Frieda Döbel: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Frieda Hackhe-Döbel''' (geb. Döbel), * [[9. April]] [[1911]] in Kiel, † [[26. September]] [[1977]] ebenda; Gewerbeoberlehrerin, Landtagsabgeordnete. Mitglied der SPD seit ?.
'''Frieda Elisabeth Hackhe-Döbel''' (geb. Döbel), * [[9. April]] [[1911]] in Kiel, † [[26. September]] [[1977]] in Kiel ; Gewerbeoberlehrerin, Landtagsabgeordnete. Mitglied der SPD wohl seit der Weimarer Republik.


==Leben & Beruf==
==Leben & Beruf==
Frieda Döbel wuchs in Kiel auf und besuchte dort die Volksschule. Ihr früher Lebensweg war geprägt von der Arbeiterbewegung; sie engagierte sich bereits vor [[1933]] aktiv in der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ)]].<ref>4. editorische Anmerkung in ''[https://library.fes.de/fulltext/sozmit/1947-103.htm#P77_34395 SPD und Ostzone]'' auf einer Webseite der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn</ref> In der Zeit vor der Übergabe der Macht an die Nazis war sie unter anderem als Hausgehilfin und in einem Kindererholungsheim tätig.
Frieda Döbel wurde in Kiel-Ellerbek geboren, im selbst gebauten Haus der Familie in der Klosterstraße 38; sie hatte drei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder. Ihre Eltern waren aus Ostholstein, wo sie auf Schloss Weißenhaus Dienstmagd und -knecht gewesen waren, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach Kiel gekommen.<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 1 f.</ref>


Während der NS-Zeit schlug sie den Weg der akademischen Weiterbildung ein. Sie studierte an der Hochschule für Wirtschaft sowie am Berufspädagogischen Institut in Berlin und ließ sich zur Gewerbelehrerin ausbilden.  
[[1925]] schloss sie die Volksschule mit einem sehr guten Zeugnis ab. Ihr früher Lebensweg - mit den Erfahrungen des 1. Weltkriegs, der [[Novemberrevolution]] und der Inflationszeit - hatte sie schon "vollkommen für die Ideen des Sozialismus entflammt".<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 11</ref> Eine familiäre Verbindung zur Kieler SPD bestand zudem über ihre [[1938]] verstorbene älteste Schwester Paula, die erste Ehefrau des späteren Landesministers für Volksbildung [[Wilhelm Kuklinski]].


Trotz ihrer beruflichen Laufbahn im NS-Staat blieb sie im Kontakt mit Gleichgesinnten: Anfang [[1945]] gehörte sie sogenannten "[[Stubenzirkel|Stubenzirkeln]]" an – geheimen Treffen, bei denen über eine gesellschaftliche Neuordnung nach dem Nationalsozialismus diskutiert wurde. In der historischen Aufarbeitung durch Danker und Lehmann-Himmel wird ihr Verhalten während der NS-Diktatur als "angepasst / ambivalent" (Kategorie "Jongleure") charakterisiert.<ref>{{Drucksache-18-4464}}</ref>
Frieda Döbel wurde zunächst Hausgehilfin bei der Familie des Stadtbäckers Lange am Alten Markt.
<blockquote>"Und man konnte die Abende nach der Arbeit mit den Genossen verbringen. Das geistige Leben in Kiel war enorm. Im Theater, namentlich am Schauspielhaus in der Holtenauer Straße war der Teufel los. [...] [[Ernst Busch]] versuchte aus Frieda eine sozialistische Nachtigall zu machen, scheiterte aber, da sie völlig unmusikalisch war. Trotzdem verband die beiden eine lebenslange Freundschaft, obwohl oder vielleicht auch weil Frieda ihm vorwarf, man spreche mit Musik lediglich die Emotionen an. Bei einer so ernsten Angelegenheit wie dem Klassenkampf komme es aber ausschließlich auf rationale, wissenschaftlich untermauerte Argumente an. Später könne man dann ja singen. Ein anderer Genosse, dessen Name vergessen ist, hatte gerade den 'Faust' im sozialistischen Sinne umgeschrieben. Also, das ist ja auch wirklich eine gewisse Herausforderung. [[Niels Brodersen]] erschuf die Comic-Figur Mieke Meier, ein freches Proletariermädchen, das sich überall durchsetzte. Und in Seekamp entstand eine [[Kinderrepublik Seekamp|sozialistische und demokratische Kinderrepublik]], in der sich die Arbeiterkinder in frischer Luft und freier Selbstverwaltung erholen konnten.<br>
Die Verbindung zwischen dem Westufer, wo das Leben tobte und dem Ostufer, wo man lebte, [war nachts lahmgelegt]. Dann hieß es: Wandern um die Kippe. [...] Und bei diesen langen Wanderungen um die Kippe blieb man auch nie alleine. Denn viele junge Leute strebten nachts zurück aufs Ostufer. Da hatte man dann genug Zeit, zum Beispiel über den Sozialismus zu debattieren. Aber sicherlich gab es auch andere Themen, denn der Weg war weit. Das Leben war wohl recht gesund. Die langen Wanderungen in der frischen Nachtluft. Und bei der [[SAJ|Sozialistischen Arbeiterjugend]] waren Alkohol und Nikotin hoch verpönt. Das sollte sich dann später ändern…."<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 12 f.</ref></blockquote>


Nach [[1945]] kehrte sie in den Schuldienst zurück und wurde zur Gewerbeoberlehrerin befördert. Privat war sie mit [[Emil Hackhe]] verheiratet, mit dem sie einen [[1949]] geborenen Sohn hatte. Eine familiäre Verbindung zur Kieler SPD bestand zudem über ihre [[1938]] verstorbene Schwester Paula, die die erste Ehefrau des späteren Kieler Stadtrats [[Wilhelm Kuklinski]] war.
Ab [[1930]] war Frieda Döbel als Küchenleiterin in einem Kindererholungsheim in Harburg tätig - ihr "Traumjob", bis die Nazis sie im September [[1933]] wegen widerständiger Äußerungen wie "arbeiterfeindliche Schweinebande" feuerten.<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 13 f.</ref> Während der NS-Herrschaft schlug sie den Weg der akademischen Weiterbildung ein. Sie studierte an der Hochschule für Wirtschaft sowie am Berufspädagogischen Institut in Berlin und ließ sich zur Gewerbelehrerin ausbilden.
 
Trotz ihrer beruflichen Laufbahn im NS-Staat blieb sie im Kontakt mit Gleichgesinnten, wie sich aus ihrer Beteiligung an den sogenannten "[[Stubenzirkel]]n" in Kiel ablesen lässt. Die [[Entnazifizierung in Schleswig-Holstein#Aufarbeitung|Studie von Danker/Lehmann-Himmel]] ordnet ihre Grundorientierung unter den fünf möglichen Kategorien als "angepasst ambivalent"<ref>Vgl. Danker/Lehmann-Himmel, Anhang II, S. 4. Die fünf Kategorien lauten "exponiert nationalsozialistisch", "systemtragend karrieristisch", "ns-sozialisiert", "angepasst ambivalent" und "oppositionell 'gemeinschaftsfremd'".</ref> und sie darin als "Jongleurin" ein.<ref>Danker/Lehmann-Himmel, S. 279. Grundlage ihrer Einordnung sind eine Akte im Landesarchiv (LASH Abt. 811, Nr. 36572) und die Biografie bei Jebens-Ibs/Zachow-Ortmann, S. 17-20.</ref>
 
Nach [[1945]] kehrte sie in den Schuldienst zurück, wurde zur Gewerbeoberlehrerin befördert und unterrichtete ab [[1950]] an der Mädchen-Berufsschule in der Wik. Sie lebte mit Teilen ihrer Familie in einer ehemaligen Direktorenwohnung der Kieler Spar- und Leihkasse an der Bergstraße 3, die auch von der Partei für Ausschuss- und Fraktionssitzungen genutzt wurde; der Landtag hatte ja noch kein festes Haus.<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 22</ref>
 
[[1947]] lernte sie den Grafiker [[Emil Hackhe]] kennen, der an der Muthesius-Werkschule lehrte. Sie heirateten nach seiner Scheidung am [[1. Dezember]] [[1948]]; der Ehemann brachte einen 14-jährigen Sohn mit in die Ehe. Im März [[1949]] wurde der gemeinsame Sohn Ulrich geboren.<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 23</ref>
 
<blockquote>"Im Jahre [[1963]] wurde Frieda Hackhe-Döbel aus gesundheitlichen [Gründen] vorzeitig pensioniert. [...] Im Jahre [[1967]] zog man nach Mettenhof in ein Reiheneigenheim im Jütlandring [175]. [...] Im Jahre [[1974]] erlitt sie einen schweren Schlaganfall, an dessen Folgen sie am [[26. September|26.09.]][[1977]] verstorben ist. Das Grab befindet sich auf dem Urnenfriedhof am Eichhof auf einem Gräberfeld, das heute kaum noch als solches zu erkennen ist."<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 40</ref></blockquote>


==Partei & Politik==
==Partei & Politik==
Frieda Hackhe-Döbel gehörte zu den Personen, die unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus den politischen Wiederaufbau in Kiel und Schleswig-Holstein mitgestalteten.
Frieda Döbel engagierte sich bereits vor [[1933]] aktiv in der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ)]].<ref name=":0">''[https://library.fes.de/fulltext/sozmit/1947-103.htm#P77_34395 Sozialistische Mitteilungen]'' 103 (Sept. 1947), S. 7 und Anm. 4</ref> Wann sie in die SPD eintrat, ist bisher nicht ermittelt. Hätte sie, wie für Menschen mit ihrem Hintergrund durchaus üblich, den Beitritt mit ihrem 18. Geburtstag vollzogen, wäre dies [[1929]] gewesen.


===Kommunal- und Landespolitik===
Sie gehörte zu den Personen, die unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus den politischen Wiederaufbau in Kiel und Schleswig-Holstein mitgestalteten. Schon Anfang [[1945]] gehörte sie in Kiel "[[Stubenzirkel|Stubenzirkeln]]" an – geheimen Treffen, bei denen über eine gesellschaftliche Neuordnung nach Ende der NS-Herrschaft diskutiert wurde.<ref>Nissen, Hans Christian: ''[https://www.beirat-fuer-geschichte.de/fileadmin/pdf/band_03/Demokratische_Geschichte_Band_03_Essay36.pdf 1933–1945: Widerstand, Verfolgung, Emigration, Anpassung]''. In: ''[[Demokratische Geschichte]]'' 3 (1988), S. 493</ref>
Ihr politisches Wirken konzentrierte sich vor allem auf die Bildungs- und Gesundheitspolitik:


*1945–1948: Mitglied der [[Kreisverband Kiel - Ratsfraktion|Kieler Ratsversammlung]].
Im Juli [[1947]] ermöglichte ihr - wie vielen - die Militärverwaltung einen mehrwöchigen Aufenthalt in der britischen Bildungsstätte Wilton Park, die ursprünglich zur demokratischen Schulung von Kriegsgefangenen eingerichtet worden war. Sie gehörte zum ersten Gästekreis, bei dem auch Frauen mitreisen durften.
*1946–1947: Von der britischen Militärverwaltung ernanntes Mitglied des [[Ernannter Landtag vom 26.02.-11.11.1946|ersten]] und [[Ernannter Landtag 1946-1947|zweiten Ernannten Landtages von Schleswig-Holstein]].
<blockquote>"Fuenfzehn Genossen aus Deutschland, die zu einem Kursus nach Wilton Park gekommen waren, folgten am [[15. Juli]] einer Einladung der 'Vereinigung Deutscher Sozialdemokraten in Grossbritannien' zu einem geselligen Abend in der Londoner 'Vega'. Unter den Gaesten aus Deutschland befanden sich zum ersten Male auch Frauen. Die schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Frieda Doebel[4] gab einen Bericht ueber die Lage in der 'Nordmark', in dem sie besonders auf die Bedeutung der fuer die SPD siegreichen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und auf das Fluechtlingsproblem einging."<ref name=":0" /></blockquote>
*1947–1950: Nach der ersten freien [[Landtagswahl 1947|Landtagswahl]] zog sie als direkt gewählte Abgeordnete für den Wahlkreis 17 (Kiel III / Süd) mit 48,5 % der Stimmen in den Landtag ein.


===Parlamentarische Aufgaben===
===Kommunalpolitik===
Im Landtag übernahm sie bedeutende Funktionen, insbesondere im Bereich der Bildung:
Ihr politisches Wirken konzentrierte sich vor allem auf die Bildungs- und Gesundheitspolitik. Dass sie von [[1945]] bis [[1948]] der [[Kreisverband Kiel - Ratsfraktion|Kieler Ratsversammlung]] angehört habe<ref>Schultheiss, Nicole: ''Geht nicht gibt’s nicht...: 24 Portraits herausragender Frauen der Kieler Stadtgeschichte'' (Kiel 2007), S. 87</ref>, scheint aber ein Irrtum zu sein. In der Übersicht zur [[Kreisverband Kiel - Ratsfraktion|Ratsfraktion]] für diese Zeit ist sie nicht genannt, und auch ihr Sohn bezeichnet es in seinem biografischen Auszug als "Legende", dass sie überhaupt kandidiert hätte.
<blockquote>"Sie war ja Landespolitikerin und war nach [[1950]] völlig von der Politik bedient. Also wenn sie das wirklich getan haben sollte, dann war sie von falschen Freunden dazu verleitet worden. Sie hat immer die Ansicht vertreten, dass wahlloses Kandidieren auf allen Ebenen den eigenen politischen Wert mindern würde."<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 36 f.</ref></blockquote>


*Vorsitzende des Ausschusses für Volksbildung und Erziehung ([[1947]]-[[1949]]).
=== Landtag ===
*Parlamentarische Vertreterin für das Ressort Volksbildung im [[Kabinett Lüdemann I|Kabinett Lüdemann]] ([[1947]]-[[1949]]).
*[[1946]]–[[1947]]: Von der britischen Militärverwaltung ernanntes Mitglied des [[Ernannter Landtag vom 26.02.-11.11.1946|ersten]] und [[Ernannter Landtag 1946-1947|zweiten Ernannten Landtages von Schleswig-Holstein]].
*Mitarbeit im Gesundheitsausschuss sowie im Studentenprüfungsausschuss.
*[[1947]][[1950]]: Nach der ersten freien [[Landtagswahl 1947|Landtagswahl]] zog sie als direkt gewählte Abgeordnete für den Wahlkreis 17 (Kiel III / Süd) mit 48,5 % der Stimmen in den Landtag ein.


Mit dem Ende der [[1. Wahlperiode 1947-1950|ersten Wahlperiode]] im Mai [[1950]] schied sie aus dem Landtag aus.
Im Landtag übernahm sie herausragende Funktionen, insbesondere im Bereich der Bildung: Von [[1947]] bis [[1949]] war sie Vorsitzende des Ausschusses für Volksbildung und Erziehung, zugleich Parlamentarische Vertreterin des Ministers für Volksbildung im [[Kabinett Lüdemann I|Kabinett Lüdemann]], ihres Schwagers [[Wilhelm Kuklinski]]. Auch im Gesundheitsausschuss sowie im Studentenprüfungsausschuss arbeitete sie mit.
 
Mit dem Ende der [[1. Wahlperiode 1947-1950|ersten Wahlperiode]] im Mai [[1950]] schied sie aus dem Landtag aus. Sie begründete dies damit, sich mehr um ihr kleines Kind kümmern zu müssen. Ihr Sohn mutmaßt, dass die "Re-Nazifizierung" des Landtags und der Landesregierung ab [[1950]] sie abstieß. In Letzterer war nur ein Minister nicht in der NSDAP gewesen.
<blockquote>"Die offizielle Erklärung  wird  wohl nur ein Teil der Wahrheit gewesen sein. Sie war zutiefst enttäuscht, wie wenig Deutschland aus der Nazizeit gelernt hatte."<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 34</ref></blockquote>
 
Die nächsten Jahre hielt sie Abstand von der Politik.
<blockquote>"Der Chronist schloss sich den [[Jusos]] an, vor allem auch um der Vereinzelung in der öden Neubausiedlung zu entgehen. Das führte dann dazu, dass auch Frieda wenigstens wieder zu [[Ortsverein Kiel-Hasseldieksdamm/Mettenhof|Ortsvereinsversammlungen]] ging und sich als Kreisparteitagsdelegierte aufstellen ließ. In Wahlkämpfen engagierte Frieda sich nur noch dreimal, einmal für [[Willy Brandt]] als Bundeskanzler (hat geklappt), einmal für ihren alten Freund [[Jochen Steffen]] als Ministerpräsidenten (hat nicht geklappt) und für [[Silke Reyer]] als Ratsfrau von Mettenhof, die später Stadtpräsidentin von Kiel wurde (hat erst nach mehreren Anläufen geklappt). Wahrscheinlich kannte sie [[Silke Reyer]] gar nicht persönlich, sondern wusste nur, wer sie war. Sie meinte aber, dass es mit der Männerwirtschaft in der SPD endlich mal Schluss sein müsse, weil sie so gar nichts gebracht habe."<ref>Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 39 f.</ref></blockquote>


==Archive==
==Archive==
*LASH Abt. 811, Nr. 36572
*LASH Abt. 811, Nr. 36572


==Literatur & Links==
==Literatur & Links==
 
*{{Drucksache-18-4464}}
*Danker, Uwe / Lehmann-Himmel, Sebastian: ''Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive.''
*Hackhe, Ulrich: ''1968 - die überleben wollten I'' (Norderstedt 2019) <nowiki>ISBN 978-3-7494-4802-9</nowiki> Als Auszug daraus hat er der SPD-Geschichtswerkstatt eine 40-seitige Biografie seiner Mutter und ihrer Vorfahren überlassen, die hier eingearbeitet wird.
*Jebens-Ibs, Sabine / Zachow-Ortmann, Maria: Schleswig-Holsteinische Politikerinnen der Nachkriegszeit. Lebensläufe. Kiel 1994. Vgl. auch Nicole Schultheiss: Geht nicht gibt’s nicht...: 24 Portraits herausragender Frauen der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007.
*Jebens-Ibs, Sabine / Zachow-Ortmann, Maria: ''Schleswig-Holsteinische Politikerinnen der Nachkriegszeit. Lebensläufe'' (Kiel 1994)
 
*{{LIS|422}}
*Hackhe, Ulrich: ''1968 - die überleben wollten I'' (Norderstedt 2019), <nowiki>ISBN 978-3-7494-4802-9</nowiki>.
 
*{{Wikipedia|NAME=Frieda Hackhe-Döbel}}
*{{Wikipedia|NAME=Frieda Hackhe-Döbel}}
*{{LIS|422}}


==Einzelnachweise==
==Einzelnachweise==
<references />
<references />
[[Kategorie:Kreisverband Kiel]]
[[Kategorie:Kreisverband Kiel]]
[[Kategorie:Ortsverein Kiel-Hasseldieksdamm/Mettenhof]]
[[Kategorie:Landesvorstand 1947-1948]]
[[Kategorie:Landesvorstand 1947-1948]]
[[Kategorie:Landesvorstand 1948-1949]]
[[Kategorie:Landesvorstand 1948-1949]]

Version vom 11. Februar 2026, 14:49 Uhr

Frieda Döbel
Frieda Döbel
Frieda Döbel
Geboren: 9. April 1911
Gestorben: 26. September 1977

Frieda Elisabeth Hackhe-Döbel (geb. Döbel), * 9. April 1911 in Kiel, † 26. September 1977 in Kiel ; Gewerbeoberlehrerin, Landtagsabgeordnete. Mitglied der SPD wohl seit der Weimarer Republik.

Leben & Beruf

Frieda Döbel wurde in Kiel-Ellerbek geboren, im selbst gebauten Haus der Familie in der Klosterstraße 38; sie hatte drei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder. Ihre Eltern waren aus Ostholstein, wo sie auf Schloss Weißenhaus Dienstmagd und -knecht gewesen waren, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach Kiel gekommen.[1]

1925 schloss sie die Volksschule mit einem sehr guten Zeugnis ab. Ihr früher Lebensweg - mit den Erfahrungen des 1. Weltkriegs, der Novemberrevolution und der Inflationszeit - hatte sie schon "vollkommen für die Ideen des Sozialismus entflammt".[2] Eine familiäre Verbindung zur Kieler SPD bestand zudem über ihre 1938 verstorbene älteste Schwester Paula, die erste Ehefrau des späteren Landesministers für Volksbildung Wilhelm Kuklinski.

Frieda Döbel wurde zunächst Hausgehilfin bei der Familie des Stadtbäckers Lange am Alten Markt.

"Und man konnte die Abende nach der Arbeit mit den Genossen verbringen. Das geistige Leben in Kiel war enorm. Im Theater, namentlich am Schauspielhaus in der Holtenauer Straße war der Teufel los. [...] Ernst Busch versuchte aus Frieda eine sozialistische Nachtigall zu machen, scheiterte aber, da sie völlig unmusikalisch war. Trotzdem verband die beiden eine lebenslange Freundschaft, obwohl oder vielleicht auch weil Frieda ihm vorwarf, man spreche mit Musik lediglich die Emotionen an. Bei einer so ernsten Angelegenheit wie dem Klassenkampf komme es aber ausschließlich auf rationale, wissenschaftlich untermauerte Argumente an. Später könne man dann ja singen. Ein anderer Genosse, dessen Name vergessen ist, hatte gerade den 'Faust' im sozialistischen Sinne umgeschrieben. Also, das ist ja auch wirklich eine gewisse Herausforderung. Niels Brodersen erschuf die Comic-Figur Mieke Meier, ein freches Proletariermädchen, das sich überall durchsetzte. Und in Seekamp entstand eine sozialistische und demokratische Kinderrepublik, in der sich die Arbeiterkinder in frischer Luft und freier Selbstverwaltung erholen konnten.
Die Verbindung zwischen dem Westufer, wo das Leben tobte und dem Ostufer, wo man lebte, [war nachts lahmgelegt]. Dann hieß es: Wandern um die Kippe. [...] Und bei diesen langen Wanderungen um die Kippe blieb man auch nie alleine. Denn viele junge Leute strebten nachts zurück aufs Ostufer. Da hatte man dann genug Zeit, zum Beispiel über den Sozialismus zu debattieren. Aber sicherlich gab es auch andere Themen, denn der Weg war weit. Das Leben war wohl recht gesund. Die langen Wanderungen in der frischen Nachtluft. Und bei der Sozialistischen Arbeiterjugend waren Alkohol und Nikotin hoch verpönt. Das sollte sich dann später ändern…."[3]

Ab 1930 war Frieda Döbel als Küchenleiterin in einem Kindererholungsheim in Harburg tätig - ihr "Traumjob", bis die Nazis sie im September 1933 wegen widerständiger Äußerungen wie "arbeiterfeindliche Schweinebande" feuerten.[4] Während der NS-Herrschaft schlug sie den Weg der akademischen Weiterbildung ein. Sie studierte an der Hochschule für Wirtschaft sowie am Berufspädagogischen Institut in Berlin und ließ sich zur Gewerbelehrerin ausbilden.

Trotz ihrer beruflichen Laufbahn im NS-Staat blieb sie im Kontakt mit Gleichgesinnten, wie sich aus ihrer Beteiligung an den sogenannten "Stubenzirkeln" in Kiel ablesen lässt. Die Studie von Danker/Lehmann-Himmel ordnet ihre Grundorientierung unter den fünf möglichen Kategorien als "angepasst ambivalent"[5] und sie darin als "Jongleurin" ein.[6]

Nach 1945 kehrte sie in den Schuldienst zurück, wurde zur Gewerbeoberlehrerin befördert und unterrichtete ab 1950 an der Mädchen-Berufsschule in der Wik. Sie lebte mit Teilen ihrer Familie in einer ehemaligen Direktorenwohnung der Kieler Spar- und Leihkasse an der Bergstraße 3, die auch von der Partei für Ausschuss- und Fraktionssitzungen genutzt wurde; der Landtag hatte ja noch kein festes Haus.[7]

1947 lernte sie den Grafiker Emil Hackhe kennen, der an der Muthesius-Werkschule lehrte. Sie heirateten nach seiner Scheidung am 1. Dezember 1948; der Ehemann brachte einen 14-jährigen Sohn mit in die Ehe. Im März 1949 wurde der gemeinsame Sohn Ulrich geboren.[8]

"Im Jahre 1963 wurde Frieda Hackhe-Döbel aus gesundheitlichen [Gründen] vorzeitig pensioniert. [...] Im Jahre 1967 zog man nach Mettenhof in ein Reiheneigenheim im Jütlandring [175]. [...] Im Jahre 1974 erlitt sie einen schweren Schlaganfall, an dessen Folgen sie am 26.09.1977 verstorben ist. Das Grab befindet sich auf dem Urnenfriedhof am Eichhof auf einem Gräberfeld, das heute kaum noch als solches zu erkennen ist."[9]

Partei & Politik

Frieda Döbel engagierte sich bereits vor 1933 aktiv in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ).[10] Wann sie in die SPD eintrat, ist bisher nicht ermittelt. Hätte sie, wie für Menschen mit ihrem Hintergrund durchaus üblich, den Beitritt mit ihrem 18. Geburtstag vollzogen, wäre dies 1929 gewesen.

Sie gehörte zu den Personen, die unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus den politischen Wiederaufbau in Kiel und Schleswig-Holstein mitgestalteten. Schon Anfang 1945 gehörte sie in Kiel "Stubenzirkeln" an – geheimen Treffen, bei denen über eine gesellschaftliche Neuordnung nach Ende der NS-Herrschaft diskutiert wurde.[11]

Im Juli 1947 ermöglichte ihr - wie vielen - die Militärverwaltung einen mehrwöchigen Aufenthalt in der britischen Bildungsstätte Wilton Park, die ursprünglich zur demokratischen Schulung von Kriegsgefangenen eingerichtet worden war. Sie gehörte zum ersten Gästekreis, bei dem auch Frauen mitreisen durften.

"Fuenfzehn Genossen aus Deutschland, die zu einem Kursus nach Wilton Park gekommen waren, folgten am 15. Juli einer Einladung der 'Vereinigung Deutscher Sozialdemokraten in Grossbritannien' zu einem geselligen Abend in der Londoner 'Vega'. Unter den Gaesten aus Deutschland befanden sich zum ersten Male auch Frauen. Die schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Frieda Doebel[4] gab einen Bericht ueber die Lage in der 'Nordmark', in dem sie besonders auf die Bedeutung der fuer die SPD siegreichen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und auf das Fluechtlingsproblem einging."[10]

Kommunalpolitik

Ihr politisches Wirken konzentrierte sich vor allem auf die Bildungs- und Gesundheitspolitik. Dass sie von 1945 bis 1948 der Kieler Ratsversammlung angehört habe[12], scheint aber ein Irrtum zu sein. In der Übersicht zur Ratsfraktion für diese Zeit ist sie nicht genannt, und auch ihr Sohn bezeichnet es in seinem biografischen Auszug als "Legende", dass sie überhaupt kandidiert hätte.

"Sie war ja Landespolitikerin und war nach 1950 völlig von der Politik bedient. Also wenn sie das wirklich getan haben sollte, dann war sie von falschen Freunden dazu verleitet worden. Sie hat immer die Ansicht vertreten, dass wahlloses Kandidieren auf allen Ebenen den eigenen politischen Wert mindern würde."[13]

Landtag

Im Landtag übernahm sie herausragende Funktionen, insbesondere im Bereich der Bildung: Von 1947 bis 1949 war sie Vorsitzende des Ausschusses für Volksbildung und Erziehung, zugleich Parlamentarische Vertreterin des Ministers für Volksbildung im Kabinett Lüdemann, ihres Schwagers Wilhelm Kuklinski. Auch im Gesundheitsausschuss sowie im Studentenprüfungsausschuss arbeitete sie mit.

Mit dem Ende der ersten Wahlperiode im Mai 1950 schied sie aus dem Landtag aus. Sie begründete dies damit, sich mehr um ihr kleines Kind kümmern zu müssen. Ihr Sohn mutmaßt, dass die "Re-Nazifizierung" des Landtags und der Landesregierung ab 1950 sie abstieß. In Letzterer war nur ein Minister nicht in der NSDAP gewesen.

"Die offizielle Erklärung wird wohl nur ein Teil der Wahrheit gewesen sein. Sie war zutiefst enttäuscht, wie wenig Deutschland aus der Nazizeit gelernt hatte."[14]

Die nächsten Jahre hielt sie Abstand von der Politik.

"Der Chronist schloss sich den Jusos an, vor allem auch um der Vereinzelung in der öden Neubausiedlung zu entgehen. Das führte dann dazu, dass auch Frieda wenigstens wieder zu Ortsvereinsversammlungen ging und sich als Kreisparteitagsdelegierte aufstellen ließ. In Wahlkämpfen engagierte Frieda sich nur noch dreimal, einmal für Willy Brandt als Bundeskanzler (hat geklappt), einmal für ihren alten Freund Jochen Steffen als Ministerpräsidenten (hat nicht geklappt) und für Silke Reyer als Ratsfrau von Mettenhof, die später Stadtpräsidentin von Kiel wurde (hat erst nach mehreren Anläufen geklappt). Wahrscheinlich kannte sie Silke Reyer gar nicht persönlich, sondern wusste nur, wer sie war. Sie meinte aber, dass es mit der Männerwirtschaft in der SPD endlich mal Schluss sein müsse, weil sie so gar nichts gebracht habe."[15]

Archive

  • LASH Abt. 811, Nr. 36572

Literatur & Links

  • Danker, Uwe / Lehmann-Himmel, Sebastian: Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive (Schleswig-Holsteinischer Landtag 2016) (Drucksache 18/4464)
  • Hackhe, Ulrich: 1968 - die überleben wollten I (Norderstedt 2019) ISBN 978-3-7494-4802-9 Als Auszug daraus hat er der SPD-Geschichtswerkstatt eine 40-seitige Biografie seiner Mutter und ihrer Vorfahren überlassen, die hier eingearbeitet wird.
  • Jebens-Ibs, Sabine / Zachow-Ortmann, Maria: Schleswig-Holsteinische Politikerinnen der Nachkriegszeit. Lebensläufe (Kiel 1994)
  • Landtagsinformationssystem: Frieda Döbel
  • Wikipedia: Frieda Hackhe-Döbel

Einzelnachweise

  1. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 1 f.
  2. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 11
  3. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 12 f.
  4. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 13 f.
  5. Vgl. Danker/Lehmann-Himmel, Anhang II, S. 4. Die fünf Kategorien lauten "exponiert nationalsozialistisch", "systemtragend karrieristisch", "ns-sozialisiert", "angepasst ambivalent" und "oppositionell 'gemeinschaftsfremd'".
  6. Danker/Lehmann-Himmel, S. 279. Grundlage ihrer Einordnung sind eine Akte im Landesarchiv (LASH Abt. 811, Nr. 36572) und die Biografie bei Jebens-Ibs/Zachow-Ortmann, S. 17-20.
  7. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 22
  8. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 23
  9. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 40
  10. 10,0 10,1 Sozialistische Mitteilungen 103 (Sept. 1947), S. 7 und Anm. 4
  11. Nissen, Hans Christian: 1933–1945: Widerstand, Verfolgung, Emigration, Anpassung. In: Demokratische Geschichte 3 (1988), S. 493
  12. Schultheiss, Nicole: Geht nicht gibt’s nicht...: 24 Portraits herausragender Frauen der Kieler Stadtgeschichte (Kiel 2007), S. 87
  13. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 36 f.
  14. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 34
  15. Ulrich Hackhe im biografischen Auszug aus seinem Buch, S. 39 f.