Stubenzirkel

In Stubenzirkeln trafen sich ab Anfang 1945 Kieler Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten heimlich in wechselnenden Stuben (Wohnzimmern), um über Pläne für die Zeit nach dem Ende des Nationalsozialismus zu diskutieren. In Schleswig-Holstein gab es sie auch in Lübeck.

Otto Engel
"Wiederaufbau und Neuorganisation der lokalen wie regionalen Parteigliederungen, kommunale Probleme und Bedingungen für die politische Arbeit im befreiten Deutschland, selbst personelle Aufgabenverteilungen wurden detailliert diskutiert. Getroffen wurde sich unter strenger Geheimhaltung in wechselnden Wohnungen, Aufzeichnungen wurden zur Sicherheit der beteiligten Personen nicht angefertigt; die Gestapo diktierte den Gruppen den konspirativen Charakter. In Kiel bildeten sich eine ganze Reihe von Zirkeln, die sich teilweise regelmäßig, teilweise sporadisch trafen [...]."[1].
"Konfliktfrei verliefen die Diskussionen in den Stubenzirkeln allerdings nicht, denn zu verschieden waren die Zukunftsvorstellungen. Hinzu kam, dass unterschiedliche Lehren aus der Endphase der Weimarer Republik gezogen wurden; insbesondere spielten unterschiedliche Erfahrungen mit den Kommunisten vor und während der NS-Zeit bei der politischen Planung eine Rolle. Während die einen aufgrund des gemeinsamen Leides und der Widerstandsarbeit für eine sozialistische Einheitspartei mit den Kommunisten eintraten, befürworteten die anderen, die traditionelle Trennung aufrecht zu erhalten."[2]

Man einigte sich auf "die Reaktivierung der Partei in ihrem traditionellen Aufbau, von Ortsverein hinauf zu Parteivorstand und -ausschuß. Karl Ratz sollte als Vorsitzender für die Kieler Parteigliederung nominiert werden."[3].

Aus Sicherheitsgründen gab es, wie gesagt, keine schriftlichen Aufzeichungen über die Stubenzirkel. Es gibt aber Erinnerungen von Zeitzeugen, zum Beispiel Emil Bandholz:

"Kiel war am 2. und 3. Mai das letzte Mal durch große englische Bombergeschwader angegriffen worden, um die kampflose Übergabe der Stadt zu erzwingen. Meine bisher intakte Wohnung im Tondernweg[4] 11 blieb auch jetzt unzerstört. So machte ich mich danach erst einmal auf den Weg, um in der Stadt an den mir vertrauten Orten festzustellen, wer von meinen Bekannten den letzten Angriff und schlechthin den Zusammenbruch unbeschadet überlebt hatte. Durch diese Erkundungen und Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhr man, wer von den alten Sozialdemokraten noch lebte und in Kiel war.
Diesen Personenkreis erfaßte man zunächst und sondierte in Vorgesprächen, wer den alten Idealen der Sozialdemokratie treu geblieben war. Dieser Personenkreis traf sich dann in verschiedenen Stuben und führte dann die ersten Gründungsgespräche. Daraus bildeten sich bald - etwa im Juni - in verschiedenen Distrikten der Stadt Stubenzirkel, aus denen später die Ortsvereine hervorgingen. Selbst gründete ich in meiner Wohnung im Tondernweg 11 den Wiker Ortsverein.
Auf der Gründungsversammlung der Ellerbeker Ortsvereins hielt ich z.B. das Hauptreferat und war so bei seiner Entstehung behilflich. So erinnere ich mich, daß auch die anderen Ortsvereine noch vor der offiziellen Genehmigung durch die Engländer in anderen Wohnungen entstanden.
Stubenzirkel der Art gab es z.B. in den Wohnungen von Karl Ratz, Otto Engel, Albert Witte, Hein Wulff, Fiete Wenzel, Frieda Döbel, Emil Hacke, Walter Rapke[5], Hans Schröder, Paul Dräger, Richard Hansen[6], Richard Tiede, Ludwig Stahl, Hermann Köster, Rechtsanwalt Meyer-Grieben u.a.
Die ersten Kontakte und eine vorsichtige Zusammenarbeit mit der englischen Militärregierung über die Absicht, eine sozialdemokratische Partei oder eine Einheitspartei zu gründen, waren schwer. Sie verbesserten sich dann aber auch in Kiel für uns spürbar, als die Labour-Party in England den Sieg errang und Attlee im Juli 1945 an die Stelle von Churchill trat."[7]
Hilde Portofée

Auch Hilde Portofée erinnerte sich an die Zeit der Stubenzirkel, an denen sie seit Juli 1945 teilnahm:

"Alle diese (Personen) trafen sich. Sie kannten sich aus ihrer Studentenzeit und wußten, daß sie sich aufeinander verlassen konnten. Sie hatten bei den Nazis nicht mitgemacht, waren also im politischen Spektrum links orientiert, wenn auch nicht ganz links... In diesem Zirkel war auch die Möglichkeit einer Einheitspartei, einer sozialistischen Einheitspartei im Gespräch... "[8]

Das erste Treffen in Kiel-Dietrichsdorf fand im August 1945 bei der Genossin Ida Münzmay statt. Einige Zeit später kam man beim Genossen Joseph Christel zusammen. Feierlich wurde die Traditionsfahne hervorgeholt und zum ersten Mal wieder aufgehängt. Genosse Kurt Herrmann, einer der fünf Teilnehmer, sagte später darüber: "Es war ein gutes Gefühl, das will ich Dir sagen, wir sind wieder da!"

Die Stubenzirkel bestanden noch, bis sie im September 1945 von regulären Ortsvereinen abgelöst wurden.[9]

Siehe auch

Parallel zum Wiederaufbau der SPD in Kiel wurde ab April/Mai 1945 die Zukunft der Gewerkschaften organisiert, zunächst im Gewerkschaftshaus, in dem traditionell auch die Kieler SPD ihre Geschäftsstelle hatte. Es musste aber am 9. Juni geräumt werden, als die britische Militärregierung es für ihre Zwecke beschlagnahmte.[10]

Literatur

  • Witte, Albert: Erinnerungen an den Wiederbeginn der Sozialdemokratie. Die SPD vor 1933 und im 3. Reich in: Wir sind das Bauvolk (Kiel 1985), S. 31-35

Quellen

  1. Hans Christian Nissen: 1933–1945: Widerstand, Verfolgung, Emigration, Anpassung., Demokratische Geschichte 3(1988), S. 493
  2. SPD Kiel (Hrsg.): Kiel im Mai 1945 - Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor (Kiel 1985), S. 13
  3. Vgl. Hans Christian Nissen: 1933–1945: Widerstand, Verfolgung, Emigration, Anpassung, Demokratische Geschichte 3(1988), S. 493 f.
  4. Er spricht durchgehend von "Tondernweg", den es in Kiel nicht gab. Es muss also wohl die Tonderner Straße gemeint sein, wo er laut Adressbuch wohnte.
  5. Vermutlich ist Walter Raabke gemeint, dessen Name auch in anderen Dokumenten sehr verschieden geschrieben wird.
  6. Der ehemalige Bezirksgeschäftsführer Richard Hansen lebte zu dieser Zeit noch nicht wieder in Kiel, kann also nicht gemeint sein.
  7. SPD Kiel (Hrsg.): Kiel im Mai 1945 - Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor (Kiel 1985), S. 14
  8. SPD Kiel (Hrsg.): Kiel im Mai 1945 - Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor (Kiel 1985), S. 14 f.
  9. Hans Christian Nissen: 1933–1945: Widerstand, Verfolgung, Emigration, Anpassung, Demokratische Geschichte 3(1988), S. 493
  10. SPD Kiel (Hrsg.): Kiel im Mai 1945 - Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor (Kiel 1985), S. 18 f.