Naturfreunde: Unterschied zwischen den Versionen
BeLö (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Skw (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
[[Datei:NaturFreunde Emblem.jpg|260px|thumb|right|Das historische Emblem der NaturFreunde]] | [[Datei:NaturFreunde Emblem.jpg|260px|thumb|right|Das historische Emblem der NaturFreunde]] | ||
'''Die NaturFreunde''' sind die Organisation der Arbeiterbewegung, die sich um Freizeit, Urlaub, Erholung und den Schutz der Natur kümmert. | '''Die NaturFreunde''' sind die Organisation der Arbeiterbewegung, die sich um Freizeit, Urlaub, Erholung und den Schutz der Natur kümmert. Zu ihren Mitgliedern zählten und zählen prominente SPD-Mitglieder wie z.B. [[Paul Löbe]], [[Willy Brandt]] und [[Saskia Esken]]. | ||
Vor allem der Kampf gegen | == Gründung == | ||
Vor allem der Kampf gegen politische Ausgrenzung und soziale Verelendung - sehr lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, menschenunwürdige Wohn- und Lebensverhältnisse - prägten den Beginn der organisierten Arbeiterbewegung, der Parteien und Gewerkschaften. Menschen, die unter solchen elenden Bedingungen litten, hatten in ihrer knappen Freizeit Erholung besonders nötig. Als eine von vielen Organisationen der Arbeiterbewegung entstand der Touristenverein ''Die NaturFreunde''. | |||
[[1895]] | Ihn gründeten [[1895]] in Wien der Schmied [[Alois Rohrauer]], der Jurastudent [[Karl Renner]] (später Bundespräsident Österreichs) und der Lehrer [[Georg Schmiedel]]; sein Ruf war "Berg frei!", der bis heute gilt. Die Wiener boten Bergwandern und Bergklettern an. Nie ging es den Naturfreunden aber nur um Tourismus mit Natur und Erholung, sondern immer auch um Verstehen von Zusammenhängen zwischen Natur und Mensch. Mehr noch: Das große Ziel dieser Bewegung war und ist die Überwindung einer Gesellschaftsordnung, die auf Ungerechtigkeit und Not basiert. Statt dessen wird der Aufbau eines neuen Gemeinwesens angestrebt, das als Grundgedanken die soziale Gemeinschaft aller schaffenden Menschen hat. | ||
Schon vor dem 1. Weltkrieg ging aus dem Wiener Verein eine mitgliederstarke internationale Organisation hervor. Auch in Deutschland wurde in den Mittelgebirgen und an den Küsten gewandert. [[1905]] gab es in München den ersten Naturfreundeverein in Deutschland. Am [[14. Februar]] [[1910]] | Schon vor dem 1. Weltkrieg ging aus dem Wiener Verein eine mitgliederstarke internationale Organisation hervor. Auch in Deutschland wurde in den Mittelgebirgen und an den Küsten gewandert. [[1905]] gab es in München den ersten Naturfreundeverein in Deutschland. Am [[14. Februar]] [[1910]] gründete sich in Kiel, am [[1. April]] in Hamburg der Landesverband ''Nordmark'' der Naturfreunde. [[Datei:Naturfreunde Wanderung.jpg|260px|thumb|left|Naturfreunde auf Wanderschaft, 1920er Jahre]]Bei den Mitgliedern, die sich aus allen Berufen und Altersklassen der arbeitenden Bevölkerung zusammensetzten, bestand ein Bedürfnis nach Wanderungen in der Natur unter Gleichgesinnten. | ||
In der Vereinszeitschrift ''Der Naturfreund'' wird [[1913]] vermerkt: "KIEL Am 31. Januar fand die dritte Jahreshauptversammlung statt. Im Berichtsjahr hat die Zahl der Mitglieder sich auf 51 erhöht. Es wurden 91 Ausflüge mit einer Teilnehmerzahl von 754 Personen durchgeführt". | In der Vereinszeitschrift ''Der Naturfreund'' wird [[1913]] vermerkt: "KIEL Am [[31. Januar]] fand die dritte Jahreshauptversammlung statt. Im Berichtsjahr hat die Zahl der Mitglieder sich auf 51 erhöht. Es wurden 91 Ausflüge mit einer Teilnehmerzahl von 754 Personen durchgeführt". | ||
Die Ortsgruppe Flensburg beschloss [[1915]], "das | Die Ortsgruppe Flensburg beschloss [[1915]], "das denjenigen Mitgliedern, die im Felde stehen, ''Der Naturfreund'' für die Dauer des Krieges gratis zugestellt wird und die Kosten aus der Ortsgruppenkasse bestritten werden." Dies galt für viele Ortsgruppen. | ||
Der ''Naturfreund'' [[1916]]: KIEL | Der ''Naturfreund'' [[1916]]: "KIEL Das Vereinsleben ist auch während des Krieges ein reges geblieben. Die Mitgliederzahl stieg auf 137, die bis jetzt gebotenen Lichtbildvorträge hatten sich eines überaus starken Besuches zu erfreuen." | ||
[[1920]] | [[1920]] zählte die Ortsgruppe Kiel 200 Mitglieder, im Inflationsjahr [[1923]] sogar 248. | ||
In dieser Zeit sah der Verein den "Hüttenbau" als seine wichtigste Aufgabe, aber die absurde Geldentwertung machte zunächst alle Pläne zunichte. Aber dann entstand unter heute kaum noch | In dieser Zeit sah der Verein den "Hüttenbau" als seine wichtigste Aufgabe, aber die absurde Geldentwertung machte zunächst alle Pläne zunichte. Aber dann entstand unter heute kaum noch vorstellbarem Einsatz der Kieler Ortsgruppe das Naturfreundehaus in [[Ortsverein Schönberg|Kalifornien/Schönberg]], am Ausgang der Kieler Förde. Es erhielt den Namen ''Karl-Volkert-Heim'', nach einem österreichischen Sozialdemokraten, der sich u.a. in der [[Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde]] und bei den Naturfreunden engagierte. | ||
[[Datei:Kurt-Volkert-Heim 1930.jpg|260px|thumb|right|Das Naturfreundehaus in Kalifornien am Schönberger Strand 1930]] | [[Datei:Kurt-Volkert-Heim 1930.jpg|260px|thumb|right|Das Naturfreundehaus in Kalifornien am Schönberger Strand 1930]]Im 5. Heft ''Der Naturfreund'' von [[1926]] heißt es: | ||
Im 5. Heft ''Der Naturfreund'' von [[1926]] heißt es: "Ein Naturfreundehaus an der Ostsee. Unser Gau Nordmark hat unter beträchtlichen Opfern am Schönberger Strand an der offenen Ostsee ein großes Naturfreundehaus errichtet und somit an den Gestaden des Meeres unsere Bewegung verankert. Das zweistöckige Haus wird in den Schlafsälen 60 bis 70 Betten zählen. Im Dachraum können ebenso viele Personen untergebracht werden. Gut eingerichtete Nebenräume ergänzen das prächtige Haus, das sich auch für Ferienaufenthalte vorzüglich eignet." In den Dokumenten | : "Ein Naturfreundehaus an der Ostsee. Unser Gau Nordmark hat unter beträchtlichen Opfern am Schönberger Strand an der offenen Ostsee ein großes Naturfreundehaus errichtet und somit an den Gestaden des Meeres unsere Bewegung verankert. Das zweistöckige Haus wird in den Schlafsälen 60 bis 70 Betten zählen. Im Dachraum können ebenso viele Personen untergebracht werden. Gut eingerichtete Nebenräume ergänzen das prächtige Haus, das sich auch für Ferienaufenthalte vorzüglich eignet." | ||
In den Dokumenten dazu wird das Selbstverständnis der Ortsgruppe Kiel deutlich: Das Vorhaben konnte nur mit Idealismus, Opferbereitschaft und Gemeinsinn gelingen. Viele Arbeiten mussten von den Kielern aus Geldnot selbst ausgeführt werden. Davor stand jeweils eine lange, bis zu drei Stunden dauernde Anreise zur "Arbeitsstelle". | |||
Ein Zeitungsartikel von [[1930]] beschreibt, wie Gäste zu dem attraktiven Haus kommen: | |||
: "Man erreicht das Heim von Kiel aus mit der Kleinbahn zum Schönberger Strand und dann 45 Minuten Gehzeit. Oder vom Städtchen Schönberg aus in 75 Minuten. Oder von Kiel aus mit dem Dampfer bis Laboe und über das alte Fischerdorf Stein in drei Stunden."<ref>Ursa Dörfer, Kronshagen, unveröffentlichtes Manuskript 2020</ref> | |||
Unter dem Dach des Vereins konnten sich auch musische Interessen entfalten: [[1929]] fand sich ein Mandolinenorchester zusammen, in dem eine Zeitlang wohl auch [[Rosa Wallbaum|Rosa Obloch]] mitspielte. | |||
[[Datei:Naturfreunde Mandolinenorchester.jpg|260px|thumb|right|Das Mandolinenorchester der Kieler NaturFreunde]]Das | Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurden [[1933]] die Gliederungen der Naturfreunde aufgelöst oder verboten. Das Vereinsvermögen wurde Nazi-Organisationen oder staatlichen Stellen zugeschlagen. Das Naturfreundehaus in Kalifornien nahm unter dem Schutz der Behörden die Hitlerjugend in Besitz. | ||
[[Datei:Touristenverein die Naturfreunde Registrierungs-Ausweis.jpg|260px|thumb|left|Der durch Feuer beschädigte Registrierungs-Ausweis der Kieler Naturfreunde von 1946]]Nur wenige Monate nach Ende der NS-Herrschaft kamen [[1945]] Mitglieder der Naturfreunde, so sie den 2. Weltkrieg überlebt hatten, wieder zusammen und begannen erneut mit dem Vereinsleben. Bereits im Mai [[1946]] fanden in Kiel wieder Wanderungen der Naturfreunde statt.<ref>''Kieler Nachrichten'', 1.5.1946</ref> Der Verein wurde am [[2. Dezember]] [[1946]] von der englischen Besatzungsmacht registriert und offiziell zugelassen. | |||
Das Naturfreundehaus am Schönberger Strand gelangte erst nach zähen Verhandlungen [[1951]] wieder in den Besitz der Kieler Ortsgruppe. Heute bietet das Haus in unmittelbarer Strandnähe die Möglichkeit für Freizeitaktivitäten, zur Erholung und insbesondere zur Umweltbildung. Der Landesverband der Naturfreunde verfügt auf dem Priwall in Lübeck über ein zweites Gästehaus. | |||
[[Datei:Naturfreunde Mandolinenorchester.jpg|260px|thumb|right|Das Mandolinenorchester der Kieler NaturFreunde]]Das Mandolinenorchester der Kieler Naturfreunde entstand ebenfalls wieder. Einen Neubeginn gab es anläßlich eines Geburtstags von [[Ilse Zilz]], der langjährigen Vorsitzenden, vermutlich [[1947]], als 27 Leute mit ihren Instrumenten zum Gratulieren kamen. | |||
"Kerngeschäft" der Kieler NaturFreunde neben dem Betrieb des Naturfreundehauses in Kalifornien war es, gemeinsam zu wandern. [[Rolf Rabusch]] war viele Jahre Wanderleiter der Kieler Ortsgruppe. | "Kerngeschäft" der Kieler NaturFreunde neben dem Betrieb des Naturfreundehauses in Kalifornien war es, gemeinsam zu wandern. [[Rolf Rabusch]] war viele Jahre Wanderleiter der Kieler Ortsgruppe. | ||
Heute hat der kleine Verein seinen Schwerpunkt im Umweltschutz. | Heute hat der kleine Verein seinen Schwerpunkt im Umweltschutz. | ||
<gallery> | <gallery> | ||
Datei:Die Naturfreunde Mitgliedskarte Franz Pieper.jpg|Die Mitgliedskarte von Franz Pieper von 1958 | Datei:Die Naturfreunde Mitgliedskarte Franz Pieper.jpg|Die Mitgliedskarte von Franz Pieper von 1958 | ||
Datei:Naturfreundehaus 1926 - 2001.jpg|Das Naturfreundehaus in Kalifornien | Datei:Naturfreundehaus 1926 - 2001.jpg|Das Naturfreundehaus in Kalifornien - Titel der Broschüre von 2001 | ||
Datei:Naturfreundehaus Karl-Volkert-Heim.jpg|Das Naturfreundehaus ''Karl-Volkert-Heim'' etwa in den | Datei:Naturfreundehaus Karl-Volkert-Heim.jpg|Das Naturfreundehaus ''Karl-Volkert-Heim'' etwa in den 1960ern | ||
Datei:Naturfreunde OG Kiel Wanderung im Kaltenhofer Moor 2. v. rechts Rolf Rabusch.jpg| Wanderung durchs | Datei:Naturfreunde OG Kiel Wanderung im Kaltenhofer Moor 2. v. rechts Rolf Rabusch.jpg| Wanderung durchs Kaltenhofer Moor, 2. v.r. Wanderleiter Rolf Rabusch | ||
Datei:Naturfreunde OG Kiel 80-Jahr Feier 1998 im Naturfreundehaus Kalifornien.jpg|260px|thumb|left|80-Jahr Feier der Ortsgruppe Kiel im Naturfreundehaus Kalifornien | Datei:Naturfreunde OG Kiel 80-Jahr Feier 1998 im Naturfreundehaus Kalifornien.jpg|260px|thumb|left|80-Jahr-Feier der Ortsgruppe Kiel im Naturfreundehaus Kalifornien | ||
</gallery> | </gallery> | ||
== Literatur == | == Literatur == | ||
*Franz Walter/Viola Denecke/Cornelia Regin ''Sozialistische Gesundheits- und Lebensreform- Verbände'' | *Viola Denecke: ''Der Touristenverein Die Naturfreunde''. In: Franz Walter/Viola Denecke/Cornelia Regin ''Sozialistische Gesundheits- und Lebensreform-Verbände'' (Bonn 1991) ISBN 3-8012-4010-X, S. 241 ff. | ||
*Jochen Zimmer (Hrsg.) ''Mit uns zieht die neue Zeit | *Jochen Zimmer (Hrsg.): ''Mit uns zieht die neue Zeit. Die Naturfreunde. Zur Geschichte eines alternativen Verbandes in der Arbeiterkulturbewegung'' (Köln 1984) ISBN 3-7609-0927-2 | ||
== Links == | == Links == | ||
Version vom 19. März 2020, 01:50 Uhr

Die NaturFreunde sind die Organisation der Arbeiterbewegung, die sich um Freizeit, Urlaub, Erholung und den Schutz der Natur kümmert. Zu ihren Mitgliedern zählten und zählen prominente SPD-Mitglieder wie z.B. Paul Löbe, Willy Brandt und Saskia Esken.
Gründung
Vor allem der Kampf gegen politische Ausgrenzung und soziale Verelendung - sehr lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, menschenunwürdige Wohn- und Lebensverhältnisse - prägten den Beginn der organisierten Arbeiterbewegung, der Parteien und Gewerkschaften. Menschen, die unter solchen elenden Bedingungen litten, hatten in ihrer knappen Freizeit Erholung besonders nötig. Als eine von vielen Organisationen der Arbeiterbewegung entstand der Touristenverein Die NaturFreunde.
Ihn gründeten 1895 in Wien der Schmied Alois Rohrauer, der Jurastudent Karl Renner (später Bundespräsident Österreichs) und der Lehrer Georg Schmiedel; sein Ruf war "Berg frei!", der bis heute gilt. Die Wiener boten Bergwandern und Bergklettern an. Nie ging es den Naturfreunden aber nur um Tourismus mit Natur und Erholung, sondern immer auch um Verstehen von Zusammenhängen zwischen Natur und Mensch. Mehr noch: Das große Ziel dieser Bewegung war und ist die Überwindung einer Gesellschaftsordnung, die auf Ungerechtigkeit und Not basiert. Statt dessen wird der Aufbau eines neuen Gemeinwesens angestrebt, das als Grundgedanken die soziale Gemeinschaft aller schaffenden Menschen hat.
Schon vor dem 1. Weltkrieg ging aus dem Wiener Verein eine mitgliederstarke internationale Organisation hervor. Auch in Deutschland wurde in den Mittelgebirgen und an den Küsten gewandert. 1905 gab es in München den ersten Naturfreundeverein in Deutschland. Am 14. Februar 1910 gründete sich in Kiel, am 1. April in Hamburg der Landesverband Nordmark der Naturfreunde.

Bei den Mitgliedern, die sich aus allen Berufen und Altersklassen der arbeitenden Bevölkerung zusammensetzten, bestand ein Bedürfnis nach Wanderungen in der Natur unter Gleichgesinnten.
In der Vereinszeitschrift Der Naturfreund wird 1913 vermerkt: "KIEL Am 31. Januar fand die dritte Jahreshauptversammlung statt. Im Berichtsjahr hat die Zahl der Mitglieder sich auf 51 erhöht. Es wurden 91 Ausflüge mit einer Teilnehmerzahl von 754 Personen durchgeführt".
Die Ortsgruppe Flensburg beschloss 1915, "das denjenigen Mitgliedern, die im Felde stehen, Der Naturfreund für die Dauer des Krieges gratis zugestellt wird und die Kosten aus der Ortsgruppenkasse bestritten werden." Dies galt für viele Ortsgruppen.
Der Naturfreund 1916: "KIEL Das Vereinsleben ist auch während des Krieges ein reges geblieben. Die Mitgliederzahl stieg auf 137, die bis jetzt gebotenen Lichtbildvorträge hatten sich eines überaus starken Besuches zu erfreuen."
1920 zählte die Ortsgruppe Kiel 200 Mitglieder, im Inflationsjahr 1923 sogar 248.
In dieser Zeit sah der Verein den "Hüttenbau" als seine wichtigste Aufgabe, aber die absurde Geldentwertung machte zunächst alle Pläne zunichte. Aber dann entstand unter heute kaum noch vorstellbarem Einsatz der Kieler Ortsgruppe das Naturfreundehaus in Kalifornien/Schönberg, am Ausgang der Kieler Förde. Es erhielt den Namen Karl-Volkert-Heim, nach einem österreichischen Sozialdemokraten, der sich u.a. in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde und bei den Naturfreunden engagierte.

Im 5. Heft Der Naturfreund von 1926 heißt es:
- "Ein Naturfreundehaus an der Ostsee. Unser Gau Nordmark hat unter beträchtlichen Opfern am Schönberger Strand an der offenen Ostsee ein großes Naturfreundehaus errichtet und somit an den Gestaden des Meeres unsere Bewegung verankert. Das zweistöckige Haus wird in den Schlafsälen 60 bis 70 Betten zählen. Im Dachraum können ebenso viele Personen untergebracht werden. Gut eingerichtete Nebenräume ergänzen das prächtige Haus, das sich auch für Ferienaufenthalte vorzüglich eignet."
In den Dokumenten dazu wird das Selbstverständnis der Ortsgruppe Kiel deutlich: Das Vorhaben konnte nur mit Idealismus, Opferbereitschaft und Gemeinsinn gelingen. Viele Arbeiten mussten von den Kielern aus Geldnot selbst ausgeführt werden. Davor stand jeweils eine lange, bis zu drei Stunden dauernde Anreise zur "Arbeitsstelle".
Ein Zeitungsartikel von 1930 beschreibt, wie Gäste zu dem attraktiven Haus kommen:
- "Man erreicht das Heim von Kiel aus mit der Kleinbahn zum Schönberger Strand und dann 45 Minuten Gehzeit. Oder vom Städtchen Schönberg aus in 75 Minuten. Oder von Kiel aus mit dem Dampfer bis Laboe und über das alte Fischerdorf Stein in drei Stunden."[1]
Unter dem Dach des Vereins konnten sich auch musische Interessen entfalten: 1929 fand sich ein Mandolinenorchester zusammen, in dem eine Zeitlang wohl auch Rosa Obloch mitspielte.
Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurden 1933 die Gliederungen der Naturfreunde aufgelöst oder verboten. Das Vereinsvermögen wurde Nazi-Organisationen oder staatlichen Stellen zugeschlagen. Das Naturfreundehaus in Kalifornien nahm unter dem Schutz der Behörden die Hitlerjugend in Besitz.

Nur wenige Monate nach Ende der NS-Herrschaft kamen 1945 Mitglieder der Naturfreunde, so sie den 2. Weltkrieg überlebt hatten, wieder zusammen und begannen erneut mit dem Vereinsleben. Bereits im Mai 1946 fanden in Kiel wieder Wanderungen der Naturfreunde statt.[2] Der Verein wurde am 2. Dezember 1946 von der englischen Besatzungsmacht registriert und offiziell zugelassen.
Das Naturfreundehaus am Schönberger Strand gelangte erst nach zähen Verhandlungen 1951 wieder in den Besitz der Kieler Ortsgruppe. Heute bietet das Haus in unmittelbarer Strandnähe die Möglichkeit für Freizeitaktivitäten, zur Erholung und insbesondere zur Umweltbildung. Der Landesverband der Naturfreunde verfügt auf dem Priwall in Lübeck über ein zweites Gästehaus.

Das Mandolinenorchester der Kieler Naturfreunde entstand ebenfalls wieder. Einen Neubeginn gab es anläßlich eines Geburtstags von Ilse Zilz, der langjährigen Vorsitzenden, vermutlich 1947, als 27 Leute mit ihren Instrumenten zum Gratulieren kamen.
"Kerngeschäft" der Kieler NaturFreunde neben dem Betrieb des Naturfreundehauses in Kalifornien war es, gemeinsam zu wandern. Rolf Rabusch war viele Jahre Wanderleiter der Kieler Ortsgruppe.
Heute hat der kleine Verein seinen Schwerpunkt im Umweltschutz.
-
Die Mitgliedskarte von Franz Pieper von 1958
-
Das Naturfreundehaus in Kalifornien - Titel der Broschüre von 2001
-
Das Naturfreundehaus Karl-Volkert-Heim etwa in den 1960ern
-
Wanderung durchs Kaltenhofer Moor, 2. v.r. Wanderleiter Rolf Rabusch
-
80-Jahr-Feier der Ortsgruppe Kiel im Naturfreundehaus Kalifornien
Literatur
- Viola Denecke: Der Touristenverein Die Naturfreunde. In: Franz Walter/Viola Denecke/Cornelia Regin Sozialistische Gesundheits- und Lebensreform-Verbände (Bonn 1991) ISBN 3-8012-4010-X, S. 241 ff.
- Jochen Zimmer (Hrsg.): Mit uns zieht die neue Zeit. Die Naturfreunde. Zur Geschichte eines alternativen Verbandes in der Arbeiterkulturbewegung (Köln 1984) ISBN 3-7609-0927-2
Links
- NaturFreunde Deutschlands
- Naturfreunde Landesverband Schleswig-Holstein
- Naturfreunde Ortsgruppe Kiel
- Naturfreundehaus Kalifornien/Schönberg
- NaturFreunde Wikipedia
