Ortsverein Holtenau

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Kiel Holtenau.jpg

Der Ortsverein Holtenau ist eine Gliederung des Kreisverbandes Kiel. Seine frühe Geschichte war eng mit den militärischen Einrichtungen in Holtenau und Friedrichsort verknüpft.

Militär und Marine in Holtenau

1867 wurde Schleswig-Holstein als Provinz ins Königreich Preußen eingegliedert. Damit hatte Preußen ein militärisches Interesse auch an der Kieler Förde. Bereits seit 1865 bestand am Voßbrooker Strand (Unterland) eine Quarantäneanstalt für die westliche Ostseeküste. Dann bauten die Preußen auf dem Oberland zum Schutz der Förde das Fort Holtenau.

Nach der Reichsgründung 1871 wurde Kiel Reichskriegshafen. In Friedrichsort bestanden schon seit vor der Jahrhundertwende die Kaiserlichen Torpedowerkstätten. Um 1900 beschäftigten sie etwa 1000 Arbeiter, vorwiegend Dreher, Schlosser und Former; während des 1. Weltkrieges wuchs ihre Zahl auf bis zu 6310 an. 1914 errichtete die Kaiserliche Marine am Strand von Voßbrook eine Marine-Fliegerabteilung mit 217 Mann (31 Offiziere, 186 Unteroffiziere und Mannschaften) und ca. 35 Flugzeugen.

1918, gegen Ende des 1. Weltkrieges, begann man bei Stegelhörn (heute: Plüschow-Hafen) mit dem Bau eines seit 1913 geplanten Torpedoboothafens und einer U-Boot-Werft. Unzählige Arbeiter aus dem ganzen Land wurden herbeigeholt und in Baracken untergebracht. Das Gelände zwischen Voßbrook und Schusterkrug wurde abgetragen und geebnet, die dabei anfallenden Erdmassen zur Auffüllung des Geländes bei Stegelhörn verwendet, wo ein Güterbahnhof entstehen sollte. Die Lagerräume für die Torpedos waren fast fertig, die von Neu-Wittenbek ausgehende Eisenbahnstrecke schon bis Altenholz gebaut und umfangreiche Bauarbeiten in vollem Gang, als im November 1918 das Ende des Krieges das Projekt hinfällig werden ließ. Das Baugelände blieb lange ungenutzt, Grundwasser zerfraß die Rohbauten und es entstand ein Bild der Verwahrlosung. Das Fort Holtenau musste entsprechend den Vorgaben der Siegermächte geschleift werden.

Geschichte

Am 25. April 1903, ca. zwei Monate vor der anstehenden Reichstagswahl 1903, gründete sich im Dorf Holtenau der sozialdemokratische "Wahlverein für Holtenau und Umgegend". Holtenau lag im 3. schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkreis (Schleswig/Eckernförde). Die Wahl bescherte der SPD einen ihrer größten Erfolge: Carl Legien zog erneut in den Reichstag ein, Sozialdemokraten gewannen fünf von zehn der schleswig-holsteinischen Wahlkreise und im Reich wurde die SPD mit über 3 Mio. Wählerstimmen stärkste Partei. Aus dem "Wahlverein" konstituierte sich am 18. Dezember 1905 mit 41 Mitgliedern der "Ortsverein für Holtenau und Umgegend".

Ziele

Die Ziele des politischen Kampfes der Holtenauer Sozialdemokraten lassen sich aus dem 10-Punkte-Programm ablesen, das 1903 im Norddeutschen Volkskalender veröffentlicht wurde. In der Präambel heißt es:

"Die sozialdemokratische Partei Deutschlands kämpft [...] nicht für neue Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst und für gleiche Rechte und Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Von diesen Anschauungen ausgehend, bekämpft sie in der heutigen Gesellschaft nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Unterdrückung und Ausbeutung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse."

In dem Programm finden sich alle wichtigen Forderungen wieder, die für unseren heutigen demokratisch verfassten Rechtsstaat von grundlegender Bedeutung sind: demokratisches Wahlrecht, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, die Gleichstellung von Mann und Frau, das Verbot von Kinderarbeit, die Erklärung der Religion zur Privatsache und die Unentgeltlichkeit des Schulunterrichts, des Rechtsbeistandes sowie ärztlicher Hilfeleistungen. Aber die Sozialdemokraten waren auch immer mehr als "nur" eine politische Vereinigung.

Vereinsleben

Die ersten Mitglieder des Ortsvereins waren Arbeiter der Kaiserlichen Torpedowerkstatt in Friedrichsort, von denen viele in Arbeiterquartieren am Schusterkrug untergebracht waren. Hinzu kamen einige Handwerker aus Holtenau und Leute, die am Nord-Ostsee-Kanal beschäftigt waren. Inwieweit Soldaten oder Zivilbeschäftigte der Militärverwaltung Mitglieder in der Holtenauer SPD waren, ist bisher nicht ermittelt. Auch einige Arbeiterfrauen traten ab 1908 der Partei bei und kämpften erfolgreich für die Verwirklichung sozialer Rechte. So wurde auf Anregung der Genossinnen im Oktober 1910 eine Kinderschutzkommission beschlossen.

In Holtenau wurden vierteljährliche Mitgliederversammlungen abgehalten. Versammlungslokal war das Hotel "Irene" am Schusterkrug. Neben den aktuellen Themen des Ortsvereins wie Mitglieder-, Kassen- und Abonnementbestand wurde von den Ergebnissen der Parteitage berichtet und darüber kontrovers diskutiert. Die Versammlungen wurden durch vielfältige Gastvorträge eigens hierfür angereister Referenten angereichert. Verbürgt sind die Vorträge Der moderne Militarismus - eine Gefahr für das Proletariat, Die Entwicklung des Zeitungswesens, Die Steuerpolitik der Reichsregierung, Das Deutsche Reich in den internationalen Beziehungen sowie ein Lichtbildervortrag über Feuerbestattungen.

Erwähnenswert sind auch die abwechslungsreichen kulturellen Ausflüge und Unternehmungen zum 1. Mai, die zahlreichen Bildungsveranstaltungen und das Betreiben einer eigenen Bibliothek. Beliebt und gut besucht waren auch der Arbeiter-Gesangverein Holtenau und die Freie Turnerschaft in Holtenau.

Als Zeugnis eines etablierten demokratischen Selbstverständnisses sei eine Vorkommnis während einer Mitgliederversammlung erwähnt:

"Gerügt wurde, dass Teilnehmer an dem letzten Laufkötter-Vortrag einen in der Diskussion auftretenden Gegner nicht mit derselben Ruhe anhörten wie den Genossen Laufkötter. Es gehöre nicht zum guten Ton, einen Gegner durch Zwischenbemerkungen oder durch Unruhe zu stören, sondern man lege vielmehr Ehre ein, wenn man auch die gegnerische Meinung achte."[1]

Der politische Kampf für eine demokratische und sozial gerechte Gesellschaft wirkte sich positiv auf die Reichstagswahl von 1907 aus. In Holtenau erhielt der sozialdemokratische Kandidat Genosse Hoffmann 237 Stimmen, die Konkurrenten 175 Stimmen (Freisinnige Partei) und 20 Stimmen (Nationalliberale). Bestärkt durch den Zuspruch der Wähler und den großen Zulauf an Parteimitgliedern entwickelte der Holtenauer Ortsverein fünf Jahre nach der Gründung eine selbstbewusste Eigenständigkeit. Ende 1910 betrug der Mitgliederbestand 308 Genossen und 45 Genossinnen.

Der junge Ortsverein in der Krise

Im Angesicht des nahenden 1. Weltkrieges standen zahlreiche Friedenskundgebungen und -versammlungen auf den Aktionsplänen. In einer von der Kieler SPD organisierten Massendemonstration, an der auch viele Genossinenn und Genossen aus dem Dorf Holtenau teilnahmen, wurde am 28. Juli 1914 auf der Waldwiese eine Friedensresolution gefasst:

"Wir geloben, dass wir mit aller Energie uns dafür einsetzen wollen, die deutschen Staatsmänner dahin zu bringen, dass sie sich und ihre ganze Macht ehrlich und restlos gegen den Krieg wenden. Die hier versammelten Tausende fühlen sich mit Millionen in Europa einig darin, für den Frieden und gegen den Krieg das Äußerste leisten zu müssen."[2]

Trotz der reichsweiten Friedenskundgebungen bewilligte am 4. August 1914 auch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die Kriegskredite; Voraussetzung war für sie der vereinbarte parteiübergreifende "Burgfrieden". Gegen diese Politik der Reichstagsfraktion regte sich starker innerparteilicher Widerstand, der zur Zerreißprobe für die SPD wurde. In einem Aufruf in der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung wurden der innerparteilichen Opposition harte Konsequenzen angedroht:

"Gruppen und Personen, welche durch bestimmte Handlungen ihr Eintreten für die Opposition bekunden, haben damit im Sinne des Organisationsstatuts ihren freiwilligen Austritt aus dem Verbande der Gesamtpartei erklärt. (...) Sollte sich ein Ortsverein durch Mehrheitsbeschluß zur Opposition bekennen, so hört er auf, sozialdemokratischer Verein zu sein."[3]

Die Antwort des Ortsvereins Holtenau darauf war von einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein geprägt, das bis heute als Selbstverständnis in der Auseinandersetzung mit übergeordneten Parteiinstanzen lebendig ist.

"Genosse B. meinte, ... man wolle die freie Meinung in der Partei unterdrücken. Man könne sich aber doch kein Mitglied denken, daß innerhalb der Organisation [nicht] frei seine Meinung äußern dürfe. Das war ja bisher gerade der Vorzug unserer Partei. ... Nicht die Mitglieder, sondern die Parteiinstanzen wollten die Partei zerreißen. (...) Genosse R. meinte, welches der Standpunkt der Partei sein soll, hätten die Wahlen zu entscheiden und nicht die Vorstände."

Der Ortsverein kam bei nur zwei Gegenstimmen zu folgender Entschließung:

"Der Sozialdemokratische Verein Holtenau teilt den Standpunkt der Arbeitsgemeinschaft. Er verurteilt daß Vorgehen der Parteiinstanzen und wird nach wie vor das tun, was er für richtig hält."[4]

Die grundlegenden Differenzen zwischen Parteiführung und Basis führten in Holtenau zu einem tiefgreifenden Bruch.

"Dem Vorsitzenden wurde dann noch mitgeteilt, daß die gesondert organisierten Anhänger der Opposition, die sich unberechtigterweise noch als 'Sozialdemokratischer Ortsverein für Holtenau und Umgegend' bezeichnen, jedenfalls von der zuständigen Kreisleitung erst gezwungen werden müssen, daß der Kreisorganisation gehörende Vereinsmaterial herauszugeben."[5]

Am 8. April 1917 gründete sich aus Opposition gegen den Parteivorstand und dessen Unterstützung für den Kriegskurs die Unabhängige Sozialdemokratie (USPD). Nach zwölf erfolgreichen Jahren hörte mit der Spaltung der SPD das vitale Ortsvereinsleben auf zu existieren. Zählte der Ortsverein Holtenau im Juli 1914 noch 792 Mitglieder, so versank er nach dem Ausschluss einer großen Mehrheit, die sich überwiegend der USPD anschloss, in der Bedeutungslosigkeit. In der folgenden Zeit wird über den Ortsverein in der VZ nicht mehr berichtet.

Noch 1915 hatte das Blatt gemeldet, dass ca. 90 Mitglieder des Ortsvereins Holtenau "im Felde stehen" - wie viele von ihnen fielen, ist nicht ermittelt.[6]

Der Weg in die Weimarer Republik

Am 26. Januar 1918 begann auf der Germaniawerft, in den Kaiserlichen Torpedowerkstätten in Friedrichsort und in vielen anderen Kieler Großbetrieben ein von der USPD initiierter Generalstreik. Tausende Arbeiter demonstrierten für bessere Lebensbedingungen, für die Beendigung des Weltkrieges und für die Demokratisierung der Verfassung des Deutschen Kaiserreiches. Im November kam es dann zum Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand, der die Revolution in Deutschland, das Ende des Kaiserreiches und die Entwicklung hin zu einem demokratischen Staatswesen einleitete.

Aus dem Tagebuch eines Offiziers lässt sich entnehmen, wie sich ihm die Situation im Dezember 1918 darstellte:

"Ein Soldatenrat war inzwischen eingesetzt. Neben dem Kommandeur, Kapitän zur See Mehnert, stand der Obermatrose Koch als Kommandeur. Neben dem Stationsleiter, Oberleutnant zur See Dehn, stand ein Matrose. Arbeit war durch den Ausbau der Motoren aus den Maschinen kaum noch vorhanden, und die wenige noch auszuführende Arbeit konnte nie zu Ende verrichtet werden, da der Soldatenrat immer dazwischen funkte. Dafür trat aber eine erhebliche Solderhöhung ein. Nur wenn ein Prahm mit Koks gelöscht werden sollte, waren meistens an erster Stelle die da, die sich sonst vor aller Arbeit drückten, weil in diesem Fall eine Zulage gezahlt wurde."[7]

Der hier genannte Soldatenrat konnte sich nicht behaupten; nach Ende Dezember 1918 wird er nicht mehr erwähnt.

Die Weimarer Republik begann auch mit hohen Hypotheken. Neben den horrenden Reparationszahlungen an die Siegermächte stand die schwierige Umstellung von der Kriegs- auf die Friedensindustrie an. Viele Holtenauer Arbeiter wurden durch die Schließung der Friedrichsorter Rüstungsindustrie arbeitslos. In den Wiederaufbauplänen für Kiel waren die Uferstrecken Holtenaus und Friedrichsorts von besonderer Bedeutung. Auf dem Voßbrooker Gelände sollte nach den Plänen des Magistrats eine Fein- und Veredelungsindustrie samt Hafenanlage entstehen. Die notwendige Eingemeindung von Holtenau, Pries und Friedrichsort nach Kiel 1922 verlief nicht ohne Protest der Einwohner. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre wurde der Bebauungsplan bis auf den Plüschowhafen jedoch nicht umgesetzt. Nach Abholzung des Voßbrooker Waldes und Abriss der Katen Distelrade, Diken und Eekbrook wurde im Frühjahr 1928 der ausgebaute Flugplatz Holtenau in Betrieb genommen.

Wiedervereinigung

Der Ortsverein Holtenau und Umgegend gliederte sich mit der Eingemeindung des Dorfes 1922 dem Sozialdemokratischen Verein Groß-Kiel an. Am 14. Juli desselben Jahres schlossen sich die Reichstagsfraktionen von SPD und USPD wieder zusammen. Dies führte auch bei den Holtenauer Sozialdemokraten wieder zu einer tatkräftigen Einheit. Unter anderem fand mit maßgeblicher Unterstützung des Ortsvereins im Juli 1927 auf dem ehemaligen Holtenauer Gutsbezirk Seekamp die Kinderrepublik Seekamp statt.

Daneben standen die stetige Radikalisierung der politischen Stimmung, vor allem infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der wachsenden Arbeitslosigkeit, und der Aufstieg der Nationalsozialisten. Die Gründung der Eisernen Front Ende 1931 war der letzte Vesuch der demokratischen Kräfte, sich den Rechten entgegenzustellen.

Nationalsozialismus

Am 22. Juni 1933 wurde die SPD offiziell verboten. Da waren viele Mitglieder bereits verhaftet, im Konzentrationslager, im Untergrund oder im Exil. Von außen und auch von innen wurde jedoch weiterhin versucht, über ein europäisches Netz von Verbindungen die Arbeit der Partei im Untergrund fortzuführen. Zu diesem Netz gehörten auch Holtenauer Parteimitglieder. Der Holtenauer Richard Hansen, Mitglied der Bezirksleitung Kiel, flüchtete mit weiteren Genossen über die Anlaufstelle "Café Lützen" in Flensburg; die Familie Lützen unterstützte unzählige Genossen bei der Flucht über die "grüne Grenze" nach Dänemark. An einer Tankstelle wurde die Gruppe von SA-Leuten erkannt. Richard Hansen glückte als einzigem von ihnen die Flucht über die Ostsee nach Kopenhagen.

Dort leitete er das Grenzsekretariat; er war für die Koordinierung des Widerstandes in Schleswig-Holstein, Hamburg und Pommern und für die Verbreitung von Druckschriften wie Sozialistische Aktion oder Vorwärts zuständig, die zu Wasser und zu Lande nach Nazi-Deutschland geschmuggelt wurden. Als "Briefkästen" zur Weiterverbreitung dienten unter anderem alte Motorradschläuche; gelegentlich wurden Schriften in Arbeitsämtern, Wohlfahrtsstellen oder Straßenbahnen hinterlassen. In Kiel gehörten neben anderen die Genossen Hans Schröder und Emil Bandholz zu den Verteilern; beide wurden im Februar 1937 verhaftet.

Die Widerstandsaktionen in Schleswig-Holstein beschränkten sich bis zum 2. Weltkrieg im Wesentlichen auf die Aufrechterhaltung der Informationsnetze und auf Fluchthilfe für Genossen aus ganz Deutschland, die nach Dänemark und Skandinavien gebracht wurden. Diese Aktionen waren äußerst riskant. Am 6. Mai 1938 wurden in einer groß angelegten Razzia 59 Kieler Genossen verhaftet und ihre Wohnungen, Keller- und Bodenräume nach verdächtigen Schreibmaschinen, Vervielfältigungsapparaten und Radiosendeanlagen durchsucht. In Holtenau traf es die Genossen Karl Mäder (* 22. Mai 1905) aus dem Schusterkrug 16 und Wilhelm Noack (* 7. Juni 1879) aus der Richthofenstr. 35.

Bemerkenswert ist in jener Zeit die ungebrochene Solidarität. So fanden sich beim Tod eines früheren SPD-Mitglieds noch im Januar 1936 300 Genossen zu einem Trauermarsch zusammen.

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 kamen diese Verbindungen fast vollständig zum Erliegen. Bei der Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 fielen der Gestapo die Akten der dänischen Polizei über die Emigranten in die Hände. Viele wurden verhaftet und in Lager deportiert, darunter Adolf Drobe, Oskar Nielsen und der dänische Verbindungsmann Ake Lassen. Nur wenigen gelang wie Richard Hansen und Kurt Heinig noch in derselben Nacht die Flucht über den Öresund nach Schweden. Richard Hansen emigrierte später weiter in die USA, von wo er 1947 nach Kiel zurückkehrte.[8]

Die Nachkriegszeit

Nach Ende des Krieges lag die "Reichsmarinestadt" Kiel in Schutt und Asche. Aber immerhin durfte sich die SPD auf Ortsebene wieder versammeln. Am 29. Januar 1946 fand die Gründungsversammlung des Ortsvereins Holtenau statt. Die etwa 50 anwesenden Genossinnen und Genossen wählten Kurt Wiese[9] zum Vorsitzenden. In den folgenden Mitgliederversammlungen (mit durchschnittlich 60 anwesenden Mitgliedern) ging es sowohl um praktische Dinge wie Bau oder Sanierung von Wohnungen als auch um Demokratisierungsprozesse (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Schulfragen). Der Aufbau einer Frauengruppe und die Einrichtung einer Nähstube wurden angeregt.[10]

Der ersten Kommunalwahl im August 1946 wurde hohe Bedeutung beigemessen. Als Kandidaten für die (damals noch so genannte) Stadtverordnetenversammlung wählte der Ortsverein Walter Kowalewski, Hans Stade und Kurt Wiese. Fehler von vor 1933 sollen sich nicht wiederholen. Die Macht der Großgrundbesitzer müsse gebrochen werden, lautete eine zentrale Forderung an die Landesebene. Den Beschluss des Bezirksparteitages in Neumünster gegen eine Vereinigung von KPD und SPD begrüßten die Holtenauer Mitglieder. Zählte der Verein bei seiner Gründung 1946 insgesamt 80 Mitglieder, so waren es ein Jahr später zur Mitgliederversammlung am 25.1.1947 schon 180 Mitglieder, davon 30 Frauen.

Aufbruchstimmung in den 70ern

Im OV Holtenau herrschte in den 1970ern eine positive Grundstimmung vor. 1970 gründete sich eine Juso-Gruppe des Ortsvereins.[11]

1972 waren sie nah an den Olympischen Segelwettbewerben in Kiel. Bei den vorgezogenen Bundestagswahlen am 19. November desselben Jahres gelang der SPD unter Willy Brandt mit knapp 46% der Stimmen der größte Wahlsieg ihrer Geschichte. 91,2% der Wahlberechtigten gingen in Kiel zur Wahl und bescherten Norbert Gansel einen grandiosen Wahlsieg.

Das "SPD-Heim"

Südlich vom Flughafen Holtenau, in der Straße Eekbrook, stand seit dem 2. Weltkrieg eine Holzbaracke. Nach Ende der Nazizeit diente sie Flüchtlingen und Vertriebenen als Notunterkunft, später auch als Klassenraum der Volksschule, denn in Holtenau waren mehr als 1000 Schulkinder unterzubringen. Haus und Grundstück gehörten der Stadt Kiel und waren Bestandteil des Selbstverwaltungsvertrages der Kleingärtner mit der Stadt.

Noch unter Andreas Gayk wurde dies geändert; am 31. Oktober 1954 übernahm der Bezirksverband der Kieler SPD das Grundstück; ein Pachtvertrag mit der Stadt regelte die Einzelheiten. Nun wurde die Baracke zum Treffpunkt für die Mitglieder des OV Holtenau, für die Falken, die Arbeiterwohlfahrt, den Reichsbund, die Holtenauer Briefmarkenfreunde und andere Vereine sowie für unzähligen Bürgerinnen und Bürger, die hier die Möglichkeit zu privaten Feiern hatten. Es war also ein Ort für Versammlungen und auch für Frohsinn.

1970 forderte die Stadt einen Anschluss des Grundstücks an die städtische Abwasseranlage, zu zahlen vom Pächter. Der Kreisvorstand konnte diese Summe nicht aufbringen; er nahm das Angebot an, das Jugendheim dem OV zu überlassen. Am 1. Januar 1971 trat dieser unter seinem Vorsitzenden Adolf Wittkowski in das bestehende Pachtverhältnis mit der Stadt ein. Aber auch bei den Holtenauern war das Geld knapp. Es wurde nach einer Lösung gesucht. 

Im Dezember 1972 gründete sich vor Ort der Verein "Jugend- und Gemeinschaftsheim Eekbrook, Kiel-Holtenau e.V.". Die Gründungsmitglieder gehörten allesamt der SPD an; deshalb wird das Jugend- und Gemeinschaftsheim Eekbrook auch heute noch im Volksmund "SPD-Heim" genannt. Sie waren der Malerpolier Peter Albertsen, der Schmied Adolf Brüggmann, der Schiffsführer Karl Behrend, der Installateurmeister Rudolf Drews, der Magistratsdirektor Erhard Hedrich, der Heizungsbaumeister Horst Henkel, der Bauingenieur Werner Holm, die Hausfrau Margarethe Prüß, der Maurerpolier Emil Schneider, der Kraftfahrer Dieter Weidel, der Auslandswissenschaftler Adolf Wittkowski und der Verwaltungsangestellte Paul Zöllkau - viele von ihnen bereits im Ruhestand. Hermann-Claudius von Samson-Himmelstjerna diente dem Verein als Schriftführer, Reinhold Stein vertrat die Arbeiterwohlfahrt. Den Vorsitz übernahm Paul Zöllkau, der das Amt 25 Jahre lang ausübte. Erst 1997 übernahm Jürgen Bruhn seine Nachfolge.

Mit viel ehrenamtlichem Einsatz wurde das Haus in den 1970er und 1980er Jahren umfangreich saniert und erweitert, um es zeitgemäßen Anforderungen anzupassen. Im Erbbaurechtsvertrag mit der Landeshauptstadt Kiel vom 22. November 1976 hatte sich der Verein unter anderem verpflichtet, "das Bauwerk und die Anlagen stets in einem guten baulichen Zustand zu erhalten".

Die Anzahl der Vermietungen im Jahr stieg teilweise auf über 180 im Jahr an, also jeden 2. Tag eine. Das war nicht nur eine Herausforderung für die Verantwortlichen, sondern auch eine große Belastung für die "neuen" Anwohner, acht Familien, die sich in direkter Nachbarschaft zum Heim auf Brachland angesiedelt hatten. Es gab zahlreiche Beschwerden, meist über den Lärm, die heute allerdings größtenteils beigelegt sind.

Die Heimverwaltung lag über viele Jahre in den Händen von Karl Behrend und Margarethe Prüß sowie bei Gerda und Hermann Doose. Ab 2003 übernahmen andere die Aufgabe. Althergebrachtes wurde mit neuen Ideen bereichert, doch wenige Jahre später gingen die Vermietungen dramatisch zurück, auf 30 jährlich. Dies deckte nicht mehr die Kosten und gefährdete den Verein und den Erhalt des Gebäudes. Von den regelmäßigen Nutzern war nur noch der SoVD (Reichsbund) übergeblieben.

Im August 2008 übernahm Bernd Vogelsang den Vorsitz von Jürgen Bruhn. Es gelang, den Verein wieder attraktiv zu machen und die Finanzen zu konsolidieren. 2010 wurde eine neue Küche eigebaut. Zuletzt wurde das Dach des Gebäudes saniert und abgedichtet. Die Nutzung liegt bei etwa 60 Vermietungen jährlich.[12]

Traditionsfahne und anderes

Der Ortsverein verfügt über eine Traditionsfahne. Sie war vermutlich zunächst die örtliche Fahne des Reichsbanners, die aus Mangel an oder nach Verlust einer ursprünglichen Fahne als Traditionsfahne verwendet wurde.[13] 2016 wurde außerdem ein Protokollbuch wiedergefunden, das die Zeit von der Wiedergründung bis 1957 abdeckt und von Gerda und Hermann Doose aufbewahrt wurde.

Im Besitz von Bernd Vogelsang befindet sich außerdem eine Fahnenstock-Verbindung, die gemäß der Aufschrift aus Holtenau zu stammen scheint. Ihre Geschichte, so weit ermittelbar, wird demnächst ergänzt.

Vorstände

Von Bis Vorsitz Stellvertretung Kasse Schriftführung Weitere
10. Februar 2015 Michael August Daniel Hundt Monika Drews Simon Becker Manfred Heller, Trygve Jansen
2014 2015 Heidi Toscan Michael August ? ? ?
2013 2014 Malte Stamm-Gadow ? ? ?
2008? 2013 Heidi Toscan Michael August, Swenja Robinius Monika Drews-Soltau Klaus Huwald Simon Becker, Stefan von Doehlen, Sandra May, Hans-Jürgen Stephan
2007? 2008? Stefan von Doehlen ? ? ? ?
2006? 2007? Sandra May ? ? ? ?
2005? 2006? Peter Dudy ? ? ? ?
2004? 2005? Heidi Toscan ? ? ? ?
2003 2004? Veronika Steinbach ? ? ? ?
2002 2003 Bernd Vogelsang ? ? ? ?
2001[14] 2002 Heidi Toscan Bernd Vogelsang Lotti Krabbenhöft Hans-Jürgen Stephan Manfred Heller
1989 2001 Heino Scharunge Andreas Bucht, Ernst-August Lückert, Bernd Vogelsang Ingrid Scharunge ? ?
1987? 1989 Christian Timm ? ? ? ?
1985? 1987? Lotti Krabbenhöft ? ? ? ?
1984 1985? Hans-Wilhelm Nielsen[15] ? ? ? ?
? 1984? Claus von Samson-Himmelstjerna ? ? ? ?
1973 ? Paul Zöllkau[16] Claus von Samson-Himmelstjerna ? ? ? ?
1972 1973 Paul Zöllkau Claus von Samson-Himmelstjerna ? ? Siegfried Adelmann, Margarethe Prüß (Frauenarbeit), Bernd Zöllkau (Jugendarbeit)[17]
1971[18] 1972 Paul Zöllkau Claus von Samson-Himmelstjerna ? ? ?
1970 1971 Adolf Wittkowski[19] Claus von Samson-Himmelstjerna[20] ? ? ?
? 1970[21] Claus von Samson-Himmelstjerna oder Adolf Wittkowski Claus von Samson-Himmelstjerna? ? ? ?
23. Januar 1957[22] ? Paul Zöllkau Willi Grimm Simon Andresen Anna Dehnke Martha Seidler und Anna Dehnke (Frauengruppe)
3. Februar 1956[23] 1957 Kurt Wiese Genosse Sohtens(?) Simon Andresen Genosse Schaer Martha Seidler und Genossin Behrend (Frauengruppe), Genosse Schaer (Leiter Jüngerenarbeit)
1955[24] 1956 Kurt Wiese (verm.) ? Simon Andresen (verm.) Genosse Schaer (verm.) ?
29. Januar 1954[25] 1955 Kurt Wiese Heinrich Albertsen Simon Andresen Genosse Schaer Martha Seidler (Frauengruppe), Genosse Richter (Leiter Jüngerenarbeit)
1953[26] 1954 Kurt Wiese Willi Grimm, ab ca. August Heinrich Albertsen Simon Andresen (verm.) Genosse Schaer ?
18. Februar 1952[27] 1953 Kurt Wiese Willi Grimm Theodor Gosch Genosse Schaer Martha Seidler und Genossin Moritz (Frauengruppe); Wahl einer Leitung Jüngerenarbeit zurückgestellt.
26. Januar 1951[28] 1952 Kurt Wiese Willi Grimm Theodor Gosch Genosse Schaer Genossin Wiemeyer (Frauengruppe); Leitung Jüngerenarbeit nicht gewählt.
21. Januar 1950[29] 1951 Kurt Wiese Willi Grimm Theodor Gosch Genosse Schaer Genossin Moritz und Genossin Frank (Frauengruppe); Wahl einer Leitung Jüngerenarbeit zurückgestellt.
21. Januar 1949[30] 1950 Kurt Wiese Willi Grimm Theodor Gosch Genosse Schröder Wahl der Vorsitzenden der Frauengruppe wird zurückgestellt; Genosse Raid(?) (Leiter Jüngerenarbeit)
23. Januar 1948[31] 1949 Kurt Wiese Paul Seidler Theodor Gosch Willi Grimm Wahl der Vorsitzenden der Frauengruppe wird zurückgestellt; Genosse Raid(?) (Leiter Jüngerenarbeit).
25. Januar 1947[32] 1948 Kurt Wiese Paul Seidler Theodor Gosch Willi Grimm Martha Riedl (Frauengruppe); Genosse Schaer(?) (Leiter Jüngerenarbeit); Genossin Ramcke (AWO).
29. Januar 1946 1947 Kurt Wiese August Jöhnk Theodor Gosch Arthur Nord Martha Riedl (Frauengruppe), Harald Magnussen (Kultur und Jugendliche)
... 1933 ? ? ? ? ?
1917 ? Genosse Bohrmann[33] ? ? ? ?

Literatur

  • Wilhelm Brecour: Die Sozialdemokratische Partei in Kiel. Ihre geschichtliche Entwicklung (Kiel o. J. [1932]) (Neudruck in Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung, Kiel 1983)
  • Maik Schuhknecht: Zur Geschichte des SPD-Ortsvereins Kiel-Holtenau. Teil 1: Vom Anfang bis zum Ende? (Kiel 2008)

Links

Quellen

  1. VZ, 13.11.1910
  2. Brecour, S. I-90
  3. VZ, 7.2.1917
  4. Beide Zitate VZ, 15.2.1917
  5. VZ, 29.3.1917
  6. VZ, 18.1.1915
  7. Zit. bei Duppler, Jörg (Red.): Marineflieger. Von der Marineluftschiffabteilung zur Marinefliegerdivision (Herford u.a. 1988), S. 111 f., sowie Vetter, Bernd / Vetter, Frank: Die deutschen Marineflieger. Geschichte, Typen und Verbände (Stuttgart 1999), S. 8-28
  8. Dieser historische Abriss des Ortsvereins beruht im Wesentlichen auf der 2008 von Maik Schuhknecht verfassten Ortsvereinschronik bis 1945. Wo die Darstellung über Holtenau hinausgeht, wurde gekürzt und ggf. auf andere Artikel der Geschichtswerkstatt verwiesen.
  9. Lt. Mitteilung von dessen Sohn Wolfgang vom 21.4.2016 nicht identisch mit dem späteren Ratsherrn Kurt Wiese.
  10. Vgl. Protokoll der Vorstandssitzung des OV Holtenau vom 12.4.1946.
  11. Vgl. Juso-Ortsgruppe Holtenau gegründet, Kieler Nachrichten, 17.12.1970
  12. Zu diesem Abschnitt vgl. Über 40 Jahre Jugend- und Gemeinschaftsheim Eekbrook Kiel-Holtenau e. V., abgerufen 14.12.2015
  13. Lt. Jürgen Weber, der darüber geforscht hat, war das Motiv für Reichsbanner-Fahnen üblich, für SPD-Fahnen völlig unüblich, so dass man diesen Schluss ziehen kann.
  14. Vgl. Martin Geist: SPD Holtenau: Toscan löst Scharunge ab, Kieler Nachrichten, 21.7.2001
  15. Lt. OV-Handbuch 1986
  16. Vgl. Paul Zöllkau wiedergewählt, Kieler Nachrichten, 23.1.1973
  17. Vgl. Vielseitige Arbeit geleistet, Kieler Nachrichten, 3.3.1972
  18. Vgl. Unter reger Beteiligung, Kieler Nachrichten, 25.1.1971
  19. Über 40 Jahre Jugend- und Gemeinschaftsheim Eekbrook Kiel-Holtenau e. V., abgerufen 14.12.2015
  20. Vgl. Unter reger Beteiligung, Kieler Nachrichten, 25.1.1971
  21. Vgl. Juso-Ortsgruppe Holtenau gegründet, Kieler Nachrichten, 17.12.1970. Möglicherweise ist hier der Stellvertreter irrtümlich zum Vorsitzenden erklärt worden.
  22. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  23. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  24. Protokolle aus diesem Jahr liegen nicht vor.
  25. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  26. Ein Protokoll der Jahreshauptversammlung dieses Jahres liegt nicht vor.
  27. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum, offenbar irrtümlich auf "1953" korrigiert.
  28. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  29. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  30. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  31. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  32. Lt. Protokoll der Jahreshauptversammlung mit diesem Datum.
  33. Schuhknecht, Geschichte, S. 8