Das alte Gewerkschaftshaus in Neumünster stand seit 1911 in der Fabrikstraße 32.[1] Es wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer zerstört[1] und nicht wieder aufgebaut. 1953 wurde ein Neubau in der Carlstraße 7 eröffnet. Seit 2023 haben die Gewerkschaften ihre Büros im Kuhberg 1-3.[2]
Architekt und Bauleiter des Gebäudes in der Fabrikstraße war der Neumünsteraner Gottfried Wiese. Treuhänderische Eigentümer waren Heinrich Lienau und zunächst Johannes Hagedorn, ab 1914Johannes Hanemann. Im September 1911 wurde die Baugenehmigung erteilt. Die Architektur wird in der Literatur beschrieben:
"Dreigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit Mansarddach; Klinkerfassade in den eleganten Formen einer auf Sachlichkeit ausgerichteten Reformarchitektur; Sockelgeschoss und Traufzone mit Naturstein verkleidet; die vier breiten Achsen durch eine kolossale Pilasterstellung über alle Geschosse zusammengefasst; an den Pilastervorlagen des EG fünf Relieffelder mit Emblemen verschiedener Gewerke (u.a. Metallgewerbe, Zimmerergewerbe, Baugewerbe), die Brüstungsfelder mit Zierverbandvariationen: rückwärtig anschließend zwei schmucklose erdgeschossige Nebengebäude mit Gewerkschaftsbüros und Versammlungsraum bzw. Sitzungszimmer (dieser Bauteil etwas höher ausgeführt). Nutzung des Vorderhauses im EG Parteisekretariat mit Warteraum, Kolportage-Raum und Archiv, sonst Büro- und Wohnraum.
Bemerkung: Das Gewerkschaftshaus in Neumünster, bei dem es sich um ein reines Verwaltungsgebäude ohne Gaststätte oder Herberge handelt, ist ein bemerkenswertes Beispiel der frühen modernen Geschäftshausarchitektur. In der eleganten Fassadengliederung kommen die Materialgerechtigkeit des norddeutschen Backsteinbaus und die neue versachlichte Reformästhetik zum Tragen. Über die Person des Entwerfers Gottfried Wiese ist wenig bekannt. So steht nicht fest, ob Wiese eine Architektenausbildung genossen hat, er betrieb jedenfalls in Neumünster ein 'Bautechnisches Büro'."[3]
Am 2. Mai1933 stürmten SA und Hilfspolizei das Gewerkschaftshaus. Sie verhafteten zehn Gewerkschaftvertreter (u.a. Konrad Matzke), beschlagnahmten sämtliches Vermögen und übergaben das Gebäude an die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront (DAF).[3]
Das Gebäude wurde beim einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Neubau
Das Grundstück wurde dem DGB 1949 zurückgegeben, das Gewerkschaftshaus aber an anderer Stelle neu gebaut - "mit den sogenannten Arbeitergroschen der Gewerkschaftsmitglieder"[5]. Der Neubau wurde 1953 in der Carlstraße 7 eröffnet.
Im Oktober 2023 gaben die letzten Gewerkschaften ihre Büros dort auf, sie zogen in den Kuhberg 1-3:
"Eine Tradition in Neumünster steht möglicherweise vor dem Aus: Die letzten drei Gewerkschaften, die noch ihre Büros im DGB-Haus Neumünster an der Carlstraße haben, ziehen dort aus. Die Mietverträge werden gekündigt. 'Der Schritt ist uns nicht leicht gefallen, aber der Zustand des Gebäudes lässt eine zeitgemäße Arbeit nicht mehr zu', sagte Frank Hornschu, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes der Kiel-Region, zu der auch Neumünster gehört. [...]
Das Gewerkschaftshaus in der Carlstraße 7
Das Gebäude gehört der Vermögens- und Treuhandgesellschaft (VTG) des DGB, und die hat dort in den vergangenen Jahrzehnten kaum investiert. [...] 'Das Gebäude versprüht einen Charme, als käme dort jeden Moment Hans Böckler um die Ecke', sagte ein alter Gewerkschafter - und meint damit voller Ironie den ersten DGB-Vorsitzenden nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Neumünsteraner Gewerkschafter haben nach Auskunft von Hornschu immer wieder bei der VTG um eine Sanierung gebeten und auch schon länger mit Auszug gedroht. 'Passiert ist leider nichts. [Nach einer Sanierung] kommen wir gern wieder zurück.'"[5]
Auf Initiative des Gewerkschafters Jonny Griese, der sich mit einer Pedition für den Erhalt des DGB-Hauses eingesetzt hatte, steht das Gebäude seit Anfang 2026 unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalschutz erklärte: "Das DGB-Haus ist ein geschütztes Kulturdenkmal. Es wurde am 20. Januar2026 in die Liste der Kulturdenkmale Schleswig-Holsteins aufgegenommen." In der Denkmaldatenbank wird zu dem Gebäude folgendes ausgeführt: "Durch die kontrastreiche Kombination von rotem Klinkermauerwerk und strahlend hellem Naturstein entfaltet die prägnante Hauptfassade eine straßenbildprägende Wirkung." Als erster Gewerkschaftsneubau in Schleswig-Holstein nach dem zweiten Weltkrieg ist es "ein anschauliches Zeugnis der frühen Nachkriegsarchitektur in Neumünster."[6].
↑Engling, Herbert: Das Neumünster-Buch: eine Stadtgeschichte in Wort und Bild (K. Wachholtz, Neumünster 1985), Seite 225
↑ 3,03,1Hoffsten, Anke: Das Volkshaus der Arbeiterbewegung in Deutschland: Gemeinschaftsbauten zwischen Alltag und Utopie (Böhlau, Köln, 1. Edition 2017), Seite 506
↑spurensuche-neumuenster.de: Fabrikstraße 32 - Gewerkschaftshaus, abgerufen 23.3.2022. Dort die Anmerkung: Archiv DGB-NMS. Diese Aufstellung erfolgte im März 1947 im Rahmen der Rückforderungsansprüche der Gewerkschaften.