Lederarbeiterstreik in Wilster 1899: Unterschied zwischen den Versionen

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Der '''Lederarbeiterstreik in Wilster 1899''' war ein erbitterter Arbeitskampf in der Lederindustrie in [[Ortsverein Wilster|Wilster]]. Er dauerte vom [[29. Mai]] bis zum [[15. November]] [[1899]] und betraf die beiden großen Lederfabriken Falk & Schütt (Rumfleth) und Gebr. Böhme (Landrecht). Der Streik war geprägt von sozialen Spannungen, gewerkschaftlicher Organisierung und der Weigerung der Fabrikanten, auf Forderungen nach höheren Löhnen, kürzeren Arbeitszeiten und Mitbestimmung einzugehen. Er endete mit einer Niederlage der Arbeiter und hatte weitreichende Folgen für die regionale Arbeitswelt.
Der '''Lederarbeiterstreik in Wilster 1899''' war ein erbitterter Arbeitskampf in der Lederindustrie in [[Ortsverein Wilster|Wilster]]. Er dauerte vom [[29. Mai]] bis zum [[15. November]] [[1899]] und betraf die beiden großen Lederfabriken Falk & Schütt (Rumfleth) und Gebr. Böhme (Landrecht). Der Streik war geprägt von sozialen Spannungen, gewerkschaftlicher Organisierung und der Weigerung der Fabrikanten, auf Forderungen nach höheren Löhnen, kürzeren Arbeitszeiten und Mitbestimmung einzugehen. Er endete mit einer Niederlage der Arbeiter.


==Hintergrund==
==Hintergrund==

Aktuelle Version vom 15. März 2026, 23:05 Uhr

Der Lederarbeiterstreik in Wilster 1899 war ein erbitterter Arbeitskampf in der Lederindustrie in Wilster. Er dauerte vom 29. Mai bis zum 15. November 1899 und betraf die beiden großen Lederfabriken Falk & Schütt (Rumfleth) und Gebr. Böhme (Landrecht). Der Streik war geprägt von sozialen Spannungen, gewerkschaftlicher Organisierung und der Weigerung der Fabrikanten, auf Forderungen nach höheren Löhnen, kürzeren Arbeitszeiten und Mitbestimmung einzugehen. Er endete mit einer Niederlage der Arbeiter.

Hintergrund

Seit den 1890er-Jahren erlebte die Lederindustrie in Wilster einen Aufschwung. Die beiden Fabriken Falk & Schütt (ca. 200 Beschäftigte) und Gebr. Böhme (ca. 300 Beschäftigte) dominierten die lokale Wirtschaft. Die Einführung des kostengünstigeren Chromleders in anderen Regionen erhöhte den Druck auf die Wilsteraner Betriebe, die an traditionellen Gerbverfahren festhielten. Gleichzeitig stiegen die Lohnkosten, während die Löhne der Arbeiter kaum ausreichten, um ihre Familien zu ernähren.[1]

Die Arbeiter, viele von auswärts zugezogen, lebten in beengten Verhältnissen, insbesondere in der neu entstandenen Vereinsstraße. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 ermöglichte die Gründung sozialdemokratischer Vereine und Gewerkschaften, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten.

Schon im April 1888 hatte es bei Falk & Schütt einen kurzen Arbeitskampf gegeben. Eine Lohnkommission unter Führung des Gerbers Eugen Wolff forderte höhere Löhne. Die Fabrikleitung lehnte ab, entließ die Rädelsführer und setzte sie auf eine "Schwarze Liste", was ihnen künftige Anstellung in der Branche unmöglich machte.[2]

Verlauf des Streiks 1899

Am 27. Mai 1899 entließ Falk & Schütt die Arbeiter Köhler und Walter, Mitglieder des im April erkämpften Arbeiterausschusses. Die Belegschaft interpretierte dies als Maßregelung und forderte ihre Wiedereinstellung. Als die Firma ablehnte, trat die Belegschaft in den Streik.[2]

Bei der Firma Falk & Schütt streikten von 315 Beschäftigten 307. Die Firma weigerte sich zu verhandeln und versuchte, mit auswärtigen Arbeitskräften (u.a. aus Galizien) die Produktion aufrechtzuerhalten. Die Streikenden informierten die Neuankömmlinge in polnischer Sprache und verhinderten so deren Einsatz.

Die Firma Gebr. Böhme sperrte 268 von 320 Arbeitern aus und begründete dies mit "schlechter Konjunktur". Tatsächlich sollte der Streik bei Falk & Schütt unterstützt werden.

Streikposten der Arbeiterschaft kontrollierten die Fabriken, es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Arbeitswilligen. Die Polizei verstärkte ihre Präsenz, um "Unruhen" zu verhindern. Spendenaktionen für die Streikenden wurden in ganz Deutschland organisiert, auch in Wilster selbst.[2]

Nach 24 Wochen war die Streikkasse erschöpft. Die Arbeiter mussten am 15. November 1899 die Arbeit ohne Zugeständnisse wieder aufnehmen. Die Firmen nutzten die Situation, um die Arbeitszeit auf 10,5 Stunden zu verlängern, den Arbeiterausschuss abzuschaffen und die Akkordlöhne zu senken. Viele Streikende wurden nicht wieder eingestellt.[2]

Die Familien der Streikenden litten unter Armut, viele mussten Wilster verlassen. Der Streik stärkte allerdings die SPD und die Gewerkschaften in der Region. Die Lederfabriken setzten auf billigere Arbeitskräfte (u.a. Frauen) und modernisierten ihre Produktion nur zögerlich.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Wessel, Hans-Peter: Von der Gerberei zur Lederfabrikation. In: Steinburger Jahrbuch 1988, S. 111–131, hier S. 122.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Landesarchiv Schleswig-Holstein (LAS) 320 Steinburg/1052.