Arbeitervolkshochschule Harrisleefeld

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Landesfeuerwehrschule
Arbeitervolkshochschule Harrisleefeld
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Süderstraße 46
24955 Harrislee
https://www.lfs-sh.de/

Die Arbeitervolkshochschule Harrisleefeld wurde 1928 als Bildungsstätte für Arbeiter und Angestellte mit einem Schulgebäude und Internat in der Süderstraße in Harrisleefeld errichtet.

Vorgeschichte

Der Erfolg der Weimarer Republik hing nach Ansicht der SPD in Schleswig-Holstein nicht zuletzt davon ab, wie gut es gelänge, die Verwaltung zu demokratisieren. Dazu musste Angehörigen der Arbeiterklasse - anders als im Kaiserreich - der Weg in die Verwaltung offen stehen. Sie mussten aber auch ermutigt werden, in diese bisher als feindlich angesehene Institution einzutreten, in ihr Machtpositionen auf allen Ebenen einzunehmen, und sie mussten mit dem Wissen ausgerüstet werden, das für eine erfolgreiche Arbeit notwendig war. Aufgrund der Geschichte gab es wenig Erfahrung und Vorbilder. Abhilfe sollten unter anderem die Arbeitervolkshochschulen schaffen.[1]

Schon auf den Parteitagen ab 1924 war dies von maßgeblichen Funktionären wie Wilhelm Brecour oder Louis Biester gefordert worden.[2]

1928 gründete sich eine reichsweite Gesellschaft der Freunde der Arbeitervolkshochschulen unter Vorsitz der Kieler Bildungs- und Kulturpolitikerin Toni Jensen, deren Unterstützung maßgeblich zur Eröffnung von Harrisleefeld beitrug.[3]

Die Schule

Die Gewerkschaftliche Rundschau für die Schweiz berichtete 1928:

"In Harrisleefeld bei Flensburg (Schleswig) ist erst vor einigen Wochen eine weitere Arbeitervolkshochschule eröffnet worden, die mit staatlicher Hilfe gebaut worden ist. Im Verwaltungsrat sitzen Vertreter des A. D. G. B. und der sozialdemokratischen Partei. Es sollen jährlich zweimal je 30 Schüler zu 5 Monatskursen aufgenommen werden. Die Leitung liegt in den Händen von Genossen E. Marquart. Die Verpflegungs- und Unterrichtskosten belaufen sich auf 500 Mark für einen Kurs."[4]

Hier sollten "fähige Arbeiter und einfache Angestellte mit Studiengängen in Staats- und Rechtswissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Finanzwirtschaft und Sozialwissenschaften auf Führungspositionen in staatlichen und kommunalen Verwaltungen" vorbereitet werden.[5]

Zu den Absolventen der Schule gehörten so bekannte schleswig-holsteinische Sozialdemokraten wie Otto Engel, Walter Hohnsbehn, Eugen Lechner, Walter Lurgenstein, der auch über ihre Geschichte geschrieben hat (vgl. unten), und Hermann Schwieger. Franz Osterroth fasst zusammen:

"In den knapp fünf Jahren des Bestehens der Arbeitervolkshochschule vermittelte sie einer Reihe von führend gewordenen Jungsozialisten und Junggewerkschaftern gediegene Kenntnisse für ihre politische Arbeit."[6]

Eröffnung

Über die Eröffnung am 29. September 1928 berichtet Franz Osterroth:

"Der neue Kanzler [ Hermann Müller ] sprach bei der Einweihung der durch die Initiative der Landtagsabgeordneten Toni Jensen entstandenen Arbeitervolkshochschule in Harriesleefeld [sic], wo er Schleswig-Holstein als ein besonderes Land der Heimvolkshochschulen rühmte und der neuen Arbeitervolkshochschule die Aufgabe stellte, ihre Teilnehmer für staatliche Betätigung zu bilden."[7]

Leitung

Erster Leiter der neuen Bildungsstätte war Dr. Erwin Marquardt, der zweite Dr. Alfred Kähler, "der ehemalige Jungsozialist aus Kiel, [...] der in seiner Person den geistigen Aufstiegswillen der Arbeiterjugend verkörperte." [8]

Welche Stellung Amandus Lützen, der ab 1928 zusammen mit seiner Frau Sophie Lützen zu den prägenden Persönlichkeiten der SPD im Raum Flensburg gehörte, an der Schule hatte, ist noch nicht ermittelt. Dass er "die Leitung übernahm", wie es in einem Erinnerungsartikel heißt[9], ist nicht belegt; dazu hätte er wohl auch nicht über die erforderliche Qualifikation verfügt. An einer Stelle wird er als "Hausmeister" bezeichnet - möglicherweise ging es also um die technische Leitung, für die er als erfahrener Handwerker sicherlich qualifiziert war.

NS-Herrschaft

1933 wurde die Schule durch die Nationalsozialisten geschlossen, ohne Gegenleistung (soweit bekannt) enteignet und ab 1936 als Provinzialfeuerwehrschule genutzt. In ähnlicher Funktion dient das Gebäude noch heute als Landesfeuerwehrschule.

Walter Lurgenstein wurde am 24. März 1933 aufgrund einer Denunziation von den Nazis verhaftet, nicht zuletzt wegen seines Engagements für Harrisleefeld. Er wohnte damals in Husum in der Süderstraße 120; als Beruf wird "Schneider" angegeben. Bei der Verhaftung wurde ein umfangreiches Paket von Schriften beschlagnahmt, vieles davon Lehrmaterial der Arbeitervolkshochschule.[10]

Literatur

  • Jacobsen, Jens Christian: Vom Landarbeiter zum Lokalredakteur. Die Arbeitervolkshochschulen Tinz und Harrisleefeld, Grenzfriedenshefte 4/1993, S. 273-287
  • Lurgenstein, Walter: Die ehemalige Arbeitervolkshochschule Harrisleefeld - ein unverdientes Schicksal, Grenzfriedenshefte 2/1962, S. 108-115

Links

Einzelnachweise

  1. Jacobsen, Jens-Christian: 'Der Stolz der Gesamtpartei?' Die SPD Schleswig-Holstein 1918-1933, Demokratische Geschichte Band 3(1988), S. 226 f.
  2. Jacobsen, Jens-Christian: 'Der Stolz der Gesamtpartei?' Die SPD Schleswig-Holstein 1918-1933, Demokratische Geschichte Band 3(1988), S. 228 Anm. 60
  3. Schultheiß, Nicole: Geht nicht gibt's nicht. 24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte (Kiel 2007), S. 53-56. Online-Version: Toni Jensen
  4. Herkner, Heinrich: Arbeiterschulen in Deutschland, Gewerkschaftliche Rundschau für die Schweiz: Monatsschrift des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Band 20/1928 Heft 6, S. 203
  5. Vgl. Wikipedia: Erwin Marquardt (Pädagoge), abgerufen 3.4.2020
  6. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein (Kiel 1963), S. 93 f.
  7. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein (Kiel 1963), S. 93
  8. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein (Kiel 1963), S. 93
  9. Ludwig, Tina: Im Zentrum des Widerstands, Flensburger Tageblatt, 23.7.2015
  10. Vgl. LASH 384.1/21