Brigitte Fronzek

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Brigitte Fronzek
Brigitte Fronzek
Geboren: 16. Juli 1952

Dr. Brigitte Fronzek (geb. Kunstmann), * 16. Juli 1952 in Pinneberg; Juristin, Bürgermeisterin. Verheiratet, zwei Kinder. Mitglied der SPD seit 1969.

Werdegang

Aufgewachsen ist Brigitte Fronzek in einer sozialdemokratisch (von väterlicher Seite) bzw. kommunistisch (von mütterlicher Seite) geprägten Familie; ihre kommunistisch eingestellte Großmutter sperrten die Nazis ins Konzentrationslager.[1] Ihr Vater war Beamter, sie das einzige Kind ihrer Eltern. Von Geburt an hatte sie einen verkürzten rechten Arm und als Folge eine Funktionsstörung der rechten Hand. Sie verstand nicht, dass sie deswegen nicht am Sportunterricht teilnehmen sollte: "Ich fühlte mich ausgeschlossen, was ich aber nicht wollte. Und ich fühlte mich ja gar nicht behindert, weil ich mich nicht anders kannte."[2] Ihr Vater half das Problem durch ein Gespräch mit der Schulleitung lösen. Sie bewegte sich gern, saß aber ebenso gern und verschlang Bücher.

1957 zog Familie Kunstmann nach Kiel, wo die Tochter eingeschult wurde. Schon während ihrer Gymnasialzeit dort an der Käthe-Kollwitz-Schule diskutierte sie leidenschaftlich gern über Politik.[3] Schon mit 15 lernte sie ihren späteren ersten Ehemann Norbert Hempel kennen - bei der Jugendorganisation der FDP. Noch als Schülerin verbrachte sie ein Jahr in Detroit, USA. Bei ihrer Rückkehr war sie "stolz auf unsere Demokratie und unsere Gesellschaftsform, weil die Menschen hier politisch mehr interessiert waren und auch die politische Bildung verbreiteter war."[4] Dies war der Anstoß zum Eintritt in die SPD.

Ab 1971 studierte Brigitte Kunstmann in Kiel Jura, bestand 1975 das 1. Staatsexamen und heiratete, wurde 1978 zur Dr. jur. promoviert, 1979 folgte das 2. Staatsexamen. Von 1979 bis 1995 war sie als Rechtsanwältin, seit 1982 auch als Notarin, seit 1992 als Fachanwältin für Verwaltungsrecht in Elmshorn tätig. Mit ihrem ersten Ehemann, der ebenfalls Jurist geworden war, verfasste sie einen Kommentar zum Kommunalabgabengesetz in Schleswig-Holstein.

1983 heiratete sie den Internisten Dr. Thomas Fronzek, mit dem sie zwei Kinder hat, Christopher (1985) und Dorothee (1988).

1996 wurde Brigitte Fronzek Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Elmshorn. 2003 kandidierte sie als Landrätin für den Kreis Pinneberg; sie unterlag in der Stichwahl dem CDU-Bewerber mit 46,4% zu 53,6% der Stimmen.

Privat ist Brigitte Fronzek "passionierte Seglerin". Diesem Sport geht sie vorwiegend mit ihrem Mann nach.[5] Im Ruhestand will sie sich stärker um ihre betagten Eltern kümmern, auch Kinder und Enkelkind, die im Ausland leben, wollen Aufmerksamkeit. Zudem hat sie sich eine ehrenamtliche Tätigkeit in einer Arbeitsgruppe Integration vorgenommen. Diese Gruppe will Neuen helfen, in Elmshorn gut anzukommen und sich einzuleben, damit sie auch ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln. Es soll eine Art Lotsendienst organisiert werden, der Neuen im Alltag z. B. bei Behördengängen und beim Kennenlernen der Stadt hilft.[6]

Parteiämter

Ab 1991 gehörte Brigitte Fronzek dem Vorstand des Ortsvereins Elmshorn als Schriftführerin an, später als Kassiererin.

Von 2005 bis 2007 war sie 1. stellvertretende Landesvorsitzende der SPD. "Ich wollte mich für eine Abkehr von der Basta-Politik nach der Agenda 2010 einsetzen [...]. Den Armen zu nehmen und den Reichen zu geben, das entsprach nicht sozialdemokratischer Programmatik." Sie erkannte jedoch, "dass das zeitraubende Parteiamt nicht mit [meinem] zeitraubenden Job als Bürgermeisterin vereinbar" war, und trat nicht wieder an.[7]

Zur Zeit ist sie Mitglied der Kontrollkommission der SPD, die die Arbeit des Parteivorstandes kritisch begleitet und Beschwerden bearbeitet.[8]

Bürgermeisterin von Elmshorn

Gegen drei Mitbewerberinnen und neun Mitbewerber siegte Brigitte Fronzek 1995 bei der Bürgermeisterwahl in Elmshorn: Zunächst setzte sie sich in Partei und Fraktion gegen den amtierenden SPD-Bürgermeister Bernd Schwachenwalde durch. Aus einer "Leserwahl" der Elmshorner Nachrichten ging sie als Favoritin hervor, auch die WGE/Die Grünen unterstützten sie. Am 28. September 1995 wurde sie von der Ratsversammlung gewählt und trat am 1. Januar 1996 ihr Amt an[9]. Auch nach der Einführung der Direktwahl für Bürgermeister blieb sie Verwaltungschefin. In der ersten Direktwahl am 30. September 2001 siegte Fronzek überraschend klar im ersten Wahlgang mit 54,62 % - 10.138 Stimmen gegen den CDU-Bewerber und zwei Unabhängige. Sie erhielt in allen Wahlkreisen außer einem eine absolute Mehrheit. Auch die Wahlbeteiligung lag für eine Bürgermeisterwahl mit 50,74 Prozent hoch.[10] Auch 2007 wurde Brigitte Fronzek wiedergewählt, mit 83,2% der abgegebenen Stimmen. 2013 kandidierte sie nicht wieder.

Herausragend waren für sie selbst in den 18 Amtsjahren "die Sanierung des früheren Elmshorner Problemstadtteils Hainholz, den Neubau der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule für 36 Millionen Euro und den Bau einer Klappbrücke über die Krückau samt Hafenspange für 13 Millionen Euro, die den Verkehrsfluss in der Elmshorner Innenstadt verbessert hat".[11]

Nach Petra Reiber, der parteilosen Bürgermeisterin von Westerland, war sie die zweite hauptamtliche Bürgermeisterin in Schleswig-Holstein, und die erste Sozialdemokratin. Brunhild Wendel nahm in Schacht-Audorf die Funktion seit 1966 ehrenamtlich wahr. Zum Ende von Brigitte Fronzeks Amtszeit gab es allein im Kreis Pinneberg weitere 6 hauptamtliche Bürgermeisterinnen: in Barmstedt, Halstenbek, Pinneberg, Rellingen, Schenefeld und Uetersen (bis auf zwei parteilos).

Die neue Bürgermeisterin machte manches anders. So verzichtete sie in deutlicher Abgrenzung zu ihrem Vorgänger auf einen Dienstwagen. Kooperation - mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit allen Fraktionen - stand für sie im Vordergrund, ebenso das Zuhören, bevor sie eine Entscheidung fällte. Neben Gewerbe- und Wohngebieten war ihr wichtig: "Wir müssen soziale Einrichtungen bereitstellen. Wir müssen Naherholungsgebiete bereitstellen. Wir müssen Sportstätten und Kindertagesstätten, also im weitesten Sinne Infrastruktur, schaffen für mehr Einwohner. [...] Ich fürchte das Bevölkerungswachstum nicht. Ich denke, diese Region kann [es] verkraften. Mir macht die Verkehrsanbindung Sorge. Die Verkehrsströme innerhalb Elmshorns und im Kreisgebiet und auch der Verkehr nach Hamburg. Für diesen Bereich müssen wir uns Lösungen einfallen lassen."[12]

Frau in Führungsposition

Zu Beginn ihrer Amtszeit waren nicht alle Mitarbeiter in der Lage, sich von "einer Frau" etwas sagen zu lassen. Dafür hatte sie kein Verständnis: "Ich kann doch nicht nur deshalb nicht sagen, was ich denke, weil die Leute sich von einer Frau nichts sagen lassen möchten. Da mussten die durch – und ich auch." Das Problem erledigte sich auch - ihrer Ansicht nach durch Generationenwechsel. "Als ich hier anfing, gab es zwölf Ämter und davon wurde ein einziges von einer Frau geleitet. Inzwischen haben wir nur noch zehn Ämter, aber sieben werden jetzt von Frauen geleitet." Ihr fiel es nicht schwer, geeignete Mitarbeiterinnen zu finden. Das Problem liegt für sie anderswo: "... dass man Auswahlverfahren auch so gestalten kann, dass es nur die Männer werden. [...] Indem man einfach nur auf die Dienstzeiten guckt. Und da Frauen ja immer mal drei Jahre aussetzen oder weniger arbeiten, wenn sie Kinder zu betreuen haben, fallen sie aus dem Raster."[13]

Neonazis in Elmshorn

Ein "importiertes" Problem während ihrer Amtszeit waren Neonazi-Aufmärsche in der Stadt ab 1999. Die Familienerfahrung mit dem Faschismus bestimmte Brigitte Fronzeks Umgang damit. Ihr Weg war, dagegenzuhalten und auf das Problem aufmerksam zu machen. "Ich habe gelernt, dass man, wenn man gegen die Neonazis aufsteht, schnell alleine dasteht, vor allem wenn man exponiert auftritt. Ein Teil meiner Nachbarn hat mit mir herumgemeckert [...]. Wenn ich mich mit den Neonazis anlege, sollte ich doch dafür sorgen, dass die Nachbarn nicht behelligt werden. Das hat mich schon etwas nachdenklich gemacht. Es gibt eine große Gruppe von Menschen, die glaubt, wenn man ein Problem ignoriert, dann geht es weg. [...] Und was hat das im Osten gebracht? Nichts." 2001 erhielten die Gegendemonstrationen mehr Zulauf, ein Neonazi-Aufmarsch wurde vom Bundesverfassungsgericht verboten. Dabei waren unter anderem Anschläge auf das Haus der Bürgermeisterin und Drohungen gegen sie ausschlaggebend, über die damals nicht berichtet wurde, um keine Nachahmungstäter zu ermutigen. Aber Brigitte Fronzek "war am Ende sehr eingeschüchtert und brauchte Polizeischutz."[14]

Landtagswahl 2012

2011 bewarb sie sich zusammen mit Torsten Albig, Ralf Stegner und Mathias Stein um die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2012, erhielt jedoch nicht die Mehrzahl der Stimmen.

Nach dem Wahlsieg war sie für ein Ministeramt im Gespräch. Dass dies nichts wurde, erklärte sie so: "Mir ist bei den Koalitionsverhandlungen aufgefallen, dass ich zeit meines Lebens selbstbestimmt gearbeitet habe. Ich habe gemerkt, dass ich Schwierigkeiten mit dem Unterordnen habe. Und ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet, nicht mehr gar so lange 80 Stunden zu arbeiten."[15]

Stimmen

"Brigitte Fronzek hörte zu und diskutierte gern und viel. Nur eine Diskussion zu leiten, das gelang ihr nicht so gut. Für die Diskussionen und für die Arbeit wollte sie kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um sich haben. Das ist eine Stärke, die gerade auf dem politischen Feld nicht selbstverständlich ist. [...] Sie konnte sich mit jedem unterhalten, egal, ob der Gesprächspartner ein Wirtschaftsboss oder die Putzfrau war. Und sie strebte möglichst nur umsetzbare Ziele an, die Schritt für Schritt erreicht werden sollten. Visionen waren ihr fremd."[16]

Veröffentlichungen

  • Der Entwurf einer Polizeiordnung für das Herzogtum Sachsen-Lauenburg aus dem Jahre 1591 (Frankfurt/Main u.a. 1980) (Brigitte Hempel)
  • Praktischer Kommentar zum Kommunalabgabengesetz Schleswig-Holstein (Kiel 1980/1983) (mit Norbert Hempel)
  • Kommunalabgabenrecht des Landes Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin 1996) (mit Christa Ortgies)

Links

Quellen

  1. Daniel Kummetz: "Eine fürchterliche Erfahrung". Das Montagsinterview mit Brigitte Fronzek, tageszeitung, 22.10.2012
  2. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 5, 8.1.2014
  3. Hamburger Abendblatt, 21.9.2013
  4. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 5, 8.1.2014
  5. Hamburger Abendblatt, 21.9.2013
  6. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 4, 8.1.2014
  7. Zitate aus Hamburger Abendblatt, 21.9.2013
  8. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 4, 8.1.2014
  9. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 1, 8.1.2014
  10. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 3, 8.1.2014
  11. Hamburger Abendblatt, 21.9.2013
  12. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 2, 8.1.2014
  13. Informationen und Zitate aus Daniel Kummetz: "Eine fürchterliche Erfahrung". Das Montagsinterview mit Brigitte Fronzek, tageszeitung, 22.10.2012
  14. Informationen und Zitate aus Daniel Kummetz: "Eine fürchterliche Erfahrung". Das Montagsinterview mit Brigitte Fronzek, tageszeitung, 22.10.2012
  15. Daniel Kummetz: "Eine fürchterliche Erfahrung". Das Montagsinterview mit Brigitte Fronzek, tageszeitung, 22.10.2012
  16. Ulrich Lhotzky-Knebusch: Elmshorns erste Bürgermeisterin, Dr. Brigitte Fronzek, Teil 4, 8.1.2014