Wilhelm Spiegel

Wilhelm Spiegel
Wilhelm Spiegel
Geboren: 22. Juni 1876
Gestorben: 12. März 1933

Wilhelm Spiegel, * 22. Juni 1876 in Gelsenkirchen; † 12. März 1933 in Kiel; Rechtsanwalt. Verheiratet, zwei Kinder. Mitglied der SPD seit 1898, zuletzt im Sozialdemokratischen Verein Groß-Kiel.

Werdegang

Wilhelm Spiegel wuchs in Gelsenkirchen in einer Kaufmannsfamilie auf, machte dort 1895 Abitur und studierte anschließend Jura in München, Berlin, Bonn und Kiel. Seit 1905 oder spätestens 1908 war er in Kiel als niedergelassener Rechtsanwalt tätig, später auch als Notar. Eine Promotion ist nicht bekannt, in zeitgenössischen Berichten wird kein Titel verwendet. Die vielen späteren Veröffentlichungen, in denen seinem Namen der Doktortitel vorangestellt wird, beruhen auf einem Irrtum. (Dieser Irrtum entstand möglicherweise dadurch, dass sein Bruder, der Kinderarzt Dr. Otto Spiegel, ebenfalls in Kiel lebte.)

Seinen Ruf als Anwalt begründete nicht zuletzt seine Verteidigung des Metallgroßhändlers Julius Frankenthal, der 1909 mit acht Mitangeklagten wegen des Vorwurfs groß angelegter Unterschlagungen auf der Kaiserlichen Werft vor Gericht stand. Wilhelm Spiegel und sein Kollege erreichten Freisprüche. Sie konnten die Unfähigkeit der Beamten und Militärs auf der Werft deutlich machen; den Ermittlungsbehörden wiesen sie "ein hohes Maß an Fahrlässigkeit, antisemitischer Voreingenommenheit und willkürlicher Verletzung der Strafprozessordnung" zu, der preußischen Justiz "mangelnde Rechtlichkeit".[1]

1909 wählte Kiels jüdische Gemeinde, deren Vorsitzender Julius Frankenthal war, Wilhelm Spiegel zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden. Er blieb dies bis zu seinem Tod.

Im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 meldete er sich freiwillig zum Militär. Ab wann und in welcher Funktion er am Krieg teilnahm, wurde bisher nicht ermittelt. Im Oktober 1914 übte er jedenfalls noch sein Amt als Stadtverordneter in Kiel aus.[2]

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg erwarb er sich vor allem als Strafverteidiger überregional hohes Ansehen, da er sich für seine Mandanten einsetzte. Er lehnte es ab, in Fällen zu vertreten, von denen er nicht überzeugt war. Andererseits übernahm er häufig die Verteidigung von Sozialdemokraten und Reichsbannerleuten, ohne sich darum zu kümmern, dass ihm dies die Feindschaft der erstarkenden Rechtsradikalen eintrug.

Hitler-Prozess

1932 vertrat Wilhelm Spiegel die VZ und ihren Chefredakteur Kurt Wurbs in einem großen Prozess, den Adolf Hitler angestrengt hatte. Kurt Wurbs hatte im März 1932 geschrieben, Hitler bereite den Bürgerkrieg vor. Dagegen wehrte sich die NSDAP, indem sie beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung dieser Behauptung beantragte. Durch eine eidestattliche Erklärung zu seinen "friedlichen Absichten" erreichte Hitler die Aufrechterhaltung dieser Verfügung. Zur folgenden Hauptverhandlung wollte Wilhelm Spiegel ihn persönlich vorladen. An seiner Stelle trat jedoch SA-Chef Ernst Röhm auf und behauptete, von der Vorbereitung eines Bürgerkrieges könne keine Rede sein. Das Gericht folgte dieser Behauptung und ignorierte die Hinweise des Anwalts auf den zunehmenden, vor allem von der SA ausgehenden Straßenterror. Die Nationalsozialisten gewannen den Prozess. Trotzdem war Wilhelm Spiegel spätestens jetzt in ihrem Visier.

Politische Arbeit

Seit 1911 gehörte Wilhelm Spiegel der Kieler Stadtverordnetenversammlung an. Von 1919 bis 1924 war er ihr Vorsteher, dem Rang des heutigen Stadtpräsidenten entsprechend. Danach gab er das Amt wegen starker beruflicher Belastung wieder ab, blieb aber bis zu seiner Ermordung Stadtverordneter.

Er genoss auch in dieser Rolle und als Persönlichkeit hohes Ansehen. Überliefert ist die Einschätzung eines "alten Genossen Schulz", zeitweilig Betriebsratsvorsitzender auf den Howaldtswerken:

"Ein für die Arbeiterbewegung 'richtiger Intellektueller' war für ihn der Genosse Spiegel. Rechtsanwalt, Jude, Kommunalpolitiker in Kiel, der 1933 durch die Nazis ermordet wurde. Schade, daß er nicht der geeignete Mann dafür war, sich in der Partei selbst durchzusetzen. Der Mann habe zuhören können, sich in andere hineinversetzen, vermochte zu analysieren, theoretisch das Erkannte [zu] verarbeiten und praktische Maßnahmen zu erdenken. Ein wirklich feiner Mensch."[3]

Kapp-Putsch

Aus seiner politischen Überzeugung heraus griff Wilhelm Spiegel aktiv in den Kapp-Putsch von 1920 ein. Es gelang ihm, mit einer Lokomotive von Altona aus Waffen für die Verteidiger der Republik nach Kiel zu schaffen. Später ging er allein und ohne Schutz als Unterhändler zum für die Putschisten kämpfenden Freikorps Loewenfeld, das sich in einer Kaserne verbarrikadiert hatte[4]. Er bewog die republikanischen Kämpfer, dem Bataillon Claassen freien Abzug zu gewähren, und verhinderte so erhebliches Blutvergießen in Kiel.

Ermordung

Wilhelm Spiegel war der erste prominente Sozialdemokrat in Kiel, der nach der der Machtübergabe von den Nazis umgebracht wurde. Bereits Ende Februar hatte ein hoher SS-Funktionär in Kiel zu diesem Mord aufgerufen. In der Nacht zum 12. März 1933 um 1:30 Uhr wurde an der Tür des Hauses Forstweg 42 geklingelt. Frau Spiegel öffnete ein Fenster und sah vor der Haustür zwei Männer stehen, einer davon in SA-Uniform. Sie riefen: "Aufmachen! Hilfspolizei!" Die verängstigte Frau Spiegel versuchte ihren Mann zu bewegen, nicht zu öffnen. Aber er bat die beiden späten Besucher, ihm ins Arbeitszimmer zu folgen. Nach wenigen Schritten fiel ein Schuss. In den Hinterkopf getroffen, brach Wilhelm Spiegel zusammen. Die Mörder flohen.[5]

Die NSDAP leugnete trotz deutlicher Indizien jede Verantwortung und versuchte statt dessen, den Mord Sozialdemokraten und Kommunisten anzuhängen. Die Untersuchungen verliefen - trotz eines Aufrufs der Provinzialregierung, die 1000 RM für Hinweise auf die Täter aussetzte, und zahlreicher Zeugenaussagen - ergebnislos und wurden schließlich "aus Mangel an Beweisen" eingestellt. Der Mord wurde trotz erneuter Ermittlungen nach Ende der Nazizeit nie aufgeklärt. Ein nach 1945 verhafteter früherer SS-Mann, der der Mittäterschaft verdächtigt wurde, nahm sich in der Untersuchungshaft das Leben.

Bei der Beisetzung von Wilhelm Spiegel am 15. März 1933 auf dem Alten Urnenfriedhof bildeten Tausende von Kieler Arbeiterinnen und Arbeitern schweigend Spalier. Die Trauerrede hielt Otto Eggerstedt, der Freund Spiegels, der nur Monate später selbst ein Opfer der Nazis wurde. "Der Trauerzug durch die Straßen der Stadt wurde zur letzten stummen Demonstration des republikanischen Kiel gegen die neuen Machthaber."[6]

Ehrungen

Kranzniederlegung am Grab von Wilhelm Spiegel zum 40. Jahrestag seiner Ermordung, 1973

Das Grab auf dem Alten Urnenfriedhof (Feld 25 Nr. 2).[7] wurde 1946 in ein Ehrengrab der Stadt Kiel umgewandelt.

Am 17. Dezember 1947 beschloss die Kieler Stadtvertretung, den Abschnitt des Forstweges zwischen Niemannsweg und Bülowstraße, an dem Spiegels Wohnhaus lag, in Wilhelm-Spiegel-Weg umzubenennen. Auf Wunsch der Familie, die der Ansicht war, dies entspräche nicht der Wesensart des Geehrten, wurde in der Sitzung vom 11. Februar 1948 die Umbenennung rückgängig gemacht.[8]

1953 schuf Niels Brodersen, der ihm in den 20er Jahren noch persönlich begegnet war, im Auftrag der Stadt ein postumes Porträt von Wilhelm Spiegel. Es hängt heute im Wandelgang vor dem Ratssaal des Rathauses.[9]

An den 60. Jahrestag des Mordes wurde 1993 auf verschiedene Weise erinnert: Eine Straße in Wellsee wurde nach Wilhelm Spiegel benannt, in einem Umfeld, das der Ehrung zahlreicher Menschen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus dient. Den Beschluss fasste die Kieler Ratsversammlung am 18. Februar 1993.

Auf Beschluss von Ratsversammlung und Magistrat wurde am 12. März 1993 unter Brodersens Gemälde eine Tafel mit folgendem Wortlaut gesetzt: "Dr. [sic!] Wilhelm Spiegel wurde in der Nacht vor der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 12. März 1933 in seiner Wohnung Forstweg 42 von Nationalsozialisten ermordet. Diese Tafel wurde 1993 zum 60. Todestag Wilhelm Spiegels in einer Zeit zunehmender rechtsradikaler Umtriebe angebracht. Geschichte darf sich nicht wiederholen. Nie wieder Faschismus und Rechtsextremismus!"

Stolperstein für Wilhelm Spiegel

Im Gebäude des Kieler Landgerichts in der Harmsstraße wurde ebenfalls eine Gedenktafel angebracht.

Die Stadt benannte auch das Gebäude Fleethörn 26, die ehemalige Ahlmann-Bank, später Landeszentralbank, nach Wilhelm Spiegel. Am Eingang des Hauses, in dem jetzt Stadtkasse und Standesamt untergebracht sind, enthüllte Stadtpräsidentin Silke Reyer am 8. Mai 1995 eine Bronzetafel. Darin heißt es: "Die Ratsversammlung ehrt sein Andenken und ruft alle Kielerinnen und Kieler auf, beharrlich gegen Unrecht und Rassismus einzutreten."

Am 11. Juni 2006 wurde vor dem Haus Forstweg 42 ein Stolperstein für Wilhelm Spiegel verlegt (Foto links). Auch er trug irrtümlich die Bezeichnung "Dr. Wilhelm Spiegel". Am 14. Juni 2017 wurde er durch einen neuen Stolperstein mit korrigierter Inschrift ersetzt.[10]


Literatur

  • Carsten, Udo: Wilhelm Spiegel - das erste Mordopfer der Nazis. In: Schleswig-Holsteinische Landeszeitung, 12.3.2008
  • Dopheide, Renate: Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Kiel und Umgebung. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 77(1993), S. 147, S. 157 f., S. 184
  • Hauschildt, Dietrich: Juden in Kiel im Dritten Reich (Staatsexamensarbeit Kiel 1980)
  • Jacob, Volker: Wilhelm Spiegel 1876-1933. Ein politisches Leben - ein ungesühnter Tod. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 77(1993), S. 109-140
  • Jacob, Volker: Wilhelm Spiegel. Jude - Anwalt - Sozialist. In: Gerhard Paul / Miriam Gillis-Carlebach (Hg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona (1918-1998) (Neumünster 1998)
  • Jacob, Volker: Spiegel, Wilhelm. In: Hans F. Rothert (Hg.): Kieler Lebensläufe aus sechs Jahrhunderten (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 55, Neumünster 2006), S. 304-307
  • Salewski, Michael: Kiel im März 1933. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 68(1981-1983) S. 173-181

Links

Quellen

  1. Stadtverordnetenvorsteher - Wilhelm Spiegel (1876-1933), abgerufen 22.10.2015
  2. Rolf Fischer: "Mit uns die neue Zeit!" Kiels Sozialdemokratie im Kaiserreich und in der Revolution (Kiel 2013), S. 119
  3. Jochen Steffen (Hrsg. Jens-Peter Steffen): Personenbeschreibung. Biographische Skizzen eines streitbaren Sozialisten (Kiel 1997), S. 101
  4. Franz Osterroth: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963])
  5. Inga Klatt/Horst Peters: Kiel 1933. Dokumentation zur Erinnerung an den 50. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Kiel (Kiel 1983)
  6. Zitat Volker Jacob
  7. Informationsseite zum Ehrengrab Wilhelm Spiegel
  8. Kieler Straßenlexikon - Forstweg
  9. Porträt Stadtverordnetenvorsteher Wilhelm Spiegel
  10. Presseinformation der Landeshauptstadt Kiel vom 7.6.2017.