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Eine alte Dame erzählte im Rahmen einer längeren Befragung von einer Jugendfreundin, zu der sie später den Kontakt verloren habe. Sie wußte aber, dass diese in den 1960er Jahren zu ihren Söhnen nach Australien gereist und während dieses Besuchs verstorben war. Einige Jahre später erzählte sie die Geschichte erneut. Diesmal starb die Jugendfreundin, kaum dass sie australischen Boden betreten hatte. Kurz darauf ergab sich für mich die Möglichkeit, im Archiv der Stadt die Lebensdaten dieser Jugendfreundin zu überprüfen: Sie war laut Sterbeurkunde erst in den 1990er Jahren gestorben - in Kiel.
 
Eine alte Dame erzählte im Rahmen einer längeren Befragung von einer Jugendfreundin, zu der sie später den Kontakt verloren habe. Sie wußte aber, dass diese in den 1960er Jahren zu ihren Söhnen nach Australien gereist und während dieses Besuchs verstorben war. Einige Jahre später erzählte sie die Geschichte erneut. Diesmal starb die Jugendfreundin, kaum dass sie australischen Boden betreten hatte. Kurz darauf ergab sich für mich die Möglichkeit, im Archiv der Stadt die Lebensdaten dieser Jugendfreundin zu überprüfen: Sie war laut Sterbeurkunde erst in den 1990er Jahren gestorben - in Kiel.
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== War mein Ur-Opa in der SPD? ==
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Das Archiv der Sozialen Demokratie hat einen extra leeren Raum für alle nicht existierenden Listen von Mitgliedern aus der Zeit der Weimarer Republik. Das sind einige, da es vor [[1933]] keine zentrale Mitgliedererfassung gab. Das Archiv geht davon aus, dass die Mitgliederlisten dort liegen, wo die meisten Gründungsdokumente von zum Beispiel Ortsvereinen sind … überall, nur nicht beim Archiv.<ref>Archiv der Sozialen Demokratie: ''[https://www.fes.de/adsd50/nichts Nichts]''</ref>
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Dort gibt es also nur neuere Mitgliedsunterlagen. Bei den SPD-Gliederungen gibt es nur den Zugriff auf die aktuellen Mitgliederdaten und die dürfen aus Datenschutzgründen nicht herausgegeben werden.
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Wer herausfinden will, ob seine Ur-Oma oder sein Ur-Opa oder sonst wer in der SPD war, muss in den lokalen Archiven forschen.
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== Quellen ==
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Aktuelle Version vom 24. März 2020, 10:14 Uhr

Wer für seinen Kreisverband oder seinen Ortsverein eine Chronik erstellen will, muss selbst recherchieren. Der Landesverband hat in der Regel keine Daten zur Geschichte und verfügt über kein Archiv. Die SPD verwaltet seit 1990 ihre Mitglieder elektronisch. Durch diverse Softwareumstellungen sind aber nicht mehr alle historischen Daten vorhanden. Zu Funktionsträgern vor 1999 scheint es keine Informationen mehr zu geben.

Wege

Fragen: Als erstes solltest Du den amtierenden Vorstand oder alte Mitglieder Deines Ortsvereins fragen, was sie Dir erzählen können, welche Materialien sie vielleicht noch zu Hause liegen haben und an welche Vorgänger sie sich noch erinnern. Wenn die Genannten noch leben, kannst Du die wiederum fragen. So kannst Du Dich langsam in der Geschichte zurückarbeiten.

Bei dieser Methode gilt es allerdings, einige Dinge zu beachten. Siehe unten, "Oral History".

Archive: Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, in Archiven und Bibliotheken zu recherchieren: vom Bundesarchiv über das Landesarchiv, die Landesbibliothek, die Kreisarchive, die Stadt- oder Gemeindearchive bis hin zum Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bonn. Vieles davon ist heute über das Internet möglich. Auch wenn Du vor Ort recherchierst, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Regel sehr hilfsbereit.

AdSD: Das Archiv der Sozialen Demokratie (AdsD) der FES sammelt Unterlagen der SPD, aber normalerweise erst ab Kreisebene, also keine Unterlagen von Ortsvereinen. Allerdings kannst Du in der Ortsvereinsdatenbank der FES nachsehen, welche Angaben dort über Deinen Ortsverein hinterlegt sind. Im AdsD kannst Du unter Umständen auch Quellen zu früheren örtlichen Funktionsträgern finden, etwa in Nachlässen.

Zeitungen: Eine weitere gute Quelle sind Zeitungen. Das AdsD stellt etwa alle Ausgaben des sozialdemokratischen Lübecker Volksboten digitalisiert im Internet bereit. In der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek und im Kieler Stadtarchiv gibt es alle Ausgaben der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung auf Mikrofilm. Du musst also hingehen, um sie Dir anzusehen. Heutige Zeitungen verfügen in der Regel über ein eigenes Archiv, in dem Du ebenfalls recherchieren kannst; manchmal kostet das Gebühren. Die Zeitungen haben natürlich auch immer über Vorgänge in der lokalen Politik berichtet.

Adressen

Archive

Archive enthalten in der Regel nur das, was ihnen vorher übergeben worden ist. Wenn Du nicht findest, was Du suchst, liegt es vermutlich nicht am Archiv! Daran solltest Du auch bei der aktuellen Ortsvereinsarbeit denken.

Geschichtsvereine

Einige private Vereine widmen sich der Erforschung bestimmter Epochen oder Themenkreise und können daher für Dich wichtig sein. Manchmal lohnt es auch, die Jahrbücher des örtlichen Geschichts- oder Heimatvereins durchzusehen. An linker Politik und an ganz Schleswig-Holstein interessiert sind vor allem folgende Vereine:

Literatur

Viele der auf der Seite Literatur zur Geschichte der Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein genannten Veröffentlichungen bekommst Du in diesen Bibliotheken.

Zeitungen / Zeitschriften / Magazine

Von einigen Zeitungen und Zeitschriften können die kompletten Archive per Online-Recherche durchsucht werden, etwa:

Bei Lokalzeitungen kannst Du direkt anfragen. Die haben in der Regel auch ein Archiv. Die Ausgaben sollten aber auch im Landesarchiv zu finden sein.

Fotos

Die auf folgenden Seiten eingestellten Fotos dürfen im Rahmen bestimmter Regeln frei verwendet werden.

Bei diesen Archiven können Fotos aus ihrem Bestand für bestimmte Zwecke gegen eine Gebühr bestellt werden:

Datenbanken

Oral History

"Oral history" oder "Geschichte von unten" ist eine Bewegung, die nicht zuletzt von den Protesten der 1960er Jahre in Gang gebracht wurde. Die Auffassung, dass das Alltagsleben und die Erfahrung ganz normaler Menschen, die keine Führungsrolle innehatten, kein "würdiger" Gegenstand der Geschichtsforschung sei, wurde in Frage gestellt. Das Abrufen des Wissens von Zeitzeugen und -zeuginnen wurde üblich, und vieles, was heute Gegenstand der Geschichtsforschung ist, würde ohne diese Befragungen leblos oder wäre vollständig unmöglich zu bearbeiten. Für uns stellt sich oft das Problem, dass keine Unterlagen mehr vorhanden sind und wir auf die Erinnerungen von Beteiligten angewiesen sind, um etwa frühere Vorstände oder Ereignisse aus dem Leben des Ortsvereins zu rekonstruieren.

Andererseits gibt es den oft zitierten sarkastischen Spruch: "Der Zeitzeuge ist der größte Feind des Historikers!" Was hat es damit auf sich?

Eine kurze Zusammenfassung der Probleme, die die Befragung von Zeitzeug*innen mit sich bringen kann, hat ein renommierter britische Historiker geliefert:

"Die meisten der [mittels Aufnahmegeräten] festgehaltenen Erinnerungen erscheinen interessant genug - oder sprechen das Gefühl genügend an - um schon deswegen akzeptiert zu werden. Ich meine allerdings, wir werden "oral history" nicht angemessen verwerten können, bevor wir nicht - mit derselben Sorgfalt, mit der wir erforscht haben, welche Fehler bei der handschriftlichen Abschrift von Manuskripten passieren können - herausgearbeitet haben, was im menschlichen Erinnerungsvermögen schieflaufen kann. [...] Heute ist "oral history" meist die Aufzeichnung persönlicher Erinnerungen - und die sind ein bemerkenswert unzuverlässiges Medium zur Ermittlung von Fakten. Denn das Erinnerungsvermögen ist nicht so sehr ein Aufzeichnungs- als ein Auswahlmechanismus, dessen Auswahlkriterien sich - in einem gewissen Rahmen - ständig verändern. Meine heutige Erinnerung an meine Studentenzeit in Cambridge ist eine andere als mit 30 oder 45 Jahren, und sie wird sich [...] morgen oder nächstes Jahr wieder verändert haben.
Gegenwärtig sind unsere Kriterien für die Beurteilung mündlicher Quellen entweder weitgehend instinktiv, oder wir haben gar keine. Was erzählt wird, hört sich entweder richtig an oder eben nicht. Natürlich können wir eine mündliche Aussage an Hand einer zuverlässigen unabhängigen Quelle überprüfen und sie durch diese Überprüfung bestätigen. Das hilft uns allerdings nicht bei der Lösung des Problems, was wir glauben sollen, wenn es eine solche zuverlässige unabhängige Quelle zur Bestätigung nicht gibt." (Eric Hobsbawm: On History from Below, in Frederick Krantz (ed.): History from Below: Studies in Popular Protest and Popular Ideology (Oxford 1988), pp. 13-28. Übersetzung skw)

Diese Warnung gilt auch heute noch, weil vieles - gerade auf der örtlichen Ebene, auf der wir uns mit der Geschichtswerkstatt zum großen Teil bewegen - nicht mehr überprüfbar ist. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung:

Eine alte Dame erzählte im Rahmen einer längeren Befragung von einer Jugendfreundin, zu der sie später den Kontakt verloren habe. Sie wußte aber, dass diese in den 1960er Jahren zu ihren Söhnen nach Australien gereist und während dieses Besuchs verstorben war. Einige Jahre später erzählte sie die Geschichte erneut. Diesmal starb die Jugendfreundin, kaum dass sie australischen Boden betreten hatte. Kurz darauf ergab sich für mich die Möglichkeit, im Archiv der Stadt die Lebensdaten dieser Jugendfreundin zu überprüfen: Sie war laut Sterbeurkunde erst in den 1990er Jahren gestorben - in Kiel.

War mein Ur-Opa in der SPD?

Das Archiv der Sozialen Demokratie hat einen extra leeren Raum für alle nicht existierenden Listen von Mitgliedern aus der Zeit der Weimarer Republik. Das sind einige, da es vor 1933 keine zentrale Mitgliedererfassung gab. Das Archiv geht davon aus, dass die Mitgliederlisten dort liegen, wo die meisten Gründungsdokumente von zum Beispiel Ortsvereinen sind … überall, nur nicht beim Archiv.[1]

Dort gibt es also nur neuere Mitgliedsunterlagen. Bei den SPD-Gliederungen gibt es nur den Zugriff auf die aktuellen Mitgliederdaten und die dürfen aus Datenschutzgründen nicht herausgegeben werden.

Wer herausfinden will, ob seine Ur-Oma oder sein Ur-Opa oder sonst wer in der SPD war, muss in den lokalen Archiven forschen.

Quellen

  1. Archiv der Sozialen Demokratie: Nichts