Gesamtschule: Unterschied zwischen den Versionen

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== Das dreigliedrige Schulsystem ==
== Das dreigliedrige Schulsystem ==
Das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist ein Relikt der Weimarer Republik. Schon damals war es ein Kompromiss: Während die SPD für die [[Einheitsschule]] eintrat, verteidigten die Konservativen das Gymnasium. Gemeinsam sollte nur in den vier Jahren der Grundschule unterrichtet werden.
Das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist ein Relikt der Weimarer Republik. Schon damals war es ein Kompromiss: Während die SPD für die [[Einheitsschule]] eintrat<ref>Die Forderung nach "gleichen Bildungschancen für alle" vertrat zum Beispiel sehr nachdrücklich [[Toni Jensen]] als Abgeordnete im Preußischen Landtag.</ref>, verteidigten die Konservativen das Gymnasium. Gemeinsam sollte nur in den vier Jahren der Grundschule unterrichtet werden.


== Landessatzung ==
== Landessatzung ==
[[1950]] schrieb die SPD-Landesregierung von Ministerpräsident [[Hermann Lüdemann]] eine sechsjährige Grundschule in die neue [[Landessatzung]]. Allein diese Veränderung traf auf harsche Kritik, und nach der verlorenen [[Landtagswahl 1950|Landtagswahl im gleichen Jahr]] änderte die neue CDU-geführte Regierung die Satzung unter anderem in diesem Punkt. Gemeinsames Lernen war weiterhin nur für die ersten vier Schuljahre vorgesehen.
[[1950]] schrieb die SPD-Landesregierung von Ministerpräsident [[Hermann Lüdemann]] eine sechsjährige Grundschule in die neue [[Landessatzung]]. Allein diese Veränderung traf auf harsche Kritik, und nach der verlorenen [[Landtagswahl 1950|Landtagswahl im gleichen Jahr]] änderte die neue CDU-geführte Regierung die Satzung unter anderem in diesem Punkt. Gemeinsames Lernen war weiterhin nur für die ersten vier Schuljahre vorgesehen.


== Antrag für Testbetrieb 1968 ==
== Antrag auf Testbetrieb 1968 ==
[[1968]] beantragte die SPD-Landtagsfraktion die Einrichtung von zwei Versuchs-Gesamtschulen - eine im ländlichen Bereich, eine in einer Stadt. Gleichzeitig sollten je eine Volksschule, eine Realschule und ein Gymnasium testweise in Ganztagsschulen umgewandelt werden. CDU und NPD lehnten den Vorschlag ab, die FDP präsentierte einen Kompromissvorschlag, der ebenfalls in den Bildungsausschuss verwiesen wurde. Während es zu Ganztagsschulen bereits eine Empfehlung des Deutschen Bildungsrates gab, fehlte eine solche für Gesamtschulen. An diesen Empfehlungen wollte sich die Regierung aus CDU und FDP orientieren.<ref>''Mehrheit ist gegen die Gesamtschule'', Kieler Nachrichten, 11. Juli 1968</ref>
[[1968]] beantragte die SPD-Landtagsfraktion die Einrichtung von zwei Versuchs-Gesamtschulen - eine im ländlichen Bereich, eine in einer Stadt. Gleichzeitig sollten je eine Volksschule, eine Realschule und ein Gymnasium testweise in Ganztagsschulen umgewandelt werden. CDU und NPD lehnten den Vorschlag ab, die FDP präsentierte einen Kompromissvorschlag, der ebenfalls in den Bildungsausschuss verwiesen wurde. Während es zu Ganztagsschulen bereits eine Empfehlung des Deutschen Bildungsrates gab, fehlte eine solche für Gesamtschulen. An diesen Empfehlungen wollte sich die Regierung aus CDU und FDP orientieren.<ref>''Mehrheit ist gegen die Gesamtschule'', ''Kieler Nachrichten'', 11. Juli 1968</ref>


[[1973]] berichtet der Kieler Landtagsabgeordnete [[Karl Heinz Luckhardt]] über die Einrichtung der Versuchsschule in Kiel-Friedrichsort:
[[1973]] berichtet der Kieler Landtagsabgeordnete [[Karl Heinz Luckhardt]] über die Einrichtung der Versuchsschule in Kiel-Friedrichsort:


: "Die [Kieler] Ratsversammlung beschloss am [[27. August]] [[1970]] auf der Grundlage der SPD-Vorstellungen zur Reform der Bildungspolitik die Errichtung der ersten 'integrierten Gesamtschule' in Kiel-Friedrichsort als Ganztagsschule. In mühselgien Verhandlungen mußte die Genehmigung des Schulversuchs der CDU-Landesregierung buchstäblich abgestrotzt werden. Mit dem Schuljahresbeginn [[1972]]/[[1973]] konnte der Unterricht in dem 20-;illionenprojekt aufgenommen werden. Landesweit war dies der zweite genehmigte Schulversuch (eine weitere Schule arbeitete seit [[1971]] in [[Kreisverband Neumünster|Neumünster]].
: "Die [Kieler] Ratsversammlung beschloss am [[27. August]] [[1970]] auf der Grundlage der SPD-Vorstellungen zur Reform der Bildungspolitik die Errichtung der ersten 'integrierten Gesamtschule' in Kiel-Friedrichsort als Ganztagsschule. In mühseligen Verhandlungen mußte die Genehmigung des Schulversuchs der CDU-Landesregierung buchstäblich abgetrotzt werden. Mit dem Schuljahresbeginn [[1972]]/[[1973]] konnte der Unterricht in dem 20-Millionenprojekt aufgenommen werden. Landesweit war dies der zweite genehmigte Schulversuch (eine weitere Schule arbeitete seit [[1971]] in [[Kreisverband Neumünster|Neumünster]]).


: Nach den Vorstellungen der Kieler Sozialdemokraten ist die 'integrierte Gesamtschule' Kiel-Friedrichsort Modell für die Neugliederung des Schulwesens in der Landeshauptstadt. Wir halten diese Schulform für das System, das Freiheit, Gleichheit und Solidarität - und damit gleiche Lebenschancen - verwirklichen kann. die ersten sehr guten Erfahrungen in der Friedrichsorter Versuchsschule haben gezeigt, wie man aus der bildungspolitischen Sackgasse des dreigliedrigen Schulsystems herauskommen kann."<ref>SPD-Kreisverband Kiel (Hrsg.): 1863-1978. 115 Jahre Sozialdemokratie. Festschrift der Kieler Sozialdemokraten (Kiel 1978)</ref>
: Nach den Vorstellungen der Kieler Sozialdemokraten ist die 'integrierte Gesamtschule' Kiel-Friedrichsort Modell für die Neugliederung des Schulwesens in der Landeshauptstadt. Wir halten diese Schulform für das System, das Freiheit, Gleichheit und Solidarität - und damit gleiche Lebenschancen - verwirklichen kann. Die ersten sehr guten Erfahrungen in der Friedrichsorter Versuchsschule haben gezeigt, wie man aus der bildungspolitischen Sackgasse des dreigliedrigen Schulsystems herauskommen kann."<ref>SPD-Kreisverband Kiel (Hrsg.): 1863-1978. 115 Jahre Sozialdemokratie. Festschrift der Kieler Sozialdemokraten (Kiel 1978)</ref>


== Nach dem Regierungswechsel ==
== Nach dem Regierungswechsel ==
Bis [[1988]] hatte die CDU-Regierung nur zwei Gesamtschulen (in Kiel und Neumünster) versuchsweise zugelassen.<ref>DER SPIEGEL 51/1988 "[http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531729.html Tango mit Eva: Heftiger Streit um die Gesamtschule]"</ref> Nach dem Wahlsieg war die Stimmung in der SPD und bei anderen Befürwortern der Gesamtschule euphorisch. Doch diejenigen, die die Schulreform umsetzen sollten, drückten auf die Bremse.
Bis [[1988]] hatte die CDU-Regierung nur zwei Gesamtschulen (in Kiel und Neumünster) versuchsweise zugelassen.<ref>DER SPIEGEL 51/1988 ''[http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531729.html Tango mit Eva: Heftiger Streit um die Gesamtschule]''</ref> Nach dem Wahlsieg war die Stimmung in der SPD und bei anderen Befürwortern der Gesamtschule euphorisch. Doch diejenigen, die die Schulreform umsetzen sollten, drückten auf die Bremse.


In seiner Regierungserklärung hatte [[Björn Engholm]] versprochen, das dreigliedrige Schulsystem durch ein Gesamtschulangebot zu ergänzen:
In seiner Regierungserklärung hatte [[Björn Engholm]] versprochen, das dreigliedrige Schulsystem durch ein Gesamtschulangebot zu ergänzen:
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: Der Gesetzentwurf soll auch die Voraussetzungen für eine [[Innere Schulreform|innere Schulreform]] schaffen, und zwar zur Erweiterung der pädagogischen Freiräume - Schule soll wieder mehr von Lehrern als von Ministerialbeamten gemacht werden - für eine verbesserte Kooperation von Schülern, Eltern und Lehrern und zur Reform der Lehrpläne nach fortschrittlich-humanistischen Leitbildern. Schulreform wird von dieser Regierung nicht, wie es in der Vergangenheit der Fall war, verordnet oder in kleinen Zirkeln besprochen werden; alle Betroffenen und Beteiligten werden in einem offenen Dialog in diese Schulreform von uns einbezogen werden."<ref>Landtagsinformationssystem Schleswig-Holstein: [http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/QQP12-2.pdf Plenarprotokoll 12/2 28.06.1988 S 13-82]</ref>
: Der Gesetzentwurf soll auch die Voraussetzungen für eine [[Innere Schulreform|innere Schulreform]] schaffen, und zwar zur Erweiterung der pädagogischen Freiräume - Schule soll wieder mehr von Lehrern als von Ministerialbeamten gemacht werden - für eine verbesserte Kooperation von Schülern, Eltern und Lehrern und zur Reform der Lehrpläne nach fortschrittlich-humanistischen Leitbildern. Schulreform wird von dieser Regierung nicht, wie es in der Vergangenheit der Fall war, verordnet oder in kleinen Zirkeln besprochen werden; alle Betroffenen und Beteiligten werden in einem offenen Dialog in diese Schulreform von uns einbezogen werden."<ref>Landtagsinformationssystem Schleswig-Holstein: [http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/QQP12-2.pdf Plenarprotokoll 12/2 28.06.1988 S 13-82]</ref>


Im Juni 1988 beschäftigte sich der [[Landesausschuss]] mit dem Thema Gesamtschule. Der Landesvorsitzende [[Gerd Walter]] riet zur Geduld:
Im Juni [[1988]] beschäftigte sich der [[Landesausschuss]] mit dem Thema Gesamtschule. Der Landesvorsitzende [[Gerd Walter]] riet zur Geduld:


: "Es ist kein Kunststück, die Entwicklung einer Gesamtschule einfach mit Mehrheit zu beschließen. Das Kunststück besteht darin, sie so durchzusetzen, daß die Menschen hinterher eine zweite Gesamtschule fordern."<ref>''SPD-Chef rät Engholm zu behutsamer Reformpolitik'', Kieler Nachrichten, 11. Juni 1988</ref>
: "Es ist kein Kunststück, die Entwicklung einer Gesamtschule einfach mit Mehrheit zu beschließen. Das Kunststück besteht darin, sie so durchzusetzen, daß die Menschen hinterher eine zweite Gesamtschule fordern."<ref>''SPD-Chef rät Engholm zu behutsamer Reformpolitik'', Kieler Nachrichten, 11. Juni 1988</ref>
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Auf die Frage, wie der Wunsch der Eltern zum Erhalt der betroffenen Schulen berücksichtigt worden sei, antwortete das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur:
Auf die Frage, wie der Wunsch der Eltern zum Erhalt der betroffenen Schulen berücksichtigt worden sei, antwortete das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur:
: "Die Entscheidung über den Standort einer zu errichtenden Gesamtschule wird vom Schulträger getroffen. Bei dieser Entscheidung ist nicht nur der Wunsch der Eltern zu berücksichtigen, die ihre bisherige Schule erhalten sehen möchten, sondern auch das Interesse der Eltern, die bislang ihre Kinder nicht auf eine Gesamtschule schicken konnten."
: "Die Entscheidung über den Standort einer zu errichtenden Gesamtschule wird vom Schulträger getroffen. Bei dieser Entscheidung ist nicht nur der Wunsch der Eltern zu berücksichtigen, die ihre bisherige Schule erhalten sehen möchten, sondern auch das Interesse der Eltern, die bislang ihre Kinder nicht auf eine Gesamtschule schicken konnten."


== "Bildungspolitik in schwieriger Zeit" ==
== "Bildungspolitik in schwieriger Zeit" ==
In einem umfassenden Beschluss zur Bildungspolitik formulierte die SPD Schleswig-Holstein im Jahr [[1995]]:
In einem umfassenden Beschluss zur Bildungspolitik formulierte die SPD Schleswig-Holstein im Jahr [[1995]]:
 
: "Wir haben eine Reihe neuer Gesamtschulen ermöglicht und damit den Elternwillen erfüllt. [...] Mit der Errichtung von sechzehn zusätzlichen Gesamtschulen sind Wahlmöglichkeiten von Eltern und Schülern für eine integrierte Form der weiterführenden Schule geschaffen worden. Die Ge­samtschulen bieten unter einem Dach alle Bildungsabschlüsse in durchlässiger Form. Ziel ist es, allen Eltern und SchülerInnen die Wahlmöglichkeit für diese Schulform zu bieten. [...] Die Gesamtschule ist für die SPD die zukunftsweisende Schulform, die flächendeckend einzuführen ist, damit alle Eltern, die dies wünschen, ihr Kind an einer Gesamtschule anmelden können. Damit wird der unterschiedlichen Nachfrage der Eltern nach den verschiedenen Schulformen für ihre Kinder Rechnung getragen."<ref>Landesparteitag Bad Segeberg 1995 ''[http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_Bildungspolitik_in_schwieriger_Zeit_-_Neue_Herausforderungen_im_Spannungsfeld_zwischen_Erwartung_und_Machbarkeit_%281995%29 Bildungspolitik in schwieriger Zeit - Neue Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Machbarkeit]''</ref>
: "Wir haben eine Reihe neuer Gesamtschulen ermöglicht und damit den Elternwillen erfüllt. [...] Mit der Errichtung von sechzehn zusätzlichen Gesamtschulen sind Wahlmöglichkeiten von Eltern und Schülern für eine integrierte Form der weiterführenden Schule geschaffen worden. Die Ge­samtschulen bieten unter einem Dach alle Bildungsabschlüsse in durchlässiger Form. Ziel ist es, allen Eltern und SchülerInnen die Wahlmöglichkeit für diese Schulform zu bieten. [...] Die Gesamtschule ist für die SPD die zukunftsweisende Schulform, die flächendeckend einzuführen ist, damit alle Eltern, die dies wünschen, ihr Kind an einer Gesamtschule anmelden können. Damit wird der unterschiedlichen Nachfrage der Eltern nach den verschiedenen Schulformen für ihre Kinder Rechnung getragen."<ref>Landesparteitag Bad Segeberg 1995 "[http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_Bildungspolitik_in_schwieriger_Zeit_-_Neue_Herausforderungen_im_Spannungsfeld_zwischen_Erwartung_und_Machbarkeit_%281995%29 Bildungspolitik in schwieriger Zeit - Neue Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Machbarkeit]"</ref>


== "Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik" ==
== "Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik" ==
Im Beschluss zur Bildungspolitik auf dem Landesparteitag [[2002]] formulierte die SPD Schleswig-Holstein:
Im Beschluss zur Bildungspolitik auf dem Landesparteitag [[2002]] formulierte die SPD Schleswig-Holstein:
: "Schon heute lässt sich jedoch feststellen, dass das nur noch in Deutschland, Österreich und einigen Schweizer Kantonen bestehende Modell eines dreigliedrigen Schulsystems mit homogenen Lerngruppen keine besseren Schüler/innen-Leistungen hervorbringt. Im Gegenteil: Die bildungspolitische Zielsetzung der SPD, die Integrierte Gesamtschule mit heterogenen Lerngruppen auszubauen, bestätigt sich als richtig. Die meisten Länder mit besseren Ergebnissen haben ein effizienteres Vorschulsystem, mehr integrierte Angebote und Ganztagsunterricht oder Ganztagsangebote. Auf diesen Feldern hat Deutschland zweifellos einen Nachholbedarf."<ref>Landesparteitag Kiel 2002 "[http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_Aufbruch_zu_einer_neuen_Bildungspolitik_%282002%29 B1: Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik]"</ref>
: "Schon heute lässt sich jedoch feststellen, dass das nur noch in Deutschland, Österreich und einigen Schweizer Kantonen bestehende Modell eines dreigliedrigen Schulsystems mit homogenen Lerngruppen keine besseren Schüler/innen-Leistungen hervorbringt. Im Gegenteil: Die bildungspolitische Zielsetzung der SPD, die Integrierte Gesamtschule mit heterogenen Lerngruppen auszubauen, bestätigt sich als richtig. Die meisten Länder mit besseren Ergebnissen haben ein effizienteres Vorschulsystem, mehr integrierte Angebote und Ganztagsunterricht oder Ganztagsangebote. Auf diesen Feldern hat Deutschland zweifellos einen Nachholbedarf."<ref>Landesparteitag Kiel 2002 ''[http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_Aufbruch_zu_einer_neuen_Bildungspolitik_%282002%29 B1: Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik]''</ref>


== "Unser Bildungskonzept für die Zukunft" ==
== "Unser Bildungskonzept für die Zukunft" ==
[[2003]] schrieb die SPD Schleswig-Holstein in ihrem Bildungskonzept zum Thema Gesamtschulen:
[[2003]] schrieb die SPD Schleswig-Holstein in ihrem Bildungskonzept zum Thema Gesamtschulen:
 
: "Die SPD Schleswig-Holstein fordert die kommunalen Politiker in Nordfriesland, Dithmarschen und allen anderen CDU-dominierten Kreisen auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen IGS zu bauen. Die SPD SH fordert die Kommunalpolitiker in SH auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen Integrierte Gesamtschulen zu bauen. "<ref>Landesparteitag Bad Segeberg 2003: ''B1: [http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_%E2%80%9EUnser_Bildungskonzept_f%C3%BCr_die_Zukunft%E2%80%9C_%282003%29 'Unser Bildungskonzept für die Zukunft']''</ref>
: "Die SPD Schleswig-Holstein fordert die Kommunalen Politiker in Nordfriesland, Dithmarschen und allen anderen CDU-dominierten Kreisen auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen IGS zu bauen. Die SPD SH fordert die Kommunalpolitiker in SH auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen Integrierte Gesamtschulen zu bauen. "<ref>Landesparteitag Bad Segeberg 2003: "B1: [http://beschluesse.spd-schleswig-holstein.de/index.php?title=B1:_%E2%80%9EUnser_Bildungskonzept_f%C3%BCr_die_Zukunft%E2%80%9C_%282003%29 'Unser Bildungskonzept für die Zukunft']"</ref>


== Quellen ==
== Quellen ==
<references />
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[[Kategorie:Bildungspolitik]]
[[Kategorie:Bildungspolitik]]

Version vom 16. Dezember 2014, 03:16 Uhr

Die Gesamtschule ist eine Schulform, bei der die Differenzierung innerhalb der Schule stattfindet, nicht zwischen verschiedenen Schulformen. Die SPD vertritt schon lange die Position, dass das längere gemeinsame Lernen gerade für Kinder aus ärmeren Familien Vorteile gegenüber dem dreigliedrigen Schulsystem biete.

"In keinem anderen Gebiet der Politik - nicht einmal in dem der Landwirtschaft - tummeln sich ideologisch verbrämte Standesinteressen so ungeniert, wird so provinziell argumentiert und die Entwicklung im Ausland so sträflich ignoriert wie in der Bildungspolitik." — Wilhelm Käber (SPD)[1]

Das dreigliedrige Schulsystem

Das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist ein Relikt der Weimarer Republik. Schon damals war es ein Kompromiss: Während die SPD für die Einheitsschule eintrat[2], verteidigten die Konservativen das Gymnasium. Gemeinsam sollte nur in den vier Jahren der Grundschule unterrichtet werden.

Landessatzung

1950 schrieb die SPD-Landesregierung von Ministerpräsident Hermann Lüdemann eine sechsjährige Grundschule in die neue Landessatzung. Allein diese Veränderung traf auf harsche Kritik, und nach der verlorenen Landtagswahl im gleichen Jahr änderte die neue CDU-geführte Regierung die Satzung unter anderem in diesem Punkt. Gemeinsames Lernen war weiterhin nur für die ersten vier Schuljahre vorgesehen.

Antrag auf Testbetrieb 1968

1968 beantragte die SPD-Landtagsfraktion die Einrichtung von zwei Versuchs-Gesamtschulen - eine im ländlichen Bereich, eine in einer Stadt. Gleichzeitig sollten je eine Volksschule, eine Realschule und ein Gymnasium testweise in Ganztagsschulen umgewandelt werden. CDU und NPD lehnten den Vorschlag ab, die FDP präsentierte einen Kompromissvorschlag, der ebenfalls in den Bildungsausschuss verwiesen wurde. Während es zu Ganztagsschulen bereits eine Empfehlung des Deutschen Bildungsrates gab, fehlte eine solche für Gesamtschulen. An diesen Empfehlungen wollte sich die Regierung aus CDU und FDP orientieren.[3]

1973 berichtet der Kieler Landtagsabgeordnete Karl Heinz Luckhardt über die Einrichtung der Versuchsschule in Kiel-Friedrichsort:

"Die [Kieler] Ratsversammlung beschloss am 27. August 1970 auf der Grundlage der SPD-Vorstellungen zur Reform der Bildungspolitik die Errichtung der ersten 'integrierten Gesamtschule' in Kiel-Friedrichsort als Ganztagsschule. In mühseligen Verhandlungen mußte die Genehmigung des Schulversuchs der CDU-Landesregierung buchstäblich abgetrotzt werden. Mit dem Schuljahresbeginn 1972/1973 konnte der Unterricht in dem 20-Millionenprojekt aufgenommen werden. Landesweit war dies der zweite genehmigte Schulversuch (eine weitere Schule arbeitete seit 1971 in Neumünster).
Nach den Vorstellungen der Kieler Sozialdemokraten ist die 'integrierte Gesamtschule' Kiel-Friedrichsort Modell für die Neugliederung des Schulwesens in der Landeshauptstadt. Wir halten diese Schulform für das System, das Freiheit, Gleichheit und Solidarität - und damit gleiche Lebenschancen - verwirklichen kann. Die ersten sehr guten Erfahrungen in der Friedrichsorter Versuchsschule haben gezeigt, wie man aus der bildungspolitischen Sackgasse des dreigliedrigen Schulsystems herauskommen kann."[4]

Nach dem Regierungswechsel

Bis 1988 hatte die CDU-Regierung nur zwei Gesamtschulen (in Kiel und Neumünster) versuchsweise zugelassen.[5] Nach dem Wahlsieg war die Stimmung in der SPD und bei anderen Befürwortern der Gesamtschule euphorisch. Doch diejenigen, die die Schulreform umsetzen sollten, drückten auf die Bremse.

In seiner Regierungserklärung hatte Björn Engholm versprochen, das dreigliedrige Schulsystem durch ein Gesamtschulangebot zu ergänzen:

"[...] Meine Damen und Herren, Investitionen in Bildung und Ausbildung sind unverzichtbare Investitionen in die individuelle und die gesellschaftliche Zukunft. Wir wollen deshalb ein Bildungssystem in Schleswig-Holstein, in dem alle hochwertige Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, in dem zugleich aber das Lernen auch Freude macht, in dem persönliche Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden, in dem auch soziales Verhalten erlernt werden kann. Ein Bildungssystem, das den Neigungen, Fähigkeiten und Bedürfnissen der Kinder und jungen Menschen mehr Raum läßt, ein Bildungssystem, das auch die immer noch vorhandenen geschlechterspezifischen Rollenmuster aufheben hilft, wird nicht nur freiere und zufriedenere Menschen, es wird auch Menschen hervorbringen, die besser und optimaler in der Lage sind, den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.
Meine Damen und Herren, das gegliederte Schulsystem in Schleswig-Holstein bleibt, wie es von uns über Jahre so versprochen worden ist, auch unter der neuen Regierungsägide erhalten. Es wird zugleich für die Belange der Zukunft weiterentwickelt werden. Hauptschule, Realschule und Gymnasium stehen auch künftig allen Schülern und Eltern offen, die diese Schulen schätzen. Das Elternrecht auf freie Schulwahl wird von uns uneingeschränkt, also voll geachtet. Freies Elternrecht heißt jedoch auch: Eltern, die für ihre Kinder eine Gesamtschule vorziehen, müssen im Lande Schleswig-Holstein endlich eine Chance erhalten.
Die Gesamtschule wird nicht von oben verordnet werden. 'Gesamtschule' heißt für uns im besten Sinne des Wortes 'Schule vor Ort'. Und 'vor Ort' heißt: Entscheidend ist der Wille der Eltern und die Zustimmung des Schulträgers.
Wir werden das Schulgesetz in diesem Sinne ändern. Dazu werden die Schulträger, die Landeselternbeiräte, die kommunalen Spitzenverbände, die Lehrerverbände und die Gewerkschaften selbstverständlich gehört werden. Am Ende dieses Verfahrens wird ein Gesetzentwurf vorgelegt und dem Parlament zugeleitet werden. Sollten bis dahin Anträge von Schulträgern auf Einrichtung einer Gesamtschule kommen, reichen die Möglichkeiten des geltenden Schulgesetzes dafür aus.
Der Gesetzentwurf soll auch die Voraussetzungen für eine innere Schulreform schaffen, und zwar zur Erweiterung der pädagogischen Freiräume - Schule soll wieder mehr von Lehrern als von Ministerialbeamten gemacht werden - für eine verbesserte Kooperation von Schülern, Eltern und Lehrern und zur Reform der Lehrpläne nach fortschrittlich-humanistischen Leitbildern. Schulreform wird von dieser Regierung nicht, wie es in der Vergangenheit der Fall war, verordnet oder in kleinen Zirkeln besprochen werden; alle Betroffenen und Beteiligten werden in einem offenen Dialog in diese Schulreform von uns einbezogen werden."[6]

Im Juni 1988 beschäftigte sich der Landesausschuss mit dem Thema Gesamtschule. Der Landesvorsitzende Gerd Walter riet zur Geduld:

"Es ist kein Kunststück, die Entwicklung einer Gesamtschule einfach mit Mehrheit zu beschließen. Das Kunststück besteht darin, sie so durchzusetzen, daß die Menschen hinterher eine zweite Gesamtschule fordern."[7]

Am 25. August 1988 begann die neue Landtagsfraktion eine sechstägige Anhörung von Vertreterinnen und Vertretern der Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Gewerkschaften, Lehrervereinigungen und anderer Organisationen zum neuen Schulgesetz.[8]

Auch beim ersten Landesparteitag nach der Wahl stand das Thema Gesamtschule auf der Tagesordnung.

Stand 1990

In einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung fragte 1990 der CDU-Abgeordnete Dr. Peter Bendixen nach der Entwicklung der Gesamtschule in Schleswig-Holstein seit dem Schuljahresbeginn 1987/88. Aus der Antwort geht hervor:[9]

Kommune vorgesehene bestehende Schule genehmigt
Kiel Toni-Jensen-Schule Hauptschulteil der Grund und Hauptschule und Toni-Jensen-Realschule ja
Lübeck Fröbelschule ja
Bad Oldesloe Dietrich-Buxtehude-Realschule ja
Bargteheide Emil-Nolde-Grund- und Hauptschule ja
Bornhöved nein
Eckernförde - ja
Geesthacht Hauptschule Butenskamp ja
Husum - nein
Norderstedt Grund- und Hauptschule Lütjensmoor ja
Pinneberg Realschule Thesdorf ja
Trappenkamp Dr.-Gerlich-Hauptschule ja
Uetersen - ja

Auf die Frage, wie der Wunsch der Eltern zum Erhalt der betroffenen Schulen berücksichtigt worden sei, antwortete das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur:

"Die Entscheidung über den Standort einer zu errichtenden Gesamtschule wird vom Schulträger getroffen. Bei dieser Entscheidung ist nicht nur der Wunsch der Eltern zu berücksichtigen, die ihre bisherige Schule erhalten sehen möchten, sondern auch das Interesse der Eltern, die bislang ihre Kinder nicht auf eine Gesamtschule schicken konnten."

"Bildungspolitik in schwieriger Zeit"

In einem umfassenden Beschluss zur Bildungspolitik formulierte die SPD Schleswig-Holstein im Jahr 1995:

"Wir haben eine Reihe neuer Gesamtschulen ermöglicht und damit den Elternwillen erfüllt. [...] Mit der Errichtung von sechzehn zusätzlichen Gesamtschulen sind Wahlmöglichkeiten von Eltern und Schülern für eine integrierte Form der weiterführenden Schule geschaffen worden. Die Ge­samtschulen bieten unter einem Dach alle Bildungsabschlüsse in durchlässiger Form. Ziel ist es, allen Eltern und SchülerInnen die Wahlmöglichkeit für diese Schulform zu bieten. [...] Die Gesamtschule ist für die SPD die zukunftsweisende Schulform, die flächendeckend einzuführen ist, damit alle Eltern, die dies wünschen, ihr Kind an einer Gesamtschule anmelden können. Damit wird der unterschiedlichen Nachfrage der Eltern nach den verschiedenen Schulformen für ihre Kinder Rechnung getragen."[10]

"Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik"

Im Beschluss zur Bildungspolitik auf dem Landesparteitag 2002 formulierte die SPD Schleswig-Holstein:

"Schon heute lässt sich jedoch feststellen, dass das nur noch in Deutschland, Österreich und einigen Schweizer Kantonen bestehende Modell eines dreigliedrigen Schulsystems mit homogenen Lerngruppen keine besseren Schüler/innen-Leistungen hervorbringt. Im Gegenteil: Die bildungspolitische Zielsetzung der SPD, die Integrierte Gesamtschule mit heterogenen Lerngruppen auszubauen, bestätigt sich als richtig. Die meisten Länder mit besseren Ergebnissen haben ein effizienteres Vorschulsystem, mehr integrierte Angebote und Ganztagsunterricht oder Ganztagsangebote. Auf diesen Feldern hat Deutschland zweifellos einen Nachholbedarf."[11]

"Unser Bildungskonzept für die Zukunft"

2003 schrieb die SPD Schleswig-Holstein in ihrem Bildungskonzept zum Thema Gesamtschulen:

"Die SPD Schleswig-Holstein fordert die kommunalen Politiker in Nordfriesland, Dithmarschen und allen anderen CDU-dominierten Kreisen auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen IGS zu bauen. Die SPD SH fordert die Kommunalpolitiker in SH auf, wenn der Bedarf vorhanden ist, in ihren Kreisen Integrierte Gesamtschulen zu bauen. "[12]

Quellen

  1. Lubowitz, Frank: Wilhelm Käber - Regierung und Opposition (Kiel 1986) ISBN: 3-89029-906-7
  2. Die Forderung nach "gleichen Bildungschancen für alle" vertrat zum Beispiel sehr nachdrücklich Toni Jensen als Abgeordnete im Preußischen Landtag.
  3. Mehrheit ist gegen die Gesamtschule, Kieler Nachrichten, 11. Juli 1968
  4. SPD-Kreisverband Kiel (Hrsg.): 1863-1978. 115 Jahre Sozialdemokratie. Festschrift der Kieler Sozialdemokraten (Kiel 1978)
  5. DER SPIEGEL 51/1988 Tango mit Eva: Heftiger Streit um die Gesamtschule
  6. Landtagsinformationssystem Schleswig-Holstein: Plenarprotokoll 12/2 28.06.1988 S 13-82
  7. SPD-Chef rät Engholm zu behutsamer Reformpolitik, Kieler Nachrichten, 11. Juni 1988
  8. SPD startet Anhörung zum neuen Schulgesetz, Kieler Nachrichten,
  9. Drucksache 12/939: Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Peter Bendixen (CDU), 16. Juli 1990
  10. Landesparteitag Bad Segeberg 1995 Bildungspolitik in schwieriger Zeit - Neue Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Machbarkeit
  11. Landesparteitag Kiel 2002 B1: Aufbruch zu einer neuen Bildungspolitik
  12. Landesparteitag Bad Segeberg 2003: B1: 'Unser Bildungskonzept für die Zukunft'