Andreas Gayk

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Andreas Gayk
Andreas Gayk
Geboren: 11. Oktober 1893
Gestorben: 1. Oktober 1954

Andreas Gayk, * 11. Oktober 1893 in Kiel[1]; † 1. Oktober 1954 in Kiel; Journalist, Oberbürgermeister. Er trat 1911 in die SPD ein und gehörte dem Sozialdemokratischen Verein Groß-Kiel an, nach der Wiederbegründung 1945 dann dem Kreisverein Kiel.

Werdegang

Andreas Gayk war der Sohn des Werfttischlers und SPD-Mitglieds Julius Gayk und seiner Frau Lucia Katharina Sophia, geb. Wollesen. Er wuchs in Kiel auf, bis die Familie ca. 1901 nach Gaarden[2] zog. Er gehörte keiner Kirche an. Eine kaufmännische Lehre beim Konsum brach er ab, weil sie ihm nicht lag. Er ging nach Lüdenscheid und erlernte bei der dortigen SPD-Zeitung den Beruf des Journalisten. Im 1. Weltkrieg musste er - mit knapp 20 Jahren - praktisch die Rolle des Chefredakteurs ausfüllen, weil die übrige Redaktion zum Kriegsdienst eingezogen war.[3] Später war er selbst an Fronten in Galizien und Frankreich eingesetzt.[4]

In der Novemberrevolution wurde Andreas Gayk in den Soldatenrat seines Regiments gewählt. 1919 gehörte er dem Kieler Arbeiter- und Soldatenrat an.

Am 17. März 1921 heirateten Andreas Gayk und Frieda Brennecke (* 25. Oktober 1894 in Kiel). Frieda war wie er in der Kinderfreundebewegung aktiv und unterstützte ihn in seiner politischen Arbeit - "mit dem Verständnis einer an der großen Sache innerlich beteiligten Frau", wie es mit dem zeitüblichen Pathos in ihrem Nachruf hieß.[5] Bei der Heirat war der ältere Sohn Karl (* 3. Juli 1917 in Bonn) bereits fast vier Jahre alt. Am 23. März 1922 wurde der jüngere Sohn Walter geboren.[6]

Seit seiner Rückkehr nach Kiel arbeitete Andreas Gayk bei der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung, dem kurz VZ genannten Parteiblatt der SPD, als Journalist. Von 1926 bis zu ihrem Verbot durch die Nazis 1933[7] leitete er die Lokalredaktion. Rickers urteilt: "Sein Journalismus bewegte sich im Spannungsfeld von Polemik und propagandistischem Pathos. Er war ein Polemiker von hohen Graden und im besten Sinne des Wortes."[8]

Zusammen mit den Kinderfreunden, die er mit begründet hatte und deren Leiter in Schleswig-Holstein er war, setzte er die Idee der Kinderrepubliken ins Werk und organisierte im Sommer 1927 in Kiel die erste und größte von ihnen, die Kinderrepublik Seekamp.

Seit 1929 war Andreas Gayk Stadtverordneter und wurde 1933 wiedergewählt, aber wie alle Linken von den Nazis an der Ausübung des Mandats gehindert. Er wurde vorübergehend verhaftet[9], kam aber wieder frei und wurde danach steckbrieflich gesucht.[10]

Im Mai oder Juni 1933 zog Andreas Gayk nach Berlin, um sich der Verfolgung durch die Nazis in Kiel zu entziehen. Am 25. März 1934 folgte ihm seine Familie.[11] Bis zum Verbot 1935 leitete er dort als heimlicher Chefredakteur das subversive Magazin Blick in die Zeit. Danach wurde er von einem pharmazeutischen Betrieb, der viele politisch Verfolgte beschäftigte, als Ärztebesucher eingestellt. In dieser Funktion bahnte er bei Ärzten und Krankenhäusern Erprobungen von neu zugelassenen Medikamenten an, sammelte gleichzeitig für eine Widerstandszelle Informationen über Ärzte. Mitte 1943 wurde er, trotz aller Bemühungen seines Arbeitgebers, zur Berliner Hilfspolizei eingezogen.[12] Die Gayks hatten in diesen Jahren nicht nur den Verlust des Lebensmittelpunktes Kiel sowie den ihrer Berliner Wohnung durch einen Bombenangriff zu verkraften; beide Söhne starben im 2. Weltkrieg als Soldaten, vermutlich im Russlandfeldzug.

Frieda Gayk kam aus gesundheitlichen Gründen im Frühjahr 1945 nach Garding auf Eiderstedt. Ihr Mann wurde von der Hilfspolizei beurlaubt, um sie zu besuchen.[13] So entkamen Gayks dem Endkampf um Berlin. Zunächst blieben sie in Garding, da sie keine Zuzugsgenehmigung für das zerstörte Kiel erhielten.[14] Im Juli kam es zu ersten Kontakten mit Kieler Sozialdemokraten, im August kehrten sie, wie Andreas Gayk schrieb, "aus der unfreiwilligen Emigration in die Heimat zurück"[15] und fanden zunächst Wohnung an der Preetzer Chaussee 11. Dort erreichte ihn die Berufung in mehrere städtische Kommissionen durch den Oberbürgermeister Max Emcke. Später bezogen Gayks eine Genossenschaftswohnung an der Virchowstraße 2 (1. Etage rechts), 1954 zogen sie in die Eichendorffstraße.[16]

Im März 1946 übernahm Andreas Gayk offiziell die Chefredaktion der wiedergegründeten Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung, um für die Leserschaft Kontinuität deutlich zu machen. Faktisch schrieb er aber nach dem Eröffnungsartikel nur noch gelegentlich und in politischen Funktionen für die VZ.[17] Die Landes- und Kommunalpolitik wurde sein ausschließlicher Lebensinhalt, insbesondere der Wiederaufbau seiner Geburtsstadt Kiel. Auf eine Bundestagskandidatur verzichtete er 1949.[18]

Andreas Gayk starb mitten in der politischen Arbeit 1954 an einer Gelbsucht, die den von Krebs bereits Geschwächten befiel. "Ich kann zur Zeit nur vom Krankenzimmer aus mit Fernlenkung arbeiten und regieren. Zum Glück verfallen bei mir nur die physischen Kräfte. Der Kopf ist anscheinend unverwüstlich." schrieb er Ende August 1954[19] und arbeitete mit eisernem Willen vom Krankenbett aus bis wenige Tage vor seinem Tod.[20]

Frieda Gayk überlebte ihn nur um wenige Jahre; sie litt seit dem Verlust der Söhne an Diabetes[21], die in ihren letzten Lebensjahren zu fast völliger Blindheit und schließlich am 12. Dezember 1960 zum Tod führte.[22]

Parteiämter

Bereits seit August 1945 arbeitete Andreas Gayk auf Orts- und Bezirksebene an führender Stelle am Wiederaufbau der SPD mit, zusammen mit Persönlichkeiten wie Karl Ratz, Heinrich Fischer und Wilhelm Kuklinski. Man kann ihn wohl mit Recht als Schleswig-Holsteins "einflussreichsten und prominentesten SPD-Politiker" der Nachkriegszeit[23] und als "stärkste und mächtigste Persönlichkeit der schleswig-holsteinischen SPD"[24] bezeichnen.

Vom ersten ordentlichen Bezirksparteitag am 10. März 1946 in Neumünster wurde er zum 3. Bezirksvorsitzenden (2. stellv. Vorsitzenden) gewählt. Auf dem außerordentlichen Bezirksparteitag am 3. August 1946 in Eutin hielt er als Delegierter im Hinblick auf die bevorstehende Landtagswahl 1947 den Vortrag Sozialismus - Sehnsucht und Ziel aller Schaffenden!, der im Wahlkampf als Sonderdruck verbreitet wurde. Vom ordentlichen Bezirksparteitag am 8. März 1947 wurde er, vermutlich auf eigene Entscheidung, lediglich in den erweiterten Vorstand gewählt.

Der Bezirksparteitag vom 22.-24. Mai 1948 in Schleswig wählte Andreas Gayk zum Bezirksvorsitzenden. In diesem Amt wurde er von den Parteitagen am 23.-24. Juli 1949 in Rendsburg, am 17.-18. März 1951 in Kiel und am 3.-4. Juli 1953 in Kiel bestätigt und behielt es bis zu seinem Tod.

Auf dem Bundesparteitag am 11. Mai 1946 in Hannover wurde Andreas Gayk in den Parteivorstand gewählt, dem er ebenfalls bis zu seinem Tod angehörte. Manchen galt er als der offensichtliche Nachfolger von Kurt Schumacher, dessen Linie der konsequenten Abgrenzung vom Kommunismus und Festhalten am Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands er teilte.[25] Für den Bundesparteitag vom 11.-14. September 1948 in Düsseldorf beauftragte Schumacher, der wegen Krankheit nicht teilnehmen konnte, Andreas Gayk, seine programmatische Rede zu verlesen.

Nach Schumachers Tod am 20. August 1952 erwarteten viele, dass Andreas Gayk zumindest Stellvertreter des neuen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer werden würde. Dafür stand er jedoch nicht zur Verfügung.[26]

Kommunalpolitik

Vom 17. November 1929[27] bis Juni 1933 gehörte Andreas Gayk der Kieler Stadtverordnetenversammlung an. In der schon von den Nazis dominierten Kommunalwahl vom 12. März 1933 wurde er als einer von 20 SPD-Stadtverordneten wiedergewählt[28], im Mai auch noch vereidigt, taucht aber im Juni als Mitglied nicht mehr auf.

1945 kehrte Andreas Gayk mach Kiel zurück, lebte zunächst bei seiner Schwerster in der Preetzer Chaussee - dann in der Virchowstraße 2. Seinen ersten Auftritt in Kiel hatte er im Stubenzirkel von Albert Witte. Der erinnert sich:

"Die Stellung Gayks in Kiel war nicht unumstritten. Selbst Karl Ratz, der später eng mit Gayk befreundet war, hatte zunächst starke Vorbehalte gegenüber Gayk. Ende September 1945 verdichtete sich in Parteikreisen die Meinung, daß die Besatzuingsmacht das Parteienverbot bald aufheben würde und daß sehr bald eine Stadtvertretung durch die Militärbehörde ernannt werden sollte. In diesen Tagen fand eine der bedeutungsvollsten und schicksalsträchtigsten Sitzungen statt, die über die Arbeiter der SPD in den kommenden Jahren beschließen sollte. Zu der Sitzung hatte Karl Ratz geladen. Es nahmen etwa 50 Parteifreunde teil. Ausgangspunkt dieser Sitzung war folgender: Es war bekannt geworden, daß die Militärregierung einen 2. Bürgermeister für Kiel ernennen wollte. Dieser Bürgermeister sollte ein Sozialdemokrat sein. Der Gewerkschaftsflügel der SPD schlug dafür Fritz Böttcher vor. Böttcher war vor 1933 langjähriger Sekretär des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Kiel gewesen und dann Vorsitzender des Gewerkschaftsbundes in Kiel geworden. Böttcher war ein glänzender Rhetoriker, gewandt im Auftreten, aber ohne wesentliches programmatisches Profil. Im Kriege war es Böttcher gelungen, eine Stellung in der Stadtverwaltungs Kiel zu bekommen. Er galt als ein Mann, der die Stadtverwaltung genauestens kannte, was sehr für seine Nominierung sprach. Gayk erkannte sofort, daß hier mit dieser person - oder mit anderen - die Weichen für die Zukunft gestellt würden. Das mußte verhindert werden. In persönlichen Einzelgesprächen haben wir sehr lange darüber gesprochen. In der Sitzung kam es zu einer großen Auseinandersetzung zwischen Böttcher und Gayk. Gayk siegte mit Mehrheit. Er legte ein präzises kommunalpolitisches Arbeitsprogramm auf den Tisch, während sich Fritz Böttcher in allgemeinen Floskeln über die kommende Arbeit aussprach. Mit dieser Entscheidung war der Weg frei geworden für das kommunalpolitische Wirken von Andreas Gayk."[29]

Zunächst wurde jedoch der österreichische Sozialdemokrat Otto Tschadek von August 1945 bis Februar 1946 Bürgermeister. Oberbürgermeister Max Emcke berief Andreas Gayk in die städtische Kommission für den Wiederaufbau, die Kämmereikommission und die Grundstückskommission; die erste Sitzung fand am 11. Oktober statt. Damit war Gayk wieder in der Kommunalpolitik aktiv. Er gehörte der ersten - noch von den britischen Besatzungsbehörden ernannten -, dann auch der ersten gewählten Kieler Stadtverordnetenvertretung an. Vom 16. Februar bis 18. Oktober 1946 war er Kiels Bürgermeister, dann bis zum 20. April 1950 ehrenamtlicher Oberbürgermeister. An diesem Tag wurde er zum hauptamtlichen Oberbürgermeister gewählt.

Oberbürgermeister von Kiel

Als erster hauptamtlicher Oberbürgermeister nach dem 2. Weltkrieg stand Andreas Gayk vor der Aufgabe, den Wiederaufbau von Kiel zu koordinieren und voranzutreiben. Die Stadt war als "Reichskriegshafen" von 90 britischen Luftangriffen großflächig zerstört worden. Es gab kaum Wohnraum für die in die Stadt zurückdrängenden Evakuierten und die täglich eintreffenden Flüchtlingstransporte.

Die Wirtschaft war schon seit der Kaiserzeit hauptsächlich Kriegswirtschaft gewesen, zum großen Teil Schiffbau und Zulieferbetriebe. Was nach dem 2. Weltkrieg an Industrieanlagen noch übrig war, sollte demontiert und nach Großbritannien gebracht werden. Es gab durchaus Pläne, Kiel in ein kleines "Fischerdorf" zurückzuschrumpfen.[30].

Schon als Bürgermeister hatte Andreas Gayk am 18. September 1946 in einer Rede zur Kommunalwahl die Forderung "Raus aus dem Elend!" geprägt, mit der anschließend auch die Landtagswahl 1947 bestritten wurde.

Widerstand gegen Demontagen

Gayk und sein Oberstadtdirektor Walther Lehmkuhl widersetzten sich den Demontageplänen und wagten den offenen Konflikt mit der britischen Besatzungsmacht. In zähen Verhandlungen erreichten sie, dass 18 Gebäude und fast 1000 Meter der Kais auf dem Ostufer erhalten blieben. Was demontiert oder gesprengt wurde, war für Kiel immer noch zuviel. Am 7. Dezember 1948 führte Andreas Gayk zusammen mit Karl Ratz und dem CDU-Stadtpräsidenten Peter Jeschke einen Schweigemarsch gegen die Demontagen an, in den sich 22.000 Menschen einreihten. Gegen die Demontage der Holmag-Werke in Kiel-Friedrichsort wehrte er sich mit der Drohung "Und wenn hier die Hallen gesprengt werden sollen, dann mit mir."[31] Die Drohung blieb erfolglos, aber solche Aktionen und Äußerungen begründeten seinen legendäres Ruf bei der Kieler Bevölkerung.

"Bürger bauen eine neue Stadt"

Andreas Gayk wollte auf der Grundlage des noch Vorhandenen eine Friedenswirtschaft entwickeln, von der Kiel leben und sich selbst versorgen konnte.

Kiel wurde von den Besatzungsmächten zur Landeshauptstadt bestimmt. Die Universität begann schon 1945 unter schwierigsten Bedingungen wieder mit der Arbeit. Auch die Seefischerei wurde gefördert; Gayk erreichte bei den Besatzungsbehörden, dass ziviler Schiffbau in beschränktem Umfang wieder erlaubt wurde. Nach und nach siedelten sich Betriebe für Fischverarbeitung, Maschinenbau, Fein- und Elektromechanik sowie Textilherstellung an, die Arbeitslosigkeit ging zurück.

Den Wiederaufbau stellte Gayk unter das Motto "Bürger bauen eine neue Stadt". In seinem kommunalpolitischen Testament verfügte er, dass Kiels Aufbauleistung mit einem Wandrelief im Hauptkorridor des Kieler Rathauses ein Denkmal gesetzt werden solle. Das Relief "Bürger bauen eine neue Stadt", geschaffen von den Künstlern Alwin Blaue und Fritz During, eingeweiht am 24. Juni 1957, ist sein Dank nicht nur an die Kieler Bürger[32], sondern er gilt allen, die der Stadt in den schweren Zeiten nach dem Krieg geholfen haben.[33]

Gayk-Wäldchen

Aufforstung durch Schuljugend, 30.10.1948

Von Anfang an hatte Andreas Gayk die Trümmerräumung in Kiel forciert. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich an Sonn- und Feiertagen ehrenamtlich zu beteiligen. Die Räumung machte solche Fortschritte, dass Kiel bald als bestgeräumte Stadt Deutschlands galt.[34] 1948 wurde damit begonnen, die Trümmerlandschaft wieder zu begrünen. Gayk wollte mit der Begrünung den leeren Flächen die deprimierende Wirkung nehmen, den aus den Ruinenfeldern kommenden Kalkstaub bekämpfen und die Flächen für den Wiederaufbau freihalten.Karl Rickers bezeichnet dies als "wohl eine der wichtigsten Maßnahmen in dieser trostlosen Zeit".[35] Der Pinneberger Landrat Walter Damm stellte aus dem Baumschulgebiet seines Kreises Bäume und Sträucher zur Verfügung; Kieler Schulkinder pflanzten die gespendeten Gewächse ein.

"Quartaner forsten auf … Seit einigen Tagen wird in Kiel auf Veranlassung des Oberbürgermeisters Andreas Gayk die Bepflanzung der geräumten Trümmerflächen mit Mischwald, Erlen, Ulmen, Akazien, und Weiden durchgeführt. Auch die Schulkinder zwischen 12 und 15 Jahren müssen bei diesen Aufforstungsarbeiten täglich 4 Stunden helfen, um die Anpflanzung recht schnell zum Abschluss zu bringen. Unser Bild zeigt Quartaner der Hebbel-Schule in Kiel beim Pflanzen der jungen Bäumchen."

Eines dieser Wäldchen erstreckt sich heute noch von der Koldingstraße bis hin zur Gelehrtenschule an der Feldstraße.[36] Die dortige Hügellandschaft birgt Trümmer des 2. Weltkrieges.

Völkerverständigung

Die Erfahrung mit einem britischen Besatzungsoffizier, der aus dem von Deutschen zerstörten Coventry stammte, sich aber weit über seine dienstlichen Pflichten hinaus für den Wiederaufbau Kiels einsetzte, bewog Gayk, Kontakte nach Coventry zu suchen. Sie wurden erwidert und führten zur Gründung der "Gesellschaft der Freunde Coventrys" am 2. April 1947[37]. Aus dieser Initiative, die von allen Bereichen der Gesellschaft - Stadtverwaltung, Universität, Kieler Schulen, Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaft, Kirche und Jugendverbänden - getragen und von der Landesregierung unterstützt wurde, erwuchs eine bis heute andauernde Partnerschaft der beiden Städte.

Eine Delegation aus Coventry war auf der ersten, noch nicht wieder so bezeichneten, "Kieler Woche" nach dem Krieg vertreten.[38] Im selben Jahr veranstaltete die Stadt vom 15.-20. September 1947 auf Initiative Gayks die "Septemberwoche - Kiel im Aufbau", eine Kulturwoche, in deren Zentrum Frieden, Humanität und Völkerverständigung "über alle Grenzen der Nationen und Parteien hinweg" stehen sollten. 1948 wurde sie unter dem Motto "Kiel stellt sich um" wiederholt und ab 1949 mit dem mittlerweile wieder stattfindenden sommerlichen Segelereignis zusammengelegt. Der Anspruch Andreas Gayks besteht bis heute, auch wenn nach äußerem Anschein die Kieler Woche viel von ihrem kulturellen Charakter zugunsten verstärkter Kommerzialität eingebüßt hat.

Landespolitik

Von 1946 bis 1954 war Andreas Gayk Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtages, zunächst in den beiden ernannten Landtagen, dann als direkt gewählter Abgeordneter im Wahlkreis 18 (Kiel IV (Ost), später 21 (Kiel-Ost)). Am 12. September 1954 wurde er wieder direkt im Wahlkreis 28 (Kiel-Ost) gewählt, konnte das Mandat wegen seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung jedoch nicht mehr antreten.

1948 wählte der Landtag ihn in den Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland erarbeitete; er gehörte auch hier dem Fraktionsvorstand an.

Während seiner Zeit als MdL war er von Beginn an Fraktionsvorsitzender, führte den Vorsitz im Landesplanungsausschuss und gehörte den Ausschüssen für Wirtschaft und Verkehr und für Sonderverwaltungen an, später den Ausschüssen für Aufbau, für Verwaltung und Geschäftsordnung, für die Wahrung der Rechte der Volksvertretung, dem Polizei- und dem Finanzausschuss. Die gesamte Zeit gehörte er auch dem Ältestenrat des Parlaments an. Einer seiner Nachfolger bescheinigt ihm "Prinzipientreue, Taktik und Härte"[39].

Auch im Landtag trat Andreas Gayk für Versöhnung und Völkerverständigung ein. Auf der Eröffnungssitzung des ersten gewählten Landtages, am 8. Mai 1947, forderte er vom Parlament einen "angemessenen Beitrag für die Kinder von Lidice", die 20 überlebenden Waisen eines Massakers von Sicherheitskräften der Nazis in einem tschechischen Dorf. Dies sollte zeigen, dass "es noch ein anderes Deutschland gibt, ein Deutschland, das sich schaudernd von dieser Vergangenheit abwendet und das bereit ist, Schulter an Schulter mit allen friedliebenden Nationen Europas eine bessere Welt wieder aufzubauen [...]."[40]

Testament

Wortlaut des Kommunalpolitischen Testaments von Andreas Gayk:

"Nicht nur von meiner Arbeit im Rathaus, auch von meinen politischen Freunden trenne ich mich in diesem geschichtlichen Augenblick sehr schwer. Ich bin, solange ich geistig mündig war, Sozialist gewesen, und ich bin es auch heute noch, und ich bin stolz darauf.
Ich habe die Trennung des freiheitlichen Sozialismus vom bolschewistischen Machtstaat wachen Geistes miterlebt, und es gehört zu den größten geistigen Enttäuschungen meines Lebens, daß nicht nur gewissenlose politische Demagogen, sondern daß auch prominente Vertreter unseres geistigen Lebens, wie Professoren und Schriftsteller, von dieser Revolution in der Geschichte des Sozialismus bis heute keine Notiz genommen haben. Die Folgen können eines Tages ebenso verheerend sein wie die Entfremdung zwischen Obrigkeit, Kirche und Arbeiterschaft.
Die Entfremdung zwischen Staat und Arbeiterschaft hat nicht nur am Ende der Weimarer Republik zu verhängnisvollen Fehlentscheidungen geführt. Neuerdings steht die Sozialdemokratie wieder einmal am Scheideweg. Mit tiefer Sorge sehe ich die Tendenzen einer Minderheit auf dem letzten Parteitag, den Notwendigkeiten einer wirklichkeitsnahen Politik auszuweichen und aus dem Sozialismus wieder eine Art Heilslehre zu machen.
Vor einem solchen Rückfall in die Illusionen der Vergangenheit kann ich nicht dringend genug warnen. Diese Politik ist geistig bequemer ja, aber sie muß, wie die utopischen Vorstellungen über die Macht der Internationale bewiesen, notwendig, wie 1914, zum Zusammenbruch und zur völligen Enttäuschung der überzeugten Anhänger führen. Wer praktische Politik treiben will, der muß sich auch mit der Sünde der Tat beflecken. Eine Partei, deren unmittelbares Ziel nicht die Eroberung der politischen Macht im Staate ist, um die wirklichkeitsnahen Ziele ihrer Wähler zu verwirklichen, eine solche Partei zieht sich auf das politische Altenteil zurück, sie gibt sich im Grunde selber auf.
Wer es für unmöglich hält, in Deutschland eine lebendige Demokratie und damit auch eine demokratische Wehrmacht aufzubauen und den alten Gegensatz zwischen der feudalen Armee und der Arbeiterschaft aufzuheben, der soll die Finger von der Politik lassen (auch wenn er zufällig Bundestagsabgeordneter ist)[41].
Die Tatsache, daß eine Aufgabe schwer ist, ja daß sie möglicherweise erst nach wiederholten Anläufen erreicht werden kann, beweist noch nicht ihre Unlösbarkeit. Die Arbeiterschaft hat vor vielen anderen gleich großen Aufgaben nicht resigniert, und sie hat sie durchgesetzt."[42]

Ehrungen

Andreas Gayk Büste im Rathaus

Laut einem Eintrag im Landtagsinformationssystem erhielt Andreas Gayk 1954 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland; ein Datum ist nicht genannt.

Am 21. Oktober 1954 beschloss die Kieler Ratsversammlung, die Neue Straße in Kiel in Andreas-Gayk-Straße umzubenennen.

Im Juni 1955 wurde ihm posthum den Kulturpreis der Stadt Kiel zuerkannt.

Am 5. November 1955 verlieh der Allgemeine Kieler Kommunalverein ihm posthum das erste Exemplar der für besondere Leistungen um die Stadt geschaffenen Goldmedaille.

Seit 1971 vergibt die Stadt Kiel für besondere kommunalpolitische oder bürgerschaftliche Leistungen die Andreas-Gayk-Medaille.

Stimmen

Gert Börnsen, einer seiner Nachfolger im Amt des Fraktionsvorsitzenden im Kieler Landtag, schreibt zum 100. Geburtstag über Andreas Gayk:

"In diesem Ausnahmefall war es wirklich so: Seine Persönlichkeit und Tatkraft gaben vielen Menschen neuen Mut. Andreas Gayk war eine Institution seiner Stadt, er bestimmte, übrigens sehr autoritär, tatsächlich ihre neue Gestaltung, und er verfügte über ein Gesamtkonzept, das Aufräumen, wirtschaftlichen und kulturellen Neuanfang integrierte. Sein Credo: 'Von Lobgesängen auf eine imaginäre Demokratie werden die Menschen nicht satt.'"[43]

Der Journalist Gerhard E. Gründler, der seine Karriere bei der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung begann, über Andreas Gayk:

"Am 1. Oktober 1954 starb wenige Tage vor seinem 61. Geburtstag der Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk, ein auch außerhalb der SPD hochgeachteter Mann. Als Mitglied des Parlamentarischen Rates hatte er das Bonner Grundgesetz mitgeformt. Vor 1933 war er Kieler Lokalchef der Volks-Zeitung und zugleich Stadtverordneter gewesen. Dabei hatte er eine Überempfindlichkeit gegen die Arroganz und Schönrednerei von Politikern (auch solchen der eigenen Partei) entwickelt. Viel zitiert wurde seine Standardredensart über politische Schaumschläger: "Seggt he wat oder geiht em blots dat Muul?" ("Sagt er etwas oder bewegt er nur den Mund?") Journalisten waren seiner Auffassung nach stets im Dienst, sollten sich auch nicht auf Dienststunden berufen. Dass Journalisten streiken könnten, hielt er für undenkbar: "Und wer schreibt dann über den Streik?", fragte er.
Die Volks-Zeitung druckte zehn Tage nach Gayks Tod ein "Politisches Testament" ihres ehemaligen Lokalchefs, der nach ihrem Wiedererscheinen 1946 kurze Zeit auch ihr Chefredakteur gewesen war, bevor er sich ganz seinen politischen Ämtern widmete - als Fraktionsvorsitzender der SPD im schleswig-holsteinischen Landtag und als Oberbürgermeister in Kiel. Einen Satz aus diesem Testament habe ich damals dick angestrichen: "Wer praktische Politik treiben will, der muß sich auch mit der Sünde der Tat beflecken. Eine Partei, deren unmittelbares Ziel nicht die Eroberung der politischen Macht im Staate ist, um die wirklichkeitsnahen Ziele ihrer Wähler zu verwirklichen, eine solche Partei zieht sich auf das politische Altenteil zurück, sie gibt sich im Grunde selber auf."[44]

Der ehemalige Leitende Bezirkssekretär und stellvertretende Vorsitzende Albert Schulz schreibt in seinen Erinnerungen:

"Andreas Gayk war eine sehr starke politische Persönlichkeit. Nach dem Tode von Kurt Schumacher und der Wahl von Erich Ollenhauer zum Vorsitzeden hätte Gayk zweiter Vorsitzender der Partei werden können. Er lehnte es ab, weil er lieber Oberbürgermeister seiner geliebten und zerstörten Vaterstadt Kiel bleiben wollte. Er hatte in der schleswig-holsteinischen Partei auch im Landesvorstand eine sagenhafte Autorität. Der unterwarf sich in den Sitzungen auch der sonst sehr eigenwillige Hermann Lüdemann, der von der eigenen Partei 1949 als Ministerpräsident gestürzt wurde, aber Mitglied des Landesvorstandes blieb."[45]

Literatur

Tondokument

  • Aufbau der Stadt Kiel. Interview mit Andreas Gayk am 22.8.1952 (10:30 min.) In: Christa Geckeler / Jürgen Jensen (Hrsg.): Historische Tondokumente, vol. 1: Bürger bauen eine neue Stadt. (CD 73:00 min.) (Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 2002)

Links

Quellen

  1. Häufig heißt es, er sei in Gaarden geboren. Nach Recherchen des Kieler Stadtarchivs vom August 2015 wohnte die Familie 1893 jedoch in der Annenstraße 7a in Kiel.
  2. Das Dorf Gaarden wurde 1901 nach Kiel eingemeindet.
  3. Gert Börnsen: Andreas Gayk - 100 Jahre. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 3
  4. Geckeler: Oberbürgermeister Gayk, abgerufen 8.9.2015
  5. Nachruf auf Frieda Gayk, VZ 13.12.1960
  6. Laut Personenstandsbüchern im Kieler Stadtarchiv, ermittelt vom Stadtarchiv Kiel im August 2015.
  7. Kieler Erinnerungstag: Verbot der in Kiel erscheinenden Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung
  8. Karl Rickers: Der Journalist. In: Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 52
  9. Geckeler: Oberbürgermeister Gayk, abgerufen 8.9.2015
  10. Gert Börnsen: Andreas Gayk - 100 Jahre. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 4
  11. Nach Unterlagen der Kieler Meldebehörde, ermittelt vom Stadtarchiv Kiel im August 2015.
  12. Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 75 f.
  13. Holger Martens: "Raus aus dem Elend!" Andreas Gayk und die schleswig-holsteinische SPD 1945-1954. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 7
  14. Vgl. Rickers: Erinnerungen, S. 228
  15. Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 206
  16. Adressbücher der Stadt Kiel, Stadtarchiv Kiel.
  17. Vgl. Rickers: Erinnerungen, S. 230
  18. Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 222
  19. Brief an Stadtrat Hermann Hartmann, zit. in Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 105
  20. Oberbürgermeister Andreas Gayk †, VZ, Sonderausgabe vom 1.10.1954
  21. Gayk in einem Brief vom 29.7.1946: "[Frieda] ist in Folge der seelischen Belastung vor 2 Jahren zuckerkrank geworden und verhungert heute mangels Insulin und Lebensmitteln vor meinen Augen." Zit. in: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 20
  22. Nachruf auf Frieda Gayk, VZ, 13.12.1960
  23. Geckeler: Oberbürgermeister Gayk, abgerufen 8.9.2015
  24. Gert Börnsen: Andreas Gayk - 100 Jahre. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 6
  25. Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 219-222
  26. Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 222
  27. VZ, 18.11.29
  28. Kieler Zeitung, 13.3.33
  29. Witte, Albert: Erinnerungen an den Wiederbeginn der Sozialdemokratie. Die SPD vor 1933 und im 3. Reich in: "Wir sind das Bauvolk", Neuer Malik Verlag, Kiel (1985)
  30. Vgl. Rickers: Erinnerungen, S. 271
  31. So berichtet Egon Franke: Ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat. In: Jensen / Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk, S. 93
  32. Bürgerinnen sind kaum zu sehen, im Gegensatz zur Realität, in der sie als "Trümmerfrauen", Ehrenamtlerinnen und Politikerinnen wesentlich zum Wiederaufbau beitrugen.
  33. Kieler Erinnerungstag: 24. Juni 1957 - Einweihung des Reliefs Bürger bauen eine neue Stadt"
  34. Geckeler: Oberbürgermeister Gayk, abgerufen 8.9.2015
  35. Rickers: Erinnerungen, S. 253.
  36. Christoph Jürgensen: Gayk-Wäldchen wird lichter, KN, 18.11.2013
  37. Kieler Erinnerungstag: 2. April 1947 Gründung der "Gesellschaft der Freunde Coventrys"
  38. Kieler Erinnerungstag: Vom 31. August bis 4. September 1945 Kieler Woche für die britischen Besatzungssoldaten
  39. Gert Börnsen: Andreas Gayk - 100 Jahre. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 5
  40. Gert Börnsen: Andreas Gayk - 100 Jahre. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 5
  41. Dieser Satz richtete sich offensichtlich gegen den damaligen Kieler Bundestagsabgeordneten Prof. Fritz Baade.
  42. VZ, 1.10.1954
  43. Gert Börnsen: Andreas Gayk - 100 Jahre. In: SPD-Landtagsfraktion: Andreas Gayk, S. 5
  44. Gerhard E. Gründler, abgerufen April 2012 (Domain nicht mehr vorhanden)
  45. Albert Schulz: "Erinnerungen eines Sozialdemokraten" Bibliotheks- und Informationssystem der Carl von Ossietzky-Universität, Oldenburg 2000. (Schriftenreihe des Fritz-Küster-Archivs). ISBN 3814207580