Erster Weltkrieg

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Version vom 21. Februar 2026, 14:10 Uhr von Kaffeeringe (Diskussion | Beiträge) (Ich hoffe, dass dieser Artikel das Gerüst für eine weitere Ausarbeitung ist.)
Heinrich Kürbis, SPD Bezirksvorsitzender

Der Erste Weltkrieg (19141918) markierte eine tiefe Zäsur für die Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein. Seine Auswirkungen auf die Gesellschaft führten zum Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand und mündeten in der Novemberrevolution und dem Ende des Kaiserreichs.

Burgfriedenspolitik und Kriegskredite

Am 28. Juni werden der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau von einem serbischen Studenten ermordet. Dieses Attentat beantwortet Österreich-Ungarn drei Wochen später, nachdem es sich der bedingungslosen Unterstützung des deutschen Reiches versichert hat, mit einem Ultimatum: Es fordert die Untersuchung des Attentats unter Beteiligung österreichischer Stellen. Das Königreich Serbien, das sich von Russland unterstützt weiß, lehnt dies ab.

Am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die deutsche Kriegserklärung an Russland (aufgrund von Bündnispflichten) am 1. August und Frankreich am 3. August weitet diesen lokalen Konflikt zum kontinentalen Krieg aus.

Die SPD-Fraktion im Deutschen Reichstag stimmt mit 96 ihrer 110 Stimmen - gegen ihre bisherige pazifistische und internationalistische Linie - für die Bewilligung der ersten Kriegskredite. Die sogenannte "Burgfriedenspolitik" sollte die nationale Einheit im Krieg sichern und soziale Konflikte hintanstellen. Sie legte damit aber auch den Grundstein für die Spaltung der Partei in den nächsten Jahren.

"Als die Sozialdemokraten am 4. August 1914 im Reichstag den von der Reichsleitung beantragten Kriegskrediten zustimmten, war der Krieg mit Russland bereits eine Tatsache. Das Zarenreich aber war, so hatten es Marx und Engels der Sozialistischen Internationalen immer wieder verkündet, die Vormacht der europäischen Reaktion, der das Proletariat auch mit Waffengewalt entgegentreten musste. Durch ein Nein zu den Kriegskrediten einem Vormarsch der russischen Truppen aus deutschen Boden Vorschub zu leisten kam für die SPD nicht infrage, ebenso wenig wie ein Einschwenken auf die Linie Lenins, der im November 1914 die 'Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg' forderte. Denn ein Bürgerkrieg erschien auch Kriegskreditgegnern wie Karl Kautsky als die grausamste Form des Krieges und darum als eine Katastrophe. Rosa Luxemburg freilich war anderer Meinung. Bürgerkrieg sei nur ein anderer Name für Klassenkampf, schrieb sie noch im November 1918, 'und der Gedanke, den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss einführen zu können, ist eine lächerliche kleinbürgerliche Illusion'."[1]

Die SPD in Schleswig-Holstein konnte diese Entwicklung nicht verhindern. Noch am 28. Juli hatte die Kieler SPD eine große Protestkundgebung gegen den drohenden Krieg organisiert. Die Versammlung fordert die verantwortlichen Stellen im Reich auf, falls der Krieg an der Donau nicht mehr zu verhindern sein sollte, zumindest "das Entstehen eines Weltbrandes" abzuwenden.

Doch auch in Schleswig-Holstein unterstützten die meisten SPD-Mitglieder und -Funktionäre die Linie der Parteiführung, nicht zuletzt aus Sorge vor einem Vormarsch der russischen Armee, die als Vormacht der europäischen Reaktion (Marx/Engels) galt. Der Bezirksparteitag am 2. August beschloss einen Antrag vor, der erst in der Nacht zuvor durch den Bezirksvorstand und die Etatkommission entworfen worden war. Er wurde einstimmig angenommen:[2]

"Die Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein und das Fürstentum Lübeck hat gemeinsam mit der deutschen Gesamtpartei und den anderen Parteien in Europa ihr Bestes getan, um den drohenden Weltkrieg zu verhindern und eine friedliche politische Entwicklung der Völker zu Wohlfahrt und Freiheit zu sichern. Wir stellen fest, daß unsere Partei keine Schuld an dem Verderben trifft, das da über die Welt ziehen will; die Verhältnisse dieser kapitalistischen Zeit und deren Konsequenzen waren stärker als die Arbeit unserer Millionen und der Friedenswille mancher Regierenden. Indem wir uns gezwungen diesen Tatsachen beugen und auch unseren tiefen Schmerz darüber zum Ausdruck bringen, daß drüben in Frankreich einer unserer Besten, Genosse Jean Jaurès, als erstes Opfer der Rückständigkeit Europas fallen mußte, sprechen wir neben einer schwachen Hoffnung, daß dieser Weltenbrand trotz Kriegszustands und Mobilmachung vermieden werden kann, die sichere Hoffnung aus, daß dieses Ringen der Staaten das letzte in Europa sein möge und die Zuversicht, daß mit Hilfe der Sozialdemokratie bald der Tag kommen wird, wo unmöglich ist, was wir heute noch als blutige Tatsache vor uns sehen."[3]

Das sollte der letzte Bezirksparteitag bis 1917 gewesen sein. Die normale Parteiarbeit lag weitestgehend brach - auch weil viele Männer als Soldaten im Krieg waren.

Spaltung

Die zunehmenden Konflikte innerhalb der SPD führten 1917 zur Spaltung in die MSPD, die die Burgfriedenspolitik weiter unterstützte, und die USPD, die sich gegen den Krieg stellte und eine sozialistische Revolution anstrebte. In Schleswig-Holstein vollzog sich diese Spaltung ebenfalls, wobei die USPD besonders in den Städten und Industriegebieten - aber auch in vielen kleinen Orten Unterstützung fand. Die USPD organisierte Streiks und Proteste gegen den Krieg wie zum Beispiel den Januarstreik 1918 und forderte einen Rätestaat nach russischem Vorbild.

Die Spaltung war auch eine Folge der unterschiedlichen politischen Strategien: Während die MSPD auf Reformen innerhalb des bestehenden Systems setzte, wollte die USPD eine grundlegende Umwälzung der Gesellschaft. Ein Gegensatz, den die SPD bisher immer intern ausgetragen hat, wurde damit in einer organisatorischen Trennung vollzogen. Diese Differenzen prägten die politische Landschaft in Schleswig-Holstein bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus. So entsteht bspw. aus der USPD die KPD, was die Spaltung der Arbeiterbewegung zementiert und schwächt.

Novemberrevolution

Die Novemberrevolution von 1918 war das Ergebnis einer tiefen Krise des Deutschen Reiches, die sich über Jahre hinweg zugespitzt hatte. Entscheidend waren die militärische Niederlage an der Westfront und die wirtschaftliche sowie soziale Erschöpfung der Bevölkerung. Nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive 1918 war die deutsche Armee geschlagen, doch die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg weigerte sich lange, dies einzugestehen. Erst als die alliierten Truppen im Herbst 1918 vorrückten und ein Waffenstillstand unvermeidbar wurde, gab die OHL die Niederlage zu – doch die Folgen des Krieges hatten das Land bereits zerrüttet: Hunger, Inflation und die Repression gegen Kriegsgegner radikalisierten weite Teile der Arbeiterschaft und Soldaten. Besonders in den Industriezentren und Marinehäfen wie Kiel formierte sich Widerstand, der sich gegen die Fortsetzung des sinnlosen Sterbens richtete.

Der Funke, der die Revolution entfachte, sprang in Schleswig-Holstein über - genauer gesagt in Kiel. Am 3. November 1918 verweigerten Matrosen der Hochseeflotte den Befehl zu einer letzten, aussichtslosen Schlacht gegen die britische Flotte. Diese Meuterei war der Auslöser für den Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand, der sich innerhalb weniger Tage auf ganz Norddeutschland ausweitete. Arbeiterschaft und Soldaten bildeten Räte, die die Macht in den Städten übernahmen und die Freilassung politischer Gefangener, die Beendigung des Krieges sowie demokratische Reformen forderten.

Lothar Popp, um 1925

Die USPD mit Personen wie Lothar Popp und Karl Artelt spielte dabei eine zentrale Rolle, während die MSPD zunächst zögerte, sich klar auf die Seite der Revolution zu stellen. Doch der Aufstand griff schnell auf andere Städte über - bis er am 9. November Berlin erreichte und mit der Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann (MSPD) und der "sozialistischen Republik" durch Karl Liebknecht (Spartakusgruppe) seinen Höhepunkt fand.

Die Revolution mündete schließlich in einen Kompromiss, der die Weimarer Republik hervorbrachte - doch die Konflikte blieben ungelöst. Während die MSPD unter Friedrich Ebert eine parlamentarische Demokratie anstrebte, forderten USPD, Spartakusgruppe und radikale Arbeiterinnen und Arbeiter eine Räterepublik nach russischem Vorbild. Diese Spaltung schwächte die Revolution: Die MSPD verbündete sich mit den alten Eliten, um die Räteregierungen zu zerschlagen - etwa durch den Einsatz von Freikorps gegen den Spartakusaufstand in Berlin im Januar 1919.

In Schleswig-Holstein verloren die Räte zwar an Einfluss, doch die Erfahrungen der Revolution prägten die politische Kultur der Region nachhaltig. Die Novemberrevolution hatte die Monarchie gestürzt und die erste deutsche Demokratie ermöglicht - doch die ungelösten sozialen und politischen Widersprüche in der Arbeiterbewegung sollten die Weimarer Republik bis zu ihrem Untergang 1933 belasten.

Links

Wikipedia: Erster Weltkrieg

Einzelnachweise

  1. Winkler, Heinrich August: Mehr Revolution wagen? in: DIE ZEIT, 21.2.2019, S. 6-7
  2. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o.J. [1963])
  3. Lübecker Volksbote, Ausgabe vom 3. August 1914