Novemberrevolution: Unterschied zwischen den Versionen

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Die [[Novemberrevolution]] erreichte die [[Ortsverein Tondern|Tondern]] bereits am [[7. November]] [[1918]]. Die Luftschifftruppen der örtlichen Zeppelinstation bildeten einen "vorläufigen Arbeiter- und Soldatenrat" und übernahmen die öffentliche Ordnung. Landrat Emilio Böhme fügte sich ohne Gegenwehr. Er forderte die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit auf: "Von einer eigentlichen Revolution könne nicht die Rede sein, wohl aber von einer völligen Umwälzung der bestehenden unhaltbaren Zustände."<ref name=":0" />  
Die Novemberrevolution erreichte die [[Ortsverein Tondern|Tondern]] bereits am [[7. November]] [[1918]]. Die Luftschifftruppen der örtlichen Zeppelinstation bildeten einen "vorläufigen Arbeiter- und Soldatenrat" und übernahmen die öffentliche Ordnung. Landrat Emilio Böhme fügte sich ohne Gegenwehr. Er forderte die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit auf: "Von einer eigentlichen Revolution könne nicht die Rede sein, wohl aber von einer völligen Umwälzung der bestehenden unhaltbaren Zustände."<ref name=":0" />  


===Tönning===
===Tönning===

Version vom 28. Februar 2026, 22:39 Uhr

Novemberrevolution
(1918)
Ausgabe des Vorwärts vom 9. November 1918
Ausgabe des Vorwärts vom 9. November 1918
Ausgabe des Vorwärts vom 9. November 1918
<< Erster Weltkrieg (1914-1918)
Weimarer Republik (1918-1933) >>


Die Novemberrevolution 1918 war das Ergebnis einer tiefen Krise des Deutschen Reiches, die sich über Jahre während des Ersten Weltkriegs zugespitzt hatte. Sie beendet das Kaiserreich und mündete in der Weimarer Republik.

Entscheidend waren die militärische Niederlage an der Westfront und die wirtschaftliche sowie soziale Erschöpfung der Bevölkerung. Nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive 1918 war die deutsche Armee geschlagen, doch die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg weigerte sich lange, dies einzugestehen.

Erst als die alliierten Truppen im Herbst 1918 vorrückten und ein Waffenstillstand unvermeidbar wurde, gab die OHL die Niederlage zu – doch die Folgen des Krieges hatten das Land bereits zerrüttet: Hunger, Inflation und die Repression gegen Kriegsgegner radikalisierten weite Teile der Arbeiterschaft und Soldaten. Besonders in den Industriezentren und Marinehäfen wie Kiel formierte sich Widerstand, der sich gegen die Fortsetzung des sinnlosen Sterbens richtete.

Kieler Arbeiter- und Matronsenaufstand

Der Funke, der die Revolution entfachte, sprang in Schleswig-Holstein über - genauer gesagt in Kiel. Am 3. November 1918 verweigerten Matrosen der Hochseeflotte den Befehl zu einer letzten, aussichtslosen Schlacht gegen die britische Flotte. Diese Meuterei war der Auslöser für den Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand, der sich innerhalb weniger Tage auf ganz Norddeutschland ausweitete.

Arbeiterschaft und Soldaten bildeten Räte, die die Macht in den Städten übernahmen und die Freilassung politischer Gefangener, die Beendigung des Krieges sowie demokratische Reformen forderten. Die USPD mit Personen wie Lothar Popp und Karl Artelt spielte dabei eine zentrale Rolle, während die MSPD zunächst zögerte, sich klar auf die Seite der Revolution zu stellen, dann aber mit Gustav Garbe und Gustav Noske die Führung übernahm.

Hauptartikel: Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand


Ausbreitung

Der Aufstand griff schnell auf andere Städte über überall bildeten die Menschen Arbeiter- und Soldatenräte - in größeren Dörfern bspw. in Nordfriesland auch Bauernräte. Überall wehten die roten Fahnen.[1]

Tondern

Die Novemberrevolution erreichte die Tondern bereits am 7. November 1918. Die Luftschifftruppen der örtlichen Zeppelinstation bildeten einen "vorläufigen Arbeiter- und Soldatenrat" und übernahmen die öffentliche Ordnung. Landrat Emilio Böhme fügte sich ohne Gegenwehr. Er forderte die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit auf: "Von einer eigentlichen Revolution könne nicht die Rede sein, wohl aber von einer völligen Umwälzung der bestehenden unhaltbaren Zustände."[1]

Tönning

Auch in Tönning ging es am 7. November los: Fast 400 Werftarbeiter legten die Arbeit nieder und schlossen sich mit Besatzungsmitgliedern von Torpedobooten zusammen. Sie zogen mit roten Fahnen durch die Stadt. Paul Dölz, einer der Tischler auch der Werft und USPD-Mitglied, wurde zur zentralen Figur. Er forderte die sofortige Beendigung des Krieges und eine sozialistische Republik. Am 11. November erklärte der Tönninger Arbeiter- und Soldatenrat in einer Proklamation: "Die politische Macht liegt in unserer Hand. Unser Ziel ist eine freie soziale Volks-Republik."[1]

Eine Abordnung des Arbeiter- und Soldatenrat sprach in Garding auf einer Volksversammlung im "Apollo-Saal" darüber, dass die Vorstellung einer Revolution bisher mit Raub und Plünderung verbunden gewesen sei, es gelte aber, nach dem schlimmen Krieg neue Blutopfer zu verhindern.[1]

Friedrichstadt

Versammlung von "Freunden des Soldatenrats" sollte am 7. November im "Großen Garten" in Friedrichstadt stattfinden - der erwartete Redner erscheint nicht, die Bewegung bleibt zunächst zögerlich. Ist der Redner einfach weiter nach Husum gefahren?[1]

Husum

In Husum gab es am 7. November 1918 eine Schießerei in der Nähe des Schlosses - eine Patrouille wurde "heimtückisch" beschossen, die Täter blieben unbekannt. Am 9. November gründeten aus Hamburg kommende Soldaten den Husumer Arbeiter- und Soldatenrat, der für "Sicherheit und Ordnung" sorgte und Plünderungen mit standrechtlichen Drohungen ahndete. In der traditionellen Gewerkschaftgaststätte "Greves Gasthof" in der Süderstraße 64 fand zunächst eine Kundgebung statt. Dann zog die Menge zum Rathaus, wo Paul Dölz aus Tönning eine flammende Rede hielt. Die Hamburger Soldaten verhielten sich aber nicht gut, so dass die Bevölkerung froh war, als die am 13. November wieder abzog.[1]

Sylt

Am 9. November gründeten Mitglieder der Inselwache auf Sylt einen Soldatenrat. Am nächsten Tag zoen ein 3.500 Menschen starker Demonstrationszug durch Westerland, eine Kundgebung im Hotel "Deutscher Kaiser" endete mit Hochrufen auf die Revolution. Andreas Nielsen, ein lokaler SPD-Politiker, spielte eine wichtige Rolle bei der Organisation der Novemberrevolution auf der Insel.[1]

Neumünster

Die SPD Neumünster erinnerte 1927 daran, wie die Revolution ihre Stadt erreichte:

"Mit dem Ausbruch der Revolution in Kiel schlugen die Wellen derselben sofort nach hier über, trotzdem blieb die hiesige Garnison fest, und war es möglich, zur Unterdrückung resp. Eindämmung des Herdes, von hier Militär nach Kiel zu entsenden. Die Lorbeeren dieses Feldzuges waren aber deprimierend und die Entsendung ein vollständiger Fehlschlag. Erst mit dem Umsturz in Berlin am 9. November kam auch die Sache hier in Neumünster ins Rollen. Am Abend diese Tages wurden die Mannschaften in verschiedenen Lokalen zur Bildung eines Soldatenrates zusammengerufen. Die gewählten Mitglieder des Soldatenrates traten gleich darauf zusammen, um sich zu konstituieren. Als Vorsitzender wurde einstimmig der Unteroffizier Katz vom Ersatz-Batl. 163 gewählt. Ein Marineoberfeuerwerker aus Kiel gab einen eingehenden Bericht über die Ursache und Entstehung der Bewegung am 5. und 6. November in Kiel. Zur gleichen Zeit tagten die am Orte noch ansässigen Genossen im Gewerkschaftshaus. Nach einer kurzen Darlegung der augenblicklichen Lage wurde von den Genossen ein Arbeiterrat von 16 Personen gewählt. Gewählt wurden ausschließlich Mitglieder der SPD, obgleich die USPD schon den ganzen Tag ihre aus Kiel gesandten Agitatoren hatte arbeiten lassen. Zum Vorsitzenden des Arbeiterrats wurde Genosse M. Richter gewählt. Der A.- und S.-Rats trat sofort in Tätigkeit und übernahm die ausführende Macht. Eine nach der Wahl des A.- und S.-Rats von diesem erlassene Proklamation setze die Bevölkerung von den gegebenen Tatsachen in Kenntnis. Die Geschäftsführung des A.- und S.-Rats war eingeteilt in die zentrale Militärverwaltung, Gerichtsangelegenheiten, Kommunalverwaltung, Verkehr und Ernährung sowie die Presse. Die Stadtverwaltung suchte sich bald den neuen Verhältnissen anzupassen."[2]

Wandsbek

Der Kaiser hat abgedankt! Berliner Volksblatt

Als 14-jähriges Schulkind erlebt der spätere Landesvorsitzende Walter Damm die Revolution in der Industriestadt Wandsbek nahe Hamburg:

"In unserer Nachbarschaft wohnte eine große Anzahl organisierter Arbeiter, sie gehörten fast alle der gerade gegründeten USPD an. Wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kamen, bildeten ihre Diskussion für uns Kinder einen interessanten Stoff zum Zuhören. Die Diskussionen gingen meistens um den Stand der Revolution und um die Frage, wie sich das Militär, nämlich die Husaren und Dragoner, in Wandsbek verhalten würde. [..] Wir sahen schon Matrosen mit ihren roten Bändern um ihre Mützen, die von Kiel gekommen waren, sahen aber auch eine Anzahl von Bekannten, von denen man lange nichts mehr gehört hatte, die sich irgendwo als Deserteure versteckt aufhielten und nun wieder auftauchten, um sich in den Revolutionsablauf einzuschalten. Man erzählte von Kiel, davon, daß auf dem Hamburger Hauptbahnhof sich sog. Arbeiter- und Soldatenräte versammelten, von den Verhandlungen mit den beiden Kavallerieregimenten. Zu ernsthafteren Auseinandersetzungen kam es in Wandsbek jedoch nicht, denn beide Kavallerieregimenter zogen bald mit Pferd und Wagen ab und sollen sich alsbald aufgelöst haben. In jenen Diskussionen fielen auch sehr oft anerkennende Bemerkungen über Noske, der in Kiel die Dinge zu lenken und zu leiten versuchte, ebenso über Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, von denen ich hier zum ersten Mal hörte."[3]

Tönning

Auch kleine Orte wie Tönning wurden vom Wind der Veränderung erfasst. Dort sah der Beginn der Revolution so aus:

"Am 10. November 1918 war es dann soweit. Aus Hamburg erschien eine Abteilung Infanteristen und Matrosen mit zwei Maschinengewehren. Sie besetzte zunächst das Meldeamt in der Hohlen Gasse und marschierte dann zum Gewerkschaftshaus (Greves Gasthof) in der Süderstraße. Hier wurde um drei Uhr in dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal und allen Nebenräumen eine Volksversammlung abgehalten. Danach marschierten alle Teilnehmer in einem Demonstrationszug mit Musikkapelle, roter Fahne und Gewerkschaftsbanner vorweg zum Rathaus. Von der Rathaustreppe aus hielt der Tönninger Dölz, damals Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), dem linksradikalen Teil der SPD eine Rede. Der Schuhmachermeister Störmann erinnert sich noch an folgenden Vers:

Alle Kronen und die Krönlein,

die schwimmen jetzt im Rinnstein.

Wir haben jetzt die Macht!"[4]

Ausrufung der Republik

Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann

Am 9. November erreicht der Aufstand auch Berlin. Dort verkündete Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers. Um 14 Uhr rief Philipp Scheidemann die Republik aus:

"Das alte und morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!"

Der Kaiser ging am 10. November in Holland ins Exil. Dies war das Ende des Kaiserreichs, das knapp 50 Jahre Bestand gehabt hatte, und der Beginn der ersten Demokratie in Deutschland. Die Revolution mündete in einen Kompromiss, der die Weimarer Republik hervorbrachte - doch die Konflikte blieben ungelöst. Während die MSPD unter Friedrich Ebert eine parlamentarische Demokratie anstrebte, forderten USPD, Spartakusgruppe und radikale Arbeiterinnen und Arbeiter eine Räterepublik nach russischem Vorbild. Diese Spaltung schwächte die Revolution: Die MSPD verbündete sich mit den alten Eliten, um die Räteregierungen zu zerschlagen - etwa durch den Einsatz von Freikorps gegen den Spartakusaufstand in Berlin im Januar 1919.

In Schleswig-Holstein verloren die Räte zwar an Einfluss, doch die Erfahrungen der Revolution prägten die politische Kultur der Region nachhaltig. Die Novemberrevolution hatte die Monarchie gestürzt und die erste deutsche Demokratie ermöglicht - doch die ungelösten sozialen und politischen Widersprüche in der Arbeiterbewegung sollten die Weimarer Republik bis zu ihrem Untergang 1933 belasten.

Folgen

Mit Paul Hirsch übernahm zum ersten Mal ein Sozialdemokrat das Amt des Ministerpräsidenten des Freistaats Preußen, zu dem die Provinz Schleswig-Holstein gehörte.

"Der Sozialdemokratie wurde die Last der Verantwortung aufgebürdet, als die Not Deutschlands am größten war. Von den Fronten strömten die Soldaten zurück und forderten Arbeit und Brot. Ihnen folgten die noch lange zur Wiederaufbauarbeit in den Frontgebieten zurückgehaltenenen Kriegsgefangenen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sahen nach dem verlorenen Krieg unerfreulich aus. Besonders schwer war Schleswig-Holstein betroffen. Nach dem Ende der kaiserlichen Flotte hatte die übergroße Werftindustrie nur unzureichende Aufträge, was sich auch auf andere Wirtschaftszweige Kiels und der übrigen Provinz auswirkte. Die andauernde Blockade der Entente verewigte den Hungerzustand. Dennoch empfanden sich die arbeitenden Menschen im Aufgang einer neuen, helleren Zeit. Alte und neue politische Kräfte rangen, der Zeit ihr Gesicht zu geben. Mehrheitssozialisten, Unabhängige und Spartakisten kämpften um die Gefolgschaft der Massen für ihr Zukunftsbild. Von der äußersten Linken ging ein terroristischer Wille zur Machteroberung aus. In gewaltigen Kundgebungen wandte sich die Mehrheitssozialdemokratie in Schleswig-Holstein gegen Terror, Anarchie und Gewaltherrschaft und trat für die Aufrichtung der parlamentarischen Demokratie und ihre sozialistische Erfüllung ein."[5]

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Steensen, Thomas: Rote Fahnen in Nordfriesland, shz.de, 6.11.2018
  2. SPD Neumünster: Festschrift zum 60-jährigen Bestehen der Sozialdemokratischen Parteiorganisation Neumünster (Neumünster 1927, Nachdruck 1987 durch den SPD-Kreisverband Neumünster anläßlich des 120jährigen Bestehens der SPD Neumünster)
  3. Krohn, Claus-Dieter (Hrsg.): Walter Damm. Arbeiter, Landrat und Flüchtlingsminister in Schleswig-Holstein (Bonn 1978), S. ?
  4. Schlüter, Ernst: Husum. Zwischen Revolution und Machtergreifung. Aus der Geschichte der Stadt Husum von 1918 bis 1933 (Schleswig 1983) ISBN 3882420804, S. 7 ff.
  5. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 63