Im Frühsommer 1900 wurde (vermutlich in der VZ) gemeldet:

"Der neu gegründete Allgemeine Consum=Verein für Kiel und Umgegend, dessen Mitgliederzahl bereits über 300 beträgt, eröffnet am Donnerstag den 5. Juli seine erste Verkaufstelle Holtenauerstraße 46. Der Verein hat sich die Aufgabe gestellt, seinen Mitgliedern gute Waaren zum Tagespreise zu liefern und den erzielten Reingewinn am Schlusse des Geschäftsjahres an die Mitglieder zurückzuzahlen."
Verteilungsstelle Hasseldieksdammer Weg 217, 1925

Schon im selben Jahr wurde eine weitere Verkaufsstelle eröffnet. Später hießen die Läden "Verteilungsstellen" und wurden von "Lagerhaltern" geführt, waren oft auch keine Läden im heutigen Sinne. Da sie nur an Mitglieder abgaben, benötigten sie weder Werbung noch Schaufenster; das hielt die Kosten niedrig. Die Verteilungsstellen des Kieler Konsum waren weit über die Stadtgrenzen hinaus verbreitet. Den Effekt beschreibt Rosa Wallbaum, die von 1930 bis 1933 bei "ihrer" Genossenschaft eine Ausbildung machte, in ihren Erinnerungen:

"Der Konsumverein Kiel hatte über hundert 'Lebensmittelverteilungsstellen', außerdem eine eigene Bäckerei und eine eigene Fleischfabrik in der Heischstraße. Die Preise waren überall gleich. Die nördlichste Verteilungsstelle war in Karby. Der Konsum war preisbestimmend in einem Ort. Als Folge der Wirtschaftskrise wurde 1930 die Verteilungsstelle in Karby geschlossen. Man rechnete pro 3.000 Mark Umsatz eine Verkaufskraft, und Karby war unter 3.000 Mark. Die kleinen Höker haben sofort die Preise alle erhöht!"[7]

Expansionskurs

Die bereits erwähnten Broschüre zum Reichsparteitag 1927 in Kiel macht deutlich, welchen Umfang das "Bollwerk der Gemeinwirtschaft" bereits erreicht hatte:

"Im südlichen Teil Gaardens, in nächster Nähe des Kleinbahnhofs, liegt ein 20000 qm großes Gelände, welches von der Segeberger, Bielenberg-, Heisch- und Sörensenstraße begrenzt wird. Dieses Gelände ist Eigentum des Allgemeinen Konsum-Vereins und dient mit der dort errichteten stattlichen Anzahl von Gebäuden als Betriebszentrale. Inmitten des Geländekomplexes befindet sich das Zentrallagergebäude, welches mit der Großbäckerei des Vereins verbunden ist. Die letztere ist neben allen moderenen Bäckereimaschinen mit 10 Doppelauszugöfen ausgestattet. Auf den beiden Geländeecken nach der Bielenbergstraße zu stehen sich gegenüber die Fleischwarenfabrik und die neue Konditorei. Auch diese beiden neuen Produktionsbetriebe sind mit den technisch vollkommensten Maschinen ausgerüstet und können beide Fabrikanlagen als Musterbetriebe bezeichnet werden. Im Lagergebäude ist die Anlage für Selter- und Brausefabrikation sowie die Großrösterei für Kaffee untergebracht. In einem oberen Stockwerke der Bäckerei wird eine Schrotmaschine zur Herstellung von Futtersachen benutzt.
Original-Verkaufstüte. Das Firmenzeichen zeichnete Hermann Adams Tochter Elsa, die auf der Kunstgewerbeschule studiert hatte.
Verwaltungs- u. Wohngebäude Ecke Sörensen- u. Segeberger Straße, 1935
In allen Fabrikgebäuden sind elektrische Fahrstühle eingebaut und werden außerdem elektrische Winden an dem Lager- und Bäckereigebäude zur Ausladung der Waggons benutzt. Ferner sind auf der Zentrale die Garagen für 10 Lastautos und Lieferwagen errichtet, und besitzt der Verein noch 22 Pferde und die entsprechende Wagenzahl zur Beförderung seiner Waren. Zwei Gleisanschlüsse verbinden die Zentrale des Allgemeinen Konsum-Vereins mit dem Eisenbahnnetz. Ecke Sörensenstraße und Segeberger Straße befindet sich das Verwaltungsgebäude, welches in den oberen Stockwerken mit Wohnungen versehen ist. Neun Wohngebäude, die der Genossenschaft gehören, begrenzen von der Heisch- und Segebergerstraße her die Betriebsanlagen der Genossenschaft. Von hier aus werden alle Warenverteilstellen des Vereins mit Waren versorgt. Der Verein betreibt zurzeit drei Spezialgeschäfte für Manufaktur-, Schuhwaren und Haushaltssachen, 86 Kolonialwarenverteilstellen, 11 Backwarenläden und 17 Fleischverteilungsstellen. Da auf dem Gelände der Zentrale auch ein großer Kohlenplatz eingerichtet ist, werden die Mitglieder fast aller Verteilungsstellenbezirke auch mit Brennmaterialien versorgt.
Das Ausbreitungsgebiet des Vereins ist recht umfangreich, und hat der Verein seine Verteilungsstellen in allen namhaften Orten Holsteins. In Rendsburg besitzt der Verein eine zweite, kleinere Bäckerei, welche die dortigen Mitglieder mit Brot und sonstigen Backwaren versorgt.
Der Allgemeine Konsum-Verein für Kiel und Umgegend konnte im Jahr 1925 sein 25-jähriges Geschäftsjubiläum begehen. [Es] betrug die Mitgliederzahl am 1. Januar 1914 13.442. Durch den Krieg und in der Inflationszeit wurde auch im Kieler Konsum-Verein, wie in allen anderen Konsumgenossenschaften, die Mitgliederzahl stark übersetzt, da auch diejenigen Verbraucher, die sonst nichts für den genossenschaftlichen Gedanken übrig hatten, in großen Scharen die Mitgliedschaft erwarben, weil die Genossenschaft ihnen die Gewähr bot, überhaupt Waren zu billigen Preisen und in der denkbar besten Qualität zu erhalten.
Notgeld des Konsum in der Inflation 1923

Die Mitgliederzahl betrug am Schlusse des Jahres 1923 34.681. Durch die Übernahme der beiden Konsum-Vereine in Neumünster und Rendsburg und durch Neueintritte in den letzten drei Jahren wurde die Mitgliederzahl auf rund 36.000 gebracht. Von diesem Mitgliederbestand sind schon diejenigen Mitglieder abgerechnet, die im Jahre 1926 wegen jahrelangen Nichtkaufens aus der Genossenschaft ausgeschlossen wurden. Trotzdem die wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahren besonders in Kiel und Umgebung ganz gewiß nicht als rosig zu bezeichnen sind, hat die Konsumgenossenschaft auch im Jahre 1926 ihren Gesamtumsatz um reichlich eine halbe Million steigern können. Der Jahresumsatz von 1926 betrug 10 855 094,32 RM. Der Verein konnte im Laufe der Jahre eine Sparabteilung für die Mitglieder einrichten, und wurden auch diese Gelder, für die der Verein mit seinem gesamten Sachbesitz haftet, für genossenschaftliche Zwecke verwendet. Nach der Bilanz vom 31. Dezember 1926 hatten die Mitglieder ein Sparguthaben von 1 913 155 RM. So hat sich die Genossenschaft aus kleinen Anfängen zu einem achtungswerten wirtschaftlichen Unternehmen entwickelt, und steht zu hoffen, daß diese Entwicklung durchaus noch nicht als abgeschlossen gilt."[8]

Der Gesamtumsatz erreichte 1930 mit 16 736 376,91 RM eine Höchstmarke. Bedingt durch die Wirtschaftskrise ging er 1931 erstmals zurück auf 13 642 084,76 RM, während sich die Mitgliederzahl bis Ende 1931 auf 37.527 erhöhte.[9]

Das Eigentum des Konsum beschränkte sich nicht auf das Hauptgelände. Ein Teil der Grundstücke und Häuser, in denen Verteilungsstellen eingerichtet waren, gehörte ihm ebenfalls; die Wohnungen wurden an Mitglieder vermietet.[10] Rosa Wallbaum gibt die Höhe des Genossenschaftsanteils etwa 1924 mit 40 Mark an; später seien für "neue Bauvorhaben und Grundstückskäufe" 10 Mark nachgefordert worden.[11] Dies wurde offenbar akzeptiert.

Im Verwaltungsgebäude in der Segeberger Straße gab es auch ein Heim der Sozialistischen Arbeiterjugend, in dem sich die Jugendlichen treffen und fortbilden konnten.

Unter dem Nationalsozialismus

Mit der Übergabe der Macht an Hitler 1933 geriet auch der AKVK unter Druck. Genossenschaften entsprachen nicht der Vorstellung der Nationalsozialisten von der "Volksgemeinschaft", da sie den Mitgliedern gehörten, nicht dem (ausschließlich durch die NSdAP vertretenen) Volk.

So wurde die GEG als Dachorganisation bereits am 14. August 1933 umfirmiert in den "Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften GmbH (GEG)". Hier waren nun die genossenschaftlichen Zentralorganisationen zusammengefasst. 1935 liquidierten die Nationalsozialisten den AKVK und übernahmen sein erhebliches Vermögen, das nicht zuletzt in Immobilien bestand.

Neubeginn und moderne Entwicklung

1946 wurde der Kieler Konsumverein neu gegründet, wie auch zehn weitere in Schleswig-Holstein. Sein Vorkriegsvermögen erhielt er nicht zurück. Über das Zentralgelände in Kiel führt heute der Theodor-Heuss-Ring. Östlich davon gibt es als letzten Überrest an der Sörensenstraße einen "sky"-Supermarkt. Die letzten Mietshäuser aus dem Bestand des Konsumvereins, die gleich daneben am Joachimplatz standen, mussten vor einigen Jahren - unter massiven Protesten gegen die Vernichtung preiswerten Wohnraums - dem Ausbau des Theodor-Heuss-Rings weichen.

Blick auf die Vereinsbäckerei Gaarden, 1966

Ende 1971 verblieben "nach langjährigem, gezieltem Konzentrationsprozeß"[12] noch zwei coop-Unternehmen im Lande - in Kiel und in Lübeck, wo die Gründung 1904 erfolgt war. Zum 1. Januar 1972 schlossen sich diese beiden zur coop Schleswig-Holstein eG zusammen. Gemeinsam erreichten sie eine Bilanzsumme von 80 Millionen DM und hatten 3.000 Beschäftigte, davon 180 Auszubildende. Damit war das neue Unternehmen die fünftgrößte coop in Deutschland. Es verfügte über zwei Großschlachtereien in Lübeck und Kiel (am Traditionsstandort Sörensenstraße), strebte an, sein Marktnetz auf 120 Standorte zu erweitern, und gründete für die Beschäftigten eine Rentenzuschusskasse. Vorstandsvorsitzender wurde Arnold Krain, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Kieler Kurt Neumann.[13]

Die inzwischen abgerissenen Häuser des Allgemeinen Konsumvereins, der späteren coop eG, am Theodor-Heuss-Ring Ecke Sörensenstr. im Jahre 1984

In den 1980er Jahren gehörten die Schleswig-Holsteiner zu den wenigen Genossenschaften, die sich gegen einen Zusammenschluss mit der deutschlandweiten co op AG in Frankfurt wehrten und an ihrer Rechtsform festhielten. Diese Eigenständigkeit machte sich bezahlt, als 1988/89 die aufgeblähte co op AG in einem riesigen Finanzskandal unterging.[14] Die schleswig-holsteinischen coop-Märkte wurden wegen der Verwechslungsgefahr umbenannt in "sky", die Genossenschaft entwickelte sich erfolgreich weiter und expandierte im ganzen norddeutschen Raum, nach der Wende auch nach Mecklenburg-Vorpommern.

Mauerrelief an der Fassade der ehemaligen Gebäude des Allg. Konsumvereins, der späteren coop eG, im Jahre 1984

Die Rückvergütungen an die Mitglieder lagen mit 7 Prozent jahrelang deutlich über den Zinssätzen der Banken. 2005 wurden sie auf 4 Prozent gesenkt.

Das Mauerrelief vor der Firmenzentrale der coop eG stammt von den inzwischen abgerissenen Gebäuden des Allg. Konsumvereins am Theodor-Heuss-Ring Ecke Sörensenstr.


Seit 2006 heißt das Unternehmen coop eG. Unter der Eigenmarke "Unser Norden" werden Produkte vermarktet, deren Produktions- oder Verarbeitungsstätten in Norddeutschland beheimatet sind, wie auf dem jeweiligen Produkt angegeben.[15] Seit 2007 ist die Kölner Rewe Group, ebenfalls eine Genossenschaft, stiller Teilhaber, seit 2011 mit erhöhter Beteiligung. Im Dezember 2008 wurde mit den räumlich abgetrennten "Unser Norden"-Landbäckereien das Angebot in den sky-Filialen um nicht abgepackte Backwaren erweitert. Am 31. Dezember 2013 übernahm die Heinrich von Allwörden GmbH die Landbäckereien und führt sie am selben Ort und unter demselben Namen weiter. Den Kaufpreis gab coop nicht bekannt, nur dieses: Damit wolle "die Kieler Konsumgenossenschaft sich wieder stärker auf ihr Kerngeschäft, den Vertrieb von frischen und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln in ihren sky-Märkten, konzentrieren und ihr Sortiment an Lebensmitteln aus der Region erweitern".[16]

Die coop eG ist heute in fünf Bundesländern vertreten, wies 2014 einen Umsatz von rund 1,3 Mio. Euro aus, hatte am 31. Dezember 2016 rund 80.700 Mitglieder[17] und beschäftigt (ohne Zulieferbetriebe) ca. 9.300 Menschen[18], davon etwa 700 Auszubildende[19]. Damit ist sie der größte private Arbeitgeber in Schleswig-Holstein.

2016 wurde erneut deutlich, dass geschäftlich nicht alles zum Besten stand. Die coop eG brachte alle ca. 200 Lebensmittelmärkte, die 11 Bau- und Gartencenter sowie die gesamte Logistik in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Rewe Group für Belieferung und Vertrieb ein, in dem Rewe die Mehrheit hält. Als Grund wurde die Forderung der Banken nach besserer Absicherung angesichts schwacher Geschäftsentwicklung angegeben.[20] Bei der Kundschaft weckte dies die Befürchtung dass "die Zeit der Genossenschaft bei coop zu Ende" gehen könnte.[21] Dies wurde von der coop eG mehrfach dementiert, mit dem Hinweis darauf, dass auch die Rewe Group eine Genossenschaft sei. Rewe wird allerdings nicht als Genossenschaft, sondern als Discounter wahrgenommen.

2017 folgte die befürchtete Ankündigung, dass alle Märkte der coop eG in absehbarer Zeit in Rewe-Märkte umgewandelt werden, vermutlich bis Ende 2018. Schleswig-Hosteins eigener "Konsum" wird also in der Tat aus dem Straßenbild verschwinden. Damit geht wieder ein Stück Tradition und vertrautes lokales Lebensgefühl verloren.

Literatur

  • Rolf Fischer: "Der Bahn, der kühnen, folgen wir …" Stephan Heinzel und der Aufstieg der Kieler SPD (Geschichte der Kieler Sozialdemokratie, Band I: 1863 – 1900) (Malente 2010), ISBN 3-933862-42-6
  • Susanne Kalweit: "Ich hab mich niemals arm gefühlt!" Die Kielerin Rosa Wallbaum berichtet aus ihrem Leben (Hamburg/Berlin 2010), ISBN 978-3-86850-644-0
  • Michel Stermann: Maman Grete. Eine Erzieherin aus Deutschland für KZ-Opfer-Waisenkinder in Frankreich und weitere Familien-Porträts (Norderstedt 2016), ISBN 978-3-74071-655-4

Fotos

Quellen

  1. Vom Konsumverein zur coop, Kieler Nachrichten, 23.02.2009
  2. coop eG, Gründungsjahre
  3. Fischer: Bahn, S. 11
  4. Sozialdemokratischer Parteitag Kiel 1927, o.O.u.J
  5. Vom Konsumverein zur coop, Kieler Nachrichten, 23.2.2009
  6. Immer für die Menschen da, 100 Jahre coop - Die Gründung des Allgemeinen Konsumvereins für Kiel und Umgegend e.G.m.b.H., in Mein Coop Magazin, ?
  7. Kalweit: Rosa Wallbaum, S. 56 ff.
  8. Sozialdemokratischer Parteitag Kiel 1927, o.O.u.J
  9. Allgemeiner Konsum-Verein für Kiel und Umgebung (Hrsg.): 32. Geschäftsbericht über das Jahr 1931 (Kiel 1932)
  10. Kalweit: Rosa Wallbaum, S. 55 f.
  11. Kalweit: Rosa Wallbaum, S. 55
  12. Eine halbe Milliarde DM Umsatz für 1975, Kieler Nachrichten, 3.3.1972
  13. Eine halbe Milliarde DM Umsatz für 1975, Kieler Nachrichten, 3.3.1972
  14. Vom Konsumverein zur coop, Kieler Nachrichten, 23.2.2009
  15. Broschüre des Hamburger Genossenschafts-Museums, Heinrich-Kaufmann-Stiftung (Hamburg 2015), S. 15
  16. Presseinformation: coop eG gibt »Unser Norden«-Landbäckereien ab, 25.12.2013
  17. Geschäftsbericht der coop eG 2016, S. 11
  18. Rewe steigt stärker bei Coop ein, Kieler Nachrichten, 19.5.2016
  19. Geschäftsbericht der coop eG 2016, S. 11
  20. Rewe steigt stärker bei Coop ein, Kieler Nachrichten, 19.5.2016
  21. Schleswig-Holstein-Magazin, 6.6.16