Jochen Steffen

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jochen Steffen
Jochen Steffen
Geboren: 19. September 1922
Gestorben: 27. September 1987

Karl Joachim Jürgen 'Jochen' Steffen, * 19. September 1922 in Kiel, † 27. September 1987 in Kiel; Landesvorsitzender 1965 bis 1975. Journalist und Publizist. Wegen seiner eindeutigen Vertretung linker Positionen auch "Der Rote Jochen" genannt. Mitglied der SPD von 1946 bis 1979,

Werdegang

Jochen Steffen kam als Sohn von Carl Joachim Heinrich Steffen († 1972) und Else Steffen, geb. Schwitzer, in Kiel-Gaarden zur Welt. Nach der Volksschule ging er auf das Reform-Realgymnasium "Admiral Graf Spee". Auf dieser Oberschule hatte Jochen Steffen einen linken Lehrer, den Oberstudiendirektor Schadow, der mit seiner riskanten Regimefeindlichkeit das politische Bewusstsein seines Schülers weckte:

"beim Segeln auf der Förde, wohin Spitzel nicht folgen konnten, trieben Lehrer und Schüler Theorie; Steffen las Lenin und das Kommunistische Manifest; lernte im Kontakt mit ursprünglich linken Werftarbeitern, 'wie schlimm das ist, wenn Arbeiter keine Führung haben, denn die wußten alle nur, daß das Scheiße war mit dem Nationalsozialismus und daß sie laut Marx und Lenin den Laden jetzt eigentlich in die Pfanne hauen sollten, aber sie wußten nicht wie'. Faschismus wurde dem Roten Jochen zur traumatischen Erfahrung, Sozialismus zum Ziel."[1]

1941 machte er sein Kriegsabitur und wurde zur Marine eingezogen. Sein Kompaniechef war ein späterer Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Helmut Lemke. Jochen Steffen hielt sich bei der Marine zurück und blieb Obergefreiter.

1945 wurde er, nach einem Vorsemester, mit seinem Kriegsabitur zum Studium der Philosophie, Psychologie und Soziologie - später noch Politologie - zugelassen. Er trat dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei, dessen Kieler Zweig er zusammen mit seinem ehemaligen Mitschüler Hans-Gottfried Schadow - möglicherweise dem Sohn des erwähnten Schulleiters - gründete. Nach seinem Abschluss arbeitete er bis 1956 als Assistent von Professor Michael Freund am Institut für Wissenschaft und Geschichte der Politik.[2] Co-Assistent bei Freund war Gerhard Stoltenberg, ein weiterer späterer Ministerpräsident.[3]

Jochen Steffen war verheiratet mit der Berliner Mode-Designerin Ilse Annemarie Johanna Zimmermann, die er nur mit ihrem Mädchennamen "Zimmermann!" rief und die ihn zehn Jahre lang finanzierte.[4] Die beiden hatten sich bei der Marine im damaligen Gotenhafen (Gdynia/Polen) kennengelernt. Sie heirateten am 11. Mai 1945, drei Tage nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Sie haben einen Sohn, Jens Peter Steffen (* 1954). Ilse Steffen führte die Finanzen der Familie und chauffierte ihren Mann zu allen Terminen, denn er selbst machte nie einen Führerschein.[5]

Am Vorabend des Saarbrücker Parteitages im Mai 1970 ließ er sich für ein Treffen der Jusos entschuldigen: Er feiere Silberhochzeit, und seine Frau sei ihm wichtiger als die Partei.[6]

Seit der Landtagswahl 1971 zog sich Jochen Steffen nach und nach aus der Politik zurück, gab 1973 den Fraktions-, 1975 den Landesvorsitz ab, 1977 sein Landtagsmandat. 1979 verließ er die SPD.

Er war Patenonkel von Günther Jansens Sohn Sebastian.[7] Bis zu seinem Tod hatte er eine Dachgeschosswohnung in der Kanalstraße 32a in Holtenau. Mitglied im Ortsverein Holtenau scheint er jedoch vor seinem Parteiaustritt nicht gewesen zu sein.

Partei

"Als Jochen Steffen im Mai 1946 der SPD beitrat, merkte seine Mutter an, nun 'sei er in Hein Butter sein Verein'. Im agrarischen Schleswig-Holstein waren das die Dorftrottel."[8]

1948 wurde er im Vorstand des Kreisverbandes Kiel "Leiter der Jüngerenarbeit", 1954 Juso-Landesvorsitzender und erhielt prompt ein Jahr später "Redeverbot" wegen massiver Kritik am Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer.[9]

Landesvorsitz

Von 1965 bis 1975 war er Landesvorsitzender der SPD Schleswig-Holstein. Erstmals gewählt wurde er vom Landesparteitag 1965 in Travemünde am 15./16. Mai. Bereits bei dieser Wahl blies ihm der Gegenwind ins Gesicht. Die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung schrieb:

"Die CDU und ihre publizistischen Assistenten haben immer wieder versucht, Steffen zu einem 'Radikalen' zu stempeln. Auch in den ersten Kommentaren, die gestern aus dieser Richtung zu hören waren, kam das Wort 'radikal' vor. Diese Bezeichnung ist kindisch und albern. Wer allerdings Verstand, die Fähigkeit logisch zu denken und demokratisch-politisches Engagement mit dem Begriff 'radikal' gleichsetzt, der hat das Recht, Steffen einen Radikalen zu nennen."[10]

Die Landesparteitage in Kiel am 1./2. Juli 1967, in Tönning am 22./23. März 1969, in Husum am 19./20. Juni 1971 und in Eckernförde am 24./25. Februar 1973 bestätigten ihn jeweils im Amt.

1975 gab er den Landesvorsitz ab. Auf seinen Vorschlag wurde Günther Jansen zu seinem Nachfolger gewählt.

Landtag

Ab 1958 gehörte Jochen Steffen dem schleswig-holsteinischen Landtag an, zu Beginn und zum Schluss über die Liste; in den Landtagswahlen 1967 und 1971 wurde er in seinem Wahlkreis 29 (Kiel-Ost) direkt gewählt. Er war aktiv in den Ausschüssen für Jugendfragen, Verfassung und Geschäftsordnung, Wirtschaft, Volksbildung, Finanzen, die Wahrung der Rechte der Volksvertretung sowie im Agrarausschuss und im Ältestenrat. Er gehörte zeitweise dem Ausschuss Kommunaler Investitionsfonds, dem Landeswahlausschuss, dem Rundfunkrat beim NDR an und war Mitglied des Untersuchungsausschusses "Prof. Heyde/Dr. Sawade I" (15. Dezember 1959-27. Juni 1961).

"Wilhelm Käber [...] legte am 18.10 1966 vor der Landtagswahl sein Amt nieder, um damit die Vorbereitung und Führung des kommenden Wahlkampfes in jüngere Hände zu geben. [...] Die Fraktion folgte der Empfehlung [des Landesvorstandes] und wählte [Joachim] Steffen ohne Gegenstimmen und bei zwei Enthaltungen zum Fraktionsvorsitzenden und damit zum Oppositionsführer.
Nach den Landtagswahlen wurde Joachim Steffen von der neuen Fraktion wieder zum Vorsitzenden gewählt."[11]

Er behielt das Amt bis zu seinem Rücktritt als Oppositionsführer am 3. Mai 1973 zugunsten von Klaus Matthiesen.

Spitzenkandidaturen

Zu den Landtagswahlen 1967 und 1971 trat Jochen Steffen erfolglos als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein an. 1967 verlor er gegen seinen früheren Kompaniechef Helmut Lemke, 1971 gegen seinen ehemaligen Co-Assistenten Gerhard Stoltenberg.

"[1971] kam es zu einer bisher nicht gekannten Polarisierung. Eine ungeheure Diffamierungskampagne der politischen Gegner im Verein mit der konservativen Presse gegen die SPD und die Person Jochen Steffens konnte zwar nicht verhindern, daß die Sozialdemokraten erstmals seit 1947 wieder über 40 % der Stimmen in Schleswig-Holstein bei einer Landtagswahl erreichten - die CDU gewann aber die deutliche absolute Mehrheit. Auch in der SPD verbreitete sich die Auffassung, daß man mit Jochen Steffen eine Wahl nicht gewinnen würde - auch wenn das so nicht ausgesprochen wurde."[12]

Am 6. September 1977 gab er sein Landtagsmandat auf.

Austritt

1979 trat Jochen Steffen aus der SPD aus - er kritisierte, dass seine Partei die Frage der Atomkraft nicht mehr von einem Endlager abhängig mache und sich statt dessen mit Zwischenlagern begnüge. Außerdem konnte er sich mit ihrem wirtschaftsfreundlichen Kurs nicht abfinden.

Der Austritt hatte sich bereits länger angekündigt. Schon auf dem Bundesparteitag im November 1977 in Hamburg sei ein "Potential für eine neue politische Gruppierung [...] sichtbar geworden, mit Schwerpunkt in Schleswig-Holstein und Südbayern", schrieb der SPIEGEL.

"Verstärkt hat sich die Sorge, Rote und Grüne könnten sich zusammentun und gemeinsam gegen die SPD antreten. Schon hat Eppler bei Jochen Steffen, dem ehemaligen SPD-Landesvorsitzenden von Schleswig-Holstein, die Absicht ausgemacht, 'die Grünen rot einzufärben'. Steffen spekuliere darauf, daß die Ökologen mit ihren, der Allgemeinheit leicht eingängigen Forderungen ein zugkräftiges Programm anzubieten hätten, das ihnen Zulauf von überall her, vor allem aus den Kirchen, aber auch aus allen drei Parteien sichere.
Tatsächlich möchte Jochen Steffen nur zu gern mit großem Theaterdonner das Lager wechseln und seine eigene Partei aufmachen. Freunden vertraute der Altsozi an, er warte geradezu darauf, daß die SPD-Spitze ein Ausschlußverfahren gegen ihn in Gang setze und ihn damit zum Märtyrer mache. Steffen: 'Dann fülle ich leicht die Dortmunder Westfalenhalle.' Finanzminister Hans Apel hält dagegen: 'Der soll machen, was er will. Den Gefallen tun wir ihm nicht.'"[13]

An Günther Jansen schrieb er 1979 zu seinem Austritt:

"'Angesichts meiner seelischen Belastung[,] mitverantworten zu müssen', was er den 'Grundwertekonflikt' der Regierungspolitik nennt, erklärte Steffen seinen Austritt aus der SPD."[14]
"Den Austritt aus der Partei vollziehe ich in einer Mischung aus Erleichterung und wehmütiger Trauer. Mit wehmütiger Trauer angesichts der Bindungen zu jenen Menschen, mit denen mich gemeinsame Tätigkeit über viele Jahre für gemeinsame Ziele verband, angesichts der Ungelegenheiten, die ich gerade jenen bereiten muß, die ich am meisten schätze, und angesichts der Tatsache, daß ich mich von mehr als 30 Jahren praktischer Tätigkeit trenne. Das ist kein Spaß. Aber es gibt einen Punkt, wo Selbstachtung und Treue zu freiwillig akzeptierten Prinzipien in der Person untrennbar verbunden den Schritt erfordern. Hat die Ohnmacht des einzelnen gegenüber dem praktischen Geschehen einen Grad erreicht, wo weiteres Schweigen oder gar Mitmachen ein Schuldigwerden an den Mitmenschen und den eigenen Überzeugungen oder Grundwerten erreicht, dann ist ein Kompromiß nicht mehr möglich. Der Mensch hat sein Gewissen nicht, um die Politik in dasselbe einzuführen. Sein Gewissen hat die Politik zu bestimmen. Ist hier eine Unvereinbarkeit aufgetreten, so muß er gehen. Auch, was ich sehr wohl weiß, wenn man gerade denen wehetut, die man als gesinnungsfeste Charaktere schätzt, die sich bemühen, aufrecht in der politischen Landschaft der SPD zu stehen, auch noch diese wenigen treffen zu müssen, macht mir meinen Schritt nicht leichter. Die Realpolitiker betrifft das ohnehin. Die es betrifft, bitte ich um Verständnis und Entschuldigung."[15]

1980 unterstützte Jochen Steffen DIE GRÜNEN.

Es wird erzählt, dass er kurz vor seinem Tod einen Wiedereintritt in die SPD erwogen und mit Freunden diskutiert habe.

Politische Schwerpunkte

"Links" zu sein war für Jochen Steffen keine Attitüde, sondern seine politische Grundhaltung:

"Dieses 'Linkssein' stellt sich in erster Linie in einer stärker akzentuierten grundsätzlichen Grundhaltung dar, die dem vorherrschenden Pragmatismus in der SPD nicht entgegensteht, wohl aber Ziele zu setzen versucht, die über das Mögliche hinausgehen."[16]
Bundesparteitag der SPD in Hannover, 1973

Er war auch bekannt für einen ganz eigenen politischen Stil:

"Journalisten suchten ihre Notizblöcke und politische Gegner volle Deckung, wenn der hemdsärmelig-bullige 'Rote Jochen' ans Rednerpult eilte. Er gab sich mal zornig, mal zotig, dann wieder drohend oder dämpfend. Stets jedoch ließ er auf seine politischen Gegner ('intellektuell Verblödete') ein Feuerwerk von Attacken niedergehen, jene ihm eigene Mischung aus Analyse, Argumentation und Aggressivität. Ordnungsrufe des Präsidenten gehörten genauso zu einer Rede 'Marke Steffen' wie die Warnung vor einem Mißbrauch seiner Partei: 'Die sozialdemokratische Fraktion dieses Landtags ist kein Minimax, den sie beliebig von der Wand nehmen können, um Feuer zu löschen' — Feuer, das er oft genug selbst gelegt hatte und an dessen Wirkung er sich zu wärmen schien."[17]

Gleichzeitig galt er als Parteiintellektueller, der sein Handeln stets theoretisch zu untermauern suchte. Ihm ging es nie nur um die Entscheidung von Sachfragen, sondern immer um die Lösung langfristiger oder grundsätzlicher Probleme:

"Die Rolle der Natur, der naturgebundenen Lebensgrundlagen der Menschen war von ihm in seinem Buch 'Strukturelle Revolution' untersucht worden. Im Ergebnis formuliert er eine philosophisch wie auch politisch entscheidende Trialektik von Mensch, Gesellschaft und Natur, ohne deren Beachtung [...] sich jeder ökonomische Fortschritt aufhebt."[18]

Sein Selbstbild beschrieb DER SPIEGEL zur Landtagswahl 1971:

"Zunächst einmal ist er tief durchdrungen von seiner überlegenen Theoriekenntnis -- davon also, mehr Grundsätzliches über Politik und Gesellschaft gelesen und das Gelesene besser verstanden zu haben als die meisten aktiven Politiker (die sozialdemokratischen keineswegs ausgenommen). Er ist ein typischer Fall von intellektuellem Hochmut, doch ist dieser Hochmut weder gänzlich unbegründet noch gänzlich undifferenziert. Steffen ist von Natur Methodiker, versteht sich auch als solcher und räumt ein, daß er, wie die meisten Methodiker, der Gefahr ausgesetzt ist, sich von der "Stimmigkeit" eines Systems, von der gedanklichen Geschlossenheit einer Theorie, faszinieren zu lassen. Und das schließt die Gefahr ein, Teilwahrheiten zu verabsolutieren."[19]

Andererseits macht seine Auffassung, daß jeder Schritt zur Vermenschlichung und Demokratisierung einer bedrückenden Lebenswelt ebensoviel wert sei wie ein Kilometer an theoretischer Erkenntnis[20], deutlich, dass für ihn die Theorie ein Instrument der politischen Arbeit war, kein Selbstzweck.

DDR

Bereits auf dem Landesparteitag 1966 in Eutin griff er Egon Bahrs Idee des "Wandels durch Annäherung" auf und forderte mit der Eutiner Erklärung die Aufnahme von Gesprächen mit der DDR-Führung.[21] "Als demokratischer Sozialist suchte er nach dem "dritten Weg" zwischen den weltpolitischen Blöcken, besuchte Präsident Tito in Jugoslawien und diskutierte die Abkehr vom orthodoxen Kommunismus. Gegen lauten Protest der Bonner SPD-Zentrale verglich er öffentlich die Intervention der USA in der Dominikanischen Republik mit dem Überfall des Warschauer Paktes auf die Tschechoslowakei."[22]

Studentenrevolte 1968

1968 plädierte Jochen Steffen für ein Bündnis der SPD mit den revoltierenden Studierenden. Dem SPIEGEL gegenüber sagte er, dass es darum gehe, wer die zukünftige Entwicklung einer modernen Industriegesellschaft richtig einschätze[23]:

"Wenn sie falsche Parolen haben, auf Ho Tschi-minh schwören oder auf Che Guevara, dann muß sich die SPD als Partei der sozialen Reformen zuerst einmal fragen, warum die Studenten sich für solche Idole begeistern. Denn die Studenten haben solche Idole doch nur, weil ihnen die politischen Probleme ihrer eigenen Gesellschaft nicht konkret, sondern irrational dargeboten werden."

Gert Börnsen erinnerte sich später:

"Als ich ihn kennen lernte, betrat er den überfüllten Hörsaal der Freien Universität Berlin vor mehreren tausend Studentinnen und Studenten, Assistenten, Professoren und auswärtigen Gästen sowie weiteren Referenten im Auditorium Maximum. Die Studenten saßen auf Fensterbänken und Treppen in dicken Trauben. Die Atmosphäre war geladen, die Lautstärke zum Teil unerträglich, Pfiffe, Gelächter, Zwischenrufe erfüllten den großen Raum. Es war nicht schwer, die Vertreter des Verfassungsschutzes in ihren diskreten Anzügen zu erkennen. Auch Polizistengruppen standen in dunklen Ecken. Die Menge war aufgeregt, da der AStA zu Themen der gesellschaftlichen Revolution und Entwicklung neben Soziologen und linken Gewerkschaftern einen sozialdemokratischen Politiker eingeladen hatte. Den Sozi würde man auslachen und fertig machen. Es war die Zeit der Sit-ins und Teach-ins, die Zeit der 'Kritischen Universität', die Zeit der Emanzipation von den althergebrachten Regeln der Professorenuniversität. Es war die Zeit der weltweiten Kritik am Vietnam-Krieg der Amerikaner, aber auch der Beginn der Aufarbeitung der Naziverbrechen der Elterngeneration. Einige wenige Professoren wurden respektiert als humane und intellektuelle Autoritäten [...], Politiker wie der Berliner Bürgermeister Klaus Schütz aber wurden demonstrativ ausgepfiffen. Nur wenige bekannte [Berliner] Sozialdemokraten trauten sich zur Diskussion [...] – obwohl Jungsozialisten und linke Sozialdemokraten in den Studentenvertretungen meist die Organisation der Veranstaltungen wahrnahmen.
Jochen Steffen [...] galt als linker Flügelmann der Partei. Im Gegensatz zu Anderen verzichtete er auf taktische und opportunistische Einlagen: Seine Gesellschaftsanalyse war fundamental und gespickt mit marxistischen Zitaten. Anfangs wollten seine Gegner ihn deshalb als Heuchler darstellen, aber dann hörten immer mehr zu. Steffen nahm keine Rücksicht auf die konservativen Strukturen und programmatischen Leitsätze seiner Partei – er deklamierte aus seiner souveränen Überzeugung heraus und provozierte seinerseits die aufmüpfigen Studenten wegen ihres chaotischen Handelns. Seine plattdeutschen Kommentare und Döntjes riefen immer mehr Lacher und zustimmenden Beifall hervor. Sein immer wiederholtes Credo war: 'Für diese Arbeiterbewegung erfolgt der Aufbau der Gesellschaft auf den Interessen derjenigen, die in der Gesellschaft ganz unten sind, die Erniedrigten und Beleidigten. Dazu verpflichten uns Menschlichkeit und Solidarität gleichermaßen.'
Wir junge Sozialdemokraten im AStA und den Studentenvertretungen waren begeistert und luden den Schleswig-Holsteiner immer wieder ein. Steffen war einer der ganz wenigen Sozialdemokraten, die mit lautem Trommeln den Saal verlassen konnten. Die Berliner SPD – ohnehin überwiegend stockkonservativ bis reaktionär – hätte ihn am liebsten geächtet; die jungen Leute aber liefen ihm in Scharen zu. Jochen Steffen war 1968/69 nicht nur in seinem Landesverband, sondern an den Universitäten und in zahlreichen großen Städten ein wirkungsvoller Magnet für das soziale und globale Weltgewissen der jungen Leute, die nach neuen Perspektiven suchten."[24]

Orientierungsrahmen 85

Jochen Steffen und Helmut Schmidt, 1973

Der Orientierungsrahmen 85 war das Ergebnis einer breiten Diskussion in der SPD seit 1970; er wurde 1975 auf dem Bundesparteitag in Mannheim beschlossen. Jochen Steffen arbeitete von Beginn an als Vize-Vorsitzender der zuständigen "Langzeit-Kommission" zusammen mit deren Vorsitzenden Helmut Schmidt und Hans Apel federführend daran mit. Es sollten damit Instrumentarien zur Beeinflussung von Investitionen und zur öffentlichen Kontrolle wirtschaftlicher Macht erarbeitet und stärkere verteilungspolitische Effekte erreicht werden.[25]

Grundwertekommission

Seit 1973 war Jochen Steffen Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission.[26] Doch im November 1976 trat er von diesem Amt zurück. In einem langen, handgeschriebenen Brief begründete er dem Parteivorsitzenden Willy Brandt seine Entscheidung:

"[...] Ich bin Reformist. Unsere Praxis zur Zeit ist antireformistisch. Ich glaube zutiefst, daß es keine qualitativen Veränderungen gibt im Sinne von Verbesserungen des gesellschaftlichen Lebens, die allein durch Mittel und Maßnahmen des Staates, die ich nicht gering schätze, zu bewirken wären. Ohne gleichzeitige qualitative Veränderung der bisherigen Werte, Organisation und Kommunikation der Menschen in einem Akt der staatlichen, erreichen wir schließlich das Gegenteil von dem, was wir wollen. Ich bin kein Staatssozialist, unsere Praxis ist extrem staatssozialistisch. Ich glaube, unter diesen Bedingungen sind alle ökonomischen Fortschritte Rückschritte in der Menschlichkeit, in der Beziehung Mensch - Arbeit - Gesellschaft und Natur, und dieses müssen wir ändern."[27]

Bundeswehr

1976 erklärte Jochen Steffen, wie er sich die Zukunft der Bundeswehr vorstelle:

"300 Mann, straff organisiert und geschult in atomarer, bakteriologischer und chemischer Kriegführung, würden, so Steffen, reichen, einen möglichen Aggressor gründlich das Fürchten zu lehren. Eine solche Spezialtruppe hätte den gleichen Abschreckungseffekt wie die teure Bundeswehr, prophezeite der Kieler bei einer Podiumsdiskussion im nordfriesischen Husum, zudem könnten durch das Billig-Heer eingesparte Milliarden in soziale Reformen investiert werden. Auch Einsatzpläne für den Ernstfall hat Steffen parat. Etwa so: 'Diese Leute haben eine Atombombe im Köfferchen und lassen sie beispielsweise in Moskau explodieren.'"[28]

Publizist

Jochen Steffen begann seine journalistische Karriere Mitte der 1950er Jahre als Chefredakteur der Flensburger Presse, wechselte dann als Redakteur und Leitartikler nach Kiel zur VZ. Später gab er die Wochenzeitung Nordwoche und das da heraus. Seit etwa Mitte der 1970er Jahre wurde er besonders bekannt als - natürlich politischer - Kabarettist in der Rolle des Kieler Werftarbeiters "Kuddl Schnööf".

1976 veröffentlichte Jochen Steffen zusammen mit seiner Frau Ilse ein "Kuddl Schnööf"-Aufklärungsbuch:

"Jochen Steffen, 53, SPD-Vorstandsmitglied aus Kiel und Mundartautor ('Kuddl Schnööfs achtersinnige Gedankens und Meinungens von die sozeale Revolutschon un annere wichtige Sachens'), will jetzt Norddeutschlands Kinder sexuell - und auf Platt - aufklären. Der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe bringt Ende März Steffens 'Wo komm' bloß die lütten Gören her?' auf den Markt. Steffen über sein Sexual-Werk: 'Ein verklarendes Buch mit Billers ohne Tühnkram für Kinner un junge Olle'. Eigene Praxis beschreibt der Kieler freilich kaum. Die Idee zur mundartlichen Aufklärung hatte bereits Thaddäus Troll, und die Urfassung in allgemeinverständlichem Deutsch schrieb Peter Mayle. Auch die plattdeutsche Version hat Steffens [sic] nicht allein verfaßt. Als Co-Autorin ist "Natalje Schnööf" ausgewiesen - Jochen Steffens Frau Ilse."[29]

Ehrungen

  • Von 1999 bis 2001 fuhren zwischen Brunsbüttel und Cuxhafen drei rote PKW-Fähren - eine von ihnen hieß JOCHEN STEFFEN. Die Linie erwies sich allerdings als unrentabel und wurde eingestellt.[30]
  • Am 14. September 2009 benannte die Gustav-Heinemann-Bildungsstätte den großen Seminarraum nach Jochen Steffen.

Tradition

Als der Landesvorsitzende Gerd Walter 1991 sein Amt an Willi Piecyk weitergab, hielt der Rechenschaftsbericht fest:

"In seiner letzten Rede als Landesvorsitzender erinnerte Gerd Walter an eine Aussage Jochen Steffens auf dem Kieler Landesparteitag 1967:
'Demokratische Sozialisten wollen die bestehende gesellschaftliche Ordnung ändern zu einer Gesellschaft, in der die Menschen tatsächlich frei und gleich sind. Das setzt den Willen zur ständigen Reform, auch bei sich selbst, voraus. Das setzt den Willen voraus zur Veränderung der sozialen Machtverhältnisse. Das erfordert Einsicht in die komplizierten Sachzusammenhänge der modernen Gesellschaft und die Erarbeitung konkreter, sachlicher Vorschläge. Sie zu verwirklichen, bedürfen wir der Macht. Die Macht werden wir in dem Umfang erringen, wie die breiten Massen uns verstehen, wie wir uns ihnen verständlich machen. Dazu wollen wir in unserem Lande, für dieses Land, für diese demokratische Republik und für die arbeitenden Menschen unseren Beitrag leisten.'
Mit diesem Bekenntnis des Landesvorsitzenden Jochen Steffen habe der Landesvorsitzende Günther Jansen sein Amt übernommen; er, Gerd Walter, habe dieses Bekenntnis beherzigt und gäbe es nun an Willi Piecyk weiter."[31]

Veröffentlichungen

Sachbücher

  • Gesellschaftsordnung und Gesellschaftspolitik (Referat vor der IG Metall, München 1968)
  • Strukturelle Revolution. Von der Wertlosigkeit der Sachen (Reinbek 1974), ISBN 3498061054
  • Krisenmanagement oder Politik? (Reinbek 1974), ISBN 3499118262
  • Auf zum letzten Verhör. Erkenntnisse des verantwortlichen Hofnarren der Revolution Karl Radek (mit Adalbert Wiemers, München 1975), ISBN 3570005615
  • Wer sich nicht in Gefahr begibt. Krisenprotokolle (mit Willi Weismann, München 1977), ISBN 3921040450

Essays

Kabarett

  • Kuddl Schnööfs achtersinnige Gedankens und Meinungens von die sozeale Revolutschon und annere wichtige Sachens. Mit wat vornwech von Siegfried Lenz (Hamburg 1972), ISBN 3455074200
  • Nu komms du: Kuddl Schnööfs noie achtersinnige Gedankens un Meinungens (Hamburg 1975), ISBN 3455074103
  • Da kanns auf ab: Kuddl Schnööfs noieste achtersinnige Gedankens un Meinungens (Hamburg 1981), ISBN 345508799X
  • Wo komm' bloß die lütten Gören her? Ein verklarendes Buch mit Billers ohne Tühnkram für Kinner und junge Olle (mit Natalje Schnööf / Peter Mayle, Hamburg 1985), ISBN 3455074111
  • Vonnas Leben. Noieste un olle Gedankens (Hg. Jens-Peter Steffen, Kiel 1998), ISBN 3931903117

Diskographie

Zitate

  • "Die Menschen sind nicht dazu da, ein wirtschaftliches System mit seinen Eliten und Privilegien zu verteidigen, das uns in die Krise sehenden Auges torkeln ließ und die nächste Krise vorbereitet." - Jochen Steffen, Krisenmanagement oder Politik (1974)
  • "Nach der Klassenlogik gehören die Sozialdemokraten in die Opposition; was sollen sie in der Regierung, wenn nicht verteilt, sondern beim Volk die Reparaturkosten kassiert werden sollen." - Jochen Steffen, 1976[32]

Literatur

Links

Quellen

  1. Hermann Schreiber: Und führe uns, wohin wir nicht wollen, DER SPIEGEL, 19.4.1971
  2. Jürgen Weber: Joachim Steffen - Der "rote Jochen", S. 598
  3. Hermann Schreiber: Und führe uns, wohin wir nicht wollen, DER SPIEGEL, 19.4.1971
  4. Klaus Kröger: Angesichts meiner seelischen Belastung, DER SPIEGEL, 3.12.1979
  5. Hermann Schreiber: Und führe uns, wohin wir nicht wollen, DER SPIEGEL, 19.4.1971
  6. Ungefähres Gegenteil, DER SPIEGEL, 19.4.1971
  7. Beirat für Geschichte der Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein (Hrsg.): Jochen Steffen
  8. Gert Börnsen: Erinnerungen an Jochen Steffen, S. 312
  9. Gert Börnsen: Erinnerungen an Jochen Steffen, S. 312
  10. VZ, ??.5.1965, zit. in SPD Schleswig-Holstein (Hrsg.): Jahresberichte 1965/66 - SPD Landesparteitag in Kiel 1.+2. Juli '67
  11. SPD Schleswig-Holstein (Hrsg.): Jahresberichte 1965/66 - SPD Landesparteitag in Kiel 1.+2. Juli '67
  12. Jürgen Weber: Joachim Steffen - Der "rote Jochen", S. 599
  13. SPD-Parteitag: Angst vor den Grünen, DER SPIEGEL, 21.11.1977
  14. Klaus Kröger: Angesichts meiner seelischen Belastung, DER SPIEGEL, 3.12.1979
  15. Beirat für Geschichte der Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein (Hrsg.): Jochen Steffen
  16. Reventlow, Rolf: Rechts und links in der SPD, in: Profil: sozialdemokratische Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, Volume 50 (1971), S. 136
  17. Wechsel im Kieler Landtag: Jochen Steffen zog sich zurück, DIE ZEIT, 11.5.1973
  18. Jürgen Weber: Joachim Steffen - Der "rote Jochen", S. 600 f.
  19. Hermann Schreiber: Und führe uns, wohin wir nicht wollen, DER SPIEGEL, 19.4.1971
  20. Jürgen Weber: Joachim Steffen - Der "rote Jochen", S. 601
  21. Vgl. Egon Bahr: Frieden und Entspannung - Tradition im besten Sinn. In: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 593 ff.
  22. Gert Börnsen: Erinnerungen an Jochen Steffen, S. 315
  23. Endlich Tacheles reden, DER SPIEGEL, 27.5.1968
  24. Gert Börnsen: Erinnerungen an Jochen Steffen, S. 309-312
  25. Norbert Seitz: SPD: Intellektuellenpartei a.D. - Die geistige Krise der Sozialdemokratischen Partei. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2010, S. 99
  26. Jürgen Weber: Joachim Steffen - Der "rote Jochen", S. 600
  27. Beirat für Geschichte der Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein (Hrsg.): Jochen Steffen
  28. Personalien, DER SPIEGEL, 29.3.1976
  29. Jochen Steffen, DER SPIEGEL, 5.1.1976
  30. Gerhard Gründler: Erinnerung an Jochen Steffen, Version vom 13.2.2012
  31. SPD Schleswig-Holstein: Rechenschaftsbericht 1989-1993
  32. Zit. nach: Dieter Hanisch: Stegner, der Alleinunterhalter, DIE ZEIT, 31.7.2009, Schlussabsatz