Hermann Lüdemann
| Hermann Lüdemann |
Hermann Lüdemann, * 5. August 1880 in Lübeck, † 27. Mai 1959 in Kiel; Ingenieur. Mitglied der SPD seit 1912. Er war von 1947 bis 1949 Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein.
Werdegang
Hermann Lüdemanns Eltern waren der Arbeiter Heinrich Lüdemann und seine Frau Catharina, geb. Holzicker, Tochter eines Kleinbauern. Sie betrieben in Lübeck eine Gastwirtschaft. Sie waren evangelisch; ihr Sohn trat offenbar später aus der Kirche aus.[1]
Hermann Lüdemanns berufliche Biografie verlief nicht geradlinig. Über Realschule, Gewerbeschule, eine Maschinenbaulehre und die Ingenieurschule erwarb er die Voraussetzungen zum Besuch einer Technischen Hochschule. Nach einem sechsmonatigen Praktikum als Maschinist zur See absolvierte er sein Studium an der TH Berlin. Nach sechsjähriger Tätigkeit als Ingenieur wechselte er in die Gewerkschaftsarbeit. Er gehörte zu den Gründern der im Mai 1904 gegründeten Technikergewerkschaft "Bund der technischen Angestellten und Beamten" (Butab) und leitete sie von 1905 bis 1912 als Geschäftsführer.
Seine parteipolitische Aktivität begann er 1908 in der Demokratischen Vereinigung. 1912 wechselte er zur Berliner SPD, deren 2. Vorsitzender er von 1918 bis 1920 war. Zwischen 1915 und 1922 vertrat er sie in der Stadtverordnetenversammlung von Berlin-Wilmersdorf.
Nach einigen Jahren als "freier Schriftsteller" - wobei keine Veröffentlichungen nachgewiesen sind[2] - wurde er 1915 stellvertretender Abteilungsleiter bei der Zentral-Einkaufs-Gesellschaft der deutschen Genossenschaften (ZEG). Von 1919 bis 1920 war er Referent im Reichsministerium für Arbeit, von 1922 bis 1927 Bezirksgeschäftsführer im Verband sozialer Baubetriebe.
1927 wurde er zum Regierungspräsidenten von Lüneburg gewählt, 1928 zum Oberpräsidenten von Niederschlesien berufen. Dort stellte er sich mit den Mitteln, die sein Amt ihm bot, den erstarkenden Nationalsozialisten entgegen[3] und zog sich ihre Feindschaft zu. Nach dem "Preußenschlag", Papens Staatsstreich gegen Preußen, wurde er 1932 in den Wartestand versetzt und ging nach Berlin zurück.
Hermann Lüdemann war zweimal verheiratet - von 1907 bis 1921 mit Clara, geb. Schwedt (1880-1977), von 1922 bis 1933 oder 1934 mit Margarete, geb. Sarnighausen (1888-1973) - und hatte aus der ersten Ehe zwei Töchter, aus der zweiten eine Tochter und einen Stiefsohn.
Politische Funktionen vor 1933
- 1918-1919 Fraktionsvorsitzender im Arbeiter- und Soldatenrat Berlin
- 1919–1921 Mitglied der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung
- 29. März 1920-21. April 1921 preußischer Finanzminister
- 1921–1929 Mitglied des preußischen Landtags
Unter dem Nationalsozialismus
Die Nazis vergaßen Hermann Lüdemann nicht. Er wurde schon im Juni 1933 auf Initiative des Breslauer SA-Führers Heines verhaftet und auf dem Weg in sein erstes KZ noch einmal nach Breslau gebracht, wo die Nazis ihn der Bevölkerung zur Schau stellten. Fritz Stern, damals 7 Jahre, erinnert sich:
- "[Hermann Lüdemann wurde], von Umstehenden verhöhnt und bespuckt, im Clownskostüm durch die Straßen von Breslau getrieben und in das nahe Konzentrationslager Dürrgoy gebracht. Sogar seine Peiniger waren von seiner stoischen Haltung beeindruckt."[4]
Lüdemann durchlief zwischen 1933 und 1935 die KZs Dürrgoy, Esterwegen und Lichtenburg. Ende 1933, während der "Schutzhaft", wurde er offiziell aus dem Staatsdienst entlassen. Von 1936 bis 1944 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Geschäftsführer eines Kinos. Zugleich hatte er Verbindung zum Widerstandskreis um Wilhelm Leuschner, Julius Leber und Carlo Mierendorff; für die Neuordnung nach dem Attentat auf Hitler 1944 war ihm eine Funktion als Politischer Beauftragter im Wehrkreis Hannover zugedacht.
Im Zuge der Aktion Gitter wurde er erneut verhaftet und schwer misshandelt. Zwar sprach ihn am 28. Januar 1945 der "Volksgerichtshof" unter dem Vorsitz von Roland Freisler "aus Mangel an Beweisen"[5] frei; er wurde aber sofort wieder in "Schutzhaft" genommen. Nach den KZs Ravensbrück und Sachsenhausen (nördlich von Berlin) wurde er am 21. April 1945, fast 65 Jahre alt, mit 33.000 weiteren Häftlingen auf einen Todesmarsch Richtung Mecklenburg geschickt. Er hatte das Glück, dass, als er nicht mehr weiter konnte, viele der SS-Bewacher sich bereits selbst abgesetzt hatten und dass ein Häftlings-Lazarett in der Nähe war, in das er aufgenommen wurde. So überlebte er.[6]
Politiker in Schleswig-Holstein
Parteifunktionen nach 1945
- Juli bis Dezember 1945 Landesgeschäftsführer der SPD Mecklenburg
- April bis Oktober 1946 Parteisekretär der SPD Berlin
- Ab 1950 (vermutlich bis 1958) Vorsitzender des Ortsvereins Preetz
- Von 1951 bis ???? im Vorstand der SPD Schleswig-Holstein
Landespolitiker
- 1946–1958 Landtagsabgeordneter
- 1946–1947 In der Wiederaufbauphase Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein im Kabinett Steltzer II
- 8. Mai 1947–29. August 1949 Erster gewählter Ministerpräsident des Landes an der Spitze des Kabinetts Lüdemann
Hermann Lüdemanns politische Schwerpunkte lagen erstens in der Modernisierung der Wirtschaft und Infrastruktur des Landes, idealerweise durch ein Bundesland 'Unterelbe' (unter Einbeziehung von Hamburg und nördlichen Randgebieten Niedersachsens), für das er sich vehement einsetzte; zweitens in der Integration und Verbesserung der Lebensbedingungen der Flüchtlinge und Vertriebenen, durch die sich Schleswig-Holsteins Bevölkerungszahl nahezu verdoppelt hatte; und drittens im Ausgleich mit Dänemark und der südlich der Grenze lebenden dänischen Minderheit, eine Politik, die 1949 zunächst zur Kieler Erklärung der Landesregierung, 1955 dann zu den Bonn-Kopenhagener Erklärungen der Bundesregierung und der dänischen Regierung führte.
- "[Bis 1958] setzte er sich als Abgeordneter und Alterspräsident des Landtages weiter vehement für die von ihm initiierten Reformen und Problemlösungen ein. Die von ihm ausgegangenen politischen Impulse fanden ihren Niederschlag in der Landessatzung und der Sozialgesetzgebung Schleswig-Holsteins."[7]
Kritik
Einige von Hermann Lüdemanns Projekten zogen erhebliche Kritik auf sich; dazu gehörte die Einrichtung einer Landesschule für Wirtschaft und Verwaltung auf Gut Schönböken. Als ihr Ziel wurde formuliert die "Heranbildung verantwortungsbewußter junger Menschen für die Verwaltung und die Wirtschaft, die soziales Empfinden mitbringen". Eingerichtet wurde sie auf Lüdemanns Wunsch durch einfachen Kabinettsbeschluss, geschlossen unmittelbar nach seinem Rücktritt im November 1949. Das Unternehmen wurde als schlecht vorbereitet und durchgeführt wahrgenommen; dass Lüdemann seinem Schwiegersohn bei Umbau und Leitung der Schule eine maßgebliche Rolle zuwies, sorgte für zusätzliche Kritik.[8]
Einen Skandal löste Lüdemann im selben Jahr aus, als er den Ausbau eines Gästehauses der Landesregierung, des "Möwenhauses" (in der "Seeburg" am Düsternbrooker Weg), ebenfalls seinem Schwiegersohn übertrug und dabei das geplante Budget deutlich überzogen wurde. Die Opposition nutzte den Vorgang, um die SPD zu diskreditieren, die Medien griffen ihn bereitwillig auf, was sogar Auswirkungen auf die Bundestagswahl 1949 hatte. Der SPIEGEL zitierte die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung:
- "Am Morgen nach der Wahl gab Lüdemanns Regierungsorgan die SPD-Wahlniederlage offen zu. Mit Hieb auf die Wähler: 'Man schämt sich beinahe, zu denken, daß in einer Wahl, die um das Schicksal Deutschlands ging, eine Angelegenheit, wie das Möwenhaus eine derartige Rolle spielen konnte. Nur muß eine Regierung, die sich in einer so schwierigen Lage befindet, Ungeschicklichkeiten besonders eifrig und sorgfältig vermeiden.'"[9]
Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss konnte jedoch ein Fehlverhalten des Ministerpräsidenten weder in finanzieller Hinsicht noch in der Beauftragung eines - entsprechend qualifizierten - Familienmitgliedes erkennen. Trotzdem wurde Lüdemann als Ministerpräsident von Bruno Diekmann abgelöst. Der Eindruck entstand, dass Andreas Gayk - dem "starken Mann" der Landes-SPD in dieser Zeit und Widerpart von Lüdemann - die Affäre nicht ungelegen kam, um den Ministerpräsidenten, mit dessen Politik er nicht einverstanden war, zu entmachten.[10]
Kritik zog Hermann Lüdemann in der eher verklemmten Nachkriegszeit auch in anderer Hinsicht auf sich: Er war mehrfach geschieden, wurde als Genussmensch wahrgenommen, was den Spiegel schon 1948 zu einem für damalige Zeiten ungewöhnlichen Seitenhieb[11] veranlasste, obwohl dieser für den Gegenstand des Artikels bedeutungslos war.
Ehrungen
Am 9. Mai 1953 erhielt Hermann Lüdemann aus der Hand von Bundespräsident Theodor Heuss das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, die höchste Ehrung, die die junge Republik zu vergeben hatte.
1955 verlieh ihm seine Geburtsstadt Lübeck zu seinem 75. Geburtstag die Ehrenplakette des Senats.[12]
Die Trauerrede für Hermann Lüdemann hielt Prof. Carlo Schmid.
Seit 2006 ist in Preetz, wo er von 1947 bis zu seinem Tod 1959 lebte, eine Straße nach ihm benannt.
Literatur
- Rolf Fischer: Hermann Lüdemann und die deutsche Demokratie (Neumünster 2006)
- Hans-Adolf Jacobsen: Spiegelbild einer Verschwörung. Die Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 in der SD-Berichterstattung. Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt (2 Bde., Stuttgart 1984)
- Paul Löbe: Erinnerungen eines Reichstagspräsidenten (Berlin 1949, erweiterte Neuauflage 1954 unter dem Titel Der Weg war lang. Lebenserinnerungen), zuletzt ISBN 3-7605-8625-2
Links
- Landtagsinformationssystem: Hermann Lüdemann
- Wikipedia: Hermann Lüdemann
- Gisela M. Krause, Lüdemann, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 450-452 (Onlinefassung)
Quelle
- ↑ Bei Krause: Lüdemann, Hermann (Onlinefassung), ist angegeben "evangelisch, später Dissident".
- ↑ Fischer, Lüdemann, S. 40
- ↑ Fischer, Lüdemann, S. 85 f.
- ↑ Fritz Stern: Fünf Deutschland und ein Leben (München 2009), S. 122. Der deutsch-amerikanische Historiker Stern war der Sohn jüdischer Breslauer Freunde von Lüdemann, den er als "temperamentvoll" charakterisiert (S. 104).
- ↑ Fischer: Lüdemann, S. 120
- ↑ Fischer: Lüdemann, S. 123 f.
- ↑ Krause: Lüdemann, Hermann, Onlinefassung
- ↑ Wie die Veilchen, DER SPIEGEL, 17.11.1949
- ↑ Möwenhaus-Wellen - Über den Wellen Ohrenschall, DER SPIEGEL, 18.8.1949
- ↑ Fischer: Lüdemann, S. 177 f.
- ↑ Der stürmische Genosse, DER SPIEGEL, 17.1.1948 (oder Originalformat)
- ↑ Zu beiden vgl. Fischer: Lüdemann, S. 186
MinisterpräsidentIn: Hermann Lüdemann (1947 - 1948) | Bruno Diekmann (1949 - 1950) | Björn Engholm (1988 - 1993) | Heide Simonis (1993 - 2005) | Torsten Albig (2012 - 2017)

