Rolf Fischer: 90. Jahrestag des Matrosenaufstandes 1918

Am 7. November 2008 beging der Kreisverband Kiel der SPD den 90. Jahrestag des Matrosenaufstandes 1918 als Beginn der Novemberrevolution und der Demokratie in Deutschland mit einem Kongress. Den zentralen Vortrag Der historische Ort der deutschen Revolution von 1918/19 hielt Prof. Dr. Peter Brandt.

Kreisvorsitzender Rolf Fischer sagte in seiner Einleitung folgendes über Die Revolution und die SPD:[1]

"Sehr geehrte Damen und Herren,
ich weiß, daß es gleichsam unmöglich ist, das Thema Die Revolution und die Kieler SPD hier in knapp 10 Minuten zu behandeln; insbesondere deshalb, weil man der SPD ohnehin eine Revolution im herkömmlichen Sinne nicht zutraut, getreu dem alten viel zitierten Spruch: 'Wenn die SPD Revolution auf dem Bahnhof macht, kaufen sich vorher alle erst eine Bahnsteigkarte.'
Dass ich es dennoch versuche, findet seinen Grund auch in dem Umstand, dass ich einige Fragen stellen kann, die mich und meine Partei schon immer bewegt haben; theoretisch, historisch, wissenschaftlich als Politologe ohnehin, bewegt aber auch in der alltäglichen Praxis der Konfrontation, mit der wir als Partei bezüglich der Revolution und der regionalen Folgen konfrontiert werden. Ich erinnere beispielhaft an die Denkmaldebatte zum Breuste-Objekt oder die Zukunft der sogenannten Revolutionsgräber auf dem Eichhof-Friedhof.
Es besteht also eine herausgehobene Pflicht gerade der Kieler SPD, sich dieses besonderen Ereignisses anzunehmen und sich ihm in verschiedener Form und auf unterschiedlichen Wegen immer wieder zu nähern. Zu dieser Pflicht als Verpflichtung stehen wir.
In der Vergangenheit beteiligten wir uns an diversen Veranstaltungen und Veranstaltungsreihen; wir legen zum Jahrestag einen Kranz am Revolutionsdenkmal nieder und wir stellen uns der historischen Debatte. Das haben viele Vorsitzende vor mir getan; ich setze es fort, möchte aber gern mehr als die übliche und traditionelle Beschäftigung erreichen. Diese ist übrigens schon mehr als sonst in Kiel getan wird.
Es ist eigenartig, wie distanziert die Stadt und ihre Bürger/innen mit diesem doch welthistorischen Ereignis umgehen. Die seltsame Ambivalenz, die wir spüren, wenn wir über diese Tage im November sprechen, ist kaum auflösbar - und sie wird je nach politischer Auffassung verstärkt oder vermindert, auf jeden Fall aber politisch genutzt; von den Konservativen, die immer noch Probleme mit dem Phänomen an sich haben, von den Extrem-Linken, die immer noch und wieder in Gustav Noske den Volksverräter und der SPD die entsprechende Partei dazu entdecken, und auch in den eigenen Reihen, in denen immer wieder kritische Fragen zu Abläufen und Wertungen gestellt werden.
Trotzdem oder gerade deshalb ist das Thema 'Revolution' in Kiel politisch besonders spannend. Und es fällt mir nicht schwer, diese Ambivalenz in Fragen zu kleiden:
  • Gibt es politische Situationen, in denen eine reformorientierte Partei diesen pragmatischen Weg zugunsten einer revolutionären Aktion verlassen muss?
  • Wurde in Kiel eine historische Chance vertan, wurde gar die Revolution 'verraten' oder was wäre die Alternative gewesen: eine Räterepublik - etwa nach sowjetischem Vorbild?
  • Gab es die Chance auf eine stabile Weimarer Republik - ohne Einbeziehung der alten Kräfte?
  • Wurde vielleicht durch die MSPD ein Bürgerkrieg verhindert, weil die Mehrheit der Deutschen friedlich kein Rätesystem akzeptiert hätte?
  • Wurde nicht der demokratischen Gewaltenteilung, dem Mehrparteiensystem, der Pressefreiheit der Weg geebnet?
Viele Fragen, viele Antworten - von Fachleuten unterschiedlichster Profession. Da es im Leben keine Parallelversuche gibt, wissen wir nicht, was geschehen wäre, wenn alles anders verlaufen wäre - die Interpretation der Revolutionsgeschichte bleibt bis zu einem Teil also immer hypothetisch und wird wohl auch heute nicht abschließend beantwortet werden können.
Vielleicht ist dies auch nicht notwendig. Die ständige Debatte über das Selbstverständnis der SPD ist immer auch eine Diskussion über das Selbstverständnis der Demokratie, die von und durch Reformen lebt. Der Prozess selbst, also über die Revolution zu reden, sie immer wieder zu interpretieren, ihre Wege nachzuzeichnen, das ist unser Weg.
Unser Vorschlag lautet deshalb:
  • Wir wollen in Kiel eine ständige und öffentliche Diskussion über das Thema. Wir streben nach einer Initiative, die auch von der Stadt unterstützt wird.
  • Wir suchen nach Möglichkeiten der interdisziplinären wissenschaftlichen Verschränkung; wir wollen den kulturpolitischen Aspekt vertiefen und wir regen an, die politikwissenschaftliche 'Revolutionsforschung' stärker in Kiel zu etablieren.
  • Auch Einzelaspekte sind interessant: von der Zeitzeugenarbeit, der kulturellen Aufarbeitung bis zu den ökonomischen Folgen für Kiel. Der Hinweis auf das aktuelle Theaterstück von Paluch/Habeck 1918 ist ja bereits gefallen; ein gutes Beispiel für unsere Argumentation.
  • Wir stellen uns auch vor, den Kontakt zu Wilhelmshaven, der 'revolutionären' Partnerstadt, noch weiter auszubauen.
Sie sehen, es gibt viele unterschiedliche Ansätze, die unser Ziel erreichbar werden lassen: Die Revolution 1918 zum Ausgangspunkt selbstverständlicher und 'normaler' demokratischer Debatten in der Fördestadt zu machen. Die Menschen sollen hinschauen, es interessant finden, über Kiel sprechen - die Revolution zu ihrer Geschichte und zu ihrer Sache machen.
Als ich in die Kieler SPD eintrat, sprach ich mit einem damals schon sehr alten Genossen, Bernhard Jansen, der mir folgendes Erlebnis schilderte: Als ganz junger Dreher stand er an seiner Werkbank, als ein Mann in die große Arbeitshalle stürmte und den Generator, der den Strom lieferte und der immer lief, mit den Worten abstellte: Schluss jetzt. Es ist Revolution! Diese 'unglaubliche Tat' hatte sich ihm unauslöschlich eingeprägt, weil das wie 'ewig' wirkende Symbol der Arbeit und Unterdrückung, der Generator, plötzlich stillstand. Und mit dem Generator stand dann auch für einen Moment die alte Welt still und Neues ergab sich.
Die Kieler SPD nimmt also den 90. Jahrestag der Revolution in 2008 zum Anlass, diese Debatte über den Beginn der deutschen Demokratie als Staatsform - Demokraten gab es ja schon früher - und die Konsequenzen daraus erneut zu führen und stellt sich damit als Partei in die oben beschriebene Verpflichtung.
Wir werden die Veranstaltung heute dazu nutzen, um weitere konstruktive und hoffentlich interessante Schritte zu gehen, damit die Revolution den ihr zustehenden historischen Platz im Gedächtnis und im Bewusstsein der Bürger Kiels erhält.
In diesem Sinne wünsche ich uns einen erfolgreichen Kongress und freue mich nun auf den Film des Stadtarchivs[2], der uns den historischen Anlass sicher sehr eindrucksvoll nahe bringen wird."

Quellen

<references>

  1. Beide Texte sind abgedruckt in der Broschüre Revolution. Beiträge zum Kongress der Kieler SPD zum 90. Jahrestag der Revolution 1918, herausgegeben von Rolf Fischer, Kiel 2009
  2. Kiel schreibt Geschichte - Matrosenaufstand im November 1918, Videofilm mit Zeitzeugen von Kay Gerdes