Karl Otto Conrady

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Version vom 1. November 2023, 11:55 Uhr von Skw (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Noch kein Foto vorhanden
Noch kein Foto vorhanden
Karl Otto Conrady
Geboren: 21. Februar 1926
Gestorben: 1. Juli 2020

Prof. Dr. Karl Otto Conrady, * 21. Februar 1926 in Hamm/Westf., † 1. Juli 2020 in Köln; Literaturwissenschaftler, Landtagsabgeordneter. Mitglied der SPD von ? bis 1977.

Leben & Beruf

Karl Otto Conrady wuchs in Hamm auf. Statt des Abiturs am humanistischen Gymnasium erhielt er im Juli 1944 lediglich einen "Reifevermerk" und wurde von den Nazis umgehend zum Kriegsdienst einberufen. Zu dieser Zeit war er ein örtlicher Führer des "Deutschen Jungvolks", mit dem er in Uniform "Morgenfeiern" mit geeigneten Goethe-Zitaten inszenierte. Selbstkritisch schrieb er später über diese Aktivitäten:

"So vermochten wir Literaturfreunde in der Pimpfenkluft uns sogar in den marschierenden Jugendkolonnen und bei den Geländespielen goethenah vorzukommen, wenigstens nicht als dümmliche Störenfriede."[1]

Seine - in Anbetracht der Umstände wohl kurze - Mitgliedschaft in der NSDAP verschwieg er dagegen über Jahrzehnte, wie er in demselben Beitrag ebenso selbstkritisch eingestand.[1][2] Die Studie von Danker/Lehmann-Himmel ordnet ihn aufgrund seines Alters der Kategorie "ns-sozialisiert" zu.[3] Grundlage sind Akten im Bundesarchiv (BArch BDC OK, Film 3200 C0076) und im Landesarchiv (LASH Abt. 811, Nr. 12053) sowie der Beitrag im Buch von Alfred Neven du Mont (s.u., "Autobiografisches").

Im April 1945 wurde der Gefreite der Infanterie von den Amerikanern in Kriegsgefangenschaft genommen, aber schon im Juli wieder entlassen. Im Anschluss daran war er bis Mai 1947 als Clerk bei einer britischen Militäreinheit tätig.[4]

Von 1947 bis 1952 studierte er in Münster, wurde 1953 promoviert und habilitierte sich 1957 mit einer Arbeit über Lateinische Dichtungstradition und deutsche Lyrik des 17. Jahrhunderts. Danach war er ab 1958 an der Universität Göttingen tätig, wurde 1961 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Saarbrücken und lehrte von 1962 bis 1969 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Von dort ging er nach Köln, wo er 1991 emeritiert wurde.

Er war zeitweise Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Als dessen Präsident (von November 1996 bis Oktober 1998) "fiel ihm [...] die Aufgabe zu, den Zusammenschluss der ostdeutschen und der westdeutschen Sektion zu moderieren"[5].

Karl Otto Conradys anerkannte Fachgebiete waren deutschsprachige Lyrik und Leben und Werk von Johann Wolfgang von Goethe, über den er mehrere Werke verfasste, darunter eine umfangreiche Biografie, die als Standardwerk gilt. Darüber hinaus engagierte er sich für die Aufarbeitung der Verstrickung seines Fachs mit dem Nationalsozialismus:

"Conrady begründete seinen Ruf als ein über die Grenzen seines Fachs hinaus denkender Literaturwissenschaftler nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus [...]. Als junger Professor in Göttingen, Saarbrücken und Kiel reflektierte er kritisch die Rolle seines Fachs, das sich der Diktatur vielfach als 'deutsche Wissenschaft' angedient hatte."[5]

In einem Zeitungsartikel zum Thema beschreibt er seinen Werdegang:

"Kaum sieben Jahre alt, 'erlebte' mein Jahrgang (1926) die Machtübernahme Hitlers. Nichts anderes kennenlernend als die Welt des Dritten Reiches, ohne Möglichkeiten der vergleichenden Ensicht, wuchsen manche von uns auf, wurden mit zehn Jahren "Pimpfe" und – wie ich – dann als 15-, 16-, 17jährige Jungvolkführer, nicht aus Zwang, sondern aus Freude (auch aus Ehrgeiz), in einer jugendlichen Organisation in begrenztem Bereich selbsttätig handeln zu können, deren tragende Weltanschauung in der Öffentlichkeit als das Alleingültige vermittelt und deren politische Zielsetzung mit ihren die Freiheit nennenden, sie in Wahrheit pervertierenden Forderungen [...] von den Jungen noch nicht durchschaut wurde. Das ist, ungeachtet der Stunden unbeschwerten gemeinsamen Erlebens, bedrückende Erinnerung heute, auch wenn es sich nur um die Schülerzeit handelt; denn die Uniform, die man trug, auch sie repräsentierte den Ungeist.

Dann Bombennächte, Luftkriegseinsätze; der glorifizierte "Heldentod" von Freunden für Führer, Volk und Vaterland; im fünften Kriegsjahr selbst Soldaten, Gefangenschaft, katalogisiert als "Amnestierte", Neubeginn; seit 1944 Ahnung und Erwachen, Greifen nach ganzen Beständen unserer Kultur, die uns vorenthalten worden waren, verschwiegen, auch von Germanisten als zersetzend, als undeutsch gebrandmarkt; die Mühe und die Lust des Aufarbeitens, nicht ohne die sich ausbreitende Enttäuschung über die Gebildeten und Gelehrten, die früh genug hätten sehen müssen und doch das Erbe des europäischen Humanismus vertan hatten, es waren warnende Stimmen zu hören gewesen – und nun die zwingend gefühlte Pflicht, sich um Klärung zu bemühen, wie es kommen konnte, daß wir (oder doch manche von uns) diesen Weg gegangen sind und unser Volk so hinabstürzte. Wer, das kritische Engagement beargwöhnend, meint, hier seien Überheblichkeit und anmaßende Selbstgerechtigkeit am Werke, täuscht sich sehr."[6]

Partei & Politik

Wann Karl Otto Conrady der SPD beitrat, ist bisher nicht ermittelt.

Auf dem ordentlichen Landesparteitag in Kiel am 1./2. Juli 1967 wurde er als 1. stellvertretender Landesvorsitzender in den Landesvorstand gewählt.

Landtag

In der Landtagswahl 1967 zog er über die Liste (Platz 4) als Abgeordneter in den Landtag ein. Dort war er Mitglied, ab 29. August 1968 Vorsitzender im Volksbildungsausschuss, außerdem aktiv im Ausschuss für die Wahrung der Rechte der Volksvertretung und im Sonderausschuss "Anhörung der Jugend" (vom 9. Juli bis 24. September 1968).

Zeitweise war er - vermutlich als Vertreter der SPD - Mitglied im Programmbeirat des Norddeutschen Rundfunks (NDR).

Am 20. Februar 1969 legte er sein Landtagsmandat nieder, weil er an die Universität Köln berufen worden war. 1977 verließ er die SPD, blieb jedoch weiterhin kulturpolitisch engagiert.

Veröffentlichungen

Zu Fachveröffentlichungen als Autor und Herausgeber vgl. seinen Eintrag im Katalog der Detschen Nationalbibliothek.

Autobiografisches

Ehrungen

2003 erhielt er den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, 2004 den Rheinischen Literaturpreis Siegburg für Essayistik. 2007 folgte das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. 2009 wurde er für Lauter Lyrik – Der Hör-Conrady mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.[7]

Literatur & Links

  • Breuer, Theo: Wir sammeln, bis uns der Tod abholt. Der Neue Conrady – In höchsten Höhen. In: Theo Breuer: Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000 (Sistig/Eifel 2005), S. 301–307
  • Danker, Uwe / Lehmann-Himmel, Sebastian: Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive (Schleswig-Holsteinischer Landtag 2016) (Drucksache 18/4464)
  • Winkler, Willi: Aufbruch mit Dichtung (Nachruf) Süddeutsche Zeitung, 11.7.2020, S. 18
  • Homepage von Karl Otto Conrady, abgerufen 13.7.2020; Biografie und Publikationen nicht mehr zugänglich.
  • Landtagsinformationssystem: Karl Otto Conrady
  • Wikipedia: Karl Otto Conrady

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Conrady, Karl Otto: Ein Junge, der 1944 achtzehn wurde. In: Neven DuMont, Alfred (Hrsg.): Jahrgang 1926/27. Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz (Köln 2007) ISBN 978-3-8321-8059-1, S. 209–210
  2. Jens, Tilman: Walter Jens. Vaters Vergessen, DIE ZEIT, 4.3.2008, abgerufen 13.7.2020
  3. Vgl. Danker/Lehmann-Himmel, S. 173. Die fünf Grundkategorien lauten "exponiert nationalsozialistisch", "systemtragend-karrieristisch", "ns-sozialisiert", "angepasst ambivalent" und "oppositionell 'gemeinschaftsfremd'".
  4. Homepage von Karl Otto Conrady, abgerufen 13.7.2020; die Kapitel Biographie und Publikationen sind nicht mehr erreichbar.
  5. 5,0 5,1 Karl Otto Conrady starb mit 94 Jahren, Kieler Nachrichten, 13.7.2020
  6. Conrady, Karl Otto: Germanistik in der Diskussion: Über einige Prinzipien der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, DIE ZEIT, 29.1.1965
  7. Jahrespreis 2009 der Deutschen Schallplattenkritik, abgerufen 13.7.2020