Renate Schnack
Renate Schnack (geb. Voss), * 23. September 1953 in Wenningstedt/Sylt; Lehramtsstudium, Hausfrau, Minderheitenbeauftragte. Mitglied der SPD seit 1986.
Leben & Beruf
Renate Schnack lebte nach dem Abitur ein Jahr lang in Schweden und absolvierte anschließend an der CAU in Kiel ein Lehramtsstudium.[1] Den Beruf übte sie aber offenbar nicht aus. Sie bezeichnet sich als Hausfrau. Mit ihrem Ehemann lebt sie seit langem in Braderup; das Ehepaar hat zwei Söhne. Als Bewohnerin des deutsch-dänischen Grenzlandes mit frühem Interesse an Minderheitenfragen spricht sie Dänisch und versteht auch Plattdeutsch und Friesisch.[1]
1990 trat sie in die Arbeiterwohlfahrt ein. Sie ist oder war außerdem Vorstandsmitglied im Sozialverband ADS-Grenzfriedensbund Flensburg[2] und von 1995 bis 1998 Vorsitzende des Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen e.V..[1]
MARO TEMM
Sie ist Mit-Initiatorin eines Sinti-Projekts in Schleswig-Holstein, das neue wohn- und minderheitenpolitische Standards in Deutschland und Europa setzt und sich an Sinti-Familien richtet. In diesem Rahmen beteiligte sie sich 2003 an der Gründung der Wohnungsgenossenschaft für Sinti eG MARO TEMM ("Unser Land"), von 2005 bis 2018 gehörte sie dem Vorstand von MARO TEMM an. 2008 beteiligte sie sich an der Konzeption eines minderheitenpolitischen Pilotprojekts in einem Kieler Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf und war von 2009 bis 2013 Mentorin und externe Leiterin des Modellvorhabens "MARO TEMM - Kulturbewahrung und Integration" in der gleichnamigen Siedlung. 2017 folgte ebenfalls dort die Entwicklung des Konzepts "Tikno Kher" ("ein kleines Haus für unsere Kinder").[3]
Partei & Politik
Sie war Mitglied im Kreisvorstand, zeitweise stellvertretende Kreisvorsitzende im Kreisverband Nordfriesland. Bis heute ist sie Schriftführerin ihres Ortsvereins Braderup.
Von 1991 bis 1997 gehörte sie dem Landesvorstand der SPD Schleswig-Holstein an, von 1993 bis 1995 dem geschäftsführenden Vorstand.
2009 und 2017 nahm sie als Wahlfrau an der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten teil.
Kommunalpolitik
Von 1986 bis 1998 engagierte sie sich in der Kommunalpolitik in Braderup - vier Jahre lang im Sozialausschuss, sechs Jahre als Gemeindevertreterin - und in Nordfriesland. Dort amtierte sie von 1994 bis 1998 als Kreispräsidentin - in Nordfriesland die erste Frau und erste Sozialdemokratin in diesem Amt.[4] Wohl im Rahmen dieses Amtes war sie 1997/98 auch deutsche Gründungsvorsitzende der deutsch-dänischen Grenzregion Schleswig-Sønderjylland.
Minderheitenbeauftragte
→ Hauptartikel: Minderheitenpolitik
2000 berief Ministerpräsidentin Heide Simonis Renate Schnack zur Beauftragten der Landesregierung in Angelegenheiten nationaler Minderheiten und Volksgruppen, Grenzlandarbeit und Niederdeutsch, kurz: zur Minderheitenbeauftragten. Die Amtsbezeichnung war neu in Deutschland; ihre Vorgänger - Kurt Hamer und Kurt Schulz - wurden als "Grenzlandbeauftragte" bezeichnet, was vielleicht nicht mehr als in die Zeit passend empfunden wurde. Heide Simonis nannte sie "meine 'Außenministerin'"[5].
In ihren öffentlichen Funktionen und Tätigkeiten setzte sich Renate Schnack erfolgreich für eine Atmosphäre des Respekts und des Dialogs auf Augenhöhe zwischen Angehörigen nationaler Minderheiten und der Mehrheitsbevölkerung ein. Sie gab entscheidende Impulse für die Minderheitenpolitik des Landes und warb auch auf der Ebene des Bundes und in europäischen Zusammenhängen erfolgreich für Lösungen für die berechtigten Anliegen autochthoner Minderheiten und Sprachgruppen.[4]
Sie sah drei "Werkzeuge" für ihre Arbeit:
- Empathie für alle Mitmenschen aus Minderheit und Mehrheit und das – auch historische – Wissen um die Bedeutung von Identität für jede einzelne Person;
- das Prinzip „Dialog auf Augenhöhe“ - Ideen, Visionen, Entwicklungen, Entscheidungen nur mit allen gemeinsam erörtern, um alle Perspektiven und Aspekte in den Entscheidungsprozess einzubeziehen;
- die absichernde Rechtsverbindlichkeit für die entwickelten Projekte und Vorhaben schaffen, einen gesetzlichen Anspruch, der Bestand hat auch über Wahlperioden, ökonomische Konjunkturen und politische Wechsel hinweg.[6]
Mit politischem Gespür und großer Integrationskraft führte sie Organisationen der Minderheiten und die relevanten und grenzüberschreitend arbeitenden Institutionen 2004 zu einem DialogForumNorden (DFN) zusammen[1], dessen Vorsitz seitdem die Minderheitenbeauftragten innehaben. Um das einzigartige minderheiten- und sprachpolitische Profil des Landes Schleswig-Holstein zu sichern und auszubauen, prägte und forcierte sie in ihrer zweiten Amtszeit die Arbeit am "Handlungsplan Sprachenpolitik", mit dem Schleswig-Holstein als erstes Bundesland eine eigenständige Sprachenpolitik für die Regional- und Minderheitensprachen entwickelte und umsetzte.[7]
Zum Schluss ihrer Amtszeit schrieb die scheidende Ministerpräsidentin 2005:
"Sehr geehrte Frau Schnack, liebe Renate,
die Minderheitenpolitik in Schleswig-Holstein genießt weit über unsere Landesgrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf. Dies ist in den letzten fünf Jahren insbesondere auch [Deinem] unermüdlichen Einsatz zu verdanken. Es ist ein gutes Gefühl gewesen, dass ich mich in diesem sensiblen Politikfeld auf eine kompetente Ratgeberin an meiner Seite verlassen konnte. [...]
Deine Heide"[8]
Renate Schnack setzte insgesamt zehn Jahre lang die erfolgreiche Arbeit ihrer Vorgänger fort. Alle nahmen diese Aufgabe, die darin besteht, die Landesregierung in Fragen der Minderheiten zu beraten, ehrenamtlich wahr. Nach dem Regierungswechsel abgelöst, übernahm Renate Schnack das Amt 2012 nach Berufung durch Ministerpräsident Torsten Albig für weitere fünf Jahre. Am Ende ihrer Amtszeit dankte auch er ihr:
"Mit Sachverstand, Leidenschaft und Hartnäckigkeit haben Sie sich für die Belange der Minderheiten und Volksgruppen auf Bundesebene und in verschiedenen internationalen Gremien engagiert. Es war für mich immer ein gutes Gefühl, Sie an meiner Seite zu wissen."[7]
Den Wert der Minderheit sieht sie als eine "innere Haltung, die man anderen Menschen gegenüber hat. Offen sein und nicht einsprachig denken. Dieselbe Sache aus verschiedenen Perspektiven sehen können."[5] An anderer Stelle sagte sie:
"Ich sehe in der Verschiedenheit von Kulturen einen großen Zugewinn, besonders, wenn verlässliche Schutz- und Fördermaßnahmen gewährleistet sind. Es geht nicht darum, Unterschiede anzugleichen. Mehrsprachigkeit und Kenntnisse über die Lebensart anderer Menschen tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Sie inspirieren wirtschaftliche und soziale Entwicklungen, und das regional, national und international."[9]
In seiner Begründung zur Verleihung des FUEN-Preises fasste FUEN-Vizepräsident Gösta Toft Renate Schnacks Leistung zusammen:

"Renate Schnack ist vor allem ein Vorbild, wenn es darum geht, Zielsetzungen und Strategien in der Minderheitenpolitik in die Tat umzusetzen. Wie sie es schafft? – Sie ist einfühlsam, kann gut zuhören und hat diplomatisches Geschick – und gibt nie auf! [...] Sie will Inklusion nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Wirklichkeit. [...] Während ihres Wirkens als Minderheitenbeauftragte hat sie in Schleswig-Holstein viel erreicht und nachhaltig Wege geebnet. So ist es ihr gelungen, die Bildungschancen für die Kinder der Sinti und Roma durch ein Mediatorenmodell zu verbessern sowie ein Wohnprojekt zu starten, durch das viele Sinti und Roma ein Zuhause gefunden haben. [...] Auch für die Zusammenarbeit der Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland war sie eine Schlüsselfigur, etablierte das 'Dialogforum Norden' und somit ein Modell der Kooperation, das für viele Minderheiten in Europa wegweisend sein kann."[10]
Ehrungen
- 2005 verlieh der Nordfriesische Verein ihr seine Goldene Ehrennadel.
- Am 9. Januar 2007 wurde sie für ihr Engagement in der Minderheitenpolitik mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.[11]
- 2016 verlieh der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Schleswig-Holstein, ihr die Auszeichnung "Meilenstein".
- Am 30. April 2016 zeichnete der Dänische Grenzverein/Grænseforeningen, Kopenhagen, sie als erste Deutsche aus der Mehrheitsbevölkerung für ihr Wirken mit seinem Kulturpreis aus, der mit 15.000 Kronen dotiert ist. Sie nahm den Preis in Vingsted/DK entgegen.[2]
- Am 7. September 2023 wurde sie während des FUEN-Kongresses in Pécs (Fünfkirchen)/Ungarn mit dem FUEN-Preis (Preis der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten) ausgezeichnet.[12]
Veröffentlichungen
Renate Schnack verfasste mehrere Beiträge für Publikationen des European Centre for Minority Issues (ECMI), des Instituts für Schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte, des Institut for Grænseregionsforskning der Region Schleswig/Sønderjylland, die Reihe der Grenzfriedenshefte, die Zeitschrift Nordfriesland und das Jahrbuch Zwischen Eider und Wiedau.
Links
- Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten (FUEN): FUEN-Preisträgerin 2023: Renate Schnack – die mit den Minderheiten denkt, 7.9.2023
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Minderheiten in Schleswig-Holstein - Geschichte, abgerufen 25.8.2026
- ↑ 2,0 2,1 Landesregierung Schleswig-Holstein: Minderheitenbeauftragte Renate Schnack mit dem Kulturpreis des dänischen Grenzvereins ausgezeichnet, Presseinformation, 30.4.2016
- ↑ Harms, Lars: Laudatio Verleihung des Meilensteins der Sinti und Roma die Minderheitenbeauftragte Renate Schnack, 11.11.2016; Privatarchiv Renate Schnack
- ↑ 4,0 4,1 Verdienstkreuz am Bande - Ordensbegründung vom 9.1.2007; Privatarchiv Renate Schnack
- ↑ 5,0 5,1 Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten: FUEN-Preisträgerin 2023: Renate Schnack – die mit den Minderheiten denkt, 7.9.2023
- ↑ Schnack, Renate: Dankesrede für den FUEN-Preis 2023
- ↑ 7,0 7,1 Schreiben von Ministerpräsident Torsten Albig vom 21.6.2017; Privatarchiv Renate Schnack
- ↑ Schreiben von Ministerpräsidentin Heide Simonis vom 24.3.2005; Privatarchiv Renate Schnack
- ↑ Renate Schnack, ?
- ↑ Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten: "Vielfalt und Mehrsprachigkeit liegt in ihrer DNA": Renate Schnack erhält den FUEN-Preis 2023, 7.9.2023, abgerufen 10.12.2023
- ↑ Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein: Einladung vom 16.11.2006, mit beigefügter Ordensbegründung; Privatarchiv Renate Schnack
- ↑ "Der FUEN-Preis wird [...] an Personen verliehen, die sich aktiv im Bereich des Minderheitenschutzes engagieren und sich mit Einsatz und Hingabe für die Verbesserung und Anerkennung der autochthonen und nationalen Minderheiten und Sprachgruppen einsetzen." Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten: FUEN-Preis, abgerufen 10.12.2023

