Wohnen und Bauen
Wohnen und Bauen ist seit jeher eines der Kernthemen der Sozialdemokratie. Es umfasst nicht alleine Fragen des individuellen Wohnens, sondern auch des Zusammenlebens und der Stadtentwicklung.
Deutsches Reich
In der absoluten Frühphase der Sozialdemokratie spielte das Wohnen als eigener Programmpunkt noch keine direkte Rolle.[1] Denn man sah das Wohnungselend der Arbeiter als direktes Resultat der Ausbeutung. Schleswig-Holstein war zunächst noch komplett agrarisch geprägt und äußerst kleinteilig organisiert, in Ämtern, Kirchspielen und Gütern. Für die jeweils vor Ort Herrschenden gab es wenig Motivation, die Verwaltung zu modernisieren, weil jede Änderung sehr wahrscheinlich eine stärkere Einbindung ins dänische Königreich bedeutet hätte. So herrschten gerade die Gutsbesitzer im Osten ziemlich absolut. Sie waren für die Menschen auf ihren Gütern Chef der Verwaltung, Richter, Arbeitgeber und Vermieter - auch nach Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1804.
Landflucht
Viele Arbeitsverhältnisse richteten sich nach der "Gesindeordnung", die in Schleswig-Holstein von 1840 bis 1918 gültig war. Sie regelte die Rechte und Pflichten des Dienstpersonals und der "Herrschaft". Das Personal war verpflichtet, seine Arbeitskraft uneingeschränkt zu vermieten, gehörte zum Haushalt der "Herrschaft" und stand somit in einem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis. Über Arbeitszeiten, private Beziehungen und vieles andere entschied die "Herrschaft".
Die Bezahlung erfolgte größtenteils in Naturalien - Unterkunft und Verpflegung, auch Deputaten, aber wenig Bargeld. Arbeit in Fabriken war dagegen attraktiv - dort gab es immerhin feste Arbeitszeiten und eine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Höhere Löhne und eine Demokratisierung der Gesellschaft sollten es dem Arbeiter ermöglichen, sich selbst besser zu versorgen. Arbeit sollte nicht mehr länger in Naturalien bezahlt werden. Damit die Menschen sich aus dieser mehrfachen Abhängigkeit befreien zu können.

Mit der Entlassung aus der Leibeigenschaft war es den Menschen möglich, ohne Erlaubnis ihres Herrn zu heiraten und Familien zu gründen. Das führte zu einem Bevölkerungswachstum. Da die Arbeitsplätze in Landwirtschaft und Handwerk jedoch nicht mehr wurden, gab es mehr arme Menschen. Ihre Versorgung von Ort zu Ort war unterschiedlich organisiert - in Städten funktionierte sie oft besser als auf dem Dorf. So zogen vermehrt Menschen ohne Arbeit in die Städte.[2]
Wachstum der Städte
Nach der Annektion Schleswig-Holsteins durch Preußen und die Gründung des Deutsches Reichs wurde das Land modernisiert. Die ersten befestigten Straßen und Bahnlinien verbanden alle Teile des Landes und verkürzten die Reisezeiten. Der Nord-Ostsee-Kanal wurde gebaut - all das natürlich von Arbeiterinnen und Arbeitern. Es lohnte sich für Unternehmer Fabriken zu gründen. Die Industrialisierung erreichte Schleswig-Holstein. Sie braucht Arbeiterinnen und Arbeiter. Und die mussten irgendwo Wohnen - auch wenn es den Alteingesessenen nicht gefiel.

Ab 1838 war Neumünster eine dänische Zollenklave und profitierte von dänischen Schutzzöllen.[3] Bereits 1824 schaffte die Tuchfabrik Renck die erste englische Dampfmaschine an. 150 Arbeiter gab es alleine hier, bei kaum mehr als 3000 Einwohnern. 1848 gab es 62 Tuchfabriken mit 800 Arbeitern und langsam entwickelte sich auch eine Maschinenindustrie.[3] 1862 hatte Neumünster 7.000 Einwohner und 82 Fabriken und Manufakturen.[4] 1870 hatte Neumünster rund 8.500 Einwohner und war damit so weit gewachsen, dass es das Stadtrecht bekam. Die Zahl der Einwohner stieg weiter von 11.600 im Jahr 1880 auf 22.400 im Jahr 1895. 1910 hatte Neumünster ca. 35.000 Einwohner.

Das 19. Jahrhundert markierte auch für Kiel eine Ära des beispiellosen Wachstums: Während 1803 lediglich 7.075 Menschen in der Stadt lebten, stieg diese Zahl bis 1885 bereits auf 52.000 an. Die Schwelle zur Großstadt wurde im Jahr 1900 mit dem Überschreiten der 100.000-Einwohner-Marke erreicht. Nur ein Jahrzehnt später, im Jahr 1910, hatte sich diese Zahl mit 212.000 Bürgern bereits mehr als verdoppelt. Dieser enorme Zuwachs resultierte zwar teilweise aus Eingemeindungen, war jedoch in erster Linie die Folge der massiven Marineansiedlung für den "Reichskriegshafen" und des damit verbundenen wirtschaftlichen Booms in der Werftindustrie.

Auch Lübeck wuchs von 1812 22.772 Einwohner zunächst langsam auf 26.672 1857 und dann schneller. Im Jahr 1900 hat Lübeck bereits 82.098 Einwohner. 1912 hat Lübeck über 100.000 Einwohner und wird Großstadt.
So wie Neumünster, Kiel und Lübeck ging es auch in den anderen Städten in Schleswig-Holstein. Hamburg und die Umlandgemeinden wie Altona, Ottensen, Wandsbek usw. wuchsen immer mehr zusammen.
Der enorme Einwohnerzuwachs führte zu einem massiven Wohnungsmangel, der es Vermietern ermöglichte, einseitig höhere Mieten durchzusetzen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter mussten akzeptieren, was ihnen geboten wurde.
Wohnen als öffentlichen Daseinsvorsorge
Kommunalpolitik stand in den ersten Jahrzehnten des Bestehens der SPD nicht auf dem Plan. Man arbeitete auf die große, sozialistische Revolution hin. Außerdem machte es das preußische Wahlrecht schwer für arme Menschen überhaupt in Gemeindevertretungen gewählt zu werden. Doch immer wieder gelang es Sozialdemokraten doch und es stellte sich die Frage, was die Arbeiterbewegung daraus macht.
So beauftragte der Provinzialparteitag 1899 ein erstes Wahlprogramm für die Kommunalwahl 1901. Es definierte das Wohnen als Kernaufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge, um die Wohnungsnot und das Elend der Mietskasernen durch eine aktive staatliche und kommunale Steuerung zu brechen. Auf Reichsebene forderte die Partei ein einheitliches Wohnungsgesetz, ein zentrales Reichswohnungsamt sowie eine Reform des Mietrechts, während den Gemeinden die gesetzliche Pflicht zur "Wohnungsfürsorge" und ein erweitertes Enteignungsrecht eingeräumt werden sollte, um Bodenspekulation wirksam zu bekämpfen.[5]
Bodenpolitik
Im Zentrum der kommunalen Strategie stand eine radikale Boden- und Baupolitik: Die Gemeinden sollten systematisch Grundstücke erwerben, den Verkauf von Bauland an Private stoppen und stattdessen in eigener Regie oder über gemeinnützige Gesellschaften gesunden, preiswerten Wohnraum schaffen. Besonders modern wirkt heute die Forderung, dass die öffentliche Hand den Boden behalten muss, um die Preisspirale zu brechen - ein Thema, das heute aktueller ist denn je.[5]
Durch die Einführung moderner Bauordnungen (Zonenbausystem), regelmäßige Wohnungsinspektionen und das Prinzip der Kostenmiete ohne Profitabsicht sollte der "Wohnungswucher" beendet und eine menschenwürdige Lebensqualität für die arbeitende Bevölkerung sichergestellt werden.[5]
Genossenschaften
In der Frühphase der Sozialdemokratie war das Verhältnis zu Genossenschaften keineswegs ungetrübt, da prominente Theoretiker wie Ferdinand Lassalle das Modell der genossenschaftlichen Selbsthilfe kritisch sahen. Im Zentrum stand das "Eherne Lohngesetz", wonach jede durch Genossenschaften erreichte Senkung der Lebenshaltungskosten - etwa durch billigeren Wohnraum - lediglich dazu führen würde, dass Arbeitgeber die Löhne weiter drückten.
Zudem herrschte die Sorge vor einer "Verbürgerlichung" der Arbeiterschaft vor: Man befürchtete, dass der Fokus auf kleinteilige, ökonomische Selbsthilfe innerhalb des kapitalistischen Systems die revolutionäre Energie schwächen und den Blick für die notwendige politische Umgestaltung des Staates verstellen könnte. Erst um die Jahrhundertwende wandelte sich diese Skepsis in eine produktive Partnerschaft, in der Genossenschaften als unverzichtbare Instrumente zur Überwindung der Wohnungsnot anerkannt wurden.

Der Arbeiterbewegung stand die vereinte Macht des Kapitals - Grund- und Hauseigentümer, Banken, Baufirmen und Obrigkeit - gegenüber. Die erste Baugenossenschaft in Schleswig-Holstein, der Flensburger Arbeiter-Bauverein (FAB), wurden 1878 in Flensburg gegründet worden - nach dänischem Vorbild. Die Initiative dafür ging von dem Studenten der Nationalökonomie Peter Christian Hansen aus, der in der Folge eine zentrale Figur der Baugenossenschaftsbewegung wurde und eine ganze Reihe Arbeiterbaugenossenschaften gründete - u.a. den Arbeiterverein für Gaarden, Kiel und Umgebung (1889), Arbeiterbauverein Ellerbek oder den Kieler Bau- und Sparverein (1900). Aber selbst 1913 waren höchstens 0,5 % der Wohnungen gemeinnützig.[6]
Der Erste Weltkrieg
Die Wohnverhältnisse verschärften sich durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs massiv. Mieterschutz war ein Fremdwort. Es herrschte Willkür bei Mieterhöhungen und Kündigungen. Der Kriegszustand brachte die zivile Bautätigkeit im Reich nahezu zum Erliegen. Die Konzentration aller finanziellen Ressourcen auf die Kriegsführung und die Lähmung des Kreditsystems verhinderten Investitionen in den Wohnungsbau. Gleichzeitig führten Arbeitslosigkeit, Lebensmittelverknappung und massive Teuerungsraten dazu, dass weite Teile der Bevölkerung ihre Mieten kaum noch aufbringen konnten.
Die SPD stellte in dieser Zeit im Reichstag inzwischen die stärkste Fraktion. Allerdings regierte die bürgerliche Mehrheit gegen sie und der Kaiser hatte die "Burgfriedenspolitik" ausgerufen. Sie sollte die nationale Einheit im Krieg sichern und soziale Konflikte hintanstellen.
Um den sozialen Sprengstoff zu entschärfen, griff der Staat regulierend in den Wohnungsmarkt ein. Zentrales Instrument wurden die Mieteinigungsämter. Während erste vereinzelte Gründungen bereits vor 1914 existierten, erzwang der Krieg eine reichsweite gesetzliche Absicherung. Ursprünglich als reine Schlichtungsstellen konzipiert, die bei Streitigkeiten zwischen Mieter und Vermieter vermitteln sollten, reichten deren Befugnisse bald nicht mehr aus. Angesichts der existenziellen Notlage der Mieter wurden die Kompetenzen der Ämter während der Kriegsjahre sukzessive erweitert. Aus rein beratenden Gremien wurden Instanzen mit weitreichenden Eingriffsrechten, die das bis dahin geltende liberale Mietrecht zugunsten eines sozialen Mieterschutzes durchbrachen[7] - eine Entwicklung, welche die SPD bereits in ihrem Programm von 1901 antizipiert hatte.
Weimarer Republik
Die Weimarer Republik markierte den demokratischen Neuanfang Deutschlands nach dem Sturz der Monarchie. Als erste parlamentarische Demokratie auf deutschem Boden stand sie vor gewaltigen Herausforderungen: Sie musste die Folgen des verlorenen Ersten Weltkriegs bewältigen, soziale Spannungen überwinden und sich gegen Angriffe von rechts und links behaupten. Eine der Baustellen war das bezahlbare Wohnen.
Neues Bauen
Die SPD wandelte sich von der Protestpartei zur baupolitischen Gestaltungsmacht. In Schleswig-Holstein entstanden unter sozialdemokratischer Federführung wegweisende Siedlungsprojekte, die mit den Mietskasernen der Kaiserzeit brachen. Das Ziel war "Licht, Luft und Sonne" für die Arbeiterschaft.
In den 1920er Jahren erlebte der soziale Wohnungsbau seine erste große Blütezeit. Inspiriert von den Idealen der klassischen Moderne, entstanden wegweisende Großsiedlungen, die mit der Tradition der engen Hinterhöfe brachen. Häufig von genossenschaftlichen Trägern in rationaler Zeilenbauweise errichtet, prägten Architekten wie Bruno Taut (z. B. die Berliner Hufeisensiedlung) oder Ernst May mit dem Programm "Neues Frankfurt" (Römerstadt, Bornheimer Hang) das Stadtbild. Diese Projekte kombinierten Mehrfamilienhäuser im Geschosswohnungsbau mit Reihen- und Einfamilienhäusern zu funktionalen Einheiten.
Der politische Kern dieser Bewegung war die Hebung des Lebensstandards für breite Schichten: Durch die Abkehr von der dichten Blockrandbebauung hin zu offenen Strukturen wurden Licht, Luft und Sonne zu Grundrechten des Wohnens. Separate Toiletten, eigene Waschmöglichkeiten und oft angeschlossene Gartenparzellen verbesserten die hygienischen Verhältnisse radikal. Diese Siedlungen waren nicht nur architektonische Experimente, sondern der steingewordene Beweis für den sozialdemokratischen Anspruch, Wohnen aus der privaten Spekulation zu lösen und als Teil der öffentlichen Wohlfahrt zu begreifen.
Ein Beispiel hierfür sind die Siedlungen in Kiel-Hassee oder Lübeck-Karlshof. Diese Projekte wurden oft durch die neu gegründeten gemeinnützigen Wohnungsunternehmen realisiert, die den Gedanken der Gemeinwirtschaft im Wohnungssektor erstmals im großen Stil praktisch umsetzten.

Ein Beispiel für die praktische Umsetzung sozialdemokratischer Siedlungspolitik im modernen Stil in Schleswig-Holstein ist die Waldsiedlung Hammer in Kiel. Nachdem die Stadt Kiel 1918 das ehemalige Gutsgelände erworben hatte, wurde 1920 der renommierte Gartenarchitekt Leberecht Migge mit der Planung beauftragt. Inmitten der dramatischen Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg entstand hier ab 1921 eine Mustersiedlung, die weit über die Landesgrenzen hinausstrahlte.[8]
Das Konzept folgte Leberecht Migges Ideal der Selbstversorgung: Ursprünglich als "Vollerwerbsstellen" mit bis zu einem Hektar Land geplant, entwickelte sich Hammer schnell zu einer erfolgreichen Nebenerwerbssiedlung. Die Verbindung von gesundem Wohnen im Grünen und der Möglichkeit zur Eigenversorgung mit Obst und Gemüse war eine direkte Antwort auf das Elend der städtischen Mietskasernen. Gleichzeitig war die Siedlung der Auftakt für den bis heute prägenden Kieler Grüngürtel. Mit ihrem genossenschaftlichen Geist und dem Fokus auf soziale Inklusion - heute fortgeführt im Projekt "Hof Hammer - inklusiv" - verkörpert die Waldsiedlung bis heute den Kern des sozialdemokratischen Anspruchs: die Schaffung von lebenswertem, bezahlbarem Wohnraum in einer intakten Umwelt.
Mieterbund
In der jungen Weimarer Republik professionalisierte sich die Mieterbewegung in Schleswig-Holstein zusehends. Am 16. Mai 1920 wurde in Kiel der "Verband Norddeutscher Mietervereine" (heute DMB Landesverband Schleswig-Holstein) gegründet, um den örtlichen Haus- und Grundbesitzervereinen ein schlagkräftiges Gegengewicht entgegenzusetzen. Unter dem Vorsitz des Kieler Stadtverordneten Gustav Mallwitz, der bereits den 1914 gegründeten Kieler Mieterverein maßgeblich geprägt hatte, wurde Kiel zum Zentrum der norddeutschen Mieterorganisation.[9]
Während die Entwicklung regional zunächst schleppend verlief, gab der Zusammenschluss den Anstoß für eine Gründungswelle von Ortsvereinen - von Flensburg bis Altona. Die Bewegung verstand sich dabei nicht nur als Rechtsberatung, sondern als politische Akteurin: Der Kieler Mieterverein zog 1919 mit elf Stadtverordneten in die Ratsversammlung ein und erkämpfte u.a. bereits 1919 die "Kieler Höchstmietenverordnung" und forderte auf ihrem Verbandstag 1921 energisch die Umsetzung des Artikels 155 der Weimarer Reichsverfassung.[9]
"Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen in einer Weise überwacht, die Mißbrauch verhütet und dem Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern. Kriegsteilnehmer sind bei dem zu schaffenden Heimstättenrecht besonders zu berücksichtigen."[10]
Das Programm des Verbandes war eng mit sozialdemokratischen Grundsätzen verzahnt und forderte eine umfassende "Sozialisierung des Wohnungswesens". Die Kernziele umfassten neben der Bekämpfung des Bodenwuchers und der Einführung zwingenden Mietrechts vor allem den Ausbau des Siedlungs- und Verkehrswesens sowie die Etablierung gesetzlich anerkannter Mieterräte. Damit markierte die Verbandsgründung den Übergang von der punktuellen Notfallhilfe des Ersten Weltkriegs hin zu einer strategischen Wohnungspolitik, die Wohnraum als öffentliches Gut und nicht als Spekulationsobjekt definierte.[9]
NS-Zeit

Mit der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten wurden Mietervereine und freie Genossenschaften zwangsweise in die "Deutsche Arbeitsfront" (DAF) eingegliedert oder gleichgeschaltet. Die SPD-nahen Vorstände wurden aus den Ämtern vertrieben, die Wohnungsfrage wurde nun ideologisch ("Volksgemeinschaft", "Blut und Boden") umgedeutet.

Im Krieg, den die Nazis über Europa brachten, wurden viele Städte zerstört - in Schleswig-Holstein vor allem Kiel. Die Menschen flohen vor den Alliierten nach Schleswig-Holstein. Die Bevölkerung verdoppelte sich fast in den letzten Jahren von Krieg und Nazi-Diktatur. Es fehlte an massiv an Wohnraum. Viele Menschen lebten in ganzen Siedlungen aus primitiven Baracken.
Bundesrepublik
Das Land lag 1945 teilweise in Trümmern - 70 % des gesamten Wohnraums in Kiel bspw. waren zerstört. Die ohnehin katastrophale Lage wurde dadurch verschärft, dass die britische Besatzungsmacht verbliebene Wohnungen für eigene Zwecke beschlagnahmte. Insbesondere die Geflüchteten waren gezwungen, unter menschenunwürdigen Bedingungen in Baracken, Ruinen, Scheunen oder Ställen zu hausen.
Da auch jeder private Wohnraum zwangsbewirtschaftet und mehrfach belegt wurde, kam es unweigerlich zu massiven Reibungen zwischen der alteingesessenen Bevölkerung und den Neuankömmlingen - ein Konfliktpotenzial, das sich besonders in den eng strukturierten Kleinstädten und Dörfern Schleswig-Holsteins entlud. Es gab zu wenig Wohnungen, zu wenig Lebensmittel, zu wenig Schulen - zu wenig von allem.
Das Motto der SPD zur ersten freien Landtagswahl 1947 lautete: "Raus aus dem Elend!" Die Wahl brachte der SPD die absolute Mehrheit, mit 43,8% der Stimmen und 43 Sitzen, davon 34 Direktmandate. Ministerpräsident wurde Hermann Lüdemann. Sozialminister und damit zuständig für den Wohnungsbau wurde Walter Damm. Bestimmende Figur dieser Zeit war daneben Andreas Gayk als Partei- und Fraktionvorsitzender sowie als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel.
10.000 Flüchtlingswohnungen

Das ERP-Sonderprogramm "10.000 Flüchtlingswohnungen" markiert den Beginn der systematischen sozialen Wohnraumförderung in der Bundesrepublik und ist untrennbar mit der Initiative der Arbeiterbewegung verbunden. Angesichts der dramatischen Wohnungsnot in Schleswig-Holstein nutzte der DGB-Vorsitzende Hans Böckler seine engen Kontakte zur US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und zum US-Hochkommissariat (insbesondere zu Harvey W. Brown), um Marshallplan-Gelder (ERP-Mittel) gezielt für den Wohnungsbau zu akquirieren.[11]
Die politische und praktische Durchführung lag maßgeblich in den Händen der SPD-geführten Landesregierung unter Sozialminister Walter Damm. Um das Mammutprojekt zu steuern, wurde 1949 die "Arbeitsgemeinschaft produktive Flüchtlingshilfe e.V." gegründet - ein strategisches Bündnis aus dem DGB, der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden, dem schleswig-holsteinischen Sozialministerium und gemeinnützigen Wohnungsunternehmen. Dieses Netzwerk ermöglichte es, durch radikale Rationalisierung, Typisierung und zentralen Materialeinkauf die Baukosten um bis zu 30 % zu senken.

Mit der Grundsteinlegung der heutigen "Böcklersiedlung" in Neumünster am 5. März 1950 bewiesen SPD-Landesregierung und Gewerkschaften, dass das Ideal vom "gesunden Wohnen" auch in der Krise durch genossenschaftliche und öffentliche Gemeinwirtschaft realisierbar war. Das Programm wurde zum Prototyp für das spätere Erste Bundeswohnungsbaugesetz und festigte Schleswig-Holsteins Vorreiterrolle in der bundesdeutschen Wohnungspolitik. Bereits 1951 waren fast alle der 10.000 Wohnungen gebaut.[11]
Mit Mitteln dieses Programms baute in Flensburg der Selbsthilfe-Bauverein Flensburg e.G. seine ersten Wohnungen - Fundament eines unersetzlichen genossenschaftlichen Immobilienunternehmens für Flensburg.
Nachdem die SPD in der Landtagswahl 1950 abgewählt wurde, bliebt Walter Damm Mitglied des Landtags und Bauen blieb sein Thema. Daneben wurde Walter Damm Geschäftsführer mehrerer Regionalorganisationen innerhalb der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft GmbH "Neue Heimat", ab 1963 Mitglied der Geschäftsleitung der Neue Heimat Nord.[12] Unter seiner Regie entstanden in Norddeutschland zahlreiche Wohnanlagen, meist im Sozialen Wohnungsbau.
Im Landtag beantragte Walter Damm aus der Opposition bspw. 1955 ein Bauprogramm für 25.000 Wohnungen.[13] Aus dem wurde ein interfraktioneller Antrag und so wurde das Programm gemeinsam mit CDU und BHE beschlossen. Das Land stand weiterhin vor einer Wohnungsnot, die durch steigende Baukosten (z. B. Materialpreise, Löhne), unzureichende öffentliche Förderung und eine ungerechte Verteilung von Bundesmitteln verschärft wurde.
Großwohnsiedlungen

Bis in die 1970er-Jahren entstanden zahlreiche dieser Siedlungen am Stadtrand, wie die Böcklersiedlung, um schnell und kostengünstig Wohnraum für die wachsende Bevölkerung zu schaffen - insbesondere für Flüchtlinge, Arbeiterfamilien und einkommensschwache Haushalte. Nicht nur die SPD setzte deswegen auf den Bau von Großwohnsiedlungen, die oft von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften wie der "Neuen Heimat" realisiert und durch staatliche Förderprogramme unterstützt wurden. Diese Siedlungen sollten nicht nur die Wohnungsnot lindern, sondern auch moderne Lebensbedingungen bieten. In den Innenstädten lebten die Menschen in beengten Verhältnissen und oft mit lauten Werkstätten und Betrieben im Hinterhof. Die neuen Siedlungen dagegen war geprägt von den Idealen der "funktionalen Stadt" mit klarer Trennung von Wohnen, Arbeit, Verkehr und Grünflächen.
Ein prägnantes Beispiel für diese Entwicklung ist Kiel-Mettenhof. Anfang der 1960er-Jahre beschlossen, als die Stadt mit über 17.000 Wohnungsuchenden konfrontiert war, entstand der Stadtteil zwischen 1965 und 1972 als eine der größten Großwohnsiedlungen Schleswig-Holsteins. Mettenhof wurde für rund 20.000 Einwohner konzipiert und bestand aus Hochhäusern und Zeilenbauten, die im Stil der damaligen Moderne errichtet wurden. Das Konzept sah eine vollständige Infrastruktur vor, inklusive Schulen, Einkaufszentren und einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Anders als in den anderen Stadtteilen sollte kein Haus sollte direkt an einer Hauptstraße stehen.[14]
Die ersten Jahre waren von Optimismus geprägt: Viele Bewohner schätzten die modernen Wohnungen und das Gemeinschaftsgefühl in dem neuen Viertel.[15] Doch mit der Zeit traten typische Probleme westdeutscher Großwohnsiedlungen zutage. Anders als von den Vordenkern vorgesehen, wurden die Gebäude nicht nur maximal mit 4-5 Etagen gebaut. Der Druck, schnell viele Wohnungen zu bauen, führte dazu, dass viele Wohnblocks wesentlich höher gebaut wurden. Durch den Wegzug besser verdienender Haushalte ("Einfamilienhausideal") und die Konzentration ärmerer, oft migrantischer Gruppen entwickelte sich ein "Filtering Down"-Effekt, der zu einer sozialen Segregation führte. Zudem prägte eine oft einseitige Medienberichterstattung - etwa über Arbeitslosigkeit oder vermeintlich hohe Kriminalität - das Image Mettenhofs als "Problemviertel", obwohl statistische Daten diese Vorurteile nicht immer bestätigten.[14]
Schrumpfende Stadt und leere Kassen
Wer in Ende der 1990er Jahre nach Kiel gezogen ist, erinnert sich noch an die Annoncen, die "drei Monate mietfrei Wohnen in Mettenhof" anpriesen. Seit Mitte der 1970er schrumpften die Städte - von 265.000 (1973) auf 233.000 Anfang der 2000er. Vor allem nach der Wiedervereinigung war das Thema "Schrumpfe Stadt" ein wichtiges Thema in der Stadtplanung nicht nur in Ostdeutschland. Die Forschenden gingen davon aus, dass sich dieser Trend in einer alternden Gesellschaft langfristig fortsetzen würde.[16] ÜBis Mitte des Jahrhunderts die Einwohnerzahl auf 65 bis 75 Mio. sinken. Entsprechend wenig wurde gebaut. Gleichzeitig waren die öffentlichen Kassen leer und der neoliberale Zeitgeist rief nach Privatisierungen (Post, Fernmeldeamt, Bundesbahn...), weil der Markt alles besser könne als der Staat.
So entschloss sich die Landeshauptstadt Kiel 1998 mit ihrem erstmals direkt gewählten Oberbürgermeister Norbert Gansel, die komplette Kieler Wohnungsbaugesellschaft (KWG) mit ihren 11.000 Wohnungen für 128 Millionen Euro an den Finanzinvestor WCM AG zu verkaufen. Der Impuls dazu war von der CDU gekommen. Gemeinsam mit der SPD aber wurde der Verkauf beschlossen. Viele der Wohnungen lagen in Mettenhof und Gaarden. Pro Wohnung erhielt die Stadt im Schnitt etwas weniger als 12.000 Euro. Der öffentliche Protest vor allem durch den Mieterbund verhallte ungehört. Inzwischen gehören die früheren KWG-Wohnungen dem Bochumer Immobilienkonzern Vonovia.
Bernd Heinemann, der damals als Ratsherr dabei war, sagte dem NDR im Jahr 2020: "Ich betrachte die Entscheidung als Fehler, weil ich jetzt weiß, dass Kiel eine wachsende Stadt ist." Damals habe er die Entscheidung für den Verkauf als nachvollziehbar erlebt, sagt er - blickt aber auch kritisch darauf, wie sie zustande kam. "Wir waren besoffen von der Idee, für Kiel eine gute, privatisierte Lösung zu finden, die lange anhält." Eigentlich wäre eine Genossenschaftslösung, für die sich andere Kommunen beim Verkauf entschieden, durchaus denkbar gewesen, sagt Bernd Heinemann. "Aber in dem Strudel, in dem wir uns damals befunden haben, haben wir andere Prioritäten gesetzt." Es sei einfach nicht genug Zeit gewesen, Modelle zu Ende zu denken. "Wenn wir das aus heutiger Sicht angucken, dann müssen wir uns die Haare raufen."[17]
So wie in Kiel, hat man auch in Flensburg Anfang versucht die Stadtkasse mit dem Verkauf des "Tafelssilbers" zu sanieren und die Wohnungen der kommunalen WoBau loszuwerden. Anders aber als in Kiel und vielen anderen Städten hat man die 4800 Wohnungen einfach an einen dänischen Pensionsfonds, sondern einer örtlichen Baugenossenschaft, dem Selbsthilfe-Bauverein Flensburg e.G. verkauft. Dieser Schritt wurde als "Flensburg Weg" bezeichnet. Der Beschluss wurde damals bei nur einer Gegenstimme im Rat gefasst. Der SBV hatte seinen Wohnungsbestand durch den Deal mehr als verdoppelt und wurde zum unangefochtenen Marktführer in Flensburg.[18]
Wachsende Stadt
In der Folge verfügte die Landeshauptstadt über keine eigenen Wohnungen. Insbesondere ab 2011 stiegen die Mietpreise deutlich an.[19] 2015 nahm die Stadt zusätzlich viele Menschen auf, die vor dem Krieg aus Syrien geflohen waren, was die Lage auf dem Wohnungsmarkt noch einmal verschlechterte. Die Idee aus der Nachkriegszeit von festen Haustypen, die in Serie hochgezogen würden erhielt 2015 eine Renaissance als jetzt schnell viel Wohnraum geschaffen werden musste. Der Name: "Kieler Modell".[20]
Für Kiel wurden bis 2030 ein Bevölkerungswachstum von drei bis fünf Prozent prognostiziert. Das wären etwa 12.000 zusätzliche Menschen. Dafür würden etwa 9.000 Wohnungen im unteren und mittleren Preissegment benötigt. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wurde 2019 auf Initiative des Oberbürgermeisters Ulf Kämpfer und Beschluss der Ratsversammlung mit SPD und u.a. den Grünen gegen die CDU und bei Enthaltung der Linkspartei die Kieler Wohnungsgesellschaft (KiWoG) gegründet. Die Kieler Nachrichten bezeichneten den Beschluss als "Historische Entscheidung".[21] Das Unternehmen ist eine 100 %ige Tochter der Landeshauptstadt Kiel und es soll auch wieder selbst Wohnungen bauen und bewirtschaften. Bisher hat sie ca. 400 Wohneinheiten. Bis 2030 sollen es 1000 bezahlbare Wohnungen für Menschen mit geringem oder keinem Einkommen werden.[22]
Auch in Flensburg fordert die SPD seit 2023 wieder eigene kommunale Wohnungsbaugesellschaft.[23] Bisher wird diese Forderung aber nur von der Linkspartei unterstützt.[18]
TODO
- Landeswohnungsbaugesellchaft, Regierung Simonis
- https://www.shz.de/deutschland-welt/schleswig-holstein/artikel/gutachten-land-sh-soll-keine-eigenen-wohnungen-bauen-50151480
- Neue Heimat
- 1990 verloren bundesweit die Wohnungsbauunternehmen ihre Gemeinnützigkeit
- Andreas Breitner?
Literatur
- Deutscher Bundestag: Die Entwicklung des Mietpreisrechts, WD 7 - 3000 - 063/21 (2021)
- Hansen, Peter Christian: Die baugenossenschaftliche Bewegung in Schleswig-Holstein (IX. Internationaler Wohnungskongreß), Wien (1910)
- Niendorf, Manfred Otto: Die Vereinsstraße - Entstehung der Arbeiterstraße seit 1895/96 in der Landgemeinde Nortorf bei Wilster/Kreis Steinburg, in: Demokratische Geschichte, Band 8 (1993)
- Sievers, Kai Detlev: Die Anfänge der Baugenossenschaftsbewegung in Norddeutschland zur Zeit des Zweiten Kaiserreiches, In: Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, Münster 1985, S. 339-371
Hamburger Echo
- Das Wohnungselend in Hamburg, 1. Oktober 1892
- Statistik des Hamburgischen Staats, 10. Mai 1895
Einzelnachweise
- ↑ Bspw.: Eisenacher Programm
- ↑ Regling, Heinz Volkmar: Die Anfänge des Sozialismus in Schleswig-Holstein (Wachholtz Verlag, Neumünster 1965), Seite 34
- ↑ 3,0 3,1 Regling, Heinz Volkmar: Die Anfänge des Sozialismus in Schleswig-Holstein (Wachholtz Verlag, Neumünster 1965), Seite 18
- ↑ Regling, Heinz Volkmar: Die Anfänge des Sozialismus in Schleswig-Holstein (Wachholtz Verlag, Neumünster 1965), Seite 18
- ↑ 5,0 5,1 5,2 vgl.: Wahlprogramm Kommunalwahl 1901
- ↑ Niendorf, Manfred Otto: Die Vereinsstraße - Entstehung der Arbeiterstraße seit 1895/96 in der Landgemeinde Nortorf bei Wilster/Kreis Steinburg, in: Demokratische Geschichte, Band 8 (1993)
- ↑ vgl. Pitzer, Saskia: Die Mieteinigungsämter zwischen 1914 und 1918, Hamburg 2018, ISBN 978-3830097792
- ↑ Kiel lokal: Wiepenkrog in der Siedlung Hammer, 28. Juli 2022
- ↑ 9,0 9,1 9,2 Deutscher Mieterbund, Landesverband Schleswig-Holstein: Verbandsgeschichte, o.D.
- ↑ WRV: Artikel 155, Satz 1
- ↑ 11,0 11,1 Wikipedia: ERP-Programm 10.000 Flüchtlingswohnungen
- ↑ Neue Heimat Nord (Hrsg.): Walter Damm (Hamburg 1969) S. 1 f.
- ↑ Schleswig-Holsteinischer Landtag, 3. Wahlperiode: Drucksache 3/145
- ↑ 14,0 14,1 Voß, Steffen: Großwohnsiedlungen und Ihre Stigmatisierung (2004)
- ↑ Burmeister, Robert „25 Jahre Mettenhof“(1990), Rathausdruckerei, Kiel
- ↑ Glock, Birgit: Schrumpfende Städte, 09.07.2007
- ↑ Kummetz, Daniel: Wie Kiel 11.000 Wohnungen an einen Investor verkaufte, 2020
- ↑ 18,0 18,1 Jensen, Ove: Als Flensburg 4800 Wohnungen an den SBV verkaufte, bei: shz.de, 14.07.2023
- ↑ Mietspiegel Kiel (Schleswig-Holstein) 2026
- ↑ Baulinks: „Kieler Modell“: Arbeits- und Planungshilfe für moderne Typenhäuser, 18.4.2016
- ↑ Kieler Nachrichten: Historische Entscheidung - So beschloss der Kieler Rat die Kiwog, 20.09.2019
- ↑ Die Kieler Wohnungsgesellschaft, abgerufen 15.3.2026
- ↑ Flensburger Tageblatt: 20 Millionen Euro Überschuss: SPD fordert eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, bei: shz.de, 18.04.2023
