Gesamtschule: Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Gesamtschule''' ist eine Schulform, bei der die Differenzierung innerhalb der Schule stattfindet, nicht zwischen verschiedenen Schulformen. Die SPD vertritt schon lange die Position, dass das längere gemeinsame Lernen gerade für Kinder aus ärmeren Familien Vorteile gegenüber dem dreigliedrigen Schulsystem biete.
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: "In keinem anderen Gebiet der Politik - nicht einmal in dem der Landwirtschaft - tummeln sich ideologisch verbrämte Standesinteressen so ungeniert, wird so provinziell argumentiert und die Entwicklung im Ausland so sträflich ignoriert wie in der Bildungspolitik." — [[Wilhelm Käber]] (SPD)<ref>Lubowitz, Frank: ''Wilhelm Käber - Regierung und Opposition'' (Kiel 1986) ISBN: 3-89029-906-7</ref>
 
== Das dreigliedrige Schulsystem ==
Das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist ein Relikt der Weimarer Republik. Schon damals war es ein Kompromiss: Während die SPD für die [[Einheitsschule]] eintrat<ref>Die Forderung nach "gleichen Bildungschancen für alle" vertrat zum Beispiel sehr nachdrücklich [[Toni Jensen]] als Abgeordnete im Preußischen Landtag.</ref>, verteidigten die Konservativen das Gymnasium. Gemeinsam sollte nur in den vier Jahren der Grundschule unterrichtet werden.
 
== Landessatzung ==
[[1950]] schrieb die SPD-Landesregierung von Ministerpräsident [[Hermann Lüdemann]] eine sechsjährige Grundschule in die neue [[Landessatzung]]. Allein diese Veränderung traf auf harsche Kritik, und nach der verlorenen [[Landtagswahl 1950|Landtagswahl im gleichen Jahr]] änderte die neue CDU-geführte Regierung die Satzung unter anderem in diesem Punkt. Gemeinsames Lernen war weiterhin nur für die ersten vier Schuljahre vorgesehen.
 
== Antrag auf Testbetrieb 1968 ==
[[1968]] beantragte die SPD-Landtagsfraktion die Einrichtung von zwei Versuchs-Gesamtschulen - eine im ländlichen Bereich, eine in einer Stadt. Gleichzeitig sollten je eine Volksschule, eine Realschule und ein Gymnasium testweise in Ganztagsschulen umgewandelt werden. CDU und NPD lehnten den Vorschlag ab, die FDP präsentierte einen Kompromissvorschlag, der ebenfalls in den Bildungsausschuss verwiesen wurde. Während es zu Ganztagsschulen bereits eine Empfehlung des Deutschen Bildungsrates gab, fehlte eine solche für Gesamtschulen. An diesen Empfehlungen wollte sich die Regierung aus CDU und FDP orientieren.<ref>''Mehrheit ist gegen die Gesamtschule'', ''Kieler Nachrichten'', 11. Juli 1968</ref>
 
[[1973]] berichtet der Kieler Landtagsabgeordnete [[Karl Heinz Luckhardt]] über die Einrichtung der Versuchsschule in Kiel-Friedrichsort:
 
: "Die [Kieler] Ratsversammlung beschloss am [[27. August]] [[1970]] auf der Grundlage der SPD-Vorstellungen zur Reform der Bildungspolitik die Errichtung der ersten 'integrierten Gesamtschule' in Kiel-Friedrichsort als Ganztagsschule. In mühseligen Verhandlungen mußte die Genehmigung des Schulversuchs der CDU-Landesregierung buchstäblich abgetrotzt werden. Mit dem Schuljahresbeginn [[1972]]/[[1973]] konnte der Unterricht in dem 20-Millionen-Projekt aufgenommen werden. Landesweit war dies der zweite genehmigte Schulversuch (eine weitere Schule arbeitete seit [[1971]] in [[Kreisverband Neumünster|Neumünster]]).
 
: Nach den Vorstellungen der Kieler Sozialdemokraten ist die 'integrierte Gesamtschule' Kiel-Friedrichsort Modell für die Neugliederung des Schulwesens in der Landeshauptstadt. Wir halten diese Schulform für das System, das Freiheit, Gleichheit und Solidarität - und damit gleiche Lebenschancen - verwirklichen kann. Die ersten sehr guten Erfahrungen in der Friedrichsorter Versuchsschule haben gezeigt, wie man aus der bildungspolitischen Sackgasse des dreigliedrigen Schulsystems herauskommen kann."<ref>SPD-Kreisverband Kiel (Hrsg.): 1863-1978. 115 Jahre Sozialdemokratie. Festschrift der Kieler Sozialdemokraten (Kiel 1978)</ref>
 
== Nach dem Regierungswechsel ==
Bis [[1988]] hatte die CDU-Regierung nur zwei integrierte Gesamtschulen (in Kiel und Neumünster) versuchsweise zugelassen.<ref>DER SPIEGEL 51/1988 ''[http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531729.html Tango mit Eva: Heftiger Streit um die Gesamtschule]''</ref> Daneben gab es z. B. in Elmshorn eine sogenannte "Kooperative Gesamtschule", eine stärker der Dreigliedrigkeit verpflichtete Zwischenform. Nach dem Wahlsieg war die Stimmung in der SPD und bei anderen Befürwortern der Gesamtschule euphorisch. Doch diejenigen, die die Schulreform umsetzen sollten, drückten auf die Bremse.
 
In seiner Regierungserklärung hatte [[Björn Engholm]] versprochen, das dreigliedrige Schulsystem durch ein Gesamtschulangebot zu ergänzen:
 
: "[...] Investitionen in Bildung und Ausbildung sind unverzichtbare Investitionen in die individuelle und die gesellschaftliche Zukunft. Wir wollen deshalb ein Bildungssystem in Schleswig-Holstein, in dem alle hochwertige Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, in dem zugleich aber das Lernen auch Freude macht, in dem persönliche Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden, in dem auch soziales Verhalten erlernt werden kann. Ein Bildungssystem, das den Neigungen, Fähigkeiten und Bedürfnissen der Kinder und jungen Menschen mehr Raum läßt, ein Bildungssystem, das auch die immer noch vorhandenen [[Frauen- und Gleichstellungspolitik|geschlechterspezifischen Rollenmuster aufheben]] hilft, wird nicht nur freiere und zufriedenere Menschen, es wird auch Menschen hervorbringen, die besser und optimaler in der Lage sind, den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.
 
: Meine Damen und Herren, das gegliederte Schulsystem in Schleswig-Holstein bleibt, wie es von uns über Jahre so versprochen worden ist, auch unter der neuen Regierungsägide erhalten. Es wird zugleich für die Belange der Zukunft weiterentwickelt werden. Hauptschule, Realschule und Gymnasium stehen auch künftig allen Schülern und Eltern offen, die diese Schulen schätzen. Das Elternrecht auf freie Schulwahl wird von uns uneingeschränkt, also voll geachtet. Freies Elternrecht heißt jedoch auch: Eltern, die für ihre Kinder eine Gesamtschule vorziehen, müssen im Lande Schleswig-Holstein endlich eine Chance erhalten.
 
: Die Gesamtschule wird nicht von oben verordnet werden. 'Gesamtschule' heißt für uns im besten Sinne des Wortes 'Schule vor Ort'. Und 'vor Ort' heißt: Entscheidend ist der Wille der Eltern und die Zustimmung des Schulträgers.
 
: Wir werden das Schulgesetz in diesem Sinne ändern. Dazu werden die Schulträger, die Landeselternbeiräte, die kommunalen Spitzenverbände, die Lehrerverbände und die Gewerkschaften selbstverständlich gehört werden. Am Ende dieses Verfahrens wird ein Gesetzentwurf vorgelegt und dem Parlament zugeleitet werden. Sollten bis dahin Anträge von Schulträgern auf Einrichtung einer Gesamtschule kommen, reichen die Möglichkeiten des geltenden Schulgesetzes dafür aus.
 
: Der Gesetzentwurf soll auch die Voraussetzungen für eine [[Innere Schulreform|innere Schulreform]] schaffen, und zwar zur Erweiterung der pädagogischen Freiräume - Schule soll wieder mehr von Lehrern als von Ministerialbeamten gemacht werden - für eine verbesserte Kooperation von Schülern, Eltern und Lehrern und zur Reform der Lehrpläne nach fortschrittlich-humanistischen Leitbildern. Schulreform wird von dieser Regierung nicht, wie es in der Vergangenheit der Fall war, verordnet oder in kleinen Zirkeln besprochen werden; alle Betroffenen und Beteiligten werden in einem offenen Dialog in diese Schulreform von uns einbezogen werden."<ref>Landtagsinformationssystem Schleswig-Holstein: [http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/QQP12-2.pdf Plenarprotokoll 12/2 28.06.1988, S. 13-82]</ref>
 
Im Juni [[1988]] beschäftigte sich der [[Landesausschuss]] mit dem Thema Gesamtschule. Der Landesvorsitzende [[Gerd Walter]] riet zur Geduld:
 
: "Es ist kein Kunststück, die Entwicklung einer Gesamtschule einfach mit Mehrheit zu beschließen. Das Kunststück besteht darin, sie so durchzusetzen, daß die Menschen hinterher eine zweite Gesamtschule fordern."<ref>''SPD-Chef rät Engholm zu behutsamer Reformpolitik'', ''Kieler Nachrichten'', 11.6.1988</ref>
 
Am [[25. August]] [[1988]] begann die neue [[Landtagsfraktion]] eine sechstägige Anhörung von Vertreterinnen und Vertretern der Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Gewerkschaften, Lehrervereinigungen und anderer Organisationen zum neuen Schulgesetz.<ref>''SPD startet Anhörung zum neuen Schulgesetz'', ''Kieler Nachrichten'', ??.8.1988</ref>
 
Auch beim ersten [[Landesparteitag 1988, Travemünde|Landesparteitag]] nach der Wahl stand das Thema Gesamtschule auf der Tagesordnung.
 
== Stand 1990 ==
In einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung fragte [[1990]] der CDU-Abgeordnete Dr. Peter Bendixen nach der Entwicklung der Gesamtschule in Schleswig-Holstein seit dem Schuljahresbeginn 1987/88. Aus der Antwort geht hervor:<ref>Drucksache 12/939: [http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/QQD12-939.pdf Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Peter Bendixen (CDU)], 16. Juli 1990</ref>
 
{| class="wikitable"
! Kommune !! vorgesehene bestehende Schule !! genehmigt
|-
| Kiel
| [[Toni Jensen|Toni-Jensen-Schule]] Hauptschulteil der Grund- u. Hauptschule + Toni-Jensen-Realschule
| ja
|-
| Lübeck
| Fröbelschule
| ja
|-
| Bad Oldesloe
| Dietrich-Buxtehude-Realschule
| ja
|-
| Bargteheide
| Emil-Nolde-Grund- und Hauptschule
| ja
|-
| Bornhöved
| ?
| nein
|-
| Eckernförde
| ?
| ja
|-
| Geesthacht
| Hauptschule Butenskamp
| ja
|-
| Husum
| ?
| nein
|-
| Norderstedt
| Grund- und Hauptschule Lütjensmoor
| ja
|-
| Pinneberg
| Realschule Thesdorf
| ja
|-
| Trappenkamp
| Dr.-Gerlich-Hauptschule
| ja
|-
| Uetersen
| ?
| ja
|}
Auf die Frage, wie der Wunsch der Eltern zum Erhalt der betroffenen Schulen berücksichtigt worden sei, antwortete das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur:
: "Die Entscheidung über den Standort einer zu errichtenden Gesamtschule wird vom Schulträger getroffen. Bei dieser Entscheidung ist nicht nur der Wunsch der Eltern zu berücksichtigen, die ihre bisherige Schule erhalten sehen möchten, sondern auch das Interesse der Eltern, die bislang ihre Kinder nicht auf eine Gesamtschule schicken konnten."
 
== ''Bildungspolitik in schwieriger Zeit'' ==
In einem umfassenden Beschluss zur Bildungspolitik formulierte die SPD Schleswig-Holstein auf dem [[Landesparteitag 1995, Bad Segeberg|Landesparteitag]] im Jahr [[1995]]:
: "Wir haben eine Reihe neuer Gesamtschulen ermöglicht und damit den Elternwillen erfüllt. [...] Mit der Errichtung von sechzehn zusätzlichen Gesamtschulen sind Wahlmöglichkeiten von Eltern und Schülern für eine integrierte Form der weiterführenden Schule geschaffen worden. Die Ge­samtschulen bieten unter einem Dach alle Bildungsabschlüsse in durchlässiger Form. Ziel ist es, allen Eltern und SchülerInnen die Wahlmöglichkeit für diese Schulform zu bieten. [...] Die Gesamtschule ist für die SPD die zukunftsweisende Schulform, die flächendeckend einzuführen ist, damit alle Eltern, die dies wünschen, ihr Kind an einer Gesamtschule anmelden können. Damit wird der unterschiedlichen Nachfrage der Eltern nach den verschiedenen Schulformen für ihre Kinder Rechnung getragen."<ref>Landesparteitag Bad Segeberg 1995 ''[http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_Bildungspolitik_in_schwieriger_Zeit_-_Neue_Herausforderungen_im_Spannungsfeld_zwischen_Erwartung_und_Machbarkeit_%281995%29 Bildungspolitik in schwieriger Zeit - Neue Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Machbarkeit]''</ref>
 
== ''Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik'' ==
Im Beschluss zur Bildungspolitik auf dem [[Landesparteitag 2002, Kiel|Landesparteitag]] [[2002]] formulierte die SPD Schleswig-Holstein:
: "Schon heute lässt sich jedoch feststellen, dass das nur noch in Deutschland, Österreich und einigen Schweizer Kantonen bestehende Modell eines dreigliedrigen Schulsystems mit homogenen Lerngruppen keine besseren Schüler/innen-Leistungen hervorbringt. Im Gegenteil: Die bildungspolitische Zielsetzung der SPD, die Integrierte Gesamtschule mit heterogenen Lerngruppen auszubauen, bestätigt sich als richtig. Die meisten Länder mit besseren Ergebnissen haben ein effizienteres Vorschulsystem, mehr integrierte Angebote und Ganztagsunterricht oder Ganztagsangebote. Auf diesen Feldern hat Deutschland zweifellos einen Nachholbedarf."<ref>Landesparteitag Kiel 2002 ''[http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_Aufbruch_zu_einer_neuen_Bildungspolitik_%282002%29 B1: Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik]''</ref>
 
== ''Unser Bildungskonzept für die Zukunft'' ==
Auf dem [[Landesparteitag 2003, Bad Segeberg|Landesparteitag]] [[2003]] forderte die SPD Schleswig-Holstein in ihrem Bildungskonzept unter dem Stichwort "Bedarfsgerechte Gesamtschulplanung":
: "Die SPD SH fordert die Kommunalpolitiker in SH auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen Integrierte Gesamtschulen zu bauen. "<ref>Landesparteitag Bad Segeberg 2003: ''B1: [http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_%E2%80%9EUnser_Bildungskonzept_f%C3%BCr_die_Zukunft%E2%80%9C_%282003%29 'Unser Bildungskonzept für die Zukunft']''</ref>
 
== Quellen ==
<references />
 
[[Kategorie:Bildungspolitik]]

Aktuelle Version vom 6. März 2016, 01:11 Uhr

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