Januarstreik: Unterschied zwischen den Versionen

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Der '''Januarstreik 1918''' war ein reichsweiter Massenstreik, der sich gegen den [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] und die katastrophalen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse richtete. In Schleswig-Holstein begann der Streik bereits am [[25. Januar]] [[1918]] in Kiel und dauerte bis zum [[1. Februar]] [[1918]] (Berlin 28.1. - 3.2.). Im Verlauf des Streiks traten im gesamten Deutschen Reich rund 530.000 Industriearbeiter und -arbeiterinnen in mindestens 69 deutschen Städten und Gemeinden in den Streik. In Kiel waren es 7.000 Arbeiterinnen und Arbeiter.
Der '''Januarstreik 1918''' war ein reichsweiter Massenstreik, der sich gegen den [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] und die katastrophalen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse richtete. In Schleswig-Holstein begann der Streik bereits am [[25. Januar]] [[1918]] in Kiel und dauerte bis zum [[1. Februar]] [[1918]] (Berlin 28.1. - 3.2.). Im Verlauf des Streiks traten im gesamten Deutschen Reich rund 530.000 Industriearbeiter und -arbeiterinnen in mindestens 69 deutschen Städten und Gemeinden in den Streik. In Kiel waren es mindestens 21.000 Arbeiterinnen und Arbeiter.


Organisiert wurde er vor allem von der [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)|Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD)]] und den Revolutionären Obleuten, einer Gruppe von Kriegsgegnern und radikalen Arbeitern, die sich gegen die ''Burgfriedenspolitik'' der [[MSPD|SPD]] stellten. Auf einer internationalen Konferenz sozialistischer Parteien in Stockholm im September [[1917]]<ref>{{Wikipedia|NAME=Zimmerwalder Konferenz}}</ref> hatte die USPD beschlossen, sich für den Frieden durch große Protestbewegungen einzusetzen. Die Führung der USPD plante den Streik als einen dreitägigen "''Demonstrationsstreik''", um die deutsche Regierung unter Druck zu setzen.<ref name=":0">Ziemann, Benjamin, [https://collections.fes.de/archiv-fuer-sozialgeschichte/periodical/titleinfo/1814538 ''Der Januarstreik 1918 – eine Generalprobe der Novemberrevolution?''] Erster Teil, in: Archiv für Sozialgeschichte 65 (2025), S. 309–366.</ref>
Organisiert wurde er vor allem von der [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)|Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD)]] und den Revolutionären Obleuten, einer Gruppe von Kriegsgegnern und radikalen Arbeitern, die sich gegen die ''Burgfriedenspolitik'' der [[MSPD|SPD]] stellten. Auf einer internationalen Konferenz sozialistischer Parteien in Stockholm im September [[1917]]<ref>{{Wikipedia|NAME=Zimmerwalder Konferenz}}</ref> hatte die USPD beschlossen, sich für den Frieden durch große Protestbewegungen einzusetzen. Die Führung der USPD plante den Streik als einen dreitägigen "''Demonstrationsstreik''", um die deutsche Regierung unter Druck zu setzen.<ref name=":0">Ziemann, Benjamin, [https://collections.fes.de/archiv-fuer-sozialgeschichte/periodical/titleinfo/1814538 ''Der Januarstreik 1918 – eine Generalprobe der Novemberrevolution?''] Erster Teil, in: Archiv für Sozialgeschichte 65 (2025), S. 309–366.</ref>
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==Kiel==
==Kiel==
In Kiel begann der Streik bereits am [[25. Januar]] in der ''Torpedowerkstatt'' mit 4.000 Teilnehmenden, in der die [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)|USPD]] großen Einfluss hatten. Hier gab es einen konkreten Anlass: mehrere Vertrauensleute sollten zum Militär einberufen werden. Das Problem wurde war schnell zur Zufriedenheit der Arbeiter gelöst, aber diese streikten weiter. In den folgenden Tagen schlossen sich die ''Germaniawerft'' und weitere Kieler Großbetriebe sowie Zulieferbetriebe für die Werften dem Streik an. Insgesamt beteiligten sich in Kiel gut 7.000 Menschen an dem Arbeitskampf.<ref name=":1">Kuhl, Klaus: ''[http://www.kurkuhl.de/docs/januarstreik-1918_kuhl_2018.pdf Januarstreik 1918]'', 2018</ref>  
In Kiel begann der Streik bereits am Freitag, den [[25. Januar]] in der ''Torpedowerkstatt'' mit 4.000 Teilnehmenden, in der die [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)|USPD]] großen Einfluss hatten. Hier gab es einen konkreten Anlass: mehrere Vertrauensleute sollten zum Militär einberufen werden. Das Problem wurde war schnell zur Zufriedenheit der Arbeiter gelöst, aber diese streikten weiter. In den folgenden Tagen schlossen sich die ''Germaniawerft'' und weitere Kieler Großbetriebe sowie Zulieferbetriebe für die Werften dem Streik an. Insgesamt beteiligten sich in Kiel gut 7.000 Menschen an dem Arbeitskampf.<ref name=":1">Kuhl, Klaus: ''[http://www.kurkuhl.de/docs/januarstreik-1918_kuhl_2018.pdf Januarstreik 1918]'', 2018</ref>  


Der Kieler Arbeiter Nicolaus Andersen, der als Ingenieur auf der ''Germaniawerft'' arbeitete, vermerkte in seinem Tagebuch für den [[26. Januar]]: "Die Arbeiter gehen um 10 Uhr nach Hause. Es soll ein allgemeiner Streik organisiert werden als Sympathiestreik für die Österreicher und für alle kriegführenden Länder.“<ref name=":2">Kuhl, Klaus: ''[http://www.kurkuhl.de/docs/tagebuch_werft-konstrukteur_1917-1919.pdf N. Andersen, Tagebuch 1917-1919]'', 2019</ref>
Der Kieler Arbeiter Nicolaus Andersen, der als Ingenieur auf der ''Germaniawerft'' arbeitete, vermerkte in seinem Tagebuch für Sonnabend, den [[26. Januar]]: "Die Arbeiter gehen um 10 Uhr nach Hause. Es soll ein allgemeiner Streik organisiert werden als Sympathiestreik für die Österreicher und für alle kriegführenden Länder.“<ref name=":2">Kuhl, Klaus: ''[http://www.kurkuhl.de/docs/tagebuch_werft-konstrukteur_1917-1919.pdf N. Andersen, Tagebuch 1917-1919]'', 2019</ref>
[[Datei:Lothar popp mid-1920s.jpg|mini|Lothar Popp, 1920er]]
[[Datei:Lothar popp mid-1920s.jpg|mini|Lothar Popp, 1920er]]
An diesem Tag fand auf dem [[Historische Orte der Kieler Sozialdemokratie|Wilhelmplatz in Kiel]] eine Versammlung statt. Die USPD-Mitglieder [[Emil Theil]], [[Heinrich Strunk]] und [[Lothar Popp]] hielten Reden, und die Streikenden wählten einen Arbeiterrat. [[Lothar Popp]] wurde dessen Vorsitzender, und für die ''Germaniawerft'' wurden zehn Vertreter gewählt.
An diesem Tag fand auf dem [[Historische Orte der Kieler Sozialdemokratie|Wilhelmplatz in Kiel]] eine Versammlung statt. Die USPD-Mitglieder [[Emil Theil]], [[Heinrich Strunk]] und [[Lothar Popp]] hielten Reden, und die Streikenden wählten einen Arbeiterrat. [[Lothar Popp]] wurde dessen Vorsitzender, und für die ''Germaniawerft'' wurden zehn Vertreter gewählt.
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Nicolaus Andersen vermerkte in seinem Tagebuch für die folgenden Tage:<ref name=":2" />
Nicolaus Andersen vermerkte in seinem Tagebuch für die folgenden Tage:<ref name=":2" />


*[[28. Januar]]: "Die [Germania] Werft wurde am Sonnabend gleich von Soldaten besetzt. Heute sind an fast allen Läden Posten gestellt. Marine und Infanterie. Sehr starke Patrouillen durchziehen die Stadt. Der Wilhelmplatz ist mit Maschinengewehren besetzt. Einige Aufregung."
*Montag, [[28. Januar]]: "Die [Germania] Werft wurde am Sonnabend gleich von Soldaten besetzt. Heute sind an fast allen Läden Posten gestellt. Marine und Infanterie. Sehr starke Patrouillen durchziehen die Stadt. Der Wilhelmplatz ist mit Maschinengewehren besetzt. Einige Aufregung." Weitere Arbeiter der Kaiserlichen Werft (8.000), der Howaldtswerke (1.200), von Bohn & Kähler (1.200) sowie von Neufeldt & Kuhnke (600) schlossen sich dem Streik an.
*[[29. Januar]]: "Sehr starke Patrouillen marschieren an der Werft und in der Stadt herum - Matrosen und Soldaten. Die Arbeiter haben heute in allen großen Sälen Versammlung. Auch im Kaisersaal."
*Dienstag, [[29. Januar]]: "Sehr starke Patrouillen marschieren an der Werft und in der Stadt herum - Matrosen und Soldaten. Die Arbeiter haben heute in allen großen Sälen Versammlung. Auch im Kaisersaal."
*[[30. Januar]]: "Die Streikenden halten wieder Versammlungen ab. In Berlin streiken 400.000 Mann<ref>Das ist wohl die Propaganda der USPD gewesen, die diese Zahl in Umlauf gebracht hat.</ref>. Die Läden in [[Kreisverband Kiel|Kiel]] werden bewacht. Im Keller der Gebäude bei uns [auf der Germaniawerft] sind starke Soldatenwachen. In vielen Städten Deutschlands wird gestreikt. Die Berliner großen Zeitungen nehmen an dem Streik teil und erscheinen nicht."
*Mittwoch, [[30. Januar]]: "Die Streikenden halten wieder Versammlungen ab. In Berlin streiken 400.000 Mann<ref>Das ist wohl die Propaganda der USPD gewesen, die diese Zahl in Umlauf gebracht hat.</ref>. Die Läden in [[Kreisverband Kiel|Kiel]] werden bewacht. Im Keller der Gebäude bei uns [auf der Germaniawerft] sind starke Soldatenwachen. In vielen Städten Deutschlands wird gestreikt. Die Berliner großen Zeitungen nehmen an dem Streik teil und erscheinen nicht." 30.000 Menschen auf dem [[Historische Orte der Kieler Sozialdemokratie|Wilhelmplatz]] beschlossen eine Resolution, die sich an den Reichskanzler richtete und sieben Forderungen, bis hin zur Auflösung des Preußischen Abgeordnetenhauses und Neuwahlen, enthielt.
*[[31. Januar]]: "Die Arbeiter stehen in Gruppen vor den Sälen. Sie werden von Bezirksfeldwebel in der Frühstückspause aufgeschrieben."
*Donnerstag, [[31. Januar]]: "Die Arbeiter stehen in Gruppen vor den Sälen. Sie werden von Bezirksfeldwebel in der Frühstückspause aufgeschrieben."
*[[1. Februar]]: "Die Arbeiter fangen zum größten Teil wieder an. Die Wachen werden zurückgezogen."
*Freitag, [[1. Februar]]: "Die Arbeiter fangen zum größten Teil wieder an. Die Wachen werden zurückgezogen."


Damit endet der Streik in Kiel, ohne dass die Arbeiterschaft ihre Ziele erreichen konnte.
Damit endet der Streik in Kiel, ohne dass die Arbeiterschaft ihre Ziele erreichen konnte.
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==Ergebnis==
==Ergebnis==
Die [[USPD]] scheiterte in vielen ihrer Hochburgen mit der Mobilisierung. Erst mit Hilfe der [[MSPD|SPD]] gelang es ihr, Arbeiter zum Streik zu bewegen. Selbst in der [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)|USPD-Führung]] galt der Streik als "Fiasko" - die Enttäuschung darüber bremste ihre politische Arbeit noch bis zum Sommer [[1918]]. Für einen echt durchschlagenden Erfolg fehlte dem Streik nicht nur der breite Rückhalt in der Arbeiterschaft, sondern vor allem die bewaffneten Soldaten und Matrosen.<ref name=":0" /> Den sollte es erst im November beim [[Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand]] geben. Der verfügte über die Kraft, die zur [[Novemberrevolution]] und dem Ende von Krieg und Kaiserreich führte.
Während des Ersten Weltkriegs gab es bereits zwei große Streikwellen:
 
* Juni [[1916]]: Der Liebknechtstreik in Berlin protestierte gegen die Verhaftung von Karl Liebknecht, einem bekannten Kriegsgegner.
* April [[1917]]: Der „Brotstreik“ breitete sich überregional aus und richtete sich gegen die schlechte Lebensmittelversorgung.
 
Der Januarstreik [[1918]] ging noch einen Schritt weiter: Er war nicht nur ein reichsweiter Protest, sondern es wurden erstmals Arbeiterräte gebildet und politische Forderungen gestellt.
 
Die [[USPD]] scheiterte in vielen ihrer Hochburgen mit der Mobilisierung. Erst mit Hilfe der [[MSPD|SPD]] gelang es ihr, Arbeiter zum Streik zu bewegen. Selbst in der [[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)|USPD-Führung]] galt der Streik als "Fiasko" - die Enttäuschung darüber bremste ihre politische Arbeit noch bis zum Sommer [[1918]].
 
Damit war der Januarstreik ein Vorbote der [[Novemberrevolution]] - die späteren Arbeiter- und Soldatenräte bauten direkt auf diesen Erfahrungen auf. Für einen echt durchschlagenden Erfolg fehlte dem Streik jedoch nicht nur der breite Rückhalt in der Arbeiterschaft, sondern vor allem die bewaffneten Soldaten und Matrosen.<ref name=":0" /> Den sollte es erst im November beim [[Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand]] geben. Der verfügte über die Kraft, die zur [[Novemberrevolution]] und dem Ende von Krieg und Kaiserreich führte.


==Literatur==
==Literatur==

Version vom 1. März 2026, 16:28 Uhr

Germaniawerft, 1902

Der Januarstreik 1918 war ein reichsweiter Massenstreik, der sich gegen den Ersten Weltkrieg und die katastrophalen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse richtete. In Schleswig-Holstein begann der Streik bereits am 25. Januar 1918 in Kiel und dauerte bis zum 1. Februar 1918 (Berlin 28.1. - 3.2.). Im Verlauf des Streiks traten im gesamten Deutschen Reich rund 530.000 Industriearbeiter und -arbeiterinnen in mindestens 69 deutschen Städten und Gemeinden in den Streik. In Kiel waren es mindestens 21.000 Arbeiterinnen und Arbeiter.

Organisiert wurde er vor allem von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und den Revolutionären Obleuten, einer Gruppe von Kriegsgegnern und radikalen Arbeitern, die sich gegen die Burgfriedenspolitik der SPD stellten. Auf einer internationalen Konferenz sozialistischer Parteien in Stockholm im September 1917[1] hatte die USPD beschlossen, sich für den Frieden durch große Protestbewegungen einzusetzen. Die Führung der USPD plante den Streik als einen dreitägigen "Demonstrationsstreik", um die deutsche Regierung unter Druck zu setzen.[2]

In Österreich-Ungarn hatten die Arbeiter bereits am 5. Januar begonnen zu streiken. Der dortige "Jännerstreik"[3] endete allerdings, bevor der Streik in Deutschland beginnen sollte am 25. Januar.

400.000 Arbeiterinnen und Arbeiter wollte die USPD alleine in Berlin am 28. Januar mobilisieren. Es wurden nur knapp über 60.000. Erst als sich die rund 400 Berliner Fabrikdelegierten am Nachmittag des 28. Januar versammelten und mit großer Mehrheit beschlossen, drei Vertreter der Mehrheits-SPD - darunter Friedrich Ebert - sowie drei Vertreter der USPD in die Streikleitung zu wählen, nahm die Beteiligung am Streik deutlich zu. Auf dem Höhepunkt der Proteste legten etwa 250.000 Berliner Arbeiter die Arbeit nieder.

Die USPD hatte den Streik zwar geplant und vorbereitet, war jedoch nicht in der Lage, ihn alleine durchzuführen. In vielen anderen Städten mit starker Streikbeteiligung zeigte sich ein ähnliches Bild - so auch in Kiel.[2]

Kiel

In Kiel begann der Streik bereits am Freitag, den 25. Januar in der Torpedowerkstatt mit 4.000 Teilnehmenden, in der die USPD großen Einfluss hatten. Hier gab es einen konkreten Anlass: mehrere Vertrauensleute sollten zum Militär einberufen werden. Das Problem wurde war schnell zur Zufriedenheit der Arbeiter gelöst, aber diese streikten weiter. In den folgenden Tagen schlossen sich die Germaniawerft und weitere Kieler Großbetriebe sowie Zulieferbetriebe für die Werften dem Streik an. Insgesamt beteiligten sich in Kiel gut 7.000 Menschen an dem Arbeitskampf.[4]

Der Kieler Arbeiter Nicolaus Andersen, der als Ingenieur auf der Germaniawerft arbeitete, vermerkte in seinem Tagebuch für Sonnabend, den 26. Januar: "Die Arbeiter gehen um 10 Uhr nach Hause. Es soll ein allgemeiner Streik organisiert werden als Sympathiestreik für die Österreicher und für alle kriegführenden Länder.“[5]

Lothar Popp, 1920er

An diesem Tag fand auf dem Wilhelmplatz in Kiel eine Versammlung statt. Die USPD-Mitglieder Emil Theil, Heinrich Strunk und Lothar Popp hielten Reden, und die Streikenden wählten einen Arbeiterrat. Lothar Popp wurde dessen Vorsitzender, und für die Germaniawerft wurden zehn Vertreter gewählt.

Schon am nächsten Tag wurden die drei Redner verhaftet.

Nicolaus Andersen vermerkte in seinem Tagebuch für die folgenden Tage:[5]

  • Montag, 28. Januar: "Die [Germania] Werft wurde am Sonnabend gleich von Soldaten besetzt. Heute sind an fast allen Läden Posten gestellt. Marine und Infanterie. Sehr starke Patrouillen durchziehen die Stadt. Der Wilhelmplatz ist mit Maschinengewehren besetzt. Einige Aufregung." Weitere Arbeiter der Kaiserlichen Werft (8.000), der Howaldtswerke (1.200), von Bohn & Kähler (1.200) sowie von Neufeldt & Kuhnke (600) schlossen sich dem Streik an.
  • Dienstag, 29. Januar: "Sehr starke Patrouillen marschieren an der Werft und in der Stadt herum - Matrosen und Soldaten. Die Arbeiter haben heute in allen großen Sälen Versammlung. Auch im Kaisersaal."
  • Mittwoch, 30. Januar: "Die Streikenden halten wieder Versammlungen ab. In Berlin streiken 400.000 Mann[6]. Die Läden in Kiel werden bewacht. Im Keller der Gebäude bei uns [auf der Germaniawerft] sind starke Soldatenwachen. In vielen Städten Deutschlands wird gestreikt. Die Berliner großen Zeitungen nehmen an dem Streik teil und erscheinen nicht." 30.000 Menschen auf dem Wilhelmplatz beschlossen eine Resolution, die sich an den Reichskanzler richtete und sieben Forderungen, bis hin zur Auflösung des Preußischen Abgeordnetenhauses und Neuwahlen, enthielt.
  • Donnerstag, 31. Januar: "Die Arbeiter stehen in Gruppen vor den Sälen. Sie werden von Bezirksfeldwebel in der Frühstückspause aufgeschrieben."
  • Freitag, 1. Februar: "Die Arbeiter fangen zum größten Teil wieder an. Die Wachen werden zurückgezogen."

Damit endet der Streik in Kiel, ohne dass die Arbeiterschaft ihre Ziele erreichen konnte.

Ein außerordentliches Kriegsgericht verurteilte die verhafteten Redner vom 26. Januar am 2. Februar:

Am 3. Februar brachen auch die Revolutionären Obleute den Streik in Berlin ab. Wie in Kiel waren in vielen anderen Städten die Arbeiter und Arbeiterinnen bereits zuvor an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt.[2]

In den folgenden Wochen und Monaten wurden weitere Organisatoren des Streik verurteilt.[4]

Ergebnis

Während des Ersten Weltkriegs gab es bereits zwei große Streikwellen:

  • Juni 1916: Der Liebknechtstreik in Berlin protestierte gegen die Verhaftung von Karl Liebknecht, einem bekannten Kriegsgegner.
  • April 1917: Der „Brotstreik“ breitete sich überregional aus und richtete sich gegen die schlechte Lebensmittelversorgung.

Der Januarstreik 1918 ging noch einen Schritt weiter: Er war nicht nur ein reichsweiter Protest, sondern es wurden erstmals Arbeiterräte gebildet und politische Forderungen gestellt.

Die USPD scheiterte in vielen ihrer Hochburgen mit der Mobilisierung. Erst mit Hilfe der SPD gelang es ihr, Arbeiter zum Streik zu bewegen. Selbst in der USPD-Führung galt der Streik als "Fiasko" - die Enttäuschung darüber bremste ihre politische Arbeit noch bis zum Sommer 1918.

Damit war der Januarstreik ein Vorbote der Novemberrevolution - die späteren Arbeiter- und Soldatenräte bauten direkt auf diesen Erfahrungen auf. Für einen echt durchschlagenden Erfolg fehlte dem Streik jedoch nicht nur der breite Rückhalt in der Arbeiterschaft, sondern vor allem die bewaffneten Soldaten und Matrosen.[2] Den sollte es erst im November beim Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand geben. Der verfügte über die Kraft, die zur Novemberrevolution und dem Ende von Krieg und Kaiserreich führte.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Wikipedia: Zimmerwalder Konferenz
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Ziemann, Benjamin, Der Januarstreik 1918 – eine Generalprobe der Novemberrevolution? Erster Teil, in: Archiv für Sozialgeschichte 65 (2025), S. 309–366.
  3. Wikipedia: Jännerstreik
  4. 4,0 4,1 Kuhl, Klaus: Januarstreik 1918, 2018
  5. 5,0 5,1 Kuhl, Klaus: N. Andersen, Tagebuch 1917-1919, 2019
  6. Das ist wohl die Propaganda der USPD gewesen, die diese Zahl in Umlauf gebracht hat.