Siegfried Berger: Unterschied zwischen den Versionen
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Siegfried Berger war der Sohn eines Metallarbeiters und Bäckers, der [[1920]] in die KPD eintrat. Er selbst lehnte die KPD ab<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> und gehörte in seiner Kindheit und Jugend sozialdemokratischen Organisationen an - der [[Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde]], dem [[Arbeitersport|Arbeitersportverein]], dem Arbeiter-Mandolinenbund und schließlich der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ)]]. [[1930]] wechselte er mit einem Stipendium von der Versuchsschule auf die Höhere Versuchsschule Dresden. | Siegfried Berger war der Sohn eines Metallarbeiters und Bäckers, der [[1920]] in die KPD eintrat. Er selbst lehnte die KPD ab<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> und gehörte in seiner Kindheit und Jugend sozialdemokratischen Organisationen an - der [[Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde]], dem [[Arbeitersport|Arbeitersportverein]], dem Arbeiter-Mandolinenbund und schließlich der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ)]]. [[1930]] wechselte er mit einem Stipendium von der Versuchsschule auf die Höhere Versuchsschule Dresden. Nach einer Lehre als Elektro-Maschinenbauer arbeitete er im Sachsenwerk in Niedersedlitz.<ref>[https://berlin.kauperts.de/Strassen/Siegfried-Berger-Strasse-12557-Berlin Kauperts Straßenführer durch Berlin]</ref> Von [[1938]] bis [[1940]] studierte er an der Städtischen Ingenieurschule Dresden Maschinenbau. | ||
Der Kriegsbeginn war für den 21-Jährigen ein Schock.<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> | Der Kriegsbeginn war für den 21-Jährigen ein Schock.<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> Nach Abschluss seines Studiums wurde er nach Kiel zur Kriegsmarine dienstverpflichtet, wo er ab Januar [[1941]] als Zivilingenieur Radargeräte erprobte.<ref>[https://berlin.kauperts.de/Strassen/Siegfried-Berger-Strasse-12557-Berlin Kauperts Straßenführer durch Berlin]</ref> Seine (erste) Frau folgte ihm im selben Jahr. Während eines Bombenangriffs erlitt sie [[1942]] eine Fehlgeburt, [[1944]] wurde der Sohn Falk in Kiel geboren. | ||
Bei Kriegsende [[1945]] war die Familie in den Osten zurückgekehrt. Die amerikanischen Streitkräfte internierten den Zivilingenieur, entließen ihn aber bereits im Oktober.<ref>Kowalczuk: ''Siegfried Berger''</ref> | Bei Kriegsende [[1945]] war die Familie in den Osten zurückgekehrt. Die amerikanischen Streitkräfte internierten den Zivilingenieur, entließen ihn aber bereits im Oktober.<ref>Kowalczuk: ''Siegfried Berger''</ref> | ||
Wegen seines | Wegen seines offenen Antikommunismus - so lehnte er die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED im April [[1946]] ab - erhielt er in Sachsen für kurze Zeit Arbeitsverbot<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref>, fand dann Arbeit als Fernmeldemonteur.<ref>[https://berlin.kauperts.de/Strassen/Siegfried-Berger-Strasse-12557-Berlin Kauperts Straßenführer durch Berlin]</ref> Ab November [[1946]] war er wieder als Ingenieur tätig, zuletzt im Sachsenwerk in Radeberg. Dort ging er auch [[1947]] in den Widerstand; er übernahm die Leitung einer - nach DDR-Gesetzen illegalen - sozialdemokratischen Gruppe, die ab [[1948]] vom [[Ostbüro der SPD]] geführt wurde; im selben Jahr wurde er als SPD-Mitglied im Bezirk Neukölln (West-Berlin) registriert.<ref>[http://www.spd.berlin/partei/unsere-geschichte/gedenktage-1/gedenktage-der-berliner-spd-2017/ Gedenktage der Berliner SPD 2017], abgerufen 22.3.2018</ref> Er transportierte Informationen, Bücher und Zeitschriften nach Dresden, stellte politische Kontakte her und versuchte, die SPD als Partei im Untergrund zu erhalten.<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> | ||
Im September [[1950]] wechselte er als Entwicklungsingenieur ins | Im September [[1950]] wechselte er als Entwicklungsingenieur, später Abteilungsleiter für Hochfrequenz-Industriesender ins RFT-Funkwerk Köpenick (Ost-Berlin), wo er seine Widerstandstätigkeit weiterführte. Das Ostbüro der SPD beschaffte ihm Funkgeräte und andere Logistik, die er in die DDR schmuggelte.<ref>Kowalczuk: ''Siegfried Berger''</ref> | ||
=== Der 17. Juni und die Folgen === | === Der 17. Juni und die Folgen === | ||
Beim Volksaufstand am [[17. Juni]] [[1953]] | Beim Volksaufstand am [[17. Juni]] [[1953]] leitete Siegfried Berger die Streikversammlung im Funkwerk Köpenick, auf der er über den Rücktritt der DDR-Regierung, freie und geheime Wahlen und die Wiedervereinigung abstimmen ließ. Mit ihm stimmten etwa 2000 Funkwerker für Streik und Demonstration und zogen in Richtung Innenstadt.<ref>[https://berlin.kauperts.de/Strassen/Siegfried-Berger-Strasse-12557-Berlin Kauperts Straßenführer durch Berlin]</ref> Am [[20. Juni]] wurde er verhaftet, am [[2. Juli]] durch ein sowjetisches Militärtribunal zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt, von denen er ab Mai [[1954]] anderthalb Jahre im Arbeitslager Workuta/Sibirien verbüßte. | ||
: "Weihnachten [[1954]] erlebt Siegfried Berger auf seinem Strohsack. Noch immer weiß er nichts von seiner Familie, für ihn und seine Mithäftlinge wird der Schein einer Kerze zum wahren Symbol ihrer Hoffnung auf Freiheit und Erlösung. Nur kurz treffen sich die Gefangenen, um an den Feiertagen an ihre Familien zu denken; im Schacht singen einige das Lied von der Stillen Nacht, geduldet von den Aufsehern. Die Pakete des Roten Kreuzes erinnern an die Außenwelt und an das "Fest der Liebe". Weihnachten in Workuta wird zu einer "inneren Feier" eines jeden einzelnen - Anlaß zur einsamen Besinnung. Denn die Gefangenen arbeiten auch an diesem Tag in drei Schichten. Der Tag beginnt um 5 Uhr mit dem obligatorischen Morgenappell, es gibt meist nasses Brot zum Frühstück, zum Mittag Kohlsuppe mit Fischköpfen, abends Grieß- oder Hirsebrei und immer wieder kaum genießbare Fische. Die Knochenarbeit dauert jeweils neun Tage, denen ein freier Tag folgt, der als wahrer Feiertag gilt."<ref>Fischer: ''Workuta''</ref> | : "Weihnachten [[1954]] erlebt Siegfried Berger auf seinem Strohsack. Noch immer weiß er nichts von seiner Familie, für ihn und seine Mithäftlinge wird der Schein einer Kerze zum wahren Symbol ihrer Hoffnung auf Freiheit und Erlösung. Nur kurz treffen sich die Gefangenen, um an den Feiertagen an ihre Familien zu denken; im Schacht singen einige das Lied von der Stillen Nacht, geduldet von den Aufsehern. Die Pakete des Roten Kreuzes erinnern an die Außenwelt und an das "Fest der Liebe". Weihnachten in Workuta wird zu einer "inneren Feier" eines jeden einzelnen - Anlaß zur einsamen Besinnung. Denn die Gefangenen arbeiten auch an diesem Tag in drei Schichten. Der Tag beginnt um 5 Uhr mit dem obligatorischen Morgenappell, es gibt meist nasses Brot zum Frühstück, zum Mittag Kohlsuppe mit Fischköpfen, abends Grieß- oder Hirsebrei und immer wieder kaum genießbare Fische. Die Knochenarbeit dauert jeweils neun Tage, denen ein freier Tag folgt, der als wahrer Feiertag gilt."<ref>Fischer: ''Workuta''</ref> | ||
Im Oktober [[1955]] | Im Oktober [[1955]] gehörte er zu denen, die nach erfolgreichen Verhandlungen der Bundesregierung in Moskau freigelassen wurden.<ref>[https://berlin.kauperts.de/Strassen/Siegfried-Berger-Strasse-12557-Berlin Kauperts Straßenführer durch Berlin]</ref> Er lebte zunächst in Westberlin. Als er erfuhr, dass ihm wegen der Arbeit für das Ostbüro der SPD die Verhaftung durch das Ministerium für Staatssicherheit drohte, ging er nicht in die DDR zurück.<ref>Kowalczuk: ''Siegfried Berger''</ref> Er zog nach Hamburg, später nach [[Kreisverband Kiel|Kiel]] und arbeitete bis zum Ruhestand [[1981]] wieder als Ingenieur, zuletzt bei einer Firma für Schiffselektronik. | ||
Die Wende erlebten | Die Wende erlebten Siegfried Berger und seine zweite Frau [[Thea Berger]] als ganz großes Ereignis<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref>; sie besuchten auch ihre alte Heimat Sachsen. [[1996]] wurde Siegfried Berger von den russischen Behörden als "Opfer politischer Repression" rehabilitiert.<ref>Siehe Gedenktafel.</ref> | ||
[[Datei:Juso 22 Treffen.jpg|thumb|left|300px|Treffen Juso 22 Oktober 1995. V.l. Thea Wind, Rolf Fischer, Siegfried Berger und Liesel Hofer]]Er war vor allem im [[Arbeitskreis der ehemals verfolgten und inhaftierten Sozialdemokraten (AvS)|Arbeitskreis der politischen Häftlinge in der SBZ/DDR]] in Kiel aktiv, außerdem bei den [[Juso 22]]. | [[Datei:Juso 22 Treffen.jpg|thumb|left|300px|Treffen Juso 22 Oktober 1995. V.l. Thea Wind, Rolf Fischer, Siegfried Berger und Liesel Hofer]]Er war vor allem im [[Arbeitskreis der ehemals verfolgten und inhaftierten Sozialdemokraten (AvS)|Arbeitskreis der politischen Häftlinge in der SBZ/DDR]] in Kiel aktiv, außerdem bei den [[Juso 22]]. Das Ehepaar gehörte dem [[Ortsverein Schilksee]] an, übernahmen dort aber, so weit feststellbar, keine Funktionen; nur wenige GenossInnen erinnern sich noch an sie.<ref>Nach Auskunft der OV-Vorsitzenden [[Gesine Stück]], die sich bei älteren Mitgliedern umgehört hatte, von Ende 2017.</ref> | ||
:"Siegfried und Thea Berger blieben zeit ihres Lebens Sozialdemokraten. Es war allerdings für beide schwer zu ertragen, dass es seit [[1994]] zu Koalitionen zwischen der PDS und der SPD kam. Die PDS als Erbin der SED, vielfach noch mit ehemaligen SED-Politikern in Führungspositionen, war für ihn nicht akzeptabel [...]. Er empfand die Zusammenarbeit als Verrat an den Genossen/innen, die unter der SED-Diktatur für ihre SPD-Treue gestorben waren oder leiden mussten. Es war für ihn wie eine Ohrfeige, dass die antidemokratische SED-Nomenklatur nun ausgerechnet mit "seiner SPD" kooperierte. Deshalb traten beide Bergers in den 90er Jahren, nach über 40jähriger Mitgliedschaft [...], aus der SPD aus. [Siegfried Berger hatte in seinen letzten Lebensjahren] seinen Frieden mit der SPD gemacht, aber eine Kooperation mit der ehemaligen SED blieb für ihn ein "Sündenfall"."<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> | :"Siegfried und Thea Berger blieben zeit ihres Lebens Sozialdemokraten. Es war allerdings für beide schwer zu ertragen, dass es seit [[1994]] zu Koalitionen zwischen der PDS und der SPD kam. Die PDS als Erbin der SED, vielfach noch mit ehemaligen SED-Politikern in Führungspositionen, war für ihn nicht akzeptabel [...]. Er empfand die Zusammenarbeit als Verrat an den Genossen/innen, die unter der SED-Diktatur für ihre SPD-Treue gestorben waren oder leiden mussten. Es war für ihn wie eine Ohrfeige, dass die antidemokratische SED-Nomenklatur nun ausgerechnet mit "seiner SPD" kooperierte. Deshalb traten beide Bergers in den 90er Jahren, nach über 40jähriger Mitgliedschaft [...], aus der SPD aus. [Siegfried Berger hatte in seinen letzten Lebensjahren] seinen Frieden mit der SPD gemacht, aber eine Kooperation mit der ehemaligen SED blieb für ihn ein "Sündenfall"."<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> | ||
Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte Siegfried Berger in einem Pflegeheim in Dänisch-Nienhof. Das Ehepaar hielt aber weiterhin Kontakt nach Kiel, unter anderen zu [[Rolf Fischer]] und [[Rosa Wallbaum]]. | |||
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In einem ausführlichen Artikel in den ''Kieler Nachrichten'' vom [[24. Dezember]] [[1994]] griff [[Rolf Fischer]] Siegfried Bergers Geschichte auf.<ref>Fischer, ''Workuta''</ref> Er erinnert sich an das Ehepaar als "ausgesprochen freundlich und ohne Eitelkeit" und gern bereit, von ihrer Vergangenheit zu sprechen.<ref>Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018</ref> | |||
[[Datei:Gedenktafel Siegfried Berger.jpg|thumb|right|200px|Gedenktafel Römerweg 40, Berlin-Karlshorst]]Am Haus Römerweg 40 in Berlin-Karlshorst, in dem er von [[1951]] bis zu seiner Verhaftung [[1953]] lebte, wurde nach seinem Tod eine Gedenktafel für Siegfried Berger angebracht.<ref>{{Wikipedia|NAME=Siegfried Berger (Bürgerrechtler)}}, abgerufen 20.12.2017</ref> | [[Datei:Gedenktafel Siegfried Berger.jpg|thumb|right|200px|Gedenktafel Römerweg 40, Berlin-Karlshorst]]Am Haus Römerweg 40 in Berlin-Karlshorst, in dem er von [[1951]] bis zu seiner Verhaftung [[1953]] lebte, wurde nach seinem Tod eine Gedenktafel für Siegfried Berger angebracht.<ref>{{Wikipedia|NAME=Siegfried Berger (Bürgerrechtler)}}, abgerufen 20.12.2017</ref> | ||
Am [[29. Januar]] [[2007]], seinem 5. Todestag, wurde die "Straße 244" in Berlin-Köpenick feierlich in "Siegfried-Berger-Straße" umbenannt.<ref>[https://berlin.kauperts.de/Strassen/Siegfried-Berger-Strasse-12557-Berlin Kauperts Straßenführer durch Berlin]</ref> | |||
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*''Wer war wer in der DDR?'' 5. Ausgabe, Band 1: [https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=222 ISK (Ilko-Sascha Kowalczuk): Siegfried Berger] (Onlineversion bei der Bundesstiftung Aufarbeitung, abgerufen 20.12.2017) | *''Wer war wer in der DDR?'' 5. Ausgabe, Band 1: [https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=222 ISK (Ilko-Sascha Kowalczuk): Siegfried Berger] (Onlineversion bei der Bundesstiftung Aufarbeitung, abgerufen 20.12.2017) | ||
*{{Wikipedia|NAME=Siegfried Berger (Bürgerrechtler)}} (Keine zusätzlichen Informationen gegenüber "Wer war wer ...") | *{{Wikipedia|NAME=Siegfried Berger (Bürgerrechtler)}} (Keine zusätzlichen Informationen gegenüber "Wer war wer ...") | ||
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Version vom 31. März 2018, 22:10 Uhr
| Siegfried Berger |
Karl Siegfried Berger, * 24. Juli 1918 in Sebnitz/Sachsen; † 29. Januar 2002 in Kiel; Ingenieur. 1953 einer der Streikführer des Volksaufstandes in der DDR. Zweimal verheiratet, ein Sohn. Mitglied der SPD seit 1948.
Werdegang
Siegfried Berger war der Sohn eines Metallarbeiters und Bäckers, der 1920 in die KPD eintrat. Er selbst lehnte die KPD ab[1] und gehörte in seiner Kindheit und Jugend sozialdemokratischen Organisationen an - der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, dem Arbeitersportverein, dem Arbeiter-Mandolinenbund und schließlich der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ). 1930 wechselte er mit einem Stipendium von der Versuchsschule auf die Höhere Versuchsschule Dresden. Nach einer Lehre als Elektro-Maschinenbauer arbeitete er im Sachsenwerk in Niedersedlitz.[2] Von 1938 bis 1940 studierte er an der Städtischen Ingenieurschule Dresden Maschinenbau.
Der Kriegsbeginn war für den 21-Jährigen ein Schock.[3] Nach Abschluss seines Studiums wurde er nach Kiel zur Kriegsmarine dienstverpflichtet, wo er ab Januar 1941 als Zivilingenieur Radargeräte erprobte.[4] Seine (erste) Frau folgte ihm im selben Jahr. Während eines Bombenangriffs erlitt sie 1942 eine Fehlgeburt, 1944 wurde der Sohn Falk in Kiel geboren.
Bei Kriegsende 1945 war die Familie in den Osten zurückgekehrt. Die amerikanischen Streitkräfte internierten den Zivilingenieur, entließen ihn aber bereits im Oktober.[5]
Wegen seines offenen Antikommunismus - so lehnte er die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED im April 1946 ab - erhielt er in Sachsen für kurze Zeit Arbeitsverbot[6], fand dann Arbeit als Fernmeldemonteur.[7] Ab November 1946 war er wieder als Ingenieur tätig, zuletzt im Sachsenwerk in Radeberg. Dort ging er auch 1947 in den Widerstand; er übernahm die Leitung einer - nach DDR-Gesetzen illegalen - sozialdemokratischen Gruppe, die ab 1948 vom Ostbüro der SPD geführt wurde; im selben Jahr wurde er als SPD-Mitglied im Bezirk Neukölln (West-Berlin) registriert.[8] Er transportierte Informationen, Bücher und Zeitschriften nach Dresden, stellte politische Kontakte her und versuchte, die SPD als Partei im Untergrund zu erhalten.[9]
Im September 1950 wechselte er als Entwicklungsingenieur, später Abteilungsleiter für Hochfrequenz-Industriesender ins RFT-Funkwerk Köpenick (Ost-Berlin), wo er seine Widerstandstätigkeit weiterführte. Das Ostbüro der SPD beschaffte ihm Funkgeräte und andere Logistik, die er in die DDR schmuggelte.[10]
Der 17. Juni und die Folgen
Beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 leitete Siegfried Berger die Streikversammlung im Funkwerk Köpenick, auf der er über den Rücktritt der DDR-Regierung, freie und geheime Wahlen und die Wiedervereinigung abstimmen ließ. Mit ihm stimmten etwa 2000 Funkwerker für Streik und Demonstration und zogen in Richtung Innenstadt.[11] Am 20. Juni wurde er verhaftet, am 2. Juli durch ein sowjetisches Militärtribunal zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt, von denen er ab Mai 1954 anderthalb Jahre im Arbeitslager Workuta/Sibirien verbüßte.
- "Weihnachten 1954 erlebt Siegfried Berger auf seinem Strohsack. Noch immer weiß er nichts von seiner Familie, für ihn und seine Mithäftlinge wird der Schein einer Kerze zum wahren Symbol ihrer Hoffnung auf Freiheit und Erlösung. Nur kurz treffen sich die Gefangenen, um an den Feiertagen an ihre Familien zu denken; im Schacht singen einige das Lied von der Stillen Nacht, geduldet von den Aufsehern. Die Pakete des Roten Kreuzes erinnern an die Außenwelt und an das "Fest der Liebe". Weihnachten in Workuta wird zu einer "inneren Feier" eines jeden einzelnen - Anlaß zur einsamen Besinnung. Denn die Gefangenen arbeiten auch an diesem Tag in drei Schichten. Der Tag beginnt um 5 Uhr mit dem obligatorischen Morgenappell, es gibt meist nasses Brot zum Frühstück, zum Mittag Kohlsuppe mit Fischköpfen, abends Grieß- oder Hirsebrei und immer wieder kaum genießbare Fische. Die Knochenarbeit dauert jeweils neun Tage, denen ein freier Tag folgt, der als wahrer Feiertag gilt."[12]
Im Oktober 1955 gehörte er zu denen, die nach erfolgreichen Verhandlungen der Bundesregierung in Moskau freigelassen wurden.[13] Er lebte zunächst in Westberlin. Als er erfuhr, dass ihm wegen der Arbeit für das Ostbüro der SPD die Verhaftung durch das Ministerium für Staatssicherheit drohte, ging er nicht in die DDR zurück.[14] Er zog nach Hamburg, später nach Kiel und arbeitete bis zum Ruhestand 1981 wieder als Ingenieur, zuletzt bei einer Firma für Schiffselektronik.
Die Wende erlebten Siegfried Berger und seine zweite Frau Thea Berger als ganz großes Ereignis[15]; sie besuchten auch ihre alte Heimat Sachsen. 1996 wurde Siegfried Berger von den russischen Behörden als "Opfer politischer Repression" rehabilitiert.[16]

Er war vor allem im Arbeitskreis der politischen Häftlinge in der SBZ/DDR in Kiel aktiv, außerdem bei den Juso 22. Das Ehepaar gehörte dem Ortsverein Schilksee an, übernahmen dort aber, so weit feststellbar, keine Funktionen; nur wenige GenossInnen erinnern sich noch an sie.[17]
- "Siegfried und Thea Berger blieben zeit ihres Lebens Sozialdemokraten. Es war allerdings für beide schwer zu ertragen, dass es seit 1994 zu Koalitionen zwischen der PDS und der SPD kam. Die PDS als Erbin der SED, vielfach noch mit ehemaligen SED-Politikern in Führungspositionen, war für ihn nicht akzeptabel [...]. Er empfand die Zusammenarbeit als Verrat an den Genossen/innen, die unter der SED-Diktatur für ihre SPD-Treue gestorben waren oder leiden mussten. Es war für ihn wie eine Ohrfeige, dass die antidemokratische SED-Nomenklatur nun ausgerechnet mit "seiner SPD" kooperierte. Deshalb traten beide Bergers in den 90er Jahren, nach über 40jähriger Mitgliedschaft [...], aus der SPD aus. [Siegfried Berger hatte in seinen letzten Lebensjahren] seinen Frieden mit der SPD gemacht, aber eine Kooperation mit der ehemaligen SED blieb für ihn ein "Sündenfall"."[18]
Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte Siegfried Berger in einem Pflegeheim in Dänisch-Nienhof. Das Ehepaar hielt aber weiterhin Kontakt nach Kiel, unter anderen zu Rolf Fischer und Rosa Wallbaum.
Ehrungen
In einem ausführlichen Artikel in den Kieler Nachrichten vom 24. Dezember 1994 griff Rolf Fischer Siegfried Bergers Geschichte auf.[19] Er erinnert sich an das Ehepaar als "ausgesprochen freundlich und ohne Eitelkeit" und gern bereit, von ihrer Vergangenheit zu sprechen.[20]

Am Haus Römerweg 40 in Berlin-Karlshorst, in dem er von 1951 bis zu seiner Verhaftung 1953 lebte, wurde nach seinem Tod eine Gedenktafel für Siegfried Berger angebracht.[21]
Am 29. Januar 2007, seinem 5. Todestag, wurde die "Straße 244" in Berlin-Köpenick feierlich in "Siegfried-Berger-Straße" umbenannt.[22]
Veröffentlichungen
- "Ich nehme das Urteil nicht an". Ein Berliner Streikführer des 17. Juni vor dem sowjetischen Militärtribunal (Berlin 2007, 4. durchges. Auflage), 978-3-934085-10-7
Literatur & Links
- Torsten Diedrich: Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni 1953 in der DDR (München 2003) ISBN=3-486-56735-7
- Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk, Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte (Bremen 2004) ISBN=3-86108-387-6
- Karl-Rudolf Fischer: So überlebten wir Workuta. Ein Kieler aus Sachsen erinnert sich an seine Internierung im Sowjet-Lager, Kieler Nachrichten, 24.12.1994
- Stefan Heym: Fünf Tage im Juni (Berlin 1989) ISBN=3-371-00244-6
- Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe, Band 1: ISK (Ilko-Sascha Kowalczuk): Siegfried Berger (Onlineversion bei der Bundesstiftung Aufarbeitung, abgerufen 20.12.2017)
- Wikipedia: Siegfried Berger (Bürgerrechtler) (Keine zusätzlichen Informationen gegenüber "Wer war wer ...")
Quellen
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Kauperts Straßenführer durch Berlin
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Kauperts Straßenführer durch Berlin
- ↑ Kowalczuk: Siegfried Berger
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Kauperts Straßenführer durch Berlin
- ↑ Gedenktage der Berliner SPD 2017, abgerufen 22.3.2018
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Kowalczuk: Siegfried Berger
- ↑ Kauperts Straßenführer durch Berlin
- ↑ Fischer: Workuta
- ↑ Kauperts Straßenführer durch Berlin
- ↑ Kowalczuk: Siegfried Berger
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Siehe Gedenktafel.
- ↑ Nach Auskunft der OV-Vorsitzenden Gesine Stück, die sich bei älteren Mitgliedern umgehört hatte, von Ende 2017.
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Fischer, Workuta
- ↑ Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
- ↑ Wikipedia: Siegfried Berger (Bürgerrechtler), abgerufen 20.12.2017
- ↑ Kauperts Straßenführer durch Berlin

