Ferdinand Tönnies

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Ferdinand Tönnies
Ferdinand Tönnies
Geboren: 26. Juli 1855
Gestorben: 9. April 1936

Prof. Dr. Ferdinand Tönnies, * 26. Juli 1855 auf dem Haubarg Op de Riep bei Oldenswort, † 9. April 1936 in Kiel; Philosoph, Nationalökonom und Soziologe. Verheiratet, 5 Kinder. Eintritt in die SPD 1930.

Werdegang

Tönnies machte mit 16 Jahren Abitur und studierte in Jena, Leipzig, Bonn, Berlin, Kiel und Tübingen Philologie, Archäologie, Geschichte und Philosophie. 1877 promovierte er über ein Thema aus der Alten Philologie, 1881 habilitierte er sich mit 26 Jahren in Kiel.

Er lebte einige Jahre in Hamburg, wo ihm die preußischen Behörden mit Misstrauen begegneten, nicht nur wegen seiner Studien zu den Ursachen des Hafenarbeiterstreiks von 1879, sondern auch, weil er dem preußischen Obrigkeitsstaat kritisch gegenüber stand und ein grundsätzlicher Befürworter der Arbeiterbewegung war.[1]

1887 erschien die Schrift Gemeinschaft und Gesellschaft, die als sein Hauptwerk und als Grundlagentext der Soziologie gilt.

1894 heiratete Ferdinand Tönnies die Bauerntochter Marie Sieck (18651937) aus Kirchnüchel. Sie hatten fünf Kinder, Gerrit, Jan Friedrich, Kuno, Franziska und Carola, von denen mehrere später ebenfalls angesehene WissenschaftlerInnen wurden.

1909 wurde er außerordentlicher Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Diese relativ späte Berufung war wohl auf das bereits erwähnte Misstrauen der preußischen Hochschulaufsicht zurückzuführen. 1913 erhielt er den Lehrstuhl für Wirtschaftliche Staatswissenschaften, wurde jedoch bereits 1917, mit 61 Jahren, auf eigenen Wunsch emeritiert.

Ebenfalls 1909 gründete Tönnies die "Deutsche Gesellschaft für Soziologie". Er gilt als einer der Begründer der modernen Soziologie (neben Max Weber und Georg Simmel) und erarbeitete sich in den folgenden Jahren auch international hohes Ansehen.

1921 übernahm er einen Lehrauftrag für Soziologie an der Kieler Universität, da er durch die Inflation nach dem 1. Weltkrieg in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet.

Am 1. April 1930 trat er mit 75 Jahren gemeinsam mit seiner Frau in den Sozialdemokratischen Verein Groß-Kiel ein, weil die SPD für ihn die "Partei der Republik" war.[2]

Nationalsozialismus

Für seinen Eintritt in die SPD, seine Mitgliedschaft im Republikanischen Richterbund und in der Liga der Menschenrechte sowie für seine öffentliche scharfe Kritik am Nationalsozialismus bezahlte Tönnies nach dem 30. Januar 1933 teuer. Dem in Europa und den USA hochgeachteten Gelehrten wurden sein Lehrauftrag, sein Beamtenstatus und damit nahezu alle Bezüge entzogen. Da er auch kaum Möglichkeit hatte, in Deutschland zu publizieren, verbrachte er die letzten drei Lebensjahre in großer Existenznot in seinem Haus am Niemannsweg 61.

Ferdinand Tönnies liegt auf dem Parkfriedhof Eichhof in Kiel begraben.

Seine Bedeutung für die Soziologie geriet bis weit nach dem Ende des Nationalsozialismus in Vergessenheit. Erst ab 1980 wurde sie wieder zunehmend gewürdigt, nicht zuletzt durch die Aktivitäten der Kieler Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft.

Literatur

Veröffentlichungen

Tönnies gilt als außerordentlich produktiver Autor; eine Übersicht über seine Schriften gibt der Wikipedia-Eintrag.

Als sein Hauptwerk gilt Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen (Berlin 1887). Ab 2. Aufl. 1912 mit dem Untertitel Grundbegriffe der reinen Soziologie, zahlreiche Auflagen, zuletzt Wiss. Buchgesellschaft (Darmstadt 2005) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)

Eine 24bändige Ferdinand-Tönnies-Gesamtausgabe wird im Auftrag der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft Kiel von Lars Clausen (†), Alexander Deichsel, Cornelius Bickel, Rolf Fechner (bis 2006), Carsten Schlüter-Knauer und Uwe Carstens (seit 2006) herausgegeben und erscheint seit 1998 im Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York. 2014 lagen 7 Bände vor.

Sekundärliteratur

Auch die Sekundärliteratur zu Ferdinand Tönnies und seinem Werk sprengt den Rahmen dieses Eintrags; eine Übersicht findet sich ebenfalls im Wikipedia-Eintrag. Hier soll nur auf eine neuere Biografie hingewiesen werden:

  • Carstens, Uwe: Ferdinand Tönnies. Friese und Weltbürger. Eine Biografie (Norderstedt 2005)

Ehrungen

Tönnies war Ehrendoktor der Universitäten Hamburg und Bonn.

Seit 1956 widmet sich in Kiel die Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft dem Werk des Soziologen. An der Universität Klagenfurt gibt es eine Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle.

Im Ortskern von Oldenswort steht seit 1990 ein Bronzedenkmal für Ferdinand Tönnies, eine Arbeit des österreichischen Bildhauers Raimund Kittl, in Auftrag gegeben vom Tönnies-Freundeskreis des Ortes. 2005 schuf Kittl ein weiteres Tönnies-Denkmal für den Husumer Schlosspark, wo der Soziologe im Kavaliershaus einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte.[3]

Husum hat außerdem eine Ferdinand-Tönnies-Schule. In Husum, Kiel und Eutin sind Straßen nach ihm benannt, in Kiel außerdem ein Wohnheim für Studierende, das die Tönnies-Gesellschaft betreibt.

Seit 2008 verleiht die Kieler Universität die Ferdinand-Tönnies-Medaille an Persönlichkeiten, die "bundesweit in beispielhafter Weise besondere wissenschaftliche, kulturelle und politische Leistungen erbracht haben". Erster Preisträger war Jan Philipp Reemtsma.

Links

Quellen

  1. Universität Kiel - Vertriebene Wissenschaftler
  2. Vgl. Rolf Fischer, Die dunklen Jahre. Die Kieler Sozialdemokratie im Nationalsozialismus (Kiel 2017), S. 16, wo die Parteibücher abgebildet sind.
  3. Jens Rönnau: Kunst am Wegesrand, Kieler Nachrichten, 28.03.2014