Siegfried Berger

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Siegfried Berger
Siegfried Berger
Geboren: 24. Juli 1918
Gestorben: 19. Januar 2002

Karl Siegfried Berger, * 24. Juli 1918 in Sebnitz/Sachsen; † 29. Januar 2002 in Kiel; Ingenieur. 1953 einer der Streikführer des Volksaufstandes in der DDR. Zweimal verheiratet, ein Sohn. Mitglied der SPD seit 1948.

Werdegang

Siegfried Berger war der Sohn eines Metallarbeiters und Bäckers, der 1920 in die KPD eintrat. Er selbst lehnte die KPD ab[1] und gehörte in seiner Kindheit und Jugend sozialdemokratischen Organisationen an - der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, dem Arbeitersportverein, dem Arbeiter-Mandolinenbund und schließlich der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ). 1930 wechselte er mit einem Stipendium von der Versuchsschule auf die Höhere Versuchsschule Dresden. Nach einer Lehre als Elektro-Maschinenbauer arbeitete er im Sachsenwerk in Niedersedlitz.[2] Von 1938 bis 1940 studierte er an der Städtischen Ingenieurschule Dresden Maschinenbau.

Der Kriegsbeginn war für den 21-Jährigen ein Schock.[3] Nach Abschluss seines Studiums wurde er nach Kiel zur Kriegsmarine dienstverpflichtet, wo er ab Januar 1941 als Zivilingenieur Radargeräte erprobte.[4] Seine (erste) Frau folgte ihm im selben Jahr. Während eines Bombenangriffs erlitt sie 1942 eine Fehlgeburt, 1944 wurde der Sohn Falk in Kiel geboren.

Bei Kriegsende 1945 war die Familie in den Osten zurückgekehrt. Die amerikanischen Streitkräfte internierten den Zivilingenieur, entließen ihn aber bereits im Oktober.[5]

Wegen seines offenen Antikommunismus - so lehnte er die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED im April 1946 ab - erhielt er in Sachsen für kurze Zeit Arbeitsverbot[6], fand dann Arbeit als Fernmeldemonteur.[7] Ab November 1946 war er wieder als Ingenieur tätig, zuletzt im Sachsenwerk in Radeberg. Dort ging er auch 1947 in den Widerstand; er übernahm die Leitung einer - nach DDR-Gesetzen illegalen - sozialdemokratischen Gruppe, die ab 1948 vom Ostbüro der SPD geführt wurde; im selben Jahr wurde er als SPD-Mitglied im Bezirk Neukölln (West-Berlin) registriert.[8] Er transportierte Informationen, Bücher und Zeitschriften nach Dresden, stellte politische Kontakte her und versuchte, die SPD als Partei im Untergrund zu erhalten.[9]

Im September 1950 wechselte er als Entwicklungsingenieur, später Abteilungsleiter für Hochfrequenz-Industriesender ins RFT-Funkwerk Köpenick (Ost-Berlin), wo er seine Widerstandstätigkeit weiterführte. Das Ostbüro der SPD beschaffte ihm Funkgeräte und andere Logistik, die er in die DDR schmuggelte.[10]

Der 17. Juni und die Folgen

Beim Volksaufstand in der DDR leitete Siegfried Berger die Streikversammlung in seinem Betrieb:

"Am 17. Juni 1953 treffen sich über 2000 Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Hof des 'RFT-Funkwerkes Köpenick' zu einer außerordentlichen Betriebsversammlung, auf der über Streikmaßnahmen entschieden werden soll. Siegfried Berger, Ingenieur und Gewerkschafter, leitet die Versammlung und formuliert drei Parolen: 'Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen, für die deutsche Einheit'. Die große Mehrheit stimmt für den Streik. Berger übernimmt die Streikleitung und führt den Zug von Köpenick in Richtung Regierungsviertel. Schüsse fallen, es gibt Verletzte, der sowjetische Militärkommandant von Ost-Berlin verhängt am selben Tag um 13 Uhr den Ausnahmezustand."[11]

Am 20. Juni wurde er verhaftet und durch ein sowjetisches Militärtribunal,

"ohne Verteidiger und unter Ausschluß der Öffentlichkeit, wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Aufforderung zum Sturz der Regierung und Gruppenbildung zu sieben Jahren Zwangsarbeit und Einzug des Vermögens [verurteilt]. Siegfried Berger unterschreibt trotz heftigen und monatelangen Drucks seitens der Sowjets das Urteil nicht, sondern setzt schließlich den Satz 'Ich nehme das Urteil nicht an' unter das Dokument."[12]

Im Mai 1954, noch in den Kleidern, in denen er ein Jahr zuvor verhaftet worden war[13], erreichte Siegfried Berger mit einem Gefangenentransport das berüchtigte Arbeitslager Workuta/Sibirien am Polarkreis. Er hatte das Glück, nicht im Bergbau unter Tage arbeiten zu müssen, sondern wurde beim Hausbau oder in einer Zementfabrik eingesetzt - bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad Celsius auch keine gesundheitsfördernde Tätigkeit. Schikanen, Diebstähle, Gewalt und Tod waren Teil des Lageralltags; andererseits fand Siegfried Berger einen Kreis von Menschen, die sich gegenseitig stützten, Solidarität übten und so das Überleben so gut wie möglich sicherten.

"Weihnachten 1954 erlebt Siegfried Berger auf seinem Strohsack. Noch immer weiß er nichts von seiner Familie, für ihn und seine Mithäftlinge wird der Schein einer Kerze zum wahren Symbol ihrer Hoffnung auf Freiheit und Erlösung. Nur kurz treffen sich die Gefangenen, um an den Feiertagen an ihre Familien zu denken; im Schacht singen einige das Lied von der Stillen Nacht, geduldet von den Aufsehern. Die Pakete des Roten Kreuzes erinnern an die Außenwelt und an das "Fest der Liebe". Weihnachten in Workuta wird zu einer "inneren Feier" eines jeden einzelnen - Anlaß zur einsamen Besinnung. Denn die Gefangenen arbeiten auch an diesem Tag in drei Schichten. Der Tag beginnt um 5 Uhr mit dem obligatorischen Morgenappell, es gibt meist nasses Brot zum Frühstück, zum Mittag Kohlsuppe mit Fischköpfen, abends Grieß- oder Hirsebrei und immer wieder kaum genießbare Fische. Die Knochenarbeit dauert jeweils neun Tage, denen ein freier Tag folgt, der als wahrer Feiertag gilt."[14]

Im Oktober 1955 wurde Siegfried Bergers Urteil aufgehoben, er wurde nach Ost-Berlin zurückgeschickt.[15] Die leichte Liberalisierung der sowjetischen Politik seit Stalins Tod 1953 und auch die erfolgreichen Verhandlungen der Bundesregierung zur Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen wirkten sich auch für ihn positiv aus. Als er erfuhr, dass ihm wegen der Arbeit für das Ostbüro der SPD die Verhaftung durch das Ministerium für Staatssicherheit drohte, entschied er sich, die DDR zu verlassen.[16] Am 16. Oktober traf er in West-Berlin ein.Von dort zog er nach Hamburg, später nach Kiel und arbeitete bis zum Ruhestand 1981 wieder als Ingenieur, zuletzt bei einer Firma für Schiffsfunkelektronik.[17]

Die Wende erlebten Siegfried Berger und seine zweite Frau Thea Berger als "ein ganz großes Erlebnis. Wir waren allerdings erschüttert darüber, wie grbrochen die Menschen da drüben waren."[18] Sie besuchten auch ihre alte Heimat Sachsen. 1996 wurde Siegfried Berger von den russischen Behörden als "Opfer politischer Repression" rehabilitiert.[19] In einem Artikel für die Kieler Nachrichten vom 24. Dezember 1994 griff Rolf Fischer seine Geschichte auf.[20] Er erinnert sich an das Ehepaar als "ausgesprochen freundlich und ohne Eitelkeit" und gern bereit, von ihrer Vergangenheit zu sprechen.[21]

Treffen Juso 22 Oktober 1995. V.l. Thea Wind, Rolf Fischer, Siegfried Berger und Liesel Hofer

Er war vor allem im Arbeitskreis der politischen Häftlinge in der SBZ/DDR in Kiel aktiv, außerdem bei den Juso 22. Das Ehepaar gehörte dem Ortsverein Schilksee an, übernahmen dort aber, so weit feststellbar, keine Funktionen; nur wenige GenossInnen erinnern sich noch an sie.[22]

"Siegfried und Thea Berger blieben zeit ihres Lebens Sozialdemokraten. Es war allerdings für beide schwer zu ertragen, dass es seit 1994 zu Koalitionen zwischen der PDS und der SPD kam. Die PDS als Erbin der SED, vielfach noch mit ehemaligen SED-Politikern in Führungspositionen, war für ihn nicht akzeptabel [...]. Er empfand die Zusammenarbeit als Verrat an den Genossen/innen, die unter der SED-Diktatur für ihre SPD-Treue gestorben waren oder leiden mussten. Es war für ihn wie eine Ohrfeige, dass die antidemokratische SED-Nomenklatur nun ausgerechnet mit "seiner SPD" kooperierte. Deshalb traten beide Bergers in den 90er Jahren, nach über 40jähriger Mitgliedschaft [...], aus der SPD aus. [Siegfried Berger hatte in seinen letzten Lebensjahren] seinen Frieden mit der SPD gemacht, aber eine Kooperation mit der ehemaligen SED blieb für ihn ein "Sündenfall"."[23]

Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte Siegfried Berger in einem Pflegeheim in Dänisch-Nienhof. Das Ehepaar hielt aber weiterhin Kontakt nach Kiel, unter anderen zu Rolf Fischer und Rosa Wallbaum.

Ehrungen

Gedenktafel Römerweg 40, Berlin-Karlshorst

Am Haus Römerweg 40 in Berlin-Karlshorst, in dem er von 1951 bis zu seiner Verhaftung 1953 lebte, wurde nach seinem Tod eine Gedenktafel für Siegfried Berger angebracht.[24]

Am 29. Januar 2007, seinem 5. Todestag, wurde die "Straße 244" in Berlin-Köpenick feierlich in "Siegfried-Berger-Straße" umbenannt.[25]

Veröffentlichungen

  • "Ich nehme das Urteil nicht an". Ein Berliner Streikführer des 17. Juni vor dem sowjetischen Militärtribunal (Berlin 2007, 4. durchges. Auflage), 978-3-934085-10-7

Literatur & Links

  • Torsten Diedrich: Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni 1953 in der DDR (München 2003) ISBN=3-486-56735-7
  • Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk, Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte (Bremen 2004) ISBN=3-86108-387-6
  • Karl-Rudolf Fischer: So überlebten wir Workuta. Ein Kieler aus Sachsen erinnert sich an seine Internierung im Sowjet-Lager, Kieler Nachrichten, 24.12.1994
  • Stefan Heym: Fünf Tage im Juni (Berlin 1989) ISBN=3-371-00244-6
  • Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe, Band 1: ISK (Ilko-Sascha Kowalczuk): Siegfried Berger (Onlineversion bei der Bundesstiftung Aufarbeitung, abgerufen 20.12.2017)
  • Wikipedia: Siegfried Berger (Bürgerrechtler) (Keine zusätzlichen Informationen gegenüber "Wer war wer ...")

Quellen

  1. Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
  2. Kauperts Straßenführer durch Berlin
  3. Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
  4. Kauperts Straßenführer durch Berlin
  5. Kowalczuk: Siegfried Berger
  6. Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
  7. Kauperts Straßenführer durch Berlin
  8. Gedenktage der Berliner SPD 2017, abgerufen 22.3.2018
  9. Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
  10. Kowalczuk: Siegfried Berger
  11. Fischer: Workuta
  12. Fischer: Workuta
  13. Fischer, Workuta
  14. Fischer: Workuta
  15. Kauperts Straßenführer durch Berlin
  16. Kowalczuk: Siegfried Berger
  17. Fischer: Workuta, Kasten Bergers Weg an die Förde
  18. Fischer: Workuta, Kasten Bergers Weg an die Förde
  19. Siehe Gedenktafel.
  20. Fischer, Workuta
  21. Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
  22. So die Auskunft der OV-Vorsitzenden Gesine Stück, die sich bei älteren Mitgliedern erkundigt hatte, von Ende 2017.
  23. Mitteilung von Rolf Fischer, eMail vom 17.3.2018
  24. Wikipedia: Siegfried Berger (Bürgerrechtler), abgerufen 20.12.2017
  25. Kauperts Straßenführer durch Berlin