Hatice Kara: Unterschied zwischen den Versionen
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'''Hatice Kara''', * [[9. Juli]] [[1979]] in Karaman/Türkei; Rechtsanwältin | '''Hatice Kara''', * [[9. Juli]] [[1979]] in Karaman/Türkei; Rechtsanwältin. Seit [[2000]] Mitglied der SPD. | ||
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Seit [[2003]] ist sie vereidigte Dolmetscherin im Landgerichtsbezirk Kiel für die Sprachen Deutsch und Türkisch. | Seit [[2003]] ist sie vereidigte Dolmetscherin im Landgerichtsbezirk Kiel für die Sprachen Deutsch und Türkisch. | ||
Sie sieht sich selbst als Schleswig-Holsteinerin mit türkischen Wurzeln.<ref name=":0">Spatzek, Sabine: ''"Wer definiert, was religiös ist?" Interview mit Hatice Kara'', ''Kieler Nachrichten'', 16.5.2015</ref> | |||
Von [[2004]] bis [[2007]] absolvierte sie ihr Referendariat im Landgerichtsbezirk Kiel bis zum 2. Juristischen Staatsexamen. Ab [[1. Juni]] [[2007]] war sie als Rechtsanwältin in der Anwaltskanzlei Kühl & Kollegin in Rendsburg mit dem Tätigkeitsschwerpunkt im Arbeits- und im Strafrecht tätig. | Von [[2004]] bis [[2007]] absolvierte sie ihr Referendariat im Landgerichtsbezirk Kiel bis zum 2. Juristischen Staatsexamen. Ab [[1. Juni]] [[2007]] war sie als Rechtsanwältin in der Anwaltskanzlei Kühl & Kollegin in Rendsburg mit dem Tätigkeitsschwerpunkt im Arbeits- und im Strafrecht tätig. | ||
Einige Jahre lang war sie Aufsichtsratsvorsitzende im Türkischen Arbeitgeber-Bund Kiel e.V..<ref>[http://www.spd-net-sh.de/rdeck/images/user_pages/07_Hatice_Kara.pdf Bewerbung]</ref> | Einige Jahre lang war sie Aufsichtsratsvorsitzende im Türkischen Arbeitgeber-Bund Kiel e.V..<ref name=":1">[http://www.spd-net-sh.de/rdeck/images/user_pages/07_Hatice_Kara.pdf Bewerbung]</ref> | ||
[[2012]] bewarb sie sich in Timmendorfer Strand erfolgreich als Bürgermeisterin. Im März [[2014]] machte sie eine Krebserkrankung öffentlich, konnte jedoch ein Jahr später ihre Amtsgeschäfte wieder aufnehmen. | [[2012]] bewarb sie sich in Timmendorfer Strand erfolgreich als Bürgermeisterin. Im März [[2014]] machte sie eine Krebserkrankung öffentlich, konnte jedoch ein Jahr später ihre Amtsgeschäfte wieder aufnehmen. [[2018]] unterlag sie ihrem parteilosen Mitbewerber. | ||
Seit Ende ihres Bürgermeisteramtes betreibt sie wieder eine Anwaltskanzlei in [[Ortsverein Rendsburg|Rendsburg]]. | |||
== Partei & Politik == | == Partei & Politik == | ||
Hatice Kara war zeitweise aktiv bei den [[Jusos]] und im Arbeitskreis Migration | Hatice Kara trat im Dezember [[2000]] in die SPD ein. Sie war zeitweise aktiv bei den [[Jusos]] und im Arbeitskreis Migration im [[Ortsverein Rendsburg]]. | ||
[[2008]] bewarb sie sich um einen Sitz als Beisitzerin im Kreisvorstand [[Kreisverband Rendsburg-Eckernförde|Rendsburg-Eckernförde]]. Dazu erklärte sie: "Mit Migrationshintergrund möchte ich in der künftigen Tätigkeit des Kreisvorstandes insbesondere zum Thema 'Integration und Migration' meine eigene Erfahrung aus verschiedenen Vereinstätigkeiten einbringen und den Blickwinkel erweitern."<ref | [[2008]] bewarb sie sich um einen Sitz als Beisitzerin im Kreisvorstand der [[Kreisverband Rendsburg-Eckernförde|SPD Rendsburg-Eckernförde]]. Dazu erklärte sie: | ||
<blockquote>"Mit Migrationshintergrund möchte ich in der künftigen Tätigkeit des Kreisvorstandes insbesondere zum Thema 'Integration und Migration' meine eigene Erfahrung aus verschiedenen Vereinstätigkeiten einbringen und den Blickwinkel erweitern."<ref name=":1" /></blockquote> | |||
== Bürgermeisterin == | == Bürgermeisterin == | ||
[[2012]] bewarb sich Hatice Kara erfolgreich als Bürgermeisterin im Ostseebad [[Ortsverein Timmendorfer Strand|Timmendorfer Strand]]. Im 1. Wahlgang lag sie leicht hinter ihrem CDU-Mitbewerber; im 2. Wahlgang am [[20. Mai]] [[2012]] erhielt sie überraschend fast 62 Prozent der abgegebenen Stimmen und wurde die erste SPD-Verwaltungschefin der Gemeinde seit [[1945]]<ref>''[http://www.kn-online.de/News/Landespolitik/Landespolitik/Rummel-um-Buergermeisterin-Hatice-Kara Rummel um Bürgermeisterin Hatice Kara]'', KN online, 29.6.2012</ref>, die zudem für ihr Amt vergleichsweise jung war. Beides trat in der Berichterstattung zurück gegenüber der Tatsache, dass sie Schleswig-Holsteins erste Bürgermeisterin muslimischen Glaubens war.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Hatice-Kara-gewinnt-Stichwahl-in-Timmendorfer-Strand Hatice Kara gewinnt Stichwahl in Timmendorfer Strand]'', LN online, 20.5.2012</ref> | [[2012]] bewarb sich Hatice Kara erfolgreich als Bürgermeisterin im Ostseebad [[Ortsverein Timmendorfer Strand|Timmendorfer Strand]]. Im 1. Wahlgang lag sie leicht hinter ihrem CDU-Mitbewerber; im 2. Wahlgang am [[20. Mai]] [[2012]] erhielt sie überraschend fast 62 Prozent der abgegebenen Stimmen und wurde die erste SPD-Verwaltungschefin der Gemeinde seit [[1945]]<ref name=":2">''[http://www.kn-online.de/News/Landespolitik/Landespolitik/Rummel-um-Buergermeisterin-Hatice-Kara Rummel um Bürgermeisterin Hatice Kara]'', ''KN online'', 29.6.2012</ref>, die zudem für ihr Amt vergleichsweise jung war. Beides trat in der Berichterstattung zurück gegenüber der Tatsache, dass sie Schleswig-Holsteins erste Bürgermeisterin muslimischen Glaubens war.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Hatice-Kara-gewinnt-Stichwahl-in-Timmendorfer-Strand Hatice Kara gewinnt Stichwahl in Timmendorfer Strand]'', ''LN online'', 20.5.2012</ref> | ||
[[Datei:LPT_2012_Neumünster_Bürgermeisterinnen.jpg|thumb|280px|right|Hatice Kara, Bettina Hagedorn, Tordis Batscheider auf dem Landesparteitag 2012 in Neumünster]] | [[Datei:LPT_2012_Neumünster_Bürgermeisterinnen.jpg|thumb|280px|right|Hatice Kara, Bettina Hagedorn, Tordis Batscheider auf dem Landesparteitag 2012 in Neumünster]] | ||
Nach ihrer Vereidigung im Juni trat sie ihr Amt am [[2. Juli]] [[2012]] an. | Nach ihrer Vereidigung im Juni trat sie ihr Amt am [[2. Juli]] [[2012]] an. In der Lokalpresse wurde ausführlich berichtet: über ihren Auftritt als Gastgeberin vor der in Timmendorfer Strand tagenden Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Muslima-spricht-zur-Eroeffnung-der-EKD-Synode Muslima spricht zur Eröffnung der EKD-Synode]'', ''LN online'', 4.11.2012</ref> oder ihre erste Trauung nach ihrer Bestellung zur Standesbeamtin<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Erste-Trauung-fuer-Buergermeisterin-Hatice-Kara Erste Trauung für Bürgermeisterin Hatice Kara]'', ''LN online'', 12.10.2013</ref>. Zusammen mit ihrer Kollegin [[Tordis Batscheider]] aus Neustadt wurde sie auch zu ihren Erfahrungen als Frau in einem solchen Amt befragt.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Maenner-und-ihre-Probleme-mit-dem-Wort-Buergermeisterin Männer und ihre Probleme mit dem Wort "Bürgermeisterin"]'', ''LN online'', 30.5.2013</ref> | ||
Nach der Kommunalwahl [[2013]] setzten sich auch in der örtlichen Selbstverwaltung Frauen an die Spitze, die einen neuen Politikstil in die Arbeit bringen wollten.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Frauen-an-der-Macht-Bekommt-Timmendorf-einen-neuen-Politikstil Frauen an der Macht: Bekommt Timmendorf einen neuen Politikstil?]'', ''LN online'', 21.6.2013</ref> | |||
Als Bürgermeisterin trat Hatice Kara für die gleichzeitige Fertigstellung der festen Fehmarnbelt-Querung und der Hinterlandanbindung auf deutscher Seite ein. Sie befürchtete sonst eine nachhaltige Schädigung der über Jahre aufgebauten Tourismuswirtschaft durch den Güterverkehr der Bahn, der dann noch auf einige Zeit durch die Ostseebäder geführt werden müsse und die Touristen möglicherweise dauerhaft verjagen werde.<ref name=":0" /> | |||
In den Monaten vor ihrer erneuten Kandidatur [[2018]] entwickelte sich in der Gemeindevertretung eine Kontroverse um ein künftiges Baugebiet, in deren Verlauf sich die Bürgermeisterin einer "Schmutzkampagne" ausgesetzt sah. <blockquote>"Sie als Bürgermeisterin habe die Interessen der Gemeinde zu vertreten und tue das in der Interessenabwägung zwischen dem Wohlergehen der Gemeinde und den grundsätzlichen Interessen ihrer Bürger. Kara sprach von Verunglimpfungen, Fehlinterpretationen und bewussten falschen Behauptungen. [...] Sie sei sich sicher, dass die neue Gemeindevertretung dem [von ihr ausgehandelten] Vertragsangebot zustimmt."<ref>sas: ''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Kara-sieht-Schmutzkampagne Kara sieht „Schmutzkampagne“]'', ''LN online'', 20.4.2018</ref></blockquote> | |||
Die Wiederwahl gelang | Die Wiederwahl gelang nicht. Am [[6. Mai]] [[2018]] unterlag Hatice Kara in der Stichwahl - mit immerhin noch 41,4 % - ihrem parteilosen Gegenkandidaten, der die "geballte[...] Macht von drei Parteien und der Timmendorfer Wirtschaftsvereinigung (Aktivgruppe), hinter sich"<ref name=":3" /> hatte - Kräfte, die zum großen Teil Hatice Karas Kandidatur sechs Jahre zuvor unterstützt hatten. Dies nach einem "Wahlkampf, der streckenweise einer Schlammschlacht glich, was nicht den Kandidaten anzulasten ist."<ref name=":3">Peyronnet, Susanne: ''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Buergermeisterwahl-in-Timmendorfer-Strand-Debakel-von-Hatice-Kara-war-abzusehen Die Politik macht nicht der Bürgermeister]'', ''LN online'', 6.5.2018</ref> | ||
Die Lokalpresse zog den Schluss: | Die Lokalpresse zog den Schluss: | ||
<blockquote>"Direktwahlen für das Bürgermeisteramt kranken daran, dass die Wähler einem Trugschluss erliegen. Die Politik macht eben nicht der Bürgermeister, sondern die Kommunalpolitik. Das musste Hatice Kara leidvoll erfahren, als ihr das Versagen der Politik angelastet wurde".<ref name=":3" /></blockquote> | |||
Und die ''taz'' | Und die ''taz'' fasste zusammen: | ||
<blockquote>"Jung, weiblich, ledig, muslimisch, gebürtige Türkin – mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hatte die Rechtsanwältin aus Rendsburg vor sechs Jahren. Doch der Frust über die seit Jahrzehnten dominierende CDU war damals so groß geworden [...], dass ihr der Einzug ins Rathaus gelang. Seitdem ging vieles schief. [...] einsame Entscheidungen werden Kara nachgesagt, wo Männern meist Führungsstärke attestiert wird. [...] Kara geht mit Verbitterung. Ihrem Nachfolger Wagner gratulierte sie mit den Worten: 'Ich wünsche Ihnen viel Spaß hier. Mal sehen, ob Sie den haben.'"<ref>Veit, Sven-Michael: ''[http://www.taz.de/!5501405/ Hatice Kara tritt verbittert ab]'', ''taz'', 9.5.2018</ref></blockquote> | |||
=== Glaube === | === Glaube === | ||
Hatice Kara fand es ärgerlich, dass bei Bewerbung und Wahl ihre Zugehörigkeit zum muslimischen Glauben vor allem anderen betont wurde. Sie sah sich dadurch "'auf meine Religionszugehörigkeit reduziert' [...] Sie sei nicht sonderlich religiös, ihre Verbindung zum Islam sei ähnlich intensiv wie die vieler Christen zu ihrer Religion."<ref | Hatice Kara fand es ärgerlich, dass bei Bewerbung und Wahl ihre Zugehörigkeit zum muslimischen Glauben vor allem anderen betont wurde. Sie sah sich dadurch "'auf meine Religionszugehörigkeit reduziert' [...] Sie sei nicht sonderlich religiös, ihre Verbindung zum Islam sei ähnlich intensiv wie die vieler Christen zu ihrer Religion."<ref name=":2" /> Drei Jahre später bilanzierte sie: | ||
<blockquote>"Es war für mich ein Lernprozess zu verstehen, dass ich vielleicht tatsächlich eine Vorbildfunktion habe und anderen Mut machen kann zu mehr Teilhabe. [...] Eine muslimische Bürgermeisterin ist da doch mal etwas Positives."<ref name=":0" /></blockquote> | |||
Diese Vorbildfunktion nahm sie unter anderem wahr durch den Besuch eines Kongresses in Gaziantep/Türkei im Vorfeld der türkischen Parlamentswahlen, wo sie über ihren Weg in der deutschen Politik berichtete.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Timmendorfs-Buergermeisterin-ermutigt-Frauen-in-der-Tuerkei Timmendorfs Bürgermeisterin ermutigt Frauen in der Türkei]'', ''LN'' online, 30.5.2013, im Februar 2026 nicht mehr abrufbar.</ref> | |||
Sie setzte sich auch für die Aufnahme eines Gottesbezuges in die schleswig-holsteinische Verfassung ein<ref>''[http://www.shz.de/schleswig-holstein/panorama/muslimische-buergermeisterin-kaempft-fuer-gottesbezug-id9215561.html Muslimische Bürgermeisterin kämpft für Gottesbezug]'', sh.z, 15.3.2015</ref>. in Form einer "Demutsformel, die darauf hinweist, wo wir alle letztlich herkommen". Daraus dürfe sich aber | |||
<blockquote>"kein politisches Mitspracherecht für religiöse Gruppen legitimieren oder herleiten lassen. Die Trennung von Staat und Religion steht für mich außer Frage. [...] Die Werte, die Eingang in unsere Verfassung gefunden haben, ergeben sich für die einen aus der säkularen, für die anderen aus der religiösen Sphäre."<ref name=":0" /></blockquote> | |||
=== Erkrankung === | |||
Dass die Bürgermeisterin als Mensch und als Verwaltungschefin im Ort mittlerweile voll anerkannt war, machten die Reaktionen auf die Nachricht von ihrer Krebserkrankung deutlich, mit der sie "offensiv und positiv" umging.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Buergermeisterin-Hatice-Kara-schwer-erkrankt Bürgermeisterin Hatice Kara schwer erkrankt]'', LN online, 17.3.2014</ref> Nach erfolgreicher Behandlung, während der sie von der stellvertretenden Bürgermeisterin Gudula Bauer (CDU) vertreten wurde, nahm sie ab März [[2015]] schrittweise die Amtsgeschäfte wieder auf.<ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Hatice-Kara-kehrt-zurueck-an-ihren-Schreibtisch Hatice Kara kehrt zurück an ihren Schreibtisch]'', LN online, 11.12.2014</ref><ref>''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Rueckkehr-an-den-Schreibtisch Rückkehr an den Schreibtisch]'', LN online, 9.3.2015</ref> Zu ihrem Vorgehen erklärte sie: | |||
<blockquote>"Das passte zu meinen Vorstellungen von Transparenz und Bürgernähe. [...] die Leute hätten sich gefragt, wo ich geblieben bin. Sie hatten ein Recht, es zu erfahren."</blockquote> Ihre Erkrankung führte sie nicht zuletzt darauf zurück, dass sie ausschließlich an ihre Arbeit und nicht an sich gedacht habe.<ref name=":0" /> | |||
== Literatur & Links == | == Literatur & Links == | ||
*Susanne | *Peyronnet, Susanne: ''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Buergermeisterwahl-in-Timmendorfer-Strand-Debakel-von-Hatice-Kara-war-abzusehen Die Politik macht nicht der Bürgermeister]'', ''LN online'', 6.5.2018 (Bezahlschranke) | ||
*sas: ''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Kara-sieht-Schmutzkampagne Kara sieht „Schmutzkampagne“]'', ''LN online'', 20.4.2018 | *sas: ''[http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Kara-sieht-Schmutzkampagne Kara sieht „Schmutzkampagne“]'', ''LN online'', 20.4.2018 (Bezahlschranke) | ||
* | *Spatzek, Sabine: ''"Wer definiert, was religiös ist?" Interview mit Hatice Kara'', ''Kieler Nachrichten'', 16.5.2015 | ||
== | == Einzelnachweise == | ||
<references /> | <references /> | ||
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[[Kategorie:Kreisverband Ostholstein | [[Kategorie:Kreisverband Ostholstein]] | ||
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[[Kategorie:Kreisverband Rendsburg-Eckernförde]] | |||
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Aktuelle Version vom 23. Februar 2026, 09:32 Uhr
| Hatice Kara |
Hatice Kara, * 9. Juli 1979 in Karaman/Türkei; Rechtsanwältin. Seit 2000 Mitglied der SPD.
Werdegang
Im August 1980 zog die Familie von Karaman, ca. 350 km östlich von Antalya, nach Rendsburg um, wo die sechs Geschwister aufwuchsen. Der Vater war zunächst bei HDW in Kiel tätig. Den Eltern war sehr daran gelegen, allen Kindern mit einer soliden Ausbildung eine gute Zukunft zu ermöglichen. 1999 machte Hatice Kara ihr Abitur an der Herderschule in Rendsburg, nahm dann an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein Studium der Rechtswissenschaften auf, das sie 2004 mit dem 1. Juristischen Staatsexamen abschloss. Auch vier ihrer Geschwister haben studiert.
Seit 2003 ist sie vereidigte Dolmetscherin im Landgerichtsbezirk Kiel für die Sprachen Deutsch und Türkisch.
Sie sieht sich selbst als Schleswig-Holsteinerin mit türkischen Wurzeln.[1]
Von 2004 bis 2007 absolvierte sie ihr Referendariat im Landgerichtsbezirk Kiel bis zum 2. Juristischen Staatsexamen. Ab 1. Juni 2007 war sie als Rechtsanwältin in der Anwaltskanzlei Kühl & Kollegin in Rendsburg mit dem Tätigkeitsschwerpunkt im Arbeits- und im Strafrecht tätig.
Einige Jahre lang war sie Aufsichtsratsvorsitzende im Türkischen Arbeitgeber-Bund Kiel e.V..[2]
2012 bewarb sie sich in Timmendorfer Strand erfolgreich als Bürgermeisterin. Im März 2014 machte sie eine Krebserkrankung öffentlich, konnte jedoch ein Jahr später ihre Amtsgeschäfte wieder aufnehmen. 2018 unterlag sie ihrem parteilosen Mitbewerber.
Seit Ende ihres Bürgermeisteramtes betreibt sie wieder eine Anwaltskanzlei in Rendsburg.
Partei & Politik
Hatice Kara trat im Dezember 2000 in die SPD ein. Sie war zeitweise aktiv bei den Jusos und im Arbeitskreis Migration im Ortsverein Rendsburg.
2008 bewarb sie sich um einen Sitz als Beisitzerin im Kreisvorstand der SPD Rendsburg-Eckernförde. Dazu erklärte sie:
"Mit Migrationshintergrund möchte ich in der künftigen Tätigkeit des Kreisvorstandes insbesondere zum Thema 'Integration und Migration' meine eigene Erfahrung aus verschiedenen Vereinstätigkeiten einbringen und den Blickwinkel erweitern."[2]
Bürgermeisterin
2012 bewarb sich Hatice Kara erfolgreich als Bürgermeisterin im Ostseebad Timmendorfer Strand. Im 1. Wahlgang lag sie leicht hinter ihrem CDU-Mitbewerber; im 2. Wahlgang am 20. Mai 2012 erhielt sie überraschend fast 62 Prozent der abgegebenen Stimmen und wurde die erste SPD-Verwaltungschefin der Gemeinde seit 1945[3], die zudem für ihr Amt vergleichsweise jung war. Beides trat in der Berichterstattung zurück gegenüber der Tatsache, dass sie Schleswig-Holsteins erste Bürgermeisterin muslimischen Glaubens war.[4]

Nach ihrer Vereidigung im Juni trat sie ihr Amt am 2. Juli 2012 an. In der Lokalpresse wurde ausführlich berichtet: über ihren Auftritt als Gastgeberin vor der in Timmendorfer Strand tagenden Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands[5] oder ihre erste Trauung nach ihrer Bestellung zur Standesbeamtin[6]. Zusammen mit ihrer Kollegin Tordis Batscheider aus Neustadt wurde sie auch zu ihren Erfahrungen als Frau in einem solchen Amt befragt.[7]
Nach der Kommunalwahl 2013 setzten sich auch in der örtlichen Selbstverwaltung Frauen an die Spitze, die einen neuen Politikstil in die Arbeit bringen wollten.[8]
Als Bürgermeisterin trat Hatice Kara für die gleichzeitige Fertigstellung der festen Fehmarnbelt-Querung und der Hinterlandanbindung auf deutscher Seite ein. Sie befürchtete sonst eine nachhaltige Schädigung der über Jahre aufgebauten Tourismuswirtschaft durch den Güterverkehr der Bahn, der dann noch auf einige Zeit durch die Ostseebäder geführt werden müsse und die Touristen möglicherweise dauerhaft verjagen werde.[1]
In den Monaten vor ihrer erneuten Kandidatur 2018 entwickelte sich in der Gemeindevertretung eine Kontroverse um ein künftiges Baugebiet, in deren Verlauf sich die Bürgermeisterin einer "Schmutzkampagne" ausgesetzt sah.
"Sie als Bürgermeisterin habe die Interessen der Gemeinde zu vertreten und tue das in der Interessenabwägung zwischen dem Wohlergehen der Gemeinde und den grundsätzlichen Interessen ihrer Bürger. Kara sprach von Verunglimpfungen, Fehlinterpretationen und bewussten falschen Behauptungen. [...] Sie sei sich sicher, dass die neue Gemeindevertretung dem [von ihr ausgehandelten] Vertragsangebot zustimmt."[9]
Die Wiederwahl gelang nicht. Am 6. Mai 2018 unterlag Hatice Kara in der Stichwahl - mit immerhin noch 41,4 % - ihrem parteilosen Gegenkandidaten, der die "geballte[...] Macht von drei Parteien und der Timmendorfer Wirtschaftsvereinigung (Aktivgruppe), hinter sich"[10] hatte - Kräfte, die zum großen Teil Hatice Karas Kandidatur sechs Jahre zuvor unterstützt hatten. Dies nach einem "Wahlkampf, der streckenweise einer Schlammschlacht glich, was nicht den Kandidaten anzulasten ist."[10]
Die Lokalpresse zog den Schluss:
"Direktwahlen für das Bürgermeisteramt kranken daran, dass die Wähler einem Trugschluss erliegen. Die Politik macht eben nicht der Bürgermeister, sondern die Kommunalpolitik. Das musste Hatice Kara leidvoll erfahren, als ihr das Versagen der Politik angelastet wurde".[10]
Und die taz fasste zusammen:
"Jung, weiblich, ledig, muslimisch, gebürtige Türkin – mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hatte die Rechtsanwältin aus Rendsburg vor sechs Jahren. Doch der Frust über die seit Jahrzehnten dominierende CDU war damals so groß geworden [...], dass ihr der Einzug ins Rathaus gelang. Seitdem ging vieles schief. [...] einsame Entscheidungen werden Kara nachgesagt, wo Männern meist Führungsstärke attestiert wird. [...] Kara geht mit Verbitterung. Ihrem Nachfolger Wagner gratulierte sie mit den Worten: 'Ich wünsche Ihnen viel Spaß hier. Mal sehen, ob Sie den haben.'"[11]
Glaube
Hatice Kara fand es ärgerlich, dass bei Bewerbung und Wahl ihre Zugehörigkeit zum muslimischen Glauben vor allem anderen betont wurde. Sie sah sich dadurch "'auf meine Religionszugehörigkeit reduziert' [...] Sie sei nicht sonderlich religiös, ihre Verbindung zum Islam sei ähnlich intensiv wie die vieler Christen zu ihrer Religion."[3] Drei Jahre später bilanzierte sie:
"Es war für mich ein Lernprozess zu verstehen, dass ich vielleicht tatsächlich eine Vorbildfunktion habe und anderen Mut machen kann zu mehr Teilhabe. [...] Eine muslimische Bürgermeisterin ist da doch mal etwas Positives."[1]
Diese Vorbildfunktion nahm sie unter anderem wahr durch den Besuch eines Kongresses in Gaziantep/Türkei im Vorfeld der türkischen Parlamentswahlen, wo sie über ihren Weg in der deutschen Politik berichtete.[12]
Sie setzte sich auch für die Aufnahme eines Gottesbezuges in die schleswig-holsteinische Verfassung ein[13]. in Form einer "Demutsformel, die darauf hinweist, wo wir alle letztlich herkommen". Daraus dürfe sich aber
"kein politisches Mitspracherecht für religiöse Gruppen legitimieren oder herleiten lassen. Die Trennung von Staat und Religion steht für mich außer Frage. [...] Die Werte, die Eingang in unsere Verfassung gefunden haben, ergeben sich für die einen aus der säkularen, für die anderen aus der religiösen Sphäre."[1]
Erkrankung
Dass die Bürgermeisterin als Mensch und als Verwaltungschefin im Ort mittlerweile voll anerkannt war, machten die Reaktionen auf die Nachricht von ihrer Krebserkrankung deutlich, mit der sie "offensiv und positiv" umging.[14] Nach erfolgreicher Behandlung, während der sie von der stellvertretenden Bürgermeisterin Gudula Bauer (CDU) vertreten wurde, nahm sie ab März 2015 schrittweise die Amtsgeschäfte wieder auf.[15][16] Zu ihrem Vorgehen erklärte sie:
"Das passte zu meinen Vorstellungen von Transparenz und Bürgernähe. [...] die Leute hätten sich gefragt, wo ich geblieben bin. Sie hatten ein Recht, es zu erfahren."
Ihre Erkrankung führte sie nicht zuletzt darauf zurück, dass sie ausschließlich an ihre Arbeit und nicht an sich gedacht habe.[1]
Literatur & Links
- Peyronnet, Susanne: Die Politik macht nicht der Bürgermeister, LN online, 6.5.2018 (Bezahlschranke)
- sas: Kara sieht „Schmutzkampagne“, LN online, 20.4.2018 (Bezahlschranke)
- Spatzek, Sabine: "Wer definiert, was religiös ist?" Interview mit Hatice Kara, Kieler Nachrichten, 16.5.2015
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Spatzek, Sabine: "Wer definiert, was religiös ist?" Interview mit Hatice Kara, Kieler Nachrichten, 16.5.2015
- ↑ 2,0 2,1 Bewerbung
- ↑ 3,0 3,1 Rummel um Bürgermeisterin Hatice Kara, KN online, 29.6.2012
- ↑ Hatice Kara gewinnt Stichwahl in Timmendorfer Strand, LN online, 20.5.2012
- ↑ Muslima spricht zur Eröffnung der EKD-Synode, LN online, 4.11.2012
- ↑ Erste Trauung für Bürgermeisterin Hatice Kara, LN online, 12.10.2013
- ↑ Männer und ihre Probleme mit dem Wort "Bürgermeisterin", LN online, 30.5.2013
- ↑ Frauen an der Macht: Bekommt Timmendorf einen neuen Politikstil?, LN online, 21.6.2013
- ↑ sas: Kara sieht „Schmutzkampagne“, LN online, 20.4.2018
- ↑ 10,0 10,1 10,2 Peyronnet, Susanne: Die Politik macht nicht der Bürgermeister, LN online, 6.5.2018
- ↑ Veit, Sven-Michael: Hatice Kara tritt verbittert ab, taz, 9.5.2018
- ↑ Timmendorfs Bürgermeisterin ermutigt Frauen in der Türkei, LN online, 30.5.2013, im Februar 2026 nicht mehr abrufbar.
- ↑ Muslimische Bürgermeisterin kämpft für Gottesbezug, sh.z, 15.3.2015
- ↑ Bürgermeisterin Hatice Kara schwer erkrankt, LN online, 17.3.2014
- ↑ Hatice Kara kehrt zurück an ihren Schreibtisch, LN online, 11.12.2014
- ↑ Rückkehr an den Schreibtisch, LN online, 9.3.2015

