Allgemeiner Konsumverein Kiel

Zentrale des Kieler Konsum
Allgemeiner Konsumverein Kiel
Die Karte wird geladen …
Sörensenstraße
24114 Kiel

Der Allgemeine Konsumverein für Kiel und Umgegend (AKVK) wurde 1899 gegründet. Der Name existiert nicht mehr. Der Geist und die genossenschaftliche Organisationsform leben aber bis heute weiter in der coop Schleswig-Holstein eG, seit 2006 coop eG, die in ganz Norddeutschland die Supermarktketten "sky" und "plaza" betreibt, in kleineren Orten auch die "topkauf"-Kette, und der größte private Arbeitgeber Schleswig-Holsteins ist.[1] Sie wird allerdings bis 2020 vollständig verschwinden und durch Rewe-Märkte ersetzt werden.

Vorgeschichte

Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Arbeiterfamilien in der schnell wachsenden Industriestadt Kiel wie in allen vergleichbaren Städten mit erheblichen Versorgungsproblemen zu kämpfen. Die schwere Arbeit und die langen Arbeitszeiten machten die Eigenversorgung durch Landwirtschaft unmöglich. Man war auf Einzelhändler angewiesen, die ihre Produkte oft mit illegalen und gesundheitsschädlichen Mitteln streckten, nicht reell abwogen und zu überhöhten Preisen verkauften. Bei großen Firmen kam es vor, dass sie eigene Läden eröffneten und ihre Arbeiter - etwa durch Bezahlung in spezieller Währung - zwangen, dort die minderwertigen und überteuerten Waren zu kaufen. Das "Anschreiben" - Verkauf auf Kredit, wenn etwa Ende des Monats das Geld zur Neige ging - schuf weitere Abhängigkeiten. Die Konsumvereine stellten eine Gegenwehr gegen diese Verhältnisse dar.

Der erste deutsche Konsumverein gründete sich 1850 in Eilenburg/Sachsen. Bereits 1861 wurde auch in Kiel der - erfolglose - Versuch einer solchen Gründung unternommen; 1889 entstand unter Leitung von Johannes Meitmann die Vereinsbäckerei, eine Vorläuferin des Konsum, die für Arbeiter bezahlbares Brot in guter Qualität produzierte. Die privaten Einzelhändler wehrten sich entschieden, da sie ihre Geschäfte zu Recht bedroht sahen. Auch der preußische Staat zeigte Misstrauen, wie gegen alle Bestrebungen der Arbeiter, ihre Lebensumstände und ihren Status zu verbessern.

Auf Druck der Einzelhändler boykottierten viele Großhändler und Fabrikanten die Konsumvereine. Deshalb wurde 1894 in Hamburg die Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine mbH (GEG) gegründet. Sie importierte selbst und baute ein Netz eigener Fabriken auf, darunter eine Seifen-, eine Schokoladen- und eine Fischfabrik sowie eine Kaffeerösterei. Ihre Produkte wurden unter der Marke »GEG« verkauft und erfreuten sich bald großer Beliebtheit.[2]

Widerstände

Dass die Gründung in Kiel nicht früher geschah, hatte seinen Grund auch darin, dass der führende Sozialdemokrat der Stadt, Stephan Heinzel, dem Gedankengut von Ferdinand Lassalle verpflichtet war. Er lehnte Konsumvereine ab, da durch sie "der Klassenkampfcharakter der Partei großen Schaden erleiden würde"[3]. Bereits 1889 wandte er sich vehement, wenn auch vergeblich, gegen die Gründung der Vereinsbäckerei. In einer Broschüre zum Reichsparteitag 1927 in Kiel hieß es dazu:

Stephan Heinzel
"Bei der Gründung von Konsum- sowie Produktivgenossenschaften waren in den eigenen Reihen meist recht harte Widerstände zu überwinden. Diese waren Ende der achtziger Jahre bei der Gründung der 'Vereinsbäckerei' besonders stark. War es doch in erster Linie unser langjähriger, bewährter Vertrauensmann Stephan Heinzel, der mit seinem lebhaften, südländischen Temperament die Gründung der Genossenschaft aus prinzipiellen und taktischen Gründen mit seiner ganzen Kraft bekämpfte. In Volks- und Parteiversammlungen sowie in Freundeskreisen, überall warnte er die Genossen aufs energischste vor dem Beitritt zu dieser Genossenschaft. Ja, als die Bäckerinnungsmeister in der 'Alhambra' in Gaarden zusammenkamen, um über die Mittel und Wege zu beraten, die der gehaßten Genossenschaft, von der sie mit Recht eine scharfe Konkurrenz befürchteten, das Lebenslicht so schnell wie möglich wieder ausblasen sollten, da erschien auch in dieser Versammlung unser ärgster Gegner, der Genosse Heinzel (er war von den Innungsmeistern besonders eingeladen worden) und hielt eine Rede gegen die Genossenschaftsidee im allgemeinen und insbesondere gegen die zur Debatte stehende Bäckerei-Genossenschaft. Er prophezeite derselben ein rasches Ende. Da unser Genosse Heinzel innerhalb der Arbeiterschaft außerordentlich beliebt war, und auch infolge seines lauteren Charakters in weiten Kreisen des Bürgertums hoch geschätzt wurde, war sein Kampf gegen die junge Genossenschaft für diese besonders schmerzhaft."[4]

Der arbeitslose Werftarbeiter Hermann Adam beschäftigte sich seit Jahren mit dem Genossenschaftswesen und sah die Dinge ganz anders als Stephan Heinzel:

Hermann Adam
"Die Idee der Genossenschaft fasziniert Adam, wobei ihm bald klar wird, daß die von Lassalle propagierten, mit Staatsmitteln zu errichtenden Produktivgenossenschaften nicht in Betracht kommen können, sondern nur von den Verbrauchern selbst getragene Konsumgenossenschaften. Der Gedanke, daß auf diesem Wege im vom Profitdenken beherrschten Kapitalismus durch die gegenseitige Hilfe und zum gemeinsamen Nutzen der Arbeitenden ein Stück Sozialismus geschaffen werden könne, läßt ihn nicht mehr los. Er liest mit steigendem Interesse die einschlägige auch betriebswirtschaftliche Literatur."[5]

Entwicklung

Gründung

Am 26. Oktober 1899 gründeten 45 (nach anderen Berichten 42) Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Kaufleute den Allgemeinen Konsumverein für Kiel und Umgegend e.G.m.b.H (AKVK) - den "Konsum", wie er bei den Mitgliedern hieß. Die Initiative ging von Hermann Adam aus[6], der seine Entlassung von der Germaniawerft zu einer Neuorientierung nutzte. Er blieb bis zu seinem Tode im September 1929 Geschäftsführer des Konsum und spielte auch in der Kieler, in der Landes-SPD und im Kieler Gewerkschaftskartell eine führende Rolle.

"Vertraue Deiner eigenen Kraft, gestützt auf die Genossenschaft!", lautete die Losung der Konsumvereine.[7] Ihr Ziel war, durch gemeinsamen Einkauf bei vertrauenswürdigen Lieferanten den Mitgliedern gute Ware zu reellen Preisen anbieten zu können und den Reingewinn wieder an sie auszuschütten.

Dabei sei der AKVK "beileibe kein Arbeiterverein, wie es manche glauben möchten. Auch Angestellte, Beamte, Offiziere und freie Berufe waren gut vertreten in der Genossenschaft. Nur kamen Arbeiter immer mehr in die Überzahl, weil ihre Zahl in der Marine- und Industriestadt Kiel überproportional anwuchs."[8] Diese Feststellung mag von den Zahlen her eine gewisse Berechtigung haben; dem Gefühl der Mitglieder und auch der Außenstehenden nach war der Konsum allerdings ganz klar Teil der Kieler Arbeiterkultur.

Im Frühsommer 1900 wurde (vermutlich in der VZ) gemeldet:

"Der neu gegründete Allgemeine Consum=Verein für Kiel und Umgegend, dessen Mitgliederzahl bereits über 300 beträgt, eröffnet am Donnerstag den 5. Juli seine erste Verkaufstelle Holtenauerstraße 46. Der Verein hat sich die Aufgabe gestellt, seinen Mitgliedern gute Waaren zum Tagespreise zu liefern und den erzielten Reingewinn am Schlusse des Geschäftsjahres an die Mitglieder zurückzuzahlen."
Verteilungsstelle Hasseldieksdammer Weg 217, 1925

Schon im selben Jahr wurde eine weitere Verkaufsstelle eröffnet, 1902 waren es bereits sechs. Im selben Jahr konnte das Gründstück in Gaarden für die Errichtung der Zentrale erworben werden.[9] Diese frühe Expansion war sicher durch die Unterstützung der Hamburger "GEG" möglich, wie Walter Ehlert anführt; sie weist aber auch darauf hin, dass in Kiel tüchtige Geschäftsleute am Werk waren, allen voran wohl Hermann Adam.

Später hießen die Läden "Verteilungsstellen" und wurden von "Lagerhaltern" geführt, waren oft auch keine Läden im heutigen Sinne. Da sie nur an Mitglieder abgaben, benötigten sie weder Werbung noch Schaufenster; das hielt die Kosten niedrig. 1913 gab es bereits 32 Verteilungsstellen und 10 Verkaufsstellen für Backwaren. Der Kieler Konsum war nördlich des Kanals vertreten, in Laboe, Eckernförde, Plön und Burg auf Fehmarn.Noch 1914 wurde auch in Gettorf, Schilksee Schönkirchen eröffnet.[10]

Aber der 1. Weltkrieg wirkte sich auch auf den Konsumverein aus:

"Der Andrang der kaufenden Mitglieder in den Tagen vor und nach der Mobilmachung war beängstigend. [Vieles war] nach wenigen Tagen geräumt. Da inzwischen der Güterverkehr der Eisenbahn aufgehoben wurde, war die Beschaffung an Ersatzware nicht leicht. Weil Kiel als Festung behandelt wird, war der Telefonverkehr nach außerhalb vollständig abgeschnitten. Mit einem Teil unserer Verkaufsstellen konnte der Verkehr nur noch schriftlich aufrecht erhalten werden. Die verschiedensten Ausfuhrverbote mussten wir zu überwinden suchen."[11]

32 von 38 Lagerhaltern sowie zahlreiche jüngere Beschäftigte wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Ihren Familien zahlte die Genossenschaft Unterstützung, spendete auch an die Kriegshilfe und organisierte "Liebesgabensendungen" an die Soldaten. Die Arbeit wurde immer stärker von Frauen übernommen. Bald kam die Zwangsbewirtschaftung, die den Handlungsspielraum der Genossenschaft immer weiter einschränkte. Die Lebensmittelnot setzte sich nach Kriegsende 1918 fort. Jetzt entschloss sich die Geschäftsführung zu einem Schritt ins Ungewisse: Zu den in der Zentrale bereits vorhandenen Produktionsstätten kaufte sie - mit Zustimmung des Genossenschaftsrates - für 900.000 Mark das Gut Boksee bei Kiel und stieg in die landwirtschaftliche Produktion ein. Allerdings eignete sich der Boden nicht, auch besserte sich die allgemeine Versorgungslage, so dass dieses Experiment nach etwas mehr als einem Jahr beendet und das Gut weiterverkauft wurde.[12]

Die Verteilungsstellen des Kieler Konsum waren auch in der Weimarer Republik weit über die Stadtgrenzen hinaus verbreitet. Vor der Weltwirtschaftskrise von 1929 war ihre Zahl auf 88 angewachsen, dazu 15 Verteilungsstellen für Back- und Grünwaren, 8 für Fleisch- und Wurstwaren sowie ein Kaufhaus an der Holtenauer Straße Ecke Jägersberg.[13] Den Effekt beschreibt Rosa Wallbaum, die von 1930 bis 1933 bei "ihrer" Genossenschaft eine Ausbildung machte, in ihren Erinnerungen:

"Der Konsumverein Kiel hatte über hundert 'Lebensmittelverteilungsstellen', außerdem eine eigene Bäckerei und eine eigene Fleischfabrik in der Heischstraße. Die Preise waren überall gleich. Die nördlichste Verteilungsstelle war in Karby. Der Konsum war preisbestimmend in einem Ort. Als Folge der Wirtschaftskrise wurde 1930 die Verteilungsstelle in Karby geschlossen. Man rechnete pro 3.000 Mark Umsatz eine Verkaufskraft, und Karby war unter 3.000 Mark. Die kleinen Höker haben sofort die Preise alle erhöht!"[14]

Expansionskurs

Die bereits erwähnten Broschüre zum Reichsparteitag 1927 in Kiel macht deutlich, welchen Umfang das "Bollwerk der Gemeinwirtschaft" bereits erreicht hatte:

"Im südlichen Teil Gaardens, in nächster Nähe des Kleinbahnhofs, liegt ein 20000 qm großes Gelände, welches von der Segeberger, Bielenberg-, Heisch- und Sörensenstraße begrenzt wird. Dieses Gelände ist Eigentum des Allgemeinen Konsum-Vereins und dient mit der dort errichteten stattlichen Anzahl von Gebäuden als Betriebszentrale. Inmitten des Geländekomplexes befindet sich das Zentrallagergebäude, welches mit der Großbäckerei des Vereins verbunden ist. Die letztere ist neben allen modernen Bäckereimaschinen mit 10 Doppelauszugöfen ausgestattet. Auf den beiden Geländeecken nach der Bielenbergstraße zu stehen sich gegenüber die Fleischwarenfabrik und die neue Konditorei. Auch diese beiden neuen Produktionsbetriebe sind mit den technisch vollkommensten Maschinen ausgerüstet und können beide Fabrikanlagen als Musterbetriebe bezeichnet werden. Im Lagergebäude ist die Anlage für Selter- und Brausefabrikation sowie die Großrösterei für Kaffee untergebracht. In einem oberen Stockwerke der Bäckerei wird eine Schrotmaschine zur Herstellung von Futtersachen benutzt.
Original-Verkaufstüte. Das Firmenzeichen zeichnete Hermann Adams Tochter Elsa, die auf der Kunstgewerbeschule studiert hatte.
Verwaltungs- u. Wohngebäude Ecke Sörensen- u. Segeberger Straße, 1935
In allen Fabrikgebäuden sind elektrische Fahrstühle eingebaut und werden außerdem elektrische Winden an dem Lager- und Bäckereigebäude zur Ausladung der Waggons benutzt. Ferner sind auf der Zentrale die Garagen für 10 Lastautos und Lieferwagen errichtet, und besitzt der Verein noch 22 Pferde und die entsprechende Wagenzahl zur Beförderung seiner Waren. Zwei Gleisanschlüsse verbinden die Zentrale des Allgemeinen Konsum-Vereins mit dem Eisenbahnnetz. Ecke Sörensenstraße und Segeberger Straße befindet sich das Verwaltungsgebäude, welches in den oberen Stockwerken mit Wohnungen versehen ist. Neun Wohngebäude, die der Genossenschaft gehören, begrenzen von der Heisch- und Segebergerstraße her die Betriebsanlagen der Genossenschaft. Von hier aus werden alle Warenverteilstellen des Vereins mit Waren versorgt. Der Verein betreibt zurzeit drei Spezialgeschäfte für Manufaktur-, Schuhwaren und Haushaltssachen, 86 Kolonialwarenverteilstellen, 11 Backwarenläden und 17 Fleischverteilungsstellen. Da auf dem Gelände der Zentrale auch ein großer Kohlenplatz eingerichtet ist, werden die Mitglieder fast aller Verteilungsstellenbezirke auch mit Brennmaterialien versorgt.
Das Ausbreitungsgebiet des Vereins ist recht umfangreich, und hat der Verein seine Verteilungsstellen in allen namhaften Orten Holsteins. In Rendsburg besitzt der Verein eine zweite, kleinere Bäckerei, welche die dortigen Mitglieder mit Brot und sonstigen Backwaren versorgt.
Der Allgemeine Konsum-Verein für Kiel und Umgegend konnte im Jahr 1925 sein 25-jähriges Geschäftsjubiläum begehen. [Es] betrug die Mitgliederzahl am 1. Januar 1914 13.442. Durch den Krieg und in der Inflationszeit wurde auch im Kieler Konsum-Verein, wie in allen anderen Konsumgenossenschaften, die Mitgliederzahl stark übersetzt, da auch diejenigen Verbraucher, die sonst nichts für den genossenschaftlichen Gedanken übrig hatten, in großen Scharen die Mitgliedschaft erwarben, weil die Genossenschaft ihnen die Gewähr bot, überhaupt Waren zu billigen Preisen und in der denkbar besten Qualität zu erhalten.
Notgeld des Konsum in der Inflation 1923

Die Mitgliederzahl betrug am Schlusse des Jahres 1923 34.681. Durch die Übernahme der beiden Konsum-Vereine in Neumünster und Rendsburg und durch Neueintritte in den letzten drei Jahren wurde die Mitgliederzahl auf rund 36.000 gebracht. Von diesem Mitgliederbestand sind schon diejenigen Mitglieder abgerechnet, die im Jahre 1926 wegen jahrelangen Nichtkaufens aus der Genossenschaft ausgeschlossen wurden. Trotzdem die wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahren besonders in Kiel und Umgebung ganz gewiß nicht als rosig zu bezeichnen sind, hat die Konsumgenossenschaft auch im Jahre 1926 ihren Gesamtumsatz um reichlich eine halbe Million steigern können. Der Jahresumsatz von 1926 betrug 10 855 094,32 RM. Der Verein konnte im Laufe der Jahre eine Sparabteilung für die Mitglieder einrichten, und wurden auch diese Gelder, für die der Verein mit seinem gesamten Sachbesitz haftet, für genossenschaftliche Zwecke verwendet. Nach der Bilanz vom 31. Dezember 1926 hatten die Mitglieder ein Sparguthaben von 1 913 155 RM. So hat sich die Genossenschaft aus kleinen Anfängen zu einem achtungswerten wirtschaftlichen Unternehmen entwickelt, und steht zu hoffen, daß diese Entwicklung durchaus noch nicht als abgeschlossen gilt."[15]

Der Gesamtumsatz erreichte 1930 mit 16 736 376,91 RM eine Höchstmarke. Bedingt durch die Wirtschaftskrise ging er 1931 erstmals zurück auf 13 642 084,76 RM, während sich die Mitgliederzahl bis Ende 1931 auf 37.527 erhöhte.[16]

Das Eigentum des Konsum beschränkte sich nicht auf das Hauptgelände. Ein Teil der Grundstücke und Häuser, in denen Verteilungsstellen eingerichtet waren, gehörte ihm ebenfalls; die Wohnungen wurden an Mitglieder vermietet.[17] So sorgte die Genossenschaft ganz nebenbei für bezahlbare Mieten. Rosa Wallbaum gibt die Höhe des Genossenschaftsanteils etwa 1924 mit 40 Mark an; später seien für "neue Bauvorhaben und Grundstückskäufe" 10 Mark nachgefordert worden.[18] Dies wurde offenbar akzeptiert.

Im Verwaltungsgebäude in der Segeberger Straße gab es auch ein Heim der Sozialistischen Arbeiterjugend, in dem sich die Jugendlichen treffen und fortbilden konnten.

Unter der NS-Herrschaft

Mit der Übergabe der Macht an Hitler 1933 geriet auch der AKVK unter Druck. Genossenschaften entsprachen nicht der Vorstellung der Nationalsozialisten von der "Volksgemeinschaft", da sie den Mitgliedern gehörten, nicht dem (ausschließlich durch die NSdAP vertretenen) Volk. Sie wurden als "Marxistische Konsumvereine" und "politisch und kapitalistisch aufgezogene Pestbeulen" denunziert.[19] Das am 21. Mai 1933 in Kraft getretene Reichsgesetz über die Verbrauchergenossenschaften erklärte sie für aufgelöst. 1935 übernahm der NS-Staat das beträchtliche Sach- und Immobilienvermögen des Kieler Konsum und nutzte die Zentrale als Kriegsmarineverpflegungsamt weiter.[20]

Die GEG als Dachorganisation wurde am 14. August 1933 umfirmiert in den "Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften GmbH (GEG)". Hier waren nun die genossenschaftlichen Zentralorganisationen zusammengefasst.

Neubeginn und moderne Entwicklung

Die inzwischen abgerissenen "Konsum"-Wohnhäuser am Joachimplatz im Jahr 1984

Am 30. Oktober 1946 wurde der Kieler Konsumverein als "Konsumgenossenschaft Kiel eGmbH" (KG) neu gegründet, wie im selben Jahr auch zehn weitere in Schleswig-Holstein. Die erste Verteilungsstelle eröffnete er am 24. April 1947 in der Katharinenstraße 13 in Ellerbek, die zweite zwei Monate später in der Lutherstraße Ecke Lüdemannstraße. Sein Vorkriegsvermögen erhielt er nicht zurück, doch stimmte der Wiedergutmachungsausschuss der Militärregierung am 18. Mai 1948 der Rückgabe des - stark zerstörten - Zentralgeländes an der Sörensenstraße zu.[21] Über dieses Gelände führt heute der Theodor-Heuss-Ring. Östlich davon gibt es als letzten Überrest an der Sörensenstraße einen "sky"-Supermarkt. Die letzten Mietshäuser aus dem Bestand des Konsumvereins, die gleich daneben am Joachimsplatz standen, mussten vor einigen Jahren - unter massiven Protesten gegen die Vernichtung preiswerten Wohnraums - dem Ausbau des Theodor-Heuss-Rings weichen.

1954 fusionierten Eckernförde, Neumünster und Rendsburg mit Kiel. Wenig später fiel das Verkaufsverbot an Nichtmitglieder - der Konsum stand jetzt als Unternehmen in gleichberechtigter Konkurrenz zum Einzelhandel. 1958 verfügte er über 57 Lebensmittel- und 9 Fleischwarenläden, einen Möbelhandel an der Kehden- Ecke Küterstraße und einen Textilladen. Der Umsatz lag bei 18 Mio. DM. Man stieg in die moderne Form des "Supermarktes" ein, Umsatz und Mitarbeiterzahlen wuchsen. 1970 wurde am Wehdenweg in Wellingdorf ein neues Zentrallager gebaut.[22]

Ende 1971 verblieben "nach langjährigem, gezieltem Konzentrationsprozeß"[23] noch zwei coop-Unternehmen im Lande - in Kiel und in Lübeck, wo die Gründung 1904 erfolgt war. Zum 1. Januar 1972 schlossen sich diese beiden zur coop Schleswig-Holstein eG zusammen. Gemeinsam erreichten sie eine Bilanzsumme von 80 Millionen DM und hatten 3.000 Beschäftigte, davon 180 Auszubildende. Damit war das neue Unternehmen die fünftgrößte coop in Deutschland. Es verfügte über zwei Großschlachtereien in Lübeck und Kiel (am Traditionsstandort Sörensenstraße), strebte an, sein Marktnetz auf 120 Standorte zu erweitern, und gründete für die Beschäftigten eine Rentenzuschusskasse. Vorstandsvorsitzender wurde Arnold Krain, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Kieler Kurt Neumann.[24]

In den 1980er Jahren gehörten die Schleswig-Holsteiner zu den wenigen Genossenschaften, die sich gegen einen Zusammenschluss mit der deutschlandweiten co op AG in Frankfurt wehrten und an ihrer Rechtsform festhielten. Diese Eigenständigkeit machte sich bezahlt, als 1988/89 die aufgeblähte co op AG in einem riesigen Finanzskandal unterging.[25] Die schleswig-holsteinischen coop-Märkte wurden wegen der Verwechslungsgefahr umbenannt in "sky", die Genossenschaft entwickelte sich erfolgreich weiter und expandierte im ganzen norddeutschen Raum, nach der Wende auch nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Rückvergütungen an die Mitglieder lagen mit 7 Prozent jahrelang deutlich über den Zinssätzen der Banken. 2005 wurden sie auf 4 Prozent gesenkt.

Seit 2006 heißt das Unternehmen coop eG. Unter der Eigenmarke "Unser Norden" werden Produkte vermarktet, deren Produktions- oder Verarbeitungsstätten in Norddeutschland beheimatet sind, wie auf dem jeweiligen Produkt angegeben.[26] Seit 2007 ist die Kölner Rewe Group, ebenfalls eine Genossenschaft, stiller Teilhaber, seit 2011 mit erhöhter Beteiligung. Im Dezember 2008 wurde mit den räumlich abgetrennten "Unser Norden"-Landbäckereien das Angebot in den sky-Filialen um nicht abgepackte Backwaren erweitert. Am 31. Dezember 2013 übernahm die Heinrich von Allwörden GmbH die Landbäckereien und führt sie am selben Ort und unter demselben Namen weiter. Den Kaufpreis gab coop nicht bekannt, nur dieses: Damit wolle "die Kieler Konsumgenossenschaft sich wieder stärker auf ihr Kerngeschäft, den Vertrieb von frischen und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln in ihren sky-Märkten, konzentrieren und ihr Sortiment an Lebensmitteln aus der Region erweitern".[27]

Die coop eG war in fünf Bundesländern vertreten, wies 2014 einen Umsatz von rund 1,3 Mio. Euro aus, hatte am 31. Dezember 2016 rund 80.700 Mitglieder[28] und beschäftigte (ohne Zulieferbetriebe) ca. 9.300 Menschen[29], davon etwa 700 Auszubildende[30]. Damit war sie der größte private Arbeitgeber in Schleswig-Holstein.

2016 wurde erneut deutlich, dass geschäftlich nicht alles zum Besten stand. Die coop eG brachte alle ca. 200 Lebensmittelmärkte, die 11 Bau- und Gartencenter sowie die gesamte Logistik in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Rewe Group für Belieferung und Vertrieb ein, in dem Rewe die Mehrheit hält. Als Grund wurde die Forderung der Banken nach besserer Absicherung angesichts schwacher Geschäftsentwicklung angegeben.[31] Bei der Kundschaft weckte dies die Befürchtung dass "die Zeit der Genossenschaft bei coop zu Ende" gehen könnte.[32] Dies wurde von der coop eG mehrfach dementiert, mit dem Hinweis darauf, dass auch die Rewe Group eine Genossenschaft sei. Rewe wird allerdings nicht als Genossenschaft, sondern als Discounter wahrgenommen.

2017 folgte die befürchtete Ankündigung, dass alle Märkte der coop eG bis spätestens 2020 in Rewe-Märkte umgewandelt werden. Schleswig-Hosteins eigener "Konsum" wird also in der Tat aus dem Straßenbild verschwinden. Damit geht wieder ein Stück Tradition und vertrautes lokales Lebensgefühl verloren; eine 120jährige Geschichte endet.

Literatur

Fotos

Quellen

  1. Vom Konsumverein zur coop, Kieler Nachrichten, 23.2.2009
  2. coop eG, Gründungsjahre
  3. Fischer: Bahn, S. 11
  4. Sozialdemokratischer Parteitag Kiel 1927, o.O.u.J
  5. Rathmann: Arbeiterleben, S. 58
  6. Immer für die Menschen da, 100 Jahre coop - Die Gründung des Allgemeinen Konsumvereins für Kiel und Umgegend e.G.m.b.H., in Mein Coop Magazin, ?
  7. Vom Konsumverein zur coop, Kieler Nachrichten, 23.2.2009
  8. Ehlert: Handel, S. 215
  9. Ehlert: Handel, S. 214
  10. Ehlert: Handel, S. 215
  11. Geschäftsbericht 1914, zit. in Ehlert: Handel, S. 216
  12. Ehlert: Handel, S. 216
  13. Ehlert: Handel, S. 217
  14. Kalweit: Rosa Wallbaum, S. 56 ff.
  15. Sozialdemokratischer Parteitag Kiel 1927, o.O.u.J
  16. Allgemeiner Konsum-Verein für Kiel und Umgebung (Hrsg.): 32. Geschäftsbericht über das Jahr 1931 (Kiel 1932)
  17. Kalweit: Rosa Wallbaum, S. 55 f.
  18. Kalweit: Rosa Wallbaum, S. 55
  19. Ehlert: Handel, S. 217
  20. Ehlert: Handel, S. 217
  21. Ehlert: Handel, S. 217 f.
  22. Ehlert: Handel, S. 218
  23. Eine halbe Milliarde DM Umsatz für 1975, Kieler Nachrichten, 3.3.1972
  24. Eine halbe Milliarde DM Umsatz für 1975, Kieler Nachrichten, 3.3.1972
  25. Vom Konsumverein zur coop, Kieler Nachrichten, 23.2.2009
  26. Broschüre des Hamburger Genossenschafts-Museums, Heinrich-Kaufmann-Stiftung (Hamburg 2015), S. 15
  27. Presseinformation: coop eG gibt »Unser Norden«-Landbäckereien ab, 25.12.2013
  28. Geschäftsbericht der coop eG 2016, S. 11
  29. Rewe steigt stärker bei Coop ein, Kieler Nachrichten, 19.5.2016
  30. Geschäftsbericht der coop eG 2016, S. 11
  31. Rewe steigt stärker bei Coop ein, Kieler Nachrichten, 19.5.2016
  32. Schleswig-Holstein-Magazin, 6.6.16