Gerhard E. Gründler

Gerhard E. Gründler
Gerhard E. Gründler
Geboren: 21. März 1930
Gestorben: 24. März 2012

Gerhard E. Gründler, * 21. März 1930 in Sachsenberg bei Schwerin; † 24. März 2012 in Hamburg; Journalist, unter anderem bei der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung. SPD-Mitglied seit 1957.

Erinnerungen

"Ich war alles andere als ein geborener Sozialdemokrat. Mein Vater, deutsch-national eingestellt, hatte als Abiturient mit neunzehn Jahren bei einem Freikorps in Oberschlesien gekämpft und später dem Stahlhelm angehört. Als Medizinstudent trat er dem Verein Deutscher Studenten (VDSt) bei, einer schlagenden Verbindung, die 1881 in Berlin als antisemitische Organisation gegründet worden war. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Stabsarzt bei der Kriegsmarine. Wie meine Mutter gehörte er der NSDAP an, wie er in seinem Fragebogen angab, aber nur von 1937 bis 1939. Er wurde bei der Entnazifizierung in Gruppe V "eingereiht", kam ohne Sanktionen davon und baute sich nach dem Krieg wieder eine Praxis auf. Meine Mutter, schon seit 1932 Parteimitglied, wurde als "entlastet" eingestuft.
Politische Diskussionen gab es gleich nach dem Kriege bei uns zu Hause nicht. Ich war noch beim Jungvolk der Hitlerjugend auf Führer und Gefolgschaft, auf Befehl und Gehorsam getrimmt worden. Die Umerziehung zur Demokratie stieß anfangs auf meinen pubertären Trotz, schließlich nur noch auf eine gespielte Uneinsichtigkeit, als ich begreifen musste, was "unser Führer" angerichtet hatte. Unter dem Einfluss vernünftiger Lehrer an der Kieler Max-Planck-Oberschule und von Diskussionsrunden des britischen Informationszentrums Die Brücke überwand ich die Trotzhaltung.
Mir imponierte der von den Briten eingesetzte Ministerpräsident Theodor Steltzer, ein Mann des Kreisauer Kreises, der nach dem Attentat auf Hitler vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde und nur dank der Intervention skandinavischer Kirchenführer dem Henker entkommen konnte. Er verkörperte in Schleswig-Holstein eine CDU, mit der ich mich identifizieren konnte: antinazistisch, europäisch, sozial. Doch geriet die schleswig-holsteinische CDU schon bald in deutsch-nationales Fahrwasser. Steltzer hatte sich aus der aktiven Politik zurückgezogen. Nach den ersten Landtagswahlen 1947 regierten in Kiel drei Jahre lang die Sozialdemokraten, danach kam die CDU ans Ruder. Doch bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein - ich war gerade 21 geworden und durfte zum ersten Mal wählen - habe ich noch CDU-Kandidaten angekreuzt.
Ehemalige Nazigrößen machten im Norden immer stärker von sich reden. Mit der Flüchtlingswelle waren auch gesuchte Kriegsverbrecher und viele Unbelehrbare ins Land gespült worden. Ein reaktionäres Klima schien sich auszubreiten. Auf der Universität richtete sich mein politischer Blick nach links, und 1953 bei den Bundestagstagswahlen wählte ich schon SPD - nicht etwa gegen den Bundeskanzler Konrad Adenauer, mit dessen Europapolitik ich sympathisierte, auch nicht wegen des Oppositionsführers Erich Ollenhauer, der mich als Person nicht beeindrucken konnte. Zu der SPD, die ich wählen konnte, gehörten vor allem Politiker wie Ernst Reuter, Max Brauer und Wilhelm Kaisen, die Bürgermeister von Berlin, Hamburg und Bremen, sowie der niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf. Diese Männer erschienen mir als vorbildliche Demokraten; vor allem setzten sie ganz im Gegensatz zu dem 1952 gestorbenen Parteivorsitzenden Kurt Schumacher auf die Zusammenarbeit mit den westlichen Siegermächten. Schumachers nationale Rhetorik hatte mich abgestoßen.
An der Universität Kiel, wo ich Jura studierte, wollte ich dem Sozialistischen Studentenbund beitreten. Zu meiner Überraschung spielte es dort eine Rolle, ob einer aus dem Arbeitermilieu oder aus einem bürgerlichen Haushalt kam. Der Vorsitzende der Hochschulgruppe hatte es gleich gerochen, dass ich ein Bürgerkind war. Allen Ernstes riet er mir, auf meine Aufnahme lieber zu verzichten, weil ja ein "Nahesteher" viel wirksamer für die linke Sache werben könne als ein abgestempelter Genosse. Ich verzichtete, weniger aus Einsicht als aus Stolz. Damals verstand ich noch nicht, warum viele Sozis ihren Stallgeruch für abschreckend halten. Das lernte ich dann bei der Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung, für die ich als freier Mitarbeiter zu schreiben begann und bei der ich nach meinem Staatsexamen auch volontieren durfte.
Meine Eltern mussten sich damit abfinden, dass ich eigene politische Wege ging; schon ihre Erwartung, in den wiedergegründeten Verein Deutscher Studenten einzutreten, hatte ich enttäuscht. Wenn ich nun unbedingt zur Zeitung wollte, dann hätten sie mich lieber bei den "bürgerlichen" Kieler Nachrichten gesehen. Tatsächlich hatte ich mich dort zuvor um eine Volontärstelle beworben, war aber abgelehnt worden. Bald nachdem mich die Volks-Zeitung als Nachrichtenredakteur übernommen hatte, trat ich Ende 1957 in die SPD ein. Niemals bin ich von irgendjemandem aus dem Verlag oder der Redaktion zu diesem Schritt gedrängt worden. Die Neigung zum Journalismus verdankte ich der von den Amerikanern herausgegebenen Neuen Zeitung. Die hatte ich als Unterprimaner entdeckt und dann regelmäßig gelesen, bis sie 1955 eingestellt wurde.
Mein Engagement für die Sozialdemokratie ist über eine Zustimmung im Grundsätzlichen und über die Zahlung von Monatsbeiträgen nicht hinausgegangen. Eine Parteifunktion oder ein Mandat anzustreben oder auszuüben, hätte sich mit journalistischer Unabhängigkeit nicht gut vertragen.
Als ich anfing, für die Volks-Zeitung zu schreiben, war die SPD noch nicht auf dem Weg nach Godesberg. Die Sozialdemokraten hatten die Bundestagswahl 1953 gegen Bundeskanzler Adenauer verloren und es mehrten sich die Stimmen in der Partei, die das veraltete, immer noch maßgebliche Heidelberger Programm von 1925 durch ein zeitgemäßes ersetzen wollten. Auf dem Berliner Parteitag 1954 gab es dagegen noch heftigen Widerstand; immerhin wurde aber beschlossen, eine Kommission einzusetzen, die ein neues Grundsatzprogramm ausarbeiten sollte.
Am 1. Oktober 1954 starb wenige Tage vor seinem 61. Geburtstag der Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk, ein auch außerhalb der SPD hochgeachteter Mann. Als Mitglied des Parlamentarischen Rates hatte er das Bonner Grundgesetz mitgeformt. Vor 1933 war er Kieler Lokalchef der Volks-Zeitung und zugleich Stadtverordneter gewesen. Dabei hatte er eine Überempfindlichkeit gegen die Arroganz und Schönrednerei von Politikern (auch solchen der eigenen Partei) entwickelt. Viel zitiert wurde seine Standardredensart über politische Schaumschläger: "Segt he wat oder geiht em blots dat Muul?" Journalisten waren seiner Auffassung nach stets im Dienst, sollten sich auch nicht auf Dienststunden berufen. Dass Journalisten streiken könnten, hielt er für undenkbar: "Und wer schreibt dann über den Streik?", fragte er.
Die Volks-Zeitung druckte zehn Tage nach Gayks Tod ein "Politische Testament" ihres ehemaligen Lokalchefs, der nach ihrem Wiedererscheinen 1946 kurze Zeit auch ihr Chefredakteur gewesen war, bevor er sich ganz seinen politischen Ämtern widmete - als Fraktionsvorsitzender der SPD im schleswig-holsteinischen Landtag und als Oberbürgermeister in Kiel. Einen Satz aus diesem Testament habe ich damals dick angestrichen:
"Wer praktische Politik treiben will, der muß sich auch mit der Sünde der Tat beflecken. Eine Partei, deren unmittelbares Ziel nicht die Eroberung der politischen Macht im Staate ist, um die wirklichkeitsnahen Ziele ihrer Wähler zu verwirklichen, eine solche Partei zieht sich auf das politische Altenteil zurück, sie gibt sich im Grunde selber auf."[1]

Links

Quellen

  1. Gründler, Gerhard E. Wie ich zu den Sozis kam verfügbar via archive.org