Nordstern

Aus SPD Geschichtswerkstatt

Nordstern hieß ab 1862 die Zeitung des Hamburger Arbeiterbildungsvereins von 1845. Sie hatte Einfluss auf die Entwicklung der frühen Sozialdemokratie im Hamburger Umland. Ihr Redakteur Karl von Bruhn gehörte zu den führenden Köpfen der Agitation im Kreis Pinneberg[1].

Vorgeschichte

Hervorgegangen war der Nordstern aus einer Zeitschrift mit dem Namen Ipecacuanha, die seit 1. Januar 1860 viermal erschienen war. Sie wurde initiiert von einer Gruppe innerhalb des Hamburger Arbeiterbildungsvereins, darunter ehemalige Mitglieder des Geheim-"Bundes der Kommunisten", deren Ziel es war, die Arbeit des Vereins wieder zu politisieren. Ab der fünften Ausgabe hieß das Blatt dann Nordstern. Der Name ging vermutlich auf den Northern Star der Chartisten zurück, einer politischen Reformbewegung in Großbritannien am Anfang des 19. Jahrhunderts.[2]

Geschichte

Der Nordstern war bei seiner Gründung das einzige Presseorgan der deutschen Sozialdemokratie gewesen, wenn auch ohne offiziellen Status.[3] Für ihn schrieben bekannte Sozialdemokraten wie Wilhelm Liebknecht und Ferdinand Lassalle, der Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), der ihn auch 1863 mit einer finanziellen Zuwendung stützte. Der Nordstern war nie wirtschaftlich erfolgreich; selbst zu seiner Blütezeit erschien er wöchentlich mit einer Auflage von nur 400 Exemplaren, Ende 1865 auch einige Monate überhaupt nicht. Wegen seiner schlechten Erfahrungen mit dem Nordstern scheute Lassalle das finanzielle Risiko einer eigenen Zeitung für den ADAV. Erst 1864 wurde in Berlin der Social-Demokrat als Parteiorgan gegründet, der das Hamburger Blatt bald überflügelte.

1864 entzog der ADAV dem Nordstern die Unterstützung. Nur eine statutenwidrige Finanzierung aus der Vereinskasse des Hamburger ADAV machte noch einmal eine Fortführung möglich, bevor er 1866 eingestellt werden musste. Verantwortlich gemacht wurde von Zeitgenossen die schlechte Führung durch Karl von Bruhn, die den Rückgang der Verkaufszahlen bewirkt habe. Außerdem war die Funktion des Blattes umstritten: Vereinsorgan oder Zeitung mit einer breiteren Zielgruppe? Dies spiegelte sich in den wechselnden Untertiteln des Nordstern wider:

  • Februar-März 1863 - "Organ für Arbeiter und Arbeit"
  • bis Marz 1865 - "Organ für das Deutsche Volk"
  • bis August 1865 - "Organ der social-demokratischen Partei und Allgemeines Arbeiterblatt"
  • bis Februar 1866 - "des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins"[4]

Karl von Bruhn führte darüber hinaus nach dem Tod von Ferdinand Lassalle (1864) einen Machtkampf gegen den neuen Präsidenten des ADAV, Bernhard Becker, der ihn zunächst gegen das neue Blatt unterstützt, nach seiner Erhebung zum Präsidenten aber offenbar seine Einstellung geändert hatte.[5] Offiziell ging es um die Entscheidung, ob der ADAV künftig von einem einzelnen Präsidenten oder von einem von den Verfechtern als demokratischer angesehenen Dreiergremium geführt werden solle.[6] Beckers als selbstherrlich empfundene Vorgehensweise war aber möglicherweise die Ursache für dieses Ziel. In fast jeder Ausgabe der ersten Hälfte des Jahres 1865 fanden sich Beschwerden und Aufrufe gegen den Präsidenten. Er veranlasste sogar einige ADAV-Gemeinden in Schleswig-Holstein, aus dem ADAV auszutreten. Erst nachdem Carl Wilhelm Tölcke als Nachfolger von Bernhard Becker ADAV-Präsident wurde, traten sie wieder ein.[7]

Links

Quellen

  1. SPD-Ortsverein Elmshorn: 100 Jahre SPD-Ortsverein Elmshorn (Elmshorn 1963)
  2. Trautmann, Günter: Liberalismus, Arbeiterbewegung und Staat in Hamburg und Schleswig-Holstein 1862 - 1869. In: Archiv für Sozialgeschichte 15(1975), S. 51-110
  3. Eugen Richter: Die Geschichte der Social=demokratischen Partei in Deutschland seit dem Tode Ferdinand Lassalle's. (Zusammengestellt und actenmäßig belegt aus den beiden Organen der Partei, dem "Social=Demokrat" in Berlin und dem "Nordstern" in Hamburg.) (Berlin 1865), S. 10
  4. Andréas, Bert: Zur Agitation und Propaganda des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863/64 In: Archiv für Sozialgeschichte 3(1963), S. 297-423
  5. Eugen Richter: Geschichte, S. 11 ff.; das Buch ergreift allerdings stark Partei für die Bruhn'sche Seite und gegen die empfundene Selbstherrlichkeit Beckers.
  6. Arno Herzig: Die Entwicklung der Hamburger Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. In: Tales of Two Cities: Hamburg and Chicago (Berlin 2006), S. 188
  7. Roger Morgan: The German Social Democrats and the First International: 1864–1872 (Cambridge 1965), S. 37, 42 ff.