Juso 22: Unterschied zwischen den Versionen

Aus SPD Geschichtswerkstatt
 
(10 dazwischenliegende Versionen von 5 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
'''Juso 22''' nannte sich eine informelle Gruppe, den Arbeitskreisen vergleichbar, innerhalb der Kieler SPD. Sie traf sich ab [[1972]] zu monatlichen Gesprächen, oft mit führenden LandespolitikerInnen, sowie zu jährlichen Tagungen um Himmelfahrt in der [[Gustav-Heinemann-Bildungsstätte]].  
+
[[Datei:Juso 22 Treffen.jpg|thumb|right|300p|Juso-22-Treffen im Oktober 1995, v.l. [[Thea Wind]], [[Rolf Fischer]] (Gast), [[Siegfried Berger]], [[Liesel Hofer]].]]'''Juso 22''' nannte sich eine informelle Gruppe, den Arbeitskreisen vergleichbar, innerhalb der [[Kreisverband Kiel|Kieler SPD]]. Sie traf sich ab [[1972]] zu monatlichen Gesprächen, oft mit führenden LandespolitikerInnen, sowie zu jährlichen Tagungen um Himmelfahrt in der [[Gustav-Heinemann-Bildungsstätte]] in Malente.  
  
 +
== Mitglieder ==
 +
Juso 22 bestand aus SPD-Mitgliedern, die alle bereits vor [[1933]] in der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Kieler Arbeiterjugend]] bzw. bei den Falken aktiv gewesen waren. Am ersten Treffen in Malente nahmen 59 von ihnen teil. [[1975]] umfasste die Mitgliederliste ca. 150 Namen. Zu den Gründungsmitgliedern der Juso 22 zählten u.a. [[Albert Witte]], der bis zu seinem Tod mit 98 Jahren Vorsitzender war, [[Hans Adam|Hans]] und [[Else Meitmann|Else Adam]], [[Emil Bandholz]], [[Julius Bredenbeck]], [[Dolly Franke]], [[Bernhard Jansen]], [[August Rathmann]], [[Karl Rickers]], [[Martha Riedl]], [[Rosa Wallbaum]], [[Hans Wind|Hans und Thea Wind]]. Mit [[Frieda Bendfeldt]], [[Otto Engel]], [[Kurt Engert]], [[Ida Hinz]], [[Alfred Jung|Alfred]] und [[Magda Jung]], [[Luise Puls]], [[Kurt Salau]], [[Gustav Schatz]], [[Walter Schütze]], [[Bruno Vanini]], [[Siegfried Wurbs]] - um nur einige zu nennen - gehörten viele namhafte Mitglieder der Kieler SPD der Gruppe an.
  
Die Juso 22 waren SPD-Mitglieder, die ursprünglich alle bereits vor 1933 in der Kieler  Arbeiterjugend bzw. bei den Falken aktiv gewesen sind. 1972 nahmen am ersten Treffen in der Heinemann-Bildungsstätte in Malente 59 ehemalige Jusos teil. 1975 umfasste die Mitgliederliste ca. 150 Namen. Zu den Gründungsmitgliedern der Juso 22 zählten u.a.[[Albert Witte]], [[Dr. Hans Adam]], [[Rosa Wallbaum]], [[Emil Bandholz]], [[Julius Bredenbeck]], [[August Rathmann]], [[Dolly Franke]], [[Karl Rickers]], Bernhard Jansen. Mit Frida Bendfeld, [[Otto Engel]], Kurt Engert, [[Ida Hinz]],  Alfred und Magda Jung, Luise Puls, Kurt Salau, Walter Schütze, [[Bruno Vanini]], [[Gustav Schatz]] und[[Siegfried Wurbs]] u.v.a. gehörten viele namhafte Kieler SPD Mitglieder zu den Juso 22.
+
Waren es ursprünglich vor allem Mitglieder, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden, nahm man im Laufe der Jahre auch Seniorinnen und Senioren auf, die aus Altersgründen erst nach 1945 politisch aktiv geworden waren. Bis in die 90er Jahre trafen sich die Juso 22, deren Zahl altersbedingt immer kleiner wurde, regelmäßig zu Diskussions- und Vortragsnachmittagen - meist im Sportheim der [[Arbeitersport in Kiel#Neubeginn 1945|FT Adler]].<ref>Unterlagen im Privatarchiv Jürgen Weber</ref>
Waren es ursprünglich vor allem Mitglieder, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden, nahm man im Laufe der Jahre auch Seniorinnen und Senioren auf, die aus Altersgründen erst nach 1945 politisch aktiv geworden waren. Bis in die 90er Jahre trafen sich die Juso 22, deren Zahl altersbedingt immer kleiner wurde, regelmäßig zu Diskussions- und Vortrtagsnachmittagen - meist im Sportheim der [[FT Adler]] . <ref> Unterlagen im Privatarchiv Jürgen Weber</ref>
 
Die Juso 22 knüpften an eine Ausrichtung der Kieler Jusos vor 1933, die sich dadurch ausgezeichnet hatte, dass sie sehr viel stärker die politische Bildung in den Mittelpunkt stellte, als das gemeinhin in der Arbeiterjugend der Fall war. <ref>Susanne Kalweit (Hrsg.): ''Ich hab' mich niemals arm gefühlt. Die Kielerin Rosa Wallbaum berichtet aus ihrem Leben'' (Berlin/Hamburg 2010), S. 165</ref> Als ein Faktor dafür wird zum einen das ehrenamtliche Engagement fähiger Lehrer genannt, insbesondere von [[Wilhelm Kuklinski]], dem späteren schleswig-holsteinischen Kultusminister. <ref>Susanne Kalweit (Hrsg.): ''Ich hab' mich niemals arm gefühlt. Die Kielerin Rosa Wallbaum berichtet aus ihrem Leben'' (Berlin/Hamburg 2010), S. 166</ref>. Zum anderen waren es die Bildungsabende und Vorträge fortschrittlicher Kieler Wissenschaftler wie Radbruch, Heimann, Löwe u.a., die diese Jusos stark geprägt hatten.
 
  
Schon in den 50er Jahren hatte [[Albert Witte]] Versuche unternommen, enemalige Jusos wieder zusammenzubringen. 1952 organisierte er ein Treffen zum 50.Jahrestag des "Jahrgangs um 1902". Offenbar fanden auch danach wseitere Treffen statt. So berichtet die Presse nach der verlorenen [[Landtagswahl 1971]]:  
+
== Ziele ==
 +
Die Juso 22 knüpften an die Ausrichtung der [[Jusos Kiel|Kieler Jusos]] vor [[1933]] an, die sich dadurch ausgezeichnet hatten, dass sie sehr viel stärker die politische Bildung in den Mittelpunkt stellten, als das gemeinhin in der Arbeiterjugend der Fall war.<ref>Susanne Kalweit (Hrsg.): ''Ich hab' mich niemals arm gefühlt. Die Kielerin Rosa Wallbaum berichtet aus ihrem Leben'' (Berlin/Hamburg 2010), S. 165</ref> Als ein Faktor dafür wird zum einen das ehrenamtliche Engagement fähiger Lehrer genannt, insbesondere von [[Wilhelm Kuklinski]], dem späteren schleswig-holsteinischen Kultusminister, [[August Rathmann]] und anderen. Dazu kamen die Bildungsabende und Vorträge fortschrittlicher Kieler Wissenschaftler wie [[Gustav Radbruch]], [[Hermann Heller]], [[Adolf Löwe]], [[Alfred Meusel]], [[Paul Hermberg]], [[Gerhard Colm]] u.a., die diese Jusos stark geprägt hatten. [[Karl Rickers]] schreibt dazu:
 +
: "Wahrscheinlich entwickelte sich gerade diese Verbindung einer Intelligenzschicht jugendlicher Arbeiter mit Wissenschaftlern zu einem politischen Element von geistiger Tragkraft. So empfinden wir es heute [ca. 1985] noch, wir alt gewordenen Jungsozialisten der zwanziger Jahre, von denen sich in Kiel immer noch an die fünfzig mehrmals im Jahr im [[Eduard Adler|Eduard-Adler-Heim]] treffen. Diese Zusammenkünfte sind keine Erinnerungstreffen und weitab von einer Stammtischmentalität. Wenn sich hier etwas von damals bis heute fortsetzt, dann ist es das unveränderte Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen."<ref>Karl Rickers: ''Erlebte Weimarer Republik. Erinnerungen eines Kielers aus den Jahren zwischen 1918 und 1933''. In: Rainer Paetau/Holger Rüdel (Hrsg.): ''Arbeiter und Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein im 19. und 20. Jahrhundert'' (Neumünster 1987) ISBN 3-529-02913-2, S. 347-364, hier: S. 350 f.</ref>
  
: "Mehr als 60 ehemalige Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend- und [[Arbeitersport]]-Organisationen der zwanziger Jahre, darunter 14 amtierende und ehemalige Ratsherren [und Ratsherrinnen, skw] und Stadträte trafen sich [...], um über die Situation der SPD nach den Landtagswahlen zu diskutieren."
+
Schon in den 50er Jahren hatte [[Albert Witte]] Versuche unternommen, ehemalige Jusos wieder zusammenzubringen. [[1952]] organisierte er ein Treffen zum 50. Jahrestag des "Jahrgangs um [[1902]]". Damals waren auch [[Andreas Gayk]], [[Otto Engel]], [[Otto Voss]] und andere beteiligt.
  
Es sprachen unter anderen [[Karl Rickers]] und Oberbürgermeister [[Günther Bantzer]]. Man kam überein, "die Aktivität der älteren Parteimitglieder zu verstärken" sowie "den Parteidelegierten zu empfehlen, den Oberbürgermeister der Stadt Kiel, [[Günther Bantzer]], in den Vorstand des Landesverbandes zu wählen."<ref>Alle Zitate ''Kieler Nachrichten'', 12.6.1971</ref>
+
Offenbar fanden auch danach weitere Treffen statt. So berichtet die Presse nach der verlorenen [[Landtagswahl 1971]]:
 +
: "Mehr als 60 ehemalige Mitglieder der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiterjugend-]] und [[Arbeitersport]]-Organisationen der zwanziger Jahre, darunter 14 amtierende und ehemalige Ratsherren [und Ratsherrinnen] und Stadträte trafen sich [...], um über die Situation der SPD nach den Landtagswahlen zu diskutieren."
 +
Es sprachen unter anderen [[Karl Rickers]] und Oberbürgermeister [[Günther Bantzer]]. Man kam überein, "die Aktivität der älteren Parteimitglieder zu verstärken" sowie "den Parteidelegierten zu empfehlen, den Oberbürgermeister der Stadt Kiel, Günther Bantzer, in den Vorstand des Landesverbandes zu wählen."<ref>Alle Zitate ''Kieler Nachrichten'', 12.6.1971</ref>
  
 
== Quellen ==
 
== Quellen ==
Zeile 18: Zeile 22:
 
[[Kategorie:Arbeitskreis]]
 
[[Kategorie:Arbeitskreis]]
 
[[Kategorie:Kreisverband Kiel]]
 
[[Kategorie:Kreisverband Kiel]]
[[Kategorie:SAJ]]
+
[[Kategorie:Parteijugend]]

Aktuelle Version vom 21. März 2020, 13:37 Uhr

Juso-22-Treffen im Oktober 1995, v.l. Thea Wind, Rolf Fischer (Gast), Siegfried Berger, Liesel Hofer.

Juso 22 nannte sich eine informelle Gruppe, den Arbeitskreisen vergleichbar, innerhalb der Kieler SPD. Sie traf sich ab 1972 zu monatlichen Gesprächen, oft mit führenden LandespolitikerInnen, sowie zu jährlichen Tagungen um Himmelfahrt in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente.

Mitglieder

Juso 22 bestand aus SPD-Mitgliedern, die alle bereits vor 1933 in der Kieler Arbeiterjugend bzw. bei den Falken aktiv gewesen waren. Am ersten Treffen in Malente nahmen 59 von ihnen teil. 1975 umfasste die Mitgliederliste ca. 150 Namen. Zu den Gründungsmitgliedern der Juso 22 zählten u.a. Albert Witte, der bis zu seinem Tod mit 98 Jahren Vorsitzender war, Hans und Else Adam, Emil Bandholz, Julius Bredenbeck, Dolly Franke, Bernhard Jansen, August Rathmann, Karl Rickers, Martha Riedl, Rosa Wallbaum, Hans und Thea Wind. Mit Frieda Bendfeldt, Otto Engel, Kurt Engert, Ida Hinz, Alfred und Magda Jung, Luise Puls, Kurt Salau, Gustav Schatz, Walter Schütze, Bruno Vanini, Siegfried Wurbs - um nur einige zu nennen - gehörten viele namhafte Mitglieder der Kieler SPD der Gruppe an.

Waren es ursprünglich vor allem Mitglieder, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden, nahm man im Laufe der Jahre auch Seniorinnen und Senioren auf, die aus Altersgründen erst nach 1945 politisch aktiv geworden waren. Bis in die 90er Jahre trafen sich die Juso 22, deren Zahl altersbedingt immer kleiner wurde, regelmäßig zu Diskussions- und Vortragsnachmittagen - meist im Sportheim der FT Adler.[1]

Ziele

Die Juso 22 knüpften an die Ausrichtung der Kieler Jusos vor 1933 an, die sich dadurch ausgezeichnet hatten, dass sie sehr viel stärker die politische Bildung in den Mittelpunkt stellten, als das gemeinhin in der Arbeiterjugend der Fall war.[2] Als ein Faktor dafür wird zum einen das ehrenamtliche Engagement fähiger Lehrer genannt, insbesondere von Wilhelm Kuklinski, dem späteren schleswig-holsteinischen Kultusminister, August Rathmann und anderen. Dazu kamen die Bildungsabende und Vorträge fortschrittlicher Kieler Wissenschaftler wie Gustav Radbruch, Hermann Heller, Adolf Löwe, Alfred Meusel, Paul Hermberg, Gerhard Colm u.a., die diese Jusos stark geprägt hatten. Karl Rickers schreibt dazu:

"Wahrscheinlich entwickelte sich gerade diese Verbindung einer Intelligenzschicht jugendlicher Arbeiter mit Wissenschaftlern zu einem politischen Element von geistiger Tragkraft. So empfinden wir es heute [ca. 1985] noch, wir alt gewordenen Jungsozialisten der zwanziger Jahre, von denen sich in Kiel immer noch an die fünfzig mehrmals im Jahr im Eduard-Adler-Heim treffen. Diese Zusammenkünfte sind keine Erinnerungstreffen und weitab von einer Stammtischmentalität. Wenn sich hier etwas von damals bis heute fortsetzt, dann ist es das unveränderte Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen."[3]

Schon in den 50er Jahren hatte Albert Witte Versuche unternommen, ehemalige Jusos wieder zusammenzubringen. 1952 organisierte er ein Treffen zum 50. Jahrestag des "Jahrgangs um 1902". Damals waren auch Andreas Gayk, Otto Engel, Otto Voss und andere beteiligt.

Offenbar fanden auch danach weitere Treffen statt. So berichtet die Presse nach der verlorenen Landtagswahl 1971:

"Mehr als 60 ehemalige Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend- und Arbeitersport-Organisationen der zwanziger Jahre, darunter 14 amtierende und ehemalige Ratsherren [und Ratsherrinnen] und Stadträte trafen sich [...], um über die Situation der SPD nach den Landtagswahlen zu diskutieren."

Es sprachen unter anderen Karl Rickers und Oberbürgermeister Günther Bantzer. Man kam überein, "die Aktivität der älteren Parteimitglieder zu verstärken" sowie "den Parteidelegierten zu empfehlen, den Oberbürgermeister der Stadt Kiel, Günther Bantzer, in den Vorstand des Landesverbandes zu wählen."[4]

Quellen

  1. Unterlagen im Privatarchiv Jürgen Weber
  2. Susanne Kalweit (Hrsg.): Ich hab' mich niemals arm gefühlt. Die Kielerin Rosa Wallbaum berichtet aus ihrem Leben (Berlin/Hamburg 2010), S. 165
  3. Karl Rickers: Erlebte Weimarer Republik. Erinnerungen eines Kielers aus den Jahren zwischen 1918 und 1933. In: Rainer Paetau/Holger Rüdel (Hrsg.): Arbeiter und Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein im 19. und 20. Jahrhundert (Neumünster 1987) ISBN 3-529-02913-2, S. 347-364, hier: S. 350 f.
  4. Alle Zitate Kieler Nachrichten, 12.6.1971