Sozialdemokratischer Verein Groß-Kiel

Aus SPD Geschichtswerkstatt
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Der Sozialdemokratische Verein Groß-Kiel war der Vorläufer des Kreisverbandes Kiel der SPD. Er bestand bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten am 22. Juni 1933.

Vorgeschichte

Stephan Heinzel

Auf dem vom Schriftsetzer Stephan Born 1848 einberufenen "Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongreß" war auch ein Vertreter der Kieler "Arbeiterverbrüderung" dabei. Am 8. Juli 1865 gründete sich die Kieler Gemeinde des "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins".[1] Eine sozialdemokratische Parteiorganisation in Kiel baute ab Beginn der 1870er Jahre der Schneider Stephan Heinzel auf. Er führte sie auch in der Zeit der Illegalität unter den Bismarck'schen "Sozialistengesetzen" 1878-1890 und vertrat die SPD ab 1890, zusammen mit dem Maurer Friedrich Brodthuhn, in der Stadtverordnetenversammlung, wie die Ratsversammlung damals hieß. Das Verbindungsverbot für politische Vereine in Preußen wurde am 11. Dezember 1899 (RGBl. 1899, S. 699) aufgehoben ("Lex Hohenlohe").

"Das Sozialistengesetz verfehlte seine Wirkung auch in Schleswig-Holstein vollkommen. Als es 1890 nach 12jähriger Geltungsdauer im Reichstag nicht verlängert wurde, war die sozialdemokratische Organisation weniger zerschlagen als vielmehr grundlegend reorganisiert' Der Aufstieg der Sozialdemokratie setzte sich kontinuierlich fort. 1890 traten allein in Kiel ca. 2000 Arbeiter zu einer 'Jubelfeier' zusammen und gründeten den 'Sozialdemokratischen Verein von Kiel'" [2]

Am 1. Juli 1905 passten die schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten ihre Struktur den neuen Verhältnissen an. Das in der Illegalität praktizierte System von Vertrauensmännern konnte durch eine direkte Parteiorganisation ersetzt werden, deren Grenzen denen des Wahlkreises zum Reichstag (dem Lübeck nicht angehörte) entsprachen.

Dem Sozialdemokratischen Zentralverein für den 7. Schleswig-Holsteinischen Reichstagswahlkreis gehörten die Ortsvereine Kiel und Umgegend, Gaarden, Neumünster, Winterbek-Hassee, Dietrichsdorf, Rendsburg, Preetz, Nortorf, Hohenwestedt und Heikendorf mit insgesamt ca. 3.800 Mitgliedern an. Das preußische Dreiklassenwahlrecht, das bis zur Novemberrevolution 1918 galt, sorgte allerdings dafür, dass trotz hoher Stimmanteile die SPD Schleswig-Holstein im Preußischen Abgeordnetenhaus kaum vertreten war. Erster Vorsitzender wurde der Metallarbeiter Wilhelm Poller, der bereits seit mehreren Jahren Vertrauensmann gewesen war. 1907 wurde er vom Verein als hauptamtlicher Parteisekretär angestellt.[3] Sein Vorgänger war Paul Andratschke gewesen.[4]

Wilhelm Brecour

Der "Sozialdemokratische Verein Kiel und Umgegend" gründete sich, nachdem 1890 Bismarcks "Sozialistengesetze" aufgehoben wurden. Zu seinem ersten Vorsitzenden wurde am 21. Dezember 1890 der Buchhändler Christian Haase gewählt. Ihm folgten 1894 der Tischler Wilhelm Brecour, 1896 der Buchbinder Daniel Rindfleisch[5] und 1907 oder 1908 der Tischler Edmund Söhnker[6].

Frauen

Lediglich die Frauen wurden weiterhin durch eine jährlich gewählte "weibliche Vertrauensperson" vertreten, da das Verbot der politischen Betätigung für Frauen erst 1908 fiel. Jahrelang wurde Theodora Niendorf in dieses Amt gewählt, offenbar auch über 1908 hinaus. Allein in diesem ersten Jahr traten etwa 700 Frauen dem Verein als Mitglieder bei. Viele hatten bereits vorher ihre Verbundenheit durch die Zahlung freiwilliger Beiträge bekundet.

1909 beschloss der Provinzialparteitag ein neues Statut, das auch die Vertretung von Frauen umfasste: "Die Agitationskommission [d.h. die Spitze des Bezirks- oder Landesverbandes] besteht aus einem besoldeten Beamten, der auch die Kassengeschäfte zu führen hat, einem Vertreter der Parteizeitung und 5 Beisitzern, unter welchen mindestens eine Genossin sein muß."[7] Auch im Aktionsausschuss, dem höchsten Organ der Kieler Parteiorganisation, war ein Platz für ein weibliches Mitglied zwingend vorgesehen.

Bereits 1893 gründeten politisch interessierte Arbeiterfrauen den Kieler Bildungsverein für Frauen und Mädchen. Außerdem soll sich bereits vor Aufhebung des Sozialistengesetzes im "Hökerladen der alten Genossin Rathje" in der Kieler Straße eine illegale Frauengruppe getroffen haben. Es könnte das Haus Nr. 47 gewesen sein, wo laut Adressbuch von 1892 eine Schneiderin namens Rathje wohnte. Näheres ist jedoch nicht bekannt.[8]

Subversives im Rathausturm

Ob die Urheber der folgenden Geschichte tatsächlich Mitglieder der Kieler Parteiorganisation waren, weiß man nicht. Zumindest aber waren sie bewusste Proletarier und organisierte Gewerkschafter.

In den 1990er Jahren machten Dachdecker bei Bauarbeiten am Rathausturm einen Fund, der bei allen bisherigen Bau- und Reparaturmaßnahmen übersehen worden war. Sie entdeckten unter der Kugel auf der Turmspitze eine kleine Metallkassette, aus der am Bau des Rathauses beteiligte Arbeiter ihre politische Stimme an die Nachwelt richteten. "Für unsere Nachkommen, anno ultimo" war der Umschlag in dieser Kassette adressiert; darin hatten sie ihre zentrale politische Forderung auf einem Bestellzettel für Steinwerk festgehalten:

"Werter Leser! Wenn Du diesen Zettel liest, so denk an uns als längst verstorbene Freunde und kämpfende Proletarier für ein gleiches, direktes, geheimes und allgemeines Wahlrecht."

Auf der Rückseite sind die Namen der an dieser Aktion beteiligten Poliere und Steinmetze aufgeführt. Der Zettel trägt das Datum 27. September 1910. Beigefügt sind unter anderem auch ein Flugblatt des Metallarbeiterverbandes von Kiel und Umgebung, zwei Metallarbeiterzeitungen sowie eine Ausgabe der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung – Organ für das Arbeitende Volk von 1910. Die Arbeiter hatten ihre eigene Version dessen, was sie in einer Gründungskassette für angemessen hielten, ergänzt.

"[Diese Dokumente] sind Zeugnis des Protestes der organisierten Arbeiterschaft gegen das damalige Herrschaftssystem. Die am Bau des Rathauses Beteiligten wollten den offiziellen Dokumenten etwas entgegensetzen: Sie wollten ihr Bekenntnis für ein freieres und soziales Deutschland dokumentieren und späteren Generationen ihre Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel offenbaren." formuliert es das Presseamt der Landeshauptstadt Kiel.[9]

Sozialdemokratischer Verein Groß-Kiel

Fahne der SPD Suchsdorf von 1919

Am 1. Oktober 1911 schlossen sich die vier Ortsvereine im Kieler Stadtgebiet - Kiel und Umgegend, Gaarden, Winterbek-Hassee und Ellerbek-Wellingdorf - zum Sozialdemokratischen Verein Groß-Kiel zusammen. Gemeinsam hatten sie etwa 9.000 Mitglieder. Kurz vor Kriegsbeginn 1914 war die Mitgliederzahl auf fast 12.000 gestiegen, darunter etwa ein Drittel Frauen. Der neue Ortsverein (später Kreisverein, heute Kreisverband) setzte sich aus sieben Distrikten zusammen, die bereits am 21. September ihre konstituierenden Distriktsversammlungen durchgeführt hatten: Nord, West, Süd, Ost (Sozialdemokratischer Verein Gaarden), Hassee, Ellerbek, Wellingdorf.

Gründungsvorsitzender war Edmund Söhnker, der die Neustrukturierung als Vorsitzender geleitet hatte. Ihm folgte ab 1912 Heinrich Bielenberg, der das Amt bis zu seiner Einberufung zum Kriegsdienst wahrnahm. Zu seinem Stellvertreter wurde Friedrich Brodthuhn berufen. Dieser leitete den Verein faktisch bis zur Wahl des Buchdruckers Oskar Fröhlich 1915. Im Mai 1916 wurde der Geschäftsführer des Kieler Gewerkschaftskartells, Gustav Garbe, zum Vorsitzenden gewählt; bereits im September gab er das Amt wegen Arbeitsüberlastung wieder ab.[10] Friedrich Brodthuhn wurde sein Nachfolger.[11]

Nach Krieg und Novemberrevolution, die mit dem Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand am 3. November 1918 begann, ergab sich durch die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, das auch Listenwahl beinhaltete, eine neue Situation. Es wurde der Bezirksverband Schleswig-Holstein mit fünf Unterbezirken geschaffen. Groß-Kiel wurde dem dritten, später dem zweiten Unterbezirk zugeordnet.

Otto Eggerstedt

Weimarer Republik

Vorsitzender wurde 1919 Otto Eggerstedt, der spätere hauptamtliche Parteisekretär. Ende 1927 zog er nach Wandsbek. Sein Stellvertreter Wilhelm Schweizer übernahm 1928 den Vorsitz; Parteisekretär wurde Ernst Teßloff aus Hamburg, der jedoch nur einige Jahre in Kiel blieb. 1931 wurde Richard Hansen zum Stellvertreter Schweizers gewählt, der den Vorsitz wieder Otto Eggerstedt überließ, als dieser Anfang 1933 nach Kiel zurückkehrte.

Seit 1. Oktober 1922 gehörten die Ortsvereine der Gemeinden Holtenau, Pries und Friedrichsort, seit 1. April 1924 Neumühlen-Dietrichsdorf durch Eingemeindung zu Kiel. Diese Zusammensetzung blieb bestehen, bis die SPD 1933 von den Nationalsozialisten verboten wurde.

Der Unterbezirk umfasste auch eine Kinderschutzkommission und einen Arbeiterbildungsverein. Beide wurden zwischen 1918 bzw. 1919 und 1924 von Gehrt Rickers geleitet.

Vom 20.-27. Mai 1927 war Kiel Ort des Reichsparteitages der SPD. Seine Organisation forderte den Verein Groß-Kiel stark, wurde aber allgemein - auch von der Parteiführung - als sehr eindrucksvoll bewertet.

Entstehung der Jungsozialisten in Kiel

Eine Gruppe junger Frauen und Männer aus der SPD traf sich am 1. Januar 1920 in Kiel. Sie verabschiedeten Leitsätze, in denen es u.a. hieß:

"Die den Arbeiterjugendvereinen entwachsenen Parteigenossinnen und -genossen können ihrer ganzen seelischen Einstellung nach nicht ohne weiteres den Schritt zur allgemeinen Arbeiterbewegung machen, denn diese ist in ihrem inneren und äußeren Leben so einseitig verstandesmäßig und materialistisch ausgerichtet, daß sie die in der Jugend vorhandenen und durch den Krieg neubelebten irrationalen Regungen nicht befriedigen kann. Daher schließen sie sich zu besonderen jungsozialistischen Gemeinschaften innerhalb der Partei zusammen."

Damit hatten sich in Kiel die Jungsozialisten als eigenständige Gruppe innerhalb der SPD gebildet, noch vor dem Beschluss des Reichsparteitages in Kassel zu ihrer Gründung auf Reichsebene.

Literatur

Quellen

  1. Danker u.a.: Orte, S.
  2. Danker: Doppelstrategie, S. 34
  3. Brecour: Partei, S. I-76 f.
  4. Hierfür fehlt ein Beleg. Andratschke wird bei Brecour nicht erwähnt.
  5. Fischer: Sozialdemokratie, S. 10 f., S. 58)
  6. Festschrift zum Jubiläum der Volksbühne in Kiel, zitiert in: Hans Söhnker: ... und kein Tag zuviel (Hamburg 1974), S. 13
  7. zitiert in Fischer: Sozialdemokratie, S. 62
  8. Susanne Kalweit: Auf der Suche nach der weiblichen Intelligenz, in: Lang/Peters/Sönnichsen/Ziefuß (Hrsg.): Kiel zu Fuß. 17 Stadtteilrundgänge durch Geschichte und Gegenwart (Hamburg 1989), S. 124
  9. Protest über Kiels Dächern, Internetseiten der Landeshauptstadt Kiel (abgerufen 12.10.2014), denen diese Geschichte entnommen ist.
  10. Eckhard Colmorgen / Bernhard Liesching: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 251
  11. Bei Brecour: Partei, S. I-92 heißt es, Brodthuhn habe "das Amt [des Stellvertreters] während der ganzen Kriegszeit" ausgeübt. Die wechselnden Vorsitzenden werden nicht erwähnt.
  12. Schreiben 395/2016 des Leitenden Archivdirektors Prof. Dr. Dr. Rainer Hering an den SPD- Landesverband, Ralf Stegner, vom 10. Februar 2016