Heinrich Christian Lienau
| Heinrich Christian Lienau |
Heinrich Christian Lienau, * 24. August 1883 in Neumünster, † ?[1], vermutlich in Flensburg; Schriftsetzer, Kaufmann, Schriftsteller. Verheiratet, eine Tochter. Mitglied der SPD mindestens seit 1903[2].
Leben und Beruf
Heinrich Christian Lienau, mit Rufnamen ebenfalls Heinrich, kam als Sohn von Heinrich Lienau in Neumünster zur Welt. Der Beruf seines Vaters wird unterschiedlich mit Schlosser[3] oder Barbier[4] angegeben.
Der Vater war seit 1879 Mitglied der illegalen Exekutive der schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten und nach Ende des Sozialistengesetzes ab 1891 Vorsitzender der Agitationskommission. Der Sohn lernte also
- "in seinem Elternhaus eine Reihe führender Männer persönlich kennen: August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Hasenklever, von Vollmar, von Elm u. a. Die häufigen polizeilichen Haussuchungen empfand bereits der kleine Junge als ständige Bedrohung. Den stärksten Eindruck auf ihn machte aber die Verhaftung des Vaters am Heiligen Abend. Vom brennenden Tannenbaum weg schleppte man ihn ins Gefängnis."[5]
Heinrich Lienau absolvierte nach Abschluss der Bürgerschule in Kiel eine Lehre zum Schriftsetzer. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er diesen Beruf nicht mehr ausüben, zog 1901 mit 18 Jahren nach Hamburg und war bis 1919 als Kaufmann in der Hamburger Konsumgesellschaft von 1856 tätig. Er arbeitete ständig an der Verbesserung seiner Bildung und hörte als Gasthörer an der neu gegründeten Hamburger Universität Germanistik und Volkswirtschaftslehre. Später setzte er seine Studien an den Universitäten von Münster, Kiel und Kopenhagen fort, wo er nordische Literatur und (aus geschäftlichen Gründen) Biologie belegte. Da er die dänische Sprache beherrschte, häufig in Dänemark war und auch Schweden und Norwegen bereiste, hatte er in diesen Ländern viele Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens.
In seinen Hamburger Jahren betätigte er sich - auch unter dem Autorennamen "Krüschan Kiekut" - verstärkt als Schriftsteller in hoch- und plattdeutscher Sprache, verfasste populäre Theaterstücke und stand in Kontakt mit Gleichgesinnten wie Johann Hinrich Fehrs, Detlev von Liliencron, Gorch Fock (Johann Kinau) und anderen.
Etwa 1922 zog Heinrich Lienau nach Sylt, kurz darauf nach Flensburg, wo er eine eigene Firma gründete, die 1949 als "Biovis-Werke" noch bestand. Er heiratete seine Frau Minna; sie hatten eine Tochter, die später in die USA auswanderte. Auch hier betätigte er sich schreibend, etwa im Flensburger General-Anzeiger, für den er zwischen 1925 und 1927 die Kolumne Streiflichter verfasste.[6]
Politischer Werdegang
Wann er genau in die SPD eingetreten ist, wird nicht klar - vielleicht schon in Kiel vor seinem Wechsel nach Hamburg. Dort war er schon zur Reichstagswahl 1903 ein gefragter Redner auf Parteiveranstaltungen, schrieb für das damals sozialdemokratische Hamburger Echo politische und feuilletonistische Beiträge und gehörte auch einige Jahre der einflussreichen Pressekommission der Partei an.
Nationalsozialismus
Bei Anbruch der NS-Zeit engagierte sich Heinrich Lienau im Widerstand. Er half bis zu seiner Verhaftung dabei, Bedrohte nach Dänemark in Sicherheit zu bringen und subversive Flug- und Zeitschriften nach Deutschland einzuschmuggeln. In seinem Buch beruft er sich ausdrücklich auf das Beispiel seines Vaters Heinrich Lienau, der während des Sozialistengesetzes eine ähnliche Rolle gespielt habe.[7] Außerdem stand er mit der dänischen sozialistischen Jugend in Verbindung und nahm an ihren Treffen teil. Bei einem Treffen auf den Ochseninseln in der Flensburger Bucht las er 1934 eine aktuelle Ausgabe des Blattes Sozialistische Aktion, das den sogenannten "Kruse-Brief"[8] enthielt.
Im Herbst 1934 wurde er als ein Verbreiter dieses Briefes denunziert und am 14. Juni 1935 vom Hanseatischen Sondergericht in Hamburg wegen Vergehens gegen das "Heimtückegesetz" zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er vollständig absitzen musste. Anschließend ergatterte er im Rahmen des Vierjahrensplans der Nazis eine Tätigkeit als Experte für Meeresalgen, die ihn in eine Firma nach Island führte und zunächst vor Nachstellungen der Gestapo bewahrte. Er plante sogar, seinen Wohnsitz ganz nach Island zu verlegen, was durch den Kriegsbeginn vereitelt wurde.[9]
Am 17. Oktober 1939 wurde er - wegen "defaitistischer Äußerungen", wohl in einem Gespräch mit dem deutschen Konsul auf Island - erneut verhaftet und zunächst ins Gefängnis in Kiel, dann ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, das er erst mit dem Todesmarsch nach Mecklenburg am 21. April 1945 wieder verlassen sollte. Er war dort unter anderem als Dolmetscher für skandinavische Sprachen eingesetzt. Der Zeit im KZ ist der Hauptteil seines Buches gewidmet.[10] Seit Anfang 1945 war Hermann Lüdemann sein Mitgefangener; er bescheinigte ihm später:
- "Lienau war ein vortrefflicher Kamerad, der durch seine hilfreiche Art manchen Schicksalsgenossen vor dem Untergang bewahrt hat."[11]
Rückkehr nach Flensburg
Nach der Befreiung in Mecklenburg kehrte Heinrich Lienau trotz der gesundheitlichen Schäden durch die sechsjährige KZ-Haft von Schwerin aus mit dem Fahrrad nach Flensburg zurück.[12] Er war 62 Jahre alt.
Anders als viele andere hatte er keinen kriegsbedingten Verlust seines Eigentums zu beklagen. Die Gestapo hatte ihn allerdings heimgesucht und vieles mitgehen lassen. Aber: "Sie fand nicht die gesuchten, weil gut verborgenen Bücher und Schriften, welche zum Teil schon die Haussuchungen während des Sozialistengesetzes überstanden."[13] Dies waren die Parteiunterlagen des Ortsvereins Neumünster. Ob sie den Weg zurück nach Neumünster[14] oder in den schmalen Nachlass gefunden haben, der im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg verwahrt wird, wurde bisher nicht ermittelt.[15]
Nach seiner Rückkehr nach Flensburg, wo er und seine Frau Am Pferdewasser 4 lebten, betätigte er sich als freier Schriftsteller.[16]
Veröffentlichungen
- Uem de Hauw (Drama, verfasst vor 1917, Veröffentlichung nicht ermittelt)
- Heidlüchen (Drama, Uraufführung Altona 1917)
- De Herr vun Hoffsee (Drama, Uraufführung Altona 1918)
- Die Hexe vom Süllberg (Drama, 1920)[17]
- Der Oberschieber (Komödie, Uraufführung 1920)
- Gottlieb Pommerenke (Komödie, Uraufführung ca. 1922)
- Streiflichter (Kolumne im Flensburger General-Anzeiger 1925-1927)
- Die Dammholter Truhe (Roman, verfasst ca. 1939, Veröffentlichung nicht ermittelt)
- Die Gildebraut (Roman, verfasst ca. 1939, von der Gestapo vernichtet)
- Roman im Hamburger Milieu (verfasst ca. 1939, von der Gestapo vernichtet)
- Zwölf Jahre Nacht. Mein Weg durch das "tausendjährige Reich". Dokumentation (Flensburg 1949)
- Körung (Komödie, verfasst ca. 1948, Veröffentlichung nicht ermittelt)
Links
- Auf der Internetseite von Ulrich Jochimsen ist Heinrich Lienaus Buch verlinkt:
Quellen
- ↑ Das Todesjahr oder -datum wurde bisher nicht ermittelt; auch der Eintrag in der Deutschen Biographie kennt es nicht.
- ↑ Vgl. den biografischen Abriss von Albrecht Janssen in Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 260-262, auf dem dieser Eintrag im Wesentlichen beruht.
- ↑ So bei Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 260 (biogr. Abriss von Albrecht Janssen)
- ↑ So Wilhelm Brecour, Die sozialdemokratische Partei in Kiel. Ihre geschichtliche Entwicklung (Kiel 1932), Neudruck in Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung (Kiel 1983), S. I-61
- ↑ Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 260 (biogr. Abriss von Albrecht Janssen), wo der ältere Lienau als Vorsitzender bezeichnet wird.
- ↑ Vgl. Eintrag zu Heinrich Lienau in der Nachlassdatenbank des Bundesarchivs
- ↑ Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 16
- ↑ Ein "Offener Brief" an Reichspräsident Hindenburg, angeblich von einem in die Schweiz geflohenen SA-Mann, der sich als letzten Überlebenden der SA-Männer darstellt, die - in wessen Auftrag, wird ausgespart - den Reichstag angezündet hätten. So weit feststellbar, spielt dieser Brief in der Forschung zum Reichstagsbrand keine Rolle, wird also wohl als Fälschung angesehen oder ist als solche belegt.
- ↑ Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 26 ff.
- ↑ Er bezeichnet es als "Dokumentation". Nicht alle stimmen dem zu. Der Autor Klaus Schwensen beschreibt ihn als "alten Sozialdemokraten, den klarsichtige Mitgefangene zu Recht als 'Gerüchteverbreiter' und 'Erzähler fantastischer Geschichten' bezeichneten" ["an old Social Democrat whom clear-sighted fellow inmates aptly called a 'rumor-monger' and a 'teller of fairy tales']". (Klaus Schwensen: The "Report on Concentration Camp Sachsenhausen" (Prisoner's Report) of 12 June 1945, in Inconvenient History. A Quarterly Journal for Free Historical Inquiry, Vol. 6 (2014, No. 3)
- ↑ Schreiben des Ministerpräsidenten vom 4.12.1948, abgedruckt in Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 255
- ↑ Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 230 f.
- ↑ Lienau, Zwölf Jahre Nacht, S. 247
- ↑ Vgl. Martens, Holger: Die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), S. 99
- ↑ Nachlassdatenbank des Bundesarchivs: Heinrich Lienau
- ↑ Vgl. Eintrag zu Heinrich Lienau in der Nachlassdatenbank des Bundesarchivs
- ↑ Lt. Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; dort sind keine weiteren Werke vorhanden.

