Bezirksparteitag 1945, Kiel (inoffiziell)

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Bezirksparteitag Kiel 1945
27. Oktober - 28. Oktober 1945
VZ-Druckerei
Bergstraße 11
24103 Kiel
Siehe auch: Beschlussdatenbank

Eine erste (inoffizielle) Bezirkskonferenz nach dem Ende der Nazizeit fand am 27. und 28. Oktober 1945 im Druckereingebäude der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung in Kiel statt. Sie bestätigte unter anderem den bis dahin ungewählten "vorläufigen" Bezirksvorstand und stritt über die Süd-Schleswig-Frage.

Vorgeschichte

Hauptartikel: Wiedergründung der SPD Schleswig-Holstein

Parteien waren in Deutschland zu dieser Zeit nur auf lokaler und Kreis-Ebene erlaubt. Der Kreisverband Kiel hatte sich zum Beispiel erst Anfang Oktober wieder gegründet.

Das Entstehen des ersten Bezirksvorstandes lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Nach der Erinnerung von Theodor Werner[1] fand nach einer Anfrage der Besatzungsbehörden am 17. August 1945 kurzfristig eine Sitzung von sieben führenden Kieler SPD-Mitgliedern statt, die ihm die Leitung des vorläufigen Bezirksvorstandes übertrugen und Wilhelm Kuklinski als Stellvertreter sowie Karl Ratz als Stellvertreter und Kassierer benannten. Weitere Mitglieder sind nicht namentlich bekannt.

Schon am 19. August tagte der vorläufige Bezirksvorstand erneut und wurde vermutlich um Erich Arp (Elmshorn) und Richard Schenck (Hamburg) erweitert. Diese beiden waren als einflussreiche Mitstreiter von außerhalb Kiels wichtig, da der vorläufige Bezirksvorstand noch über nur begrenzte Akzeptanz bei den sich bildenden Ortsvereinen im Lande verfügte.[2]

Spätestens am 26. August berief der vorläufige Bezirksvorstand Wilhelm Kuklinski zum gleichberechtigten Vorsitzenden, da Theodor Werner "sich nicht durch besondere Führungsstärke auszeichnete"[3]. Im wesentlichen in dieser Konstellation, erweitert u.a. durch Paul Dölz (Tönning) und Andreas Gayk als Beisitzer und Carl Storbeck als Kassierer (beide Kiel) an Stelle von Karl Ratz, widmete sich der vorläufige Bezirksvorstand dem organisatorischen Neuaufbau der SPD im Lande. Unter anderem plante er, den Aufbau der Weimarer Republik, d.h. einen in sechs Unterbezirke gegliederten Bezirksverband, wieder anzuwenden.[4]

Der vornehmlich aus Kielern bestehende Bezirksvorstand war noch nicht in allen Gliederungen anerkannt. Mit Flensburg und Schleswig stritt man sich über die Frage, ob der Landesteil Südschleswig wieder zu Dänemark gehören sollte. Neumünster und Lübeck hatten den Bezirksvorstand noch nicht anerkannt. In der Südschleswig-Frage folgte der Bezirksvorstand dem Kurs von Kurt Schumacher, der die nationale Einheit propagierte und separatistischen Bestrebungen eine Absage erteilte.[5]

Bezirkskonferenz

Die erste Bezirkskonferenz war für den 20./21. Oktober angesetzt. Am 16. Oktober teilte die britische Militärregierung mit, dass sie dies nicht genehmigen werde. Daher wurde die - dann als "private Besprechung" deklarierte - Bezirkskonferenz um eine Woche verschoben.

"An der inoffiziellen Bezirkskonferenz nahmen [..] mindestens 45 Delegierte und Gastdelegierte aus Schleswig-Holstein teil. Von den insgesamt 21 SPD-Kreisorganisationen waren 19 durch führende Mitglieder der Kreisvorstände vertreten. Nur aus den Kreisen Oldenburg und Steinburg waren keine Vertreter anwesend."[6]

Die Bezirkskonferenz begann mit Reden von Wilhelm Kuklinski und dem wenige Wochen vorher zurückgekehrten Andreas Gayk. Wilhelm Kuklinski sprach über den sozialdemokratischen "Anspruch auf die Führung in Staat und Politik" und darüber, dass sich die SPD über ihre klassische Arbeiter-Klientel hinaus für weitere Wählerschichten öffnen müsse.[7]

"Ausführlich stellte der Bezirksvorsitzende die sozialdemokratischen Bemühungen zur gesellschaftlichen Erneuerung durch personelle Veränderungen in den Spitzenpositionen der öffentlichen Verwaltung dar, die er selbst als die Hauptarbeit bezeichnete. Nationalsozialisten sollten aus leitenden Positionen entfernt und nach Möglichkeit durch Sozialdemokraten ersetzt werden. Kuklinski konnte auf erste Erfolge bei der Besetzung der Arbeitsämter verweisen. Aber auch andere Leitungsfunktionen in der Landes- und Kommunalverwaltung waren inzwischen mit Sozialdemokraten besetzt. Als schwierig wurde von Kuklinski die Durchsetzung der personellen Erneuerung in den Industrie- und Handelskammern, der Ärztekammer, der Anwaltskammer, den Gerichten und den Universitäten eingeschätzt. Heftig kritisierte Kuklinski Oberpräsident Hoevermann, der für ihn 'kein Mann der neuen Zeit' war. Der Bezirksvorsitzende forderte die Versammlung auf, mit Material, das 'hieb- und stichfest' sein muß, gegen die 'Reaktion in den Amtsstuben' anzukämpfen. Große Probleme bereitete die Benennung geeigneter Sozialdemokraten, die für die Militärregierung und die Landesverwaltung akzeptabel waren, da die meisten öfentlich bediensteten SPD-Mitglieder ihren Arbeitsplatz 1933 verloren hatten und somit nicht über die nötigen Erfahrungen und Qualifikationen verfügten.
Im letzten Teil seines Referats ging Kuklinski auf die zukünftige Arbeit des Bezirksvorstands ein. Rückblickend kritisierte er die Vorstandsarbeit von vor 1933, indem er bemängelte, daß es keine Arbeitsteilung und keine Heranziehung von Fachleuten gegeben hat, sondern die Parteiarbeit von dominierenden Sekretären, die verwalteten, aber nicht gestalteten, bestimmt wurde. Im Sinne des Schumacherschen Neubaukonzepts forderte er eine Arbeitsteilung. Der Bezirksvorstand sollte sich auf die Geschäftsführung konzentrieren und Ausschüsse die Facharbeit leisten. Die Leitung der Ausschüsse sollten nach Möglichkeit Bezirksvorstandsmitglieder übernehmen."[8]

Andreas Gayk sprach "Über unsere kommunalen Aufgaben".

Die Delegierten bestätigten den inoffiziellen Bezirksvorstand in seiner aktuellen Zusammensetzung, also mit der Doppelspitze Theodor Werner und Wilhelm Kuklinski. Dazu wählten sie[9]:

sowie eine Kontrollkommission, "deren Aufgabe die Überwachung der Vorstandsarbeit und die Prüfung von Beschwerden über den Bezirksvorstand war".[12]

Der Parteitag beschloss eine Bezirkssatzung, nach der es zwei Vorsitzende geben sollte, einen Kassierer, 6 Vertreter der Unterbezirke und 6 Beisitzer. Ein Mitglied des Vorstands sollte eine Frau sein. Ein Versuch der Kieler SPD-Führung, die Festlegung in die Satzung zu schreiben, drei Beisitzer müssten "aus der Parteiorganisation des Ortes, an dem der Bezirksvorstand seinen Sitz hat", stammen, und so seine führende Rolle im Bezirksvorstand zu zementieren, wurde überstimmt.[13]

Auf dem ersten offiziellen Bezirksparteitag kandidierte Theodor Werner dann nicht mehr; Wilhelm Kuklinski wurde zum alleinigen Vorsitzenden gewählt.[14]

Beschlüsse

Die Südschleswig-Frage nahm auf dem Parteitag einigen Raum ein. Zahlreiche Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten aus der Grenzregion sprachen sich für einen Anschluss an Dänemark aus.

Die Bezirkskonferenz stimmte für eine Entschließung, die Grenze zu Dänemark von 1920 weiterhin anzuerkennen.[15] Ein weiterer Beschluss beauftragte den Bezirksvorstand, Kontakt zur dänischen Sozialdemokratie aufzunehmen, um das sozialdemokratische "Grenzabkommen" von 1923 zu erneuern.

Damals, am 25. November 1923, hatten die Vorsitzenden der sozialdemokratischen Parteien in Deutschland und Dänemark, Otto Wels und Thorvald Stauning, ein Abkommen unterzeichnet. Mit ihm erkannten beide Parteien die Grenze an, wie sie auf Grund der Volksabstimmung von 1920 gezogen worden war; damals war Flensburg bei Deutschland verblieben.[16] Sozialdemokraten auf beiden Seiten der Grenze sollten keine nationalen Minderheitsparteien bilden, sondern sich der sozialdemokratischen Partei des jeweiligen Landes anschließen.

Literatur

Quellen

  1. Vgl. Martens, S. 57 f.
  2. Martens, S. 58
  3. Martens, S. 61
  4. Schilf u.a.: Wiederaufbau, S. 547
  5. Martens, S. 85
  6. Martens, S. 88
  7. Martens, S. 88
  8. Martens, S. 88f
  9. Lt. Osterroth: Sozialdemokratie, S. 120.
  10. Lt. Martens, S. 89 f., wurde Fischer ab 1.11.1945 beschäftigt; für Langebeck ist dies nicht endgültig gesichert, aber wahrscheinlich.
  11. Martens, S. 610 Anm. 514, weist jedoch darauf hin, dass Schatz erst Anfang Februar 1946 gewählt wurde und Lohmann sich noch bis 1946 in Kriegsgefangenschaft befand.
  12. Martens, S. 89
  13. Martens, S. 89
  14. Martens: Geschichte, S. 107
  15. Schilf u.a.: Wiederaufbau, S. 550
  16. Grenzkampf. Was uns trennt, DER SPIEGEL, 5.3.1952