Verfassungstag (Weimarer Republik)

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Verfassungsfeier im Stadion, Berlin 1929

Der Verfassungstag (11. August) war im Weimarer Staat der Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Unterzeichnung der Weimarer Reichsverfassung im Jahr 1919. In den Provinzen und Kommunen entwickelte er sich zu einem zentralen politischen Symbol- und Auseinandersetzungsfeld zwischen republikanischen und antidemokratischen Kräften.

Bedeutung und politische Praxis

Obwohl der Verfassungstag auf Reichsebene nie gesetzlich verankert wurde, organisierten demokratische Parteien und Verbände jährlich Gedenkfeiern. Hauptträger waren die SPD, die DDP, zeitweise Teile der Zentrumspartei und der DVP sowie der republikanische Schutzverband Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

Die Feiern dienten nicht nur der Befriedung und Verfassungslehre, sondern wuchsen sich in der politischen Praxis oft zu Manifestationen zur Verteidigung der Republik gegen rechte (z. B. DNVP, später NSDAP) und linke (z. B. KPD) Verfassungsfeinde aus.

Entwicklung in Schleswig-Holstein

In der Provinz Schleswig-Holstein, die stark agrarisch und konservativ geprägt war, verlief die Durchsetzung des Verfassungstages besonders konfliktreich.

SPD als tragende Kraft

Während bürgerlich-konservative Kreise in Schleswig-Holstein die Feierlichkeiten häufig boykottierten oder als "Feier der Niederlage" diffamierten, übernahm die schleswig-holsteinische Sozialdemokratie die Rolle des Hauptveranstalters. In Städten wie Kiel, Lübeck, Flensburg, aber auch in kleineren Städten wie Meldorf bildete die SPD die verlässlichste Säule der Verfassungsfeiern.

Die Meldorfer Verfassungsfeiern (1922–1932)

Eine detaillierte Mikrostudie von Willy Schulz beleuchtet am Beispiel Meldorf das gesellschaftliche Klima im ländlich-kleinstädtischen Raum:[1] Demnach wies Meldorf kaum Industriearbeiterschaft auf, sondern war von Handwerkern, Kaufleuten und Beamten geprägt. Die Anhängerschaft von SPD und Reichsbanner bildete eine lokale Minderheit gegenüber dem konservativ-agrarischen Umland.[1] Während die örtlich SPD und das lokale Reichsbanner die Feiern nutzten, um für Demokratie und Republik zu werben, verweigerten bürgerliche Schichten und deutschnationale Behördenvertreter oft die Mitwirkung.[1] Mit Beginn der Agrarkrise in Dithmarschen und der Weltwirtschaftskrise setzte ein massiver Rechtsruck ein. Die Meldorfer Verfassungsfeiern erlebten ab Ende der 1920er-Jahre schwindende Teilnehmerzahlen, Störungen durch den Landvolkverband sowie die NSDAP und spiegelten schließlich den Zusammenbruch der republikanischen Ordnung vor Ort wider.[1]

Ende

Mit der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde der Verfassungstag abgeschafft und durch den "Tag der nationalen Arbeit" (1. Mai) als staatlichem Feiertag ersetzt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Schulz, Willy: Verfassungsfeiern 1922–1932 in Meldorf zur Zeit der Weimarer Republik. In: Demokratische Geschichte 32 (2023), S. 69–96.