Arbeitersport

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Vereinsfahne Frisch Auf Moisling mit den Buchstaben "FFST" für "Frisch, Frei, Stark, Treu"

Arbeitersport ist die Sammelbezeichnung für die sportlichen Aktivitäten der Arbeiterbewegung seit dem späten 19. Jahrhundert.

Voraussetzung für die Entwicklung des Arbeitersports war die rigide preußische Klassengesellschaft des Deutschen Kaiserreiches, in der den Arbeitern Gleichberechtigung in allen Bereichen verwehrt war.[1] Diese Spaltung gibt es nicht mehr, aber sie wirkt bis heute nach: Zahlreiche aktive Sportvereine haben ihre Wurzeln im Arbeitersport; dieses Erbe wird von Verein zu Verein allerdings in sehr unterschiedlichem Maße gepflegt.

Anfänge

Die Volksbewegung des Turnens mit ihrer Leitfigur "Turnvater" Jahn hatte ihre Wurzeln in der weitgehend vom Bürgertum getragenen Revolution von 1848. Die "Körperertüchtigung" diente dem Traum von der deutschen Nation. Diese vorwiegend von Handwerkern und Gewerbetreibenden getragene Bewegung[2] entwickelte ein zunehmend nationalistisches Gedankengut und nahm spätestens seit dem Sozialistengesetz Sportler aus dem Arbeiterstand nur noch ungern auf; deshalb gründeten die Arbeitersportler ihre eigenen Vereine.

"Viele der bürgerlichen Strukturen, besonders im Sport, wurden übernommen. Bis 1899 verwandten die Arbeiterturner den Turnergruß der Deutschen Turnerschaft "Gut Heil". Danach entwickelte sich der Gruß "Frei Heil". Auch das Emblem der Turnerschaft, die '4 F' für 'Frisch, fromm, fröhlich, frei', behielt der Arbeiter-Turnerbund bis 1907 bei. Dann änderten die Verantwortlichen das Abzeichen in 'Frisch, Frei, Stark, Treu' um".[3]

Partei und Gewerkschaften reagierten zunächst skeptisch; sie befürchteten eine Schwächung der politischen Kampfkraft durch Freizeitinteressen ihrer Mitglieder.[4] Dies begann sich erst mit dem Erstarken der SPD im Kaiserreich vor dem 1. Weltkrieg zu ändern. Die wirkliche Blütezeit der Arbeitersportvereine als vollwertiger Bestandteil der Arbeiterbewegung setzte erst mit Beginn der Weimarer Republik ein.

Der Arbeitersport hatte auch lange unter staatlicher Repression zu leiden, weil die staatlichen Organe in den Vereinen - besonders zur Zeit des Sozialistengesetzes, aber auch noch danach - Tarnorganisationen für politische Betätigung sahen. Sie durften keine öffentlichen Turnhallen und Sportanlagen benutzen, und spätestens mit dem Reichsvereinsgesetz von 1908 durften sie keine Angebote für Jugendliche unter 18 Jahren mehr machen. Der "Heider Anzeiger" schrieb am 26. September 1907:

"Erlaß des preußischen Kultusministers gegen sozialdemokratischen Turnunterricht. Erlaubnisscheine sollen nur erhalten [Personen] die ihre sittliche Tüchtigkeit für den Unterricht und die Erziehung genügend ausweisen können und nicht die jugendlichen Köpfe mit sozialdemokratischen Ideen erfüllen."[5]

Ulf Döhring erklärt:

"Das preußische Innenministerium formulierte bereits 1895 einen Erlaß, in dem Jugendlichen das Turnen und Sporttreiben in Arbeitersportvereinen verboten wurde. Da dieses Verbot nicht den gewünschten Erfolg hatte, wurde 1908 mit dem Inkrafttreten des Reichsvereinsgesetzes eine neue Hürde aufgebaut. Jetzt bezog sich das Verbot auf alle Arten politischer - insbesondere sozialdemokratischer - Organisationen. Diesen war von nun an verboten, Mitglieder unter 18 Jahren anzuwerben sowie sie an Veranstaltungen u.a. teilnehmen zu lassen. Dieses Verbot bezog sich 'nur' auf politische Vereinigungen, doch mit Hilfe eines Kunstgriffes traf man auch alle Arbeitervereine, die sich den unterschiedlichsten Zielen widmeten. Die Behörden erklärten diese Vereine einfach zu politischen Organisationen, verboten die Jugendarbeit und glaubten so, die Vereine von ihrer Jugend abschneiden zu können."[6]

Vom ATB zum ATSB

Trotz dieser Widrigkeiten wurde im Mai 1893 der bald reichsweit tätige Arbeiter-Turnerbund (ATB) in Gera gegründet. Schleswig-Holstein war von Anfang an dabei und bildete gemeinsam mit Hamburg einen der ersten fünf Kreise des ATB.[7] In mehr und mehr Städten gründeten sich Freie Turnerschaften.

Bei den Vereinen vor Ort verstärkten sich die Bestrebungen zum Zusammenschluss, der vieles erleichtern würde:

"Um die Jahrhundertwende wurde auf Bundesebene immer wieder eine mögliche Zentralisation von mehreren Arbeiterturnvereinen an bzw. in einem Ort diskutiert. Die Gewerkschaften spielten in dieser Diskussion eine entscheidende Rolle. Hier löste eine gemeinschaftliche Interessenvertretung die vielen kleinen selbständigen Einzelverbände ab, um eine größere politische Wirkungskraft zu bekommen. Diese Entwicklung diente den Arbeiterturnern als Vorbild für die Gründung von Arbeitersportkartellen. Mit der Wahl des Begriffs 'Kartell' für die neue Organisationsstruktur betonten die Arbeitersportler die kollektiven und solidarischen Elemente in ihrer Bewegung."[8]

1919 wurde der ATB umbenannt in Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), um auch neu aufgenommenen Sportarten Ausdruck zu geben. 1919 zählten die Arbeitersportvereine 190.000 Mitglieder. Diese Zahl stieg in den nächsten Jahren steil an und erreichte 1922 mit etwa 1,1 Millionen seinen Höchststand, der bis Ende der 1920er Jahre kaum zurückging. In Leipzig konnte der ATSB 1926 eine beeindruckende Bundesschule mit Geschäftsstelle und Druckerei einweihen. 1922 und 1929 richtete er in Leipzig und Nürnberg große Bundesfeste aus.[9]

Mit dem Erstarken radikaler Parteien auf der Linken und Rechten in der Endphase der Weimarer Republik bemühten sich Mitglieder der KPD zunehmend um Einfluss auf die Arbeitersportvereine. Dies traf auf den Widerstand SPD-naher Vorstände. Bereits 1929 hatten reichsweit 32.000 Mitglieder die bestehenden Vereine verlassen und zum Teil eigene gegründet. So setzte sich die Spaltung der Arbeiterbewegung im Arbeitersport fort.[10]

Dies bewahrte den ATSB jedoch nicht davor, noch vor der Nazizeit sein Ende zu finden:

"Im Herbst 1930 erklärte die Reichsregierung [unter Reichskanzler Brüning] die ZK [Zentralkommission] und alle in ihr organisierten Verbände zu politischen Organisationen. Trotz Ausschluß der Kommunisten und dem öffentlichen politischen Bekenntnis zur Republik wurde dem ATSB die offizielle Legitimation, als Sportverband tätig zu sein, entzogen."[11]

International: Von der LSI zur SASI

Georg Benedix bei der Eröffnung der I. Internationalen Arbeiterolympiade

Arbeiterturnvereine waren nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in anderen europäischen Ländern organisierten sich Arbeiter und Arbeiterinnen in eigenen Vereinen. Bereits 1913 kam es in Gent mit der Gründung der "Zentrale der internationalen Arbeiterschaft für Turnen und Sportbewegung" zu einer länderübergreifenden Zusammenarbeit. Der erste Kongress wurde von der Sozialistischen Internationale veranstaltet. Die Arbeit kam während des 1. Weltkriegs zum Erliegen. Aber bereits 1919 fand in Seraing (Belgien) ein zweiter Kongreß zur Rekonstruktion der internationalen Arbeitersportbewegung statt. Ein Jahr später wurde in Luzern die "Luzerner Sportinternationale" (LSI) gegründet. Diese wurde 1925 von einem dritten Kongress in Paris zum "Internationalen sozialistischer Verband für Sport und Körperpflege" umbenannt, 1928 von einer Verbandssitzung in Leipzig in "Sozialistische Arbeitersport-Internationale" (SASI).

Höhepunkte der Aktivitäten der Arbeitersport-Internationale waren die Arbeiter-Olympiaden 1925 in Frankfurt am Main, 1931 in Wien und 1937 in Antwerpen.[12]

Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein war zunächst einer der fünf Kreise des ATB, nach Verringerung der Kreise Teil des 3. Kreises. Levke Heed schreibt, der erste Verein der Provinz wurde im Oktober 1892 in Kellinghusen gegründet.[13] In Elmshorn allerdings wurde bereits 1890 ein Arbeitersportverein gegründet. In Kiel gab es ab 1893 einen Arbeitersportverein, der "als Vorbild über die Bezirksgrenzen hinaus" wirkte[14] und auch ganz praktische Aufbauhilfe leistete, etwa bei der Gründung der Freien Turnerschaft Neumünster 1899.

Die starken Arbeitersportvereinigungen, insbesondere Kiel, bemühten sich nach 1918 auch, im ländlichen Schleswig-Holstein, wo die Bewegung schwächer war, Werbung für ihre Sache zu machen, etwa durch gemeinsame Übungstage auf dem Lande.[15]

Nicht zuletzt die überall entstehenden Musikkorps erfreuten sich großer Beliebtheit. Im November 1921 gründete sich in Rendsburg die "Trommler- und Pfeifer-Vereinigung des 2. Bezirks", der Flensburg, Rendsburg, Nortorf, Schleswig, Schönkirchen und Kiel beitraten.[16] Dort gab es also aktive Vereine. Auch in Raisdorf gab es eine Freie Turnerschaft.[17]

1928 veranstaltete das schleswig-holsteinische Kartell der Arbeiter-Turnvereine ein Provinzial-Arbeiter-Sportfest in Büdelsdorf.

Siehe auch

Literatur

Links

Quellen

  1. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 148
  2. Krüger, Michael: 150 Jahre SPD
  3. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 148
  4. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 148
  5. Heider Anzeiger: "Erlaß des preußischen Kultusministers gegen sozialdemokratischen Turnunterricht", Nr 225, 29. September 1907
  6. Döhring, Ulf: Anfänge, S. 177
  7. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 150
  8. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 151
  9. Krüger, Michael: 150 Jahre SPD
  10. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 174 f.
  11. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 174 f.
  12. Teichler, Hans Joachim / Hauk, Gerhard: Geschichte, S. ?
  13. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 168
  14. Döhring, Ulf: Anfänge, S. 174
  15. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 168
  16. Heed, Levke: Arbeitersport, S. 173
  17. Vgl. Archivgruppe ist der Vergangenheit auf der Spur, Kieler Nachrichten, 5.4.2016