Ortsverein Travemünde: Unterschied zwischen den Versionen

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Der '''Ortsverein Travemünde''' war eine Gliederung im [[Kreisverband Lübeck]]. Er wurde [[1907]] gegründet; das genaue Datum ist leider nicht zu ermitteln. [[2023]] fusionierte er mit Kücknitz zum neuen [[Ortsverein Lübeck-Kücknitz-Travemünde]].  
Der '''Ortsverein Travemünde''' war eine Gliederung im [[Kreisverband Lübeck]]. Er wurde [[1907]] gegründet; das genaue Datum ist leider nicht ermittelt. [[2023]] fusionierte er mit [[Ortsverein Lübeck-Kücknitz|Kücknitz]] zum neuen [[Ortsverein Lübeck-Kücknitz-Travemünde]].  


Bereits [[1877]] war hier eine [[Ortsverein|Mitgliedschaft]] der [[SAPD]] gegründet worden,<ref>[https://resolver.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN1762960893_18771213/page/3 Hamburg-Altonaer Volksblatt, 13.12.1877, S. 3]</ref> die im nächsten Jahr weitere Eintritte in die Partei gewinnen konnte.<ref>''Vorwärts'', 22.2.1878, S. 3</ref>
== Geschichte ==
Bereits Anfang der 1870er Jahre bestand der komplette Gemeinderat in Travemünde aus Arbeitern.<ref>''Neuer Social-Demokrat'', 4.1.1874, Beilage S. 1</ref> Vermutlich also hatte hier bereits einmal eine lokale Organisation des [[ADAV]] oder der [[SDAP]] bestanden - dies wird auch gestützt dadurch, dass Travemünde schon vor [[1877]] als „unser alter Ort“ bezeichnet wurde.<ref>''[[Vorwärts]]'', 29.8.1877, S. 4</ref>


Bereits Anfang der 1870er Jahre bestand der komplette Gemeinderat aus Arbeitern.<ref>Neuer Social-Demokrat 4.1.1874, Beilage S. 1</ref> Vermutlich also bestand hier bereits einmal eine lokale Organisation des [[ADAV]] oder der [[SDAP]], dies wird auch gestützt dadurch, dass Travemünde noch vor der Gründung der Mitgliedschaft 1877 als „unser alter Ort“ bezeichnet wurde.<ref>Vorwärts 29.8.1877, S. 4</ref>
[[1877]] wurde hier eine [[Ortsverein|Mitgliedschaft]] der [[SAPD]] gegründet<ref>''[https://resolver.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN1762960893_18771213/page/3 Aus Lübeck]'', ''[[Hamburger Echo|Hamburg-Altonaer Volksblatt]]'', 13.12.1877, S. 3</ref>, die im Folgejahr weitere Eintritte in die Partei erreichen konnte.<ref>''[[Vorwärts]]'', 22.2.1878, S. 3</ref> Offenbar war diese Gründung jedoch nicht von Dauer.


== Gründung ==
=== Gründung ===
Zu dieser Zeit fanden Neuwahlen zum Deutschen Reichstag statt, der am [[13. Dezember]] [[1906]] aufgelöst worden war. Bei der Wahl am [[25. Januar]] [[1907]] wurde in dem "Städtchen Travemünde" [[Theodor Schwartz]] mit nur 169 Stimmen gewählt, weil das [[Wahlrecht bis 1918|Wahlrecht]] nur für Männer ab dem 25. Lebensjahr galt. Frauen durften überhaupt noch nicht wählen; dieses Recht erhielten sie erst nach der [[Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand|Novemberrevolution]] [[1918]].
Ein dauerhafter Ortsverein wurde [[1907]] gegründet. Im selben Jahr fanden [[Reichstagswahl 1907|Neuwahlen zum Deutschen Reichstag]] statt, der am [[13. Dezember]] [[1906]] aufgelöst worden war. Bei der Wahl am [[25. Januar]] [[1907]] errang in dem "Städtchen Travemünde" [[Theodor Schwartz]] mit nur 169 Stimmen seinen Sitz, weil das [[Wahlrecht bis 1918|Wahlrecht]] nur für Männer ab dem 25. Lebensjahr galt. Frauen durften überhaupt noch nicht wählen; dieses Recht erhielten sie erst nach der [[Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand|Novemberrevolution]] [[1918]].


[[1911]] kommt [[Käthe Leu]] auf einer Agitationsreise auch nach Travemünde. Sie berichtet in [[Die Gleichheit]]: "In Travemünde wollte bisher die Bewegung nicht recht gedeihen. Personenkultus und Patriotismus hielten das Erwachen des Klassenbewusstsein der Proletarier hintan. Um so erfreulicher war es daher, daß in diesem Orte das Versammlungslokal bis auf den letzten Platz besetzt war. Selbst die 'Frau Pastor' war erschienen. Und hier gelang es, 32 neue Mitglieder, unter ihnen die ersten 11 weiblichen, zu werben und damit die Mitgliederzahl der Organisation zu verdoppeln."<ref>Leu, Käthe: [https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=GL21014&page=9 ''Die Gleichheit.''] 10. April 1911</ref>
[[1911]] kam [[Käthe Leu]] auf einer Agitationsreise auch nach Travemünde. Sie berichtete: <blockquote>"In Travemünde wollte bisher die Bewegung nicht recht gedeihen. Personenkultus und Patriotismus hielten das Erwachen des Klassenbewusstsein der Proletarier hintan. Um so erfreulicher war es daher, daß in diesem Orte das Versammlungslokal bis auf den letzten Platz besetzt war. Selbst die 'Frau Pastor' war erschienen. Und hier gelang es, 32 neue Mitglieder, unter ihnen die ersten 11 weiblichen, zu werben und damit die Mitgliederzahl der Organisation zu verdoppeln."<ref>Leu, Käthe: ''[https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=GL21014&page=9 ]'', ''Die Gleichheit.'' 10.4.1911, Seite 9</ref></blockquote>


Mit der Gründung des Ortsvereins begann auch die aktive Arbeit. Genossen der ersten Stunde waren [[Genosse Litzendorf|Litzendorf]], [[Genosse Bock|Bock]], [[Genosse Bössow|Bössow]], [[Genosse Effinger|Effinger]], [[Genosse Feldmann|Feldmann]] und [[Genosse Laudorn|Laudorn]]. Bis [[1933]] führte Litzendorf den Ortsvereinsvorsitz. Die zu bewältigende Arbeit der Bewusstseinsbildung für die Probleme Travemündes im Sinne sozialer Demokratie konnte nur mit viel Zeitaufwand, Idealismus und mit Kenntnis der jeweiligen örtlichen Verhältnisse geleistet werden. Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind dabei nicht zu übersehen.  
Mit der Gründung des Ortsvereins begann auch die aktive Arbeit. Genossen der ersten Stunde waren [[Genosse Litzendorf|Litzendorf]], [[Genosse Bock|Bock]], [[Genosse Bössow|Bössow]], [[Genosse Effinger|Effinger]], [[Genosse Feldmann|Feldmann]] und [[Genosse Laudorn|Laudorn]]. Bis [[1933]] führte Litzendorf den Ortsvereinsvorsitz. Die zu bewältigende Arbeit der Bewusstseinsbildung für die Probleme Travemündes im Sinne sozialer Demokratie konnte nur mit viel Zeitaufwand, Idealismus und mit Kenntnis der jeweiligen örtlichen Verhältnisse geleistet werden. Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind dabei nicht zu übersehen.  


Für den Frohsinn im Ortsverein sorgte der ihm angehörende [[Arbeitergesangverein |Gesangsverein Eiche]], dem auch eine Laienspielgruppe angeschlossen war. Auch standen dem Ortsverein die [[Arbeitersport|Freie Turnerschaft]] Travemündes, die [[Sozialistische Arbeiterjugend]], die [[Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde|Kinderfreunde]] und die [[Rote Falken|Roten Falken]] nahe. Eine ortsvereinseigene Bibliothek ermunterte diese Interessengruppen zur geistigen Weiterbildung.
Für den Frohsinn im Ortsverein sorgte der ihm angehörende [[Arbeitergesangverein|Gesangsverein Eiche]], dem auch eine Laienspielgruppe angeschlossen war. Auch standen dem Ortsverein die [[Arbeitersport|Freie Turnerschaft]] Travemündes, die [[Sozialistische Arbeiterjugend]], die [[Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde|Kinderfreunde]] und die [[Rote Falken|Roten Falken]] nahe. Eine ortsvereinseigene Bibliothek ermunterte diese Interessengruppen zur geistigen Weiterbildung.


== Weimarer Republik ==
=== Weimarer Republik ===
In der Weimarer Republik war die SPD eine staatstragende Kraft. Am [[7. August]] [[1927]] fand in Travemünde eine Kundgebung des [[Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold|Reichsbanners]] gegen "Schwarzweißrot" mit 1800 Teilnehmern statt. [[Julius Leber]] hielt dort die Rede. Bis [[1928]] war die SPD im Deutschen Reich immer die stärkste oder zweitstärkste Partei. In Travemünde erreicht die SPD [[1928]], dass Land für die Errichtung von Häusern angekauft wurde, das unentgeltlich an Minderbemittelte gegeben werden sollte.
In der Weimarer Republik war die SPD eine staatstragende Kraft. Am [[7. August]] [[1927]] fand in Travemünde eine Kundgebung des [[Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold|Reichsbanners]] mit 1800 Teilnehmern gegen "Schwarzweißrot" statt. [[Julius Leber]] hielt dort die Rede.  


Erst mit den schwierigen Verhältnissen ab [[1929]] war der Nationalsozialismus trotz vielfältiger Anstrengungen aller demokratischen Parteien nicht mehr aufzuhalten.  
[[1928]] erreichte die SPD in Travemünde, dass Bauland angekauft wurde, das unentgeltlich an Minderbemittelte für den Bau von Häusern abgegeben werden sollte.


== Die schwere Zeit der NS-Herrschaft ==
=== Die schwere Zeit der NS-Herrschaft ===
Das Ende der Weimarer Republik war durch große politische Auseinandersetzungen und Wirren, aber auch von zunehmender Gewalt geprägt, die auch in Travemünde teilweise zu Tätlichkeiten führte. Am [[22. Juni]] [[1933]] wurde die SPD von den Nationalsozialisten verboten. Die Demokratie war beseitigt, Deutschland eine Einparteiendiktatur der NSDAP. Der Ortsverein Travemünde stellte nach dem Verbot der Partei alle offiziellen politischen Tätigkeiten ein. Publikationen konnten nur noch unter Gefahr für Leib und Leben gedruckt und verteilt werden.  
Das Ende der Weimarer Republik war durch große politische Auseinandersetzungen und Wirren, aber auch von zunehmender Gewalt geprägt, die auch in Travemünde teilweise zu Tätlichkeiten führte. Am [[22. Juni]] [[1933]] wurde die SPD von den Nationalsozialisten verboten. Die Demokratie war beseitigt, Deutschland eine Einparteiendiktatur der NSDAP. Der Ortsverein Travemünde stellte nach dem Verbot der Partei alle offiziellen politischen Tätigkeiten ein. Publikationen konnten nur noch unter Gefahr für Leib und Leben gedruckt und verteilt werden.  


[[Datei:Travemünde Feststellungsbescheid.jpg|150px|right|thumb|150 DM Entschädigung]]
[[Datei:Travemünde Feststellungsbescheid.jpg|150px|right|thumb|150 DM Entschädigung für Albert Johanns]]Denunziantentum war zu jener Zeit an der Tagesordnung und forderte viele Opfer: [[1937]] wurde [[Albert Johanns]] inhaftiert und musste dann während des Krieges an der Front unter Beweis stellen, dass er ein "aufrichtiger Deutscher" sei. Für die Haftzeit wurde er [[1951]] mit einer Summe von 150 DM entschädigt!
Denunziantentum war zu jener Zeit an der Tagesordnung und forderte viele Opfer: [[1937]] wurde der Genosse [[Albert Johanns]] inhaftiert und musste während des Krieges an der Front unter Beweis stellen, dass er ein "aufrichtiger Deutscher" sei. Für die Haftzeit wurde er [[1951]] mit einer Summe von 150 DM entschädigt!


Ein anderes Mitglied der SPD, der [[Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold|Reichsbanner-Fahnenträger]] [[Johannes Möller]], verlor bereits [[1933]] wie viele andere auch seinen Arbeitsplatz, ohne auch nur die geringste Unterstützung zu bekommen. An dieser Stelle könnten wir noch viele Sozialdemokraten nennen, die unter dem Nationalsozialismus gleiche oder ähnliche Schicksale erdulden mussten. Mutige Männer und Frauen vollbrachten Leistungen, von denen vieles in Vergessenheit geraten ist.  
Der [[Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold|Reichsbanner-Fahnenträger]] [[Johannes Möller]], verlor bereits [[1933]], wie viele andere auch, seinen Arbeitsplatz, ohne auch nur die geringste Unterstützung zu bekommen. An dieser Stelle könnten noch viele Sozialdemokraten genannt werden, die unter dem Nationalsozialismus gleiche oder ähnliche Schicksale erdulden mussten. Mutige Männer und Frauen vollbrachten Leistungen, von denen viele in Vergessenheit geraten sind.  


=== Rettung von Herbert Frahm ===
=== Rettung von Herbert Frahm ===
Unvergessen ist der Travemünder Fischer [[Paul Stooß]]. Er brachte - neben vielen anderen, die fliehen mussten - in einer Nacht- und Nebelaktion mit seinem Fischerboot einen Genossen namens [[Willy Brandt|Herbert Frahm]] vor den Nazis in Sicherheit. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, welch ein für das demokratische Deutschland und die Welt wichtiger Mann gerettet wurde: Es war kein Geringerer als [[Willy Brandt]], langjähriger Parteivorsitzender, Bundeskanzler und Ehrenbürger der Hansestadt Lübeck.
Unvergessen ist der Travemünder Fischer [[Paul Stooß]]. Er brachte - neben vielen anderen, die fliehen mussten - in einer Nacht- und Nebelaktion mit seinem Fischerboot einen Genossen namens [[Willy Brandt|Herbert Frahm]] vor den Nazis in Sicherheit. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, welch ein für das demokratische Deutschland und die Welt wichtiger Mann gerettet wurde: Es war kein Geringerer als [[Willy Brandt]], langjähriger Parteivorsitzender, Bundeskanzler und Ehrenbürger der Hansestadt Lübeck.
 
<blockquote>"Zwei ins Vertrauen gezogene Genossen, [[Emil Peters]] und [[Genosse Herrmann|Herrmann]], stellten Kontakte zum Travemünder Fischer und Sozialdemokraten [[Johannes Johannsen]] her. Mit dessen Motorkutter TRA 10 fuhr, kaum kontrolliert, der 36jährige Stiefsohn [[Paul Stooß]], ebenfalls ein Linker, jede Nacht zum Fang auf die Ostsee hinaus Richtung Dänemark... Bootseigner Johannsen informiert Stiefsohn Stooß, dass er bei Nacht 'einen von Lübeck, hinter dem sie her sind', nach Dänemark bringen soll: 'Lass niemand in die Kajüte sehen. Mehr brauchst du nicht zu wissen.'"<ref>Wein, Martin: ''Willy Brandt. Das Werden eines Staatsmannes'' (Berlin 2003) ISBN 978-3746619927, Seite 90 f.</ref></blockquote>
: "Zwei ins Vertrauen gezogene Genossen, [[Emil Peters]] und [[Genosse Herrmann|Herrmann]], stellten Kontakte zum Travemünder Fischer und Sozialdemokraten [[Johannes Johannsen]] her. Mit dessen Motorkutter TRA 10 fuhr, kaum kontrolliert, der 36jährige Stiefsohn [[Paul Stooß]], ebenfalls ein Linker, jede Nacht zum Fang auf die Ostsee hinaus Richtung Dänemark... Bootseigner Johannsen informiert Stiefsohn Stooß, dass er bei Nacht 'einen von Lübeck, hinter dem sie her sind', nach Dänemark bringen soll: 'Lass niemand in die Kajüte sehen. Mehr brauchst du nicht zu wissen.'"<ref>Martin Wein: ''Willy Brandt. Das Werden eines Staatsmannes'' (Berlin 2003), ISBN 978-3746619927</ref>


=== Rettung der Traditionsfahne ===
=== Rettung der Traditionsfahne ===
[[Datei:Travemünde Fahne.jpg|280px|right|thumb|Die gerettete Fahne]]
[[Datei:Travemünde Fahne.jpg|280px|right|thumb|Die gerettete Fahne]]
Die verstorbene Genossin [[Alma Nickel]] erzählte gern darüber, wie die [[1922]] geweihte Ortsvereinsfahne von [[Albert Johanns]] und [[Willi Nickel]] vor dem Zugriff der Nazis bewahrt wurde. In einer Blechdose verpackt wurde sie in einer Abseite ihrer Wohnung versteckt. Auffällig aufgehängt vor dem Versteck hing die schwarz-rot-goldene Fahne zur Ablenkung. Auch die Wohnung von Nickels wurde von einer Razzia der Nazis heimgesucht. Dabei wurde der hängende Spruch "Wir wollen Frieden, Freiheit und Recht, dass niemand sei des anderen Knecht" konfisziert. Ein ebenfalls dort hängendes Bild von [[August Bebel]] wurde von den SA-Leuten nicht als einer der Gründer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung erkannt und blieb deshalb in der Wohnung. Für alle Fälle aber beugte [[Willi Nickel]] mit der Bemerkung vor: "Nun nehmt Ihr mir wohl auch noch das Bild meines Schwiegervaters mit."
Die verstorbene Genossin [[Alma Nickel]] erzählte gern, wie die [[1922]] geweihte Ortsvereinsfahne von [[Albert Johanns]] und [[Willi Nickel]] vor dem Zugriff der Nazis bewahrt wurde. In einer Blechdose verpackt wurde sie in einer Abseite ihrer Wohnung versteckt. Auffällig aufgehängt vor dem Versteck hing die schwarz-rot-goldene Fahne zur Ablenkung. Auch die Wohnung von Nickels wurde von einer Razzia der Nazis heimgesucht. Dabei wurde der hängende Spruch "Wir wollen Frieden, Freiheit und Recht, dass niemand sei des anderen Knecht" konfisziert. Ein ebenfalls dort hängendes Bild von [[August Bebel]] wurde von den SA-Leuten nicht erkannt und blieb deshalb in der Wohnung. Für alle Fälle aber beugte [[Willi Nickel]] mit der Bemerkung vor: "Nun nehmt Ihr mir wohl auch noch das Bild meines Schwiegervaters mit."


== Nach NS-Zeit und 2. Weltkrieg ==
=== Nach NS-Zeit und 2. Weltkrieg ===
Der Ortsverein Travemünde, der sich schnell wieder zusammengefunden hatte, erlebte einen ungeahnten Mitgliederzuwachs. 826 Mitglieder konnte [[Willi Stooß]], der damalige Ortsvereinsvorsitzende, zählen. Diese hohe Zahl mag u.a. durch viele hinzugekommene Flüchtlinge zustande gekommen sein. Im Laufe der Jahre pendelte sich dann die Mitgliederzahl nach etlichen Schwankungen auf etwa 120 ein.
Der Ortsverein Travemünde, der sich schnell wieder zusammengefunden hatte, erlebte nach der Neugründung [[1945]] einen ungeahnten Mitgliederzuwachs. 826 Mitglieder konnte [[Willi Stooß]], der damalige Ortsvereinsvorsitzende, zählen. Diese hohe Zahl mag u.a. durch viele hinzugekommene Flüchtlinge zustande gekommen sein. Im Laufe der Jahre pendelte sich die Mitgliederzahl nach etlichen Schwankungen auf etwa 120 ein.


Die Arbeit der SPD in Travemünde begann von Neuem. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen und auf das Wohl aller Bewohner von Travemünde. Am [[14. September]] [[1947]] fand eine Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus im Stadttheater statt. Der Redner war [[Max  Geißler]]. Außerdem wurden in Travemünde Kränze an den Gräbern ermordeter Juden niedergelegt.
Die Arbeit der SPD in Travemünde begann von Neuem. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen und auf das Wohl aller Bewohner von Travemünde. Am [[14. September]] [[1947]] fand eine Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus im Stadttheater statt. Der Redner war [[Max  Geißler]]. Außerdem wurden in Travemünde Kränze an den Gräbern ermordeter Juden niedergelegt.
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Version vom 23. Oktober 2025, 22:32 Uhr

Der Ortsverein Travemünde war eine Gliederung im Kreisverband Lübeck. Er wurde 1907 gegründet; das genaue Datum ist leider nicht ermittelt. 2023 fusionierte er mit Kücknitz zum neuen Ortsverein Lübeck-Kücknitz-Travemünde.

Geschichte

Bereits Anfang der 1870er Jahre bestand der komplette Gemeinderat in Travemünde aus Arbeitern.[1] Vermutlich also hatte hier bereits einmal eine lokale Organisation des ADAV oder der SDAP bestanden - dies wird auch gestützt dadurch, dass Travemünde schon vor 1877 als „unser alter Ort“ bezeichnet wurde.[2]

1877 wurde hier eine Mitgliedschaft der SAPD gegründet[3], die im Folgejahr weitere Eintritte in die Partei erreichen konnte.[4] Offenbar war diese Gründung jedoch nicht von Dauer.

Gründung

Ein dauerhafter Ortsverein wurde 1907 gegründet. Im selben Jahr fanden Neuwahlen zum Deutschen Reichstag statt, der am 13. Dezember 1906 aufgelöst worden war. Bei der Wahl am 25. Januar 1907 errang in dem "Städtchen Travemünde" Theodor Schwartz mit nur 169 Stimmen seinen Sitz, weil das Wahlrecht nur für Männer ab dem 25. Lebensjahr galt. Frauen durften überhaupt noch nicht wählen; dieses Recht erhielten sie erst nach der Novemberrevolution 1918.

1911 kam Käthe Leu auf einer Agitationsreise auch nach Travemünde. Sie berichtete:

"In Travemünde wollte bisher die Bewegung nicht recht gedeihen. Personenkultus und Patriotismus hielten das Erwachen des Klassenbewusstsein der Proletarier hintan. Um so erfreulicher war es daher, daß in diesem Orte das Versammlungslokal bis auf den letzten Platz besetzt war. Selbst die 'Frau Pastor' war erschienen. Und hier gelang es, 32 neue Mitglieder, unter ihnen die ersten 11 weiblichen, zu werben und damit die Mitgliederzahl der Organisation zu verdoppeln."[5]

Mit der Gründung des Ortsvereins begann auch die aktive Arbeit. Genossen der ersten Stunde waren Litzendorf, Bock, Bössow, Effinger, Feldmann und Laudorn. Bis 1933 führte Litzendorf den Ortsvereinsvorsitz. Die zu bewältigende Arbeit der Bewusstseinsbildung für die Probleme Travemündes im Sinne sozialer Demokratie konnte nur mit viel Zeitaufwand, Idealismus und mit Kenntnis der jeweiligen örtlichen Verhältnisse geleistet werden. Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind dabei nicht zu übersehen.

Für den Frohsinn im Ortsverein sorgte der ihm angehörende Gesangsverein Eiche, dem auch eine Laienspielgruppe angeschlossen war. Auch standen dem Ortsverein die Freie Turnerschaft Travemündes, die Sozialistische Arbeiterjugend, die Kinderfreunde und die Roten Falken nahe. Eine ortsvereinseigene Bibliothek ermunterte diese Interessengruppen zur geistigen Weiterbildung.

Weimarer Republik

In der Weimarer Republik war die SPD eine staatstragende Kraft. Am 7. August 1927 fand in Travemünde eine Kundgebung des Reichsbanners mit 1800 Teilnehmern gegen "Schwarzweißrot" statt. Julius Leber hielt dort die Rede.

1928 erreichte die SPD in Travemünde, dass Bauland angekauft wurde, das unentgeltlich an Minderbemittelte für den Bau von Häusern abgegeben werden sollte.

Die schwere Zeit der NS-Herrschaft

Das Ende der Weimarer Republik war durch große politische Auseinandersetzungen und Wirren, aber auch von zunehmender Gewalt geprägt, die auch in Travemünde teilweise zu Tätlichkeiten führte. Am 22. Juni 1933 wurde die SPD von den Nationalsozialisten verboten. Die Demokratie war beseitigt, Deutschland eine Einparteiendiktatur der NSDAP. Der Ortsverein Travemünde stellte nach dem Verbot der Partei alle offiziellen politischen Tätigkeiten ein. Publikationen konnten nur noch unter Gefahr für Leib und Leben gedruckt und verteilt werden.

150 DM Entschädigung für Albert Johanns

Denunziantentum war zu jener Zeit an der Tagesordnung und forderte viele Opfer: 1937 wurde Albert Johanns inhaftiert und musste dann während des Krieges an der Front unter Beweis stellen, dass er ein "aufrichtiger Deutscher" sei. Für die Haftzeit wurde er 1951 mit einer Summe von 150 DM entschädigt!

Der Reichsbanner-Fahnenträger Johannes Möller, verlor bereits 1933, wie viele andere auch, seinen Arbeitsplatz, ohne auch nur die geringste Unterstützung zu bekommen. An dieser Stelle könnten noch viele Sozialdemokraten genannt werden, die unter dem Nationalsozialismus gleiche oder ähnliche Schicksale erdulden mussten. Mutige Männer und Frauen vollbrachten Leistungen, von denen viele in Vergessenheit geraten sind.

Rettung von Herbert Frahm

Unvergessen ist der Travemünder Fischer Paul Stooß. Er brachte - neben vielen anderen, die fliehen mussten - in einer Nacht- und Nebelaktion mit seinem Fischerboot einen Genossen namens Herbert Frahm vor den Nazis in Sicherheit. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, welch ein für das demokratische Deutschland und die Welt wichtiger Mann gerettet wurde: Es war kein Geringerer als Willy Brandt, langjähriger Parteivorsitzender, Bundeskanzler und Ehrenbürger der Hansestadt Lübeck.

"Zwei ins Vertrauen gezogene Genossen, Emil Peters und Herrmann, stellten Kontakte zum Travemünder Fischer und Sozialdemokraten Johannes Johannsen her. Mit dessen Motorkutter TRA 10 fuhr, kaum kontrolliert, der 36jährige Stiefsohn Paul Stooß, ebenfalls ein Linker, jede Nacht zum Fang auf die Ostsee hinaus Richtung Dänemark... Bootseigner Johannsen informiert Stiefsohn Stooß, dass er bei Nacht 'einen von Lübeck, hinter dem sie her sind', nach Dänemark bringen soll: 'Lass niemand in die Kajüte sehen. Mehr brauchst du nicht zu wissen.'"[6]

Rettung der Traditionsfahne

Die gerettete Fahne

Die verstorbene Genossin Alma Nickel erzählte gern, wie die 1922 geweihte Ortsvereinsfahne von Albert Johanns und Willi Nickel vor dem Zugriff der Nazis bewahrt wurde. In einer Blechdose verpackt wurde sie in einer Abseite ihrer Wohnung versteckt. Auffällig aufgehängt vor dem Versteck hing die schwarz-rot-goldene Fahne zur Ablenkung. Auch die Wohnung von Nickels wurde von einer Razzia der Nazis heimgesucht. Dabei wurde der hängende Spruch "Wir wollen Frieden, Freiheit und Recht, dass niemand sei des anderen Knecht" konfisziert. Ein ebenfalls dort hängendes Bild von August Bebel wurde von den SA-Leuten nicht erkannt und blieb deshalb in der Wohnung. Für alle Fälle aber beugte Willi Nickel mit der Bemerkung vor: "Nun nehmt Ihr mir wohl auch noch das Bild meines Schwiegervaters mit."

Nach NS-Zeit und 2. Weltkrieg

Der Ortsverein Travemünde, der sich schnell wieder zusammengefunden hatte, erlebte nach der Neugründung 1945 einen ungeahnten Mitgliederzuwachs. 826 Mitglieder konnte Willi Stooß, der damalige Ortsvereinsvorsitzende, zählen. Diese hohe Zahl mag u.a. durch viele hinzugekommene Flüchtlinge zustande gekommen sein. Im Laufe der Jahre pendelte sich die Mitgliederzahl nach etlichen Schwankungen auf etwa 120 ein.

Die Arbeit der SPD in Travemünde begann von Neuem. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen und auf das Wohl aller Bewohner von Travemünde. Am 14. September 1947 fand eine Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus im Stadttheater statt. Der Redner war Max Geißler. Außerdem wurden in Travemünde Kränze an den Gräbern ermordeter Juden niedergelegt.

Literatur

  • Schapke, Thomas: Wir für Travemünde - 1907-2007 - 100 Jahre SPD Travemünde (Travemünde 2007)

Einzelnachweise

  1. Neuer Social-Demokrat, 4.1.1874, Beilage S. 1
  2. Vorwärts, 29.8.1877, S. 4
  3. Aus Lübeck, Hamburg-Altonaer Volksblatt, 13.12.1877, S. 3
  4. Vorwärts, 22.2.1878, S. 3
  5. Leu, Käthe: [1], Die Gleichheit. 10.4.1911, Seite 9
  6. Wein, Martin: Willy Brandt. Das Werden eines Staatsmannes (Berlin 2003) ISBN 978-3746619927, Seite 90 f.