Bezirksverband Schleswig-Holstein: Unterschied zwischen den Versionen
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Anfang [[1872]] unternahm der neu gewählte [[ADAV]]-Präsident [[Wilhelm Hasenclever]] eine Agitationsreise durch Schleswig-Holstein. Sie führte ihn von [[Ortsverein Altona|Altona]] über [[Kreisverband Neumünster|Neumünster]], [[Ortsverein Rendsburg|Rendsburg]], [[Sozialdemokratischer Verein Groß-Kiel|Kiel]], [[Ortsverein Itzehoe|Itzehoe]], [[Ortsverein Wilster|Wilster]], [[Ortsverein Heide|Heide]], [[Ortsverein Lunden-Lehe-Krempel|Lunden]], [[Ortsverein Tönning|Tönning]], [[Ortsverein Kiel-Pries/Friedrichsort|Friedrichsort]], [[Ortsverein Schleswig|Schleswig]], [[Ortsverein Kellinghusen|Kellinghusen]], [[Ortsverein Ottensen|Ottensen]], [[Ortsverein Pinneberg|Pinneberg]] und [[Kreisverband Lübeck|Lübeck]] nach Hamburg. | |||
<blockquote>"Besondere Begeisterung empfing den "Arbeiterpräsidenten" in [[Ortsverein Altona|Altona]], wo er nach [[Ferdinand Lassalle|Lassalles]] Vorbild in einer mit Schimmeln bespannten Kutsche einfuhr, was auf die Arbeiter Eindruck machte, aber den ''Volksstaat'' der [[Eisenacher]] zum Spott reizte. [[Wilhelm Hasenclever|Hasenclevers]] Reden kritisierten scharf die Polizeimaßnahmen gegen die Arbeiterbewegung, die in Schleswig-Holstein schärfer seien als etwa in Berlin. Kaiser Wilhelm I. regte sich sehr auf, als man ihm einen Zeitungsbericht über den triumphalen Arbeiterfestzug zu Ehren [[Wilhelm Hasenclever|Hasenclevers]] in [[Ortsverein Itzehoe|Itzehoe]] zeigte. Der Schleswiger Regierungspräsident mußte dem Bürgermeister von Itzehoe einen scharfen Verweis erteilen, in dem es hieß: 'Mit der öffentlichen Ordnung ist der öffentliche Aufzug einer staatsgefährlichen Agitationspartei unverträglich.'"<ref>{{Osterroth-100-Jahre}}, Seite 13</ref></blockquote> | |||
Im Juli [[1872]] warnte der Regierungspräsident im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Schleswig die Bevölkerung nachdrücklich vor den Ideen und Plänen der "sozial-demokratischen Parthei". | |||
<blockquote>"Die Sozialdemokraten gedächten 'alles, was uns ehrwürdig, heilig und lieb ist, das Vaterland, den Thron, den Altar, Sitte und Gesetz umzustoßen, an die Stelle des häuslichen Herdes die Bierbank setzen, Besitz und Eigentum aufzulösen und die Arbeit, die Erhalterin und Ernährerin der Völker zum Spielball ehrgeiziger Parteiführer zu erniedrigen. Es ist die rote Republik, deren ausgesprochener Zweck es ist, die Auslieferung des Eigentums, des mühsamen Erwerbs langer und schwerer Arbeit, zur Verteilung auch an diejenigen in Anspruch zu nehmen, die nicht gearbeitet, nichts erworben haben.'"<ref>Zitiert nach: {{Osterroth-100-Jahre}}, Seite 14</ref></blockquote> | |||
Besonders der Hinweis auf jene, "die nicht gearbeitet, nichts erworben haben", ist an Zynismus kaum zu überbieten: Er zielte auf Menschen, die trotz schwerster Arbeit kaum ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, weil diejenigen, die über das Kapital verfügten, davon nichts an die abgeben wollten, die es erarbeiteten! | |||
Ende des Jahres bereisten sozialdemokratische Wanderredner den ostholsteinischen Güterdistrikt. Angekündigt wurden sie mit dem Thema ''Die Überschwemmung der Ostseeküste'' - gesprochen wurde über Politik. In [[Ortsverein Neustadt|Neustadt]] und [[Ortsverein Oldenburg|Oldenburg]] gab es deswegen Ärger - in [[Ortsverein Heiligenhafen|Heiligenhafen]] wurden sie sogar aus dem Saal geworfen und misshandelt. Trotzdem hatten sie Erfolg. Die Polizei schätzte, dass es im [[Ortsverein Fehmarn|Kirchspiel Burg auf Fehmarn]] schon 400 Lassalleaner gebe.<ref>{{Osterroth-100-Jahre}}, Seite 14</ref> | |||
Bis [[1899]] galt im Deutschen Reich ein ''Verbindungsverbot'' für Vereine. Sie durften sich nicht überörtlich zusammenschließen. Also musste die Sozialdemokratie sich anders behelfen. Seit Ende [[1878]] galt überdies das [[Sozialistengesetz]]: Die Vereine der Sozialdemokratie wurden verboten. Die Genossen trafen sich dennoch Ostern [[1879]] in der Umgebung von [[Kreisverband Neumünster|Neumünster]] und wählten eine fünfköpfige Agitationskommission. [[Franz Schneider]] war Vorsitzender, [[Heinrich Lienau]] Schriftwart, [[Friedrich Butenschön]] Schatzmeister; die weiteren Namen nennt [[Heinrich Lienau]] in seinen Erinnerungen nicht.<ref name=":23">''[https://zeitungen.sub.uni-hamburg.de/recherche-zeitungen/detail-zeitungen?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&tx_dlf%5Bhighlight_word%5D=Heinrich%3BLienau&tx_dlf%5Bid%5D=104884&tx_dlf%5Bpage%5D=3&tx_dlf%5Bpagegrid%5D=0&tx_dlf_navigation%5Bcontroller%5D=Navigation&cHash=ee81ea1db88176d8cc717807dbbd7f21 Unter dem Schandgesetz in Schleswig-Holstein]'', ''[[Hamburger Echo]]'', 21.10.1928</ref> Diese Agitationskommission war bis zur Aufhebung des [[Sozialistengesetz]]es [[1890]] tätig. | Bis [[1899]] galt im Deutschen Reich ein ''Verbindungsverbot'' für Vereine. Sie durften sich nicht überörtlich zusammenschließen. Also musste die Sozialdemokratie sich anders behelfen. Seit Ende [[1878]] galt überdies das [[Sozialistengesetz]]: Die Vereine der Sozialdemokratie wurden verboten. Die Genossen trafen sich dennoch Ostern [[1879]] in der Umgebung von [[Kreisverband Neumünster|Neumünster]] und wählten eine fünfköpfige Agitationskommission. [[Franz Schneider]] war Vorsitzender, [[Heinrich Lienau]] Schriftwart, [[Friedrich Butenschön]] Schatzmeister; die weiteren Namen nennt [[Heinrich Lienau]] in seinen Erinnerungen nicht.<ref name=":23">''[https://zeitungen.sub.uni-hamburg.de/recherche-zeitungen/detail-zeitungen?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&tx_dlf%5Bhighlight_word%5D=Heinrich%3BLienau&tx_dlf%5Bid%5D=104884&tx_dlf%5Bpage%5D=3&tx_dlf%5Bpagegrid%5D=0&tx_dlf_navigation%5Bcontroller%5D=Navigation&cHash=ee81ea1db88176d8cc717807dbbd7f21 Unter dem Schandgesetz in Schleswig-Holstein]'', ''[[Hamburger Echo]]'', 21.10.1928</ref> Diese Agitationskommission war bis zur Aufhebung des [[Sozialistengesetz]]es [[1890]] tätig. | ||
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[[1906]] übernahm [[Friedrich Bartels]] den Vorsitz des Agitationsbezirks Schleswig-Holstein.<ref>{{Martens-45-59}}, S. 24</ref> Er wurde als [[ParteisekretärIn|Parteisekretär]] besoldet und war eine Art früher Landesgeschäftsführer. Ab [[1912]]/[[1913|13]] nannte sich die[[Agitationskommission]][[Landesvorstand|Bezirksvorstand]]. Am [[1. November]] [[1913]] wurde [[Heinrich Kürbis]] zum [[Landesvorsitzende/r|Bezirksvorsitzenden]] gewählt und angestellt.<ref>Paetau, Rainer: ''Konfrontation oder Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925'' (Neumünster 1988), S. 508</ref> | [[1906]] übernahm [[Friedrich Bartels]] den Vorsitz des Agitationsbezirks Schleswig-Holstein.<ref>{{Martens-45-59}}, S. 24</ref> Er wurde als [[ParteisekretärIn|Parteisekretär]] besoldet und war eine Art früher Landesgeschäftsführer. Ab [[1912]]/[[1913|13]] nannte sich die[[Agitationskommission]][[Landesvorstand|Bezirksvorstand]]. Am [[1. November]] [[1913]] wurde [[Heinrich Kürbis]] zum [[Landesvorsitzende/r|Bezirksvorsitzenden]] gewählt und angestellt.<ref>Paetau, Rainer: ''Konfrontation oder Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925'' (Neumünster 1988), S. 508</ref> | ||
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Version vom 21. Februar 2026, 17:10 Uhr

Der Bezirksverband Schleswig-Holstein war die Vorgängerorganisation des Landesverbandes. Er umfasste von 1905 bis zum Verbot der SPD durch die Nazis 1933 das Gebiet des Landesverbandes ohne die Freie und Hansestadt Lübeck, aber mit den Städten Altona und Wandsbek im Randgebiet von Hamburg sowie dem Gebiet, das nach der Volksabstimmung von 1920 dauerhaft dänisch wurde. Auch das Fürstentum Lübeck zählte dazu, obwohl der Landesteil verwaltungsmäßig nicht zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein, sondern zum Großherzogtum Oldenburg gehörte.
Nach der Neugründung 1945 trug der Verband - jetzt in den heutigen Grenzen Schleswig-Holsteins - zunächst weiter die Bezeichnung "Bezirksverband".
Vor der Trennung von Hamburg

→ Hauptartikel: Vorgeschichte der Arbeiterbewegung
Gemeinden des ADAV und der SDAP gab es in Schleswig-Holstein seit den 1860er Jahren.
"Die Hamburger Gemeinde des ADAV brachte lassalleanische Ideen nach Schleswig-Holstein. Bis 1905 stellten Hamburg und Schleswig-Holstein einen gemeinsamen Agitationsbezirk der Sozialdemokratie dar, ein organisationsgeschichtlicher Umstand, auf den Paetau den „bemerkenswerte(n) Aufschwung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in der Provinz" zurückführt."[1]
Der Hamburger Parteiorganisator Theodor York und der Redakteur des Nord-Stern Karl von Bruhn waren zum Beispiel die führenden Köpfe der Agitation im Kreis Pinneberg[2]. Zu nennen wäre außerdem Georg Winter, der bis etwa 1873 in Westholstein sehr aktiv war.
1927 zählte der Bezirksvorsitzende Willy Verdieck in seinem Grußwort an den in Kiel tagenden Reichsparteitag der SPD für die 1860er Jahre Arbeiterorganisationen in Altona und Wandsbek auf, die damals noch Teil von Schleswig-Holstein waren, weiter Krempe, Itzehoe, Pinneberg, Kiel, Elmshorn, Neumünster, Flensburg, Eutin, Rendsburg, Plön und Glückstadt.[3] Lübeck erwähnte er nicht, weil es nicht zu Schleswig-Holstein gehörte. Bekannt ist aber, dass seit 1868 Theodor Schwartz Mitglied des ADAV war und es in Lübeck schon seit 1866 eine Gemeinde gab.
Am 6. Mai 1870 ordnete der Regierungspräsident von Schleswig-Holstein die Auflösung der Ortsvereine des ADAV "wegen verbotener Organisation" an und ließ Strafverfahren gegen die führenden Lassalleaner einleiten. Grundlage waren Nachforschungen auf der Basis der Verfügung vom 30. Juni 1869.[4]
Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, der am 19. Juli 1870 begann, beeinträchtigte die Entwicklung des ADAV sehr. Da viele Sozialdemokraten zum Militär eingezogen und andere, arbeitslos geworden, auf Wanderschaft gegangen waren, beschlossen die Ortsvereine in Heide, Beidenfleth, Kiel wie auch andere die "Auflösung auf Zeit".[5]
Die lassalleanischen Abgeordneten im Reichstag des Norddeutschen Bundes stimmten den Kriegskrediten zu. Dies wurde von den schleswig-holsteinischen Gruppen, die den Krieg als Verteidigungskrieg gegen das napoleonische Kaiserreich auffassten, gebilligt. So patriotisch das auch war - auf den repressiven Umgang der Obrigkeit mit der Sozialdemokratie hatte es keinen Einfluss.[5]
Anfang 1872 unternahm der neu gewählte ADAV-Präsident Wilhelm Hasenclever eine Agitationsreise durch Schleswig-Holstein. Sie führte ihn von Altona über Neumünster, Rendsburg, Kiel, Itzehoe, Wilster, Heide, Lunden, Tönning, Friedrichsort, Schleswig, Kellinghusen, Ottensen, Pinneberg und Lübeck nach Hamburg.
"Besondere Begeisterung empfing den "Arbeiterpräsidenten" in Altona, wo er nach Lassalles Vorbild in einer mit Schimmeln bespannten Kutsche einfuhr, was auf die Arbeiter Eindruck machte, aber den Volksstaat der Eisenacher zum Spott reizte. Hasenclevers Reden kritisierten scharf die Polizeimaßnahmen gegen die Arbeiterbewegung, die in Schleswig-Holstein schärfer seien als etwa in Berlin. Kaiser Wilhelm I. regte sich sehr auf, als man ihm einen Zeitungsbericht über den triumphalen Arbeiterfestzug zu Ehren Hasenclevers in Itzehoe zeigte. Der Schleswiger Regierungspräsident mußte dem Bürgermeister von Itzehoe einen scharfen Verweis erteilen, in dem es hieß: 'Mit der öffentlichen Ordnung ist der öffentliche Aufzug einer staatsgefährlichen Agitationspartei unverträglich.'"[6]
Im Juli 1872 warnte der Regierungspräsident im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Schleswig die Bevölkerung nachdrücklich vor den Ideen und Plänen der "sozial-demokratischen Parthei".
"Die Sozialdemokraten gedächten 'alles, was uns ehrwürdig, heilig und lieb ist, das Vaterland, den Thron, den Altar, Sitte und Gesetz umzustoßen, an die Stelle des häuslichen Herdes die Bierbank setzen, Besitz und Eigentum aufzulösen und die Arbeit, die Erhalterin und Ernährerin der Völker zum Spielball ehrgeiziger Parteiführer zu erniedrigen. Es ist die rote Republik, deren ausgesprochener Zweck es ist, die Auslieferung des Eigentums, des mühsamen Erwerbs langer und schwerer Arbeit, zur Verteilung auch an diejenigen in Anspruch zu nehmen, die nicht gearbeitet, nichts erworben haben.'"[7]
Besonders der Hinweis auf jene, "die nicht gearbeitet, nichts erworben haben", ist an Zynismus kaum zu überbieten: Er zielte auf Menschen, die trotz schwerster Arbeit kaum ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, weil diejenigen, die über das Kapital verfügten, davon nichts an die abgeben wollten, die es erarbeiteten!
Ende des Jahres bereisten sozialdemokratische Wanderredner den ostholsteinischen Güterdistrikt. Angekündigt wurden sie mit dem Thema Die Überschwemmung der Ostseeküste - gesprochen wurde über Politik. In Neustadt und Oldenburg gab es deswegen Ärger - in Heiligenhafen wurden sie sogar aus dem Saal geworfen und misshandelt. Trotzdem hatten sie Erfolg. Die Polizei schätzte, dass es im Kirchspiel Burg auf Fehmarn schon 400 Lassalleaner gebe.[8]
Bis 1899 galt im Deutschen Reich ein Verbindungsverbot für Vereine. Sie durften sich nicht überörtlich zusammenschließen. Also musste die Sozialdemokratie sich anders behelfen. Seit Ende 1878 galt überdies das Sozialistengesetz: Die Vereine der Sozialdemokratie wurden verboten. Die Genossen trafen sich dennoch Ostern 1879 in der Umgebung von Neumünster und wählten eine fünfköpfige Agitationskommission. Franz Schneider war Vorsitzender, Heinrich Lienau Schriftwart, Friedrich Butenschön Schatzmeister; die weiteren Namen nennt Heinrich Lienau in seinen Erinnerungen nicht.[9] Diese Agitationskommission war bis zur Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 tätig.
Gründung der Bezirksorganisation
Das Verbindungsverbot wurde kurz vor der Jahrhundertwende aufgehoben. Die "Lex Hohenlohe", das Gesetz, mit dem dieses Verbot beendet wurde, ging auf den Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst zurück und hieß eigentlich Gesetz betreffend das Vereinswesen. Es trat am 11. Dezember 1899 (RGBl. S. 699) in Kraft und enthielt nur einen einzigen Artikel:
"Inländische Vereine jeder Art dürfen miteinander in Verbindung treten. Entgegenstehende landesgesetzliche Bestimmungen sind aufgehoben."
Es dauerte jedoch einige Jahre, bis die SPD ihre Organisation änderte, einen eigenen Bezirk gründete, einen Bezirksvorstand wählte und einen ersten Parteisekretär einstellte.
1904 begann Eduard Adler aus Kiel die Diskussion über die Reorganisation des bisherigen "Agitationsbezirks". 1905 verabschiedete der Parteitag in Jena ein Organisationsstatut, das weitestgehend den Vorschlägen von Eduard Adler entsprach:
Die Grundlage der Organisation war nun der Verein des Wahlkreises. Für den Fall, dass der Wahlkreis sich über mehrere Orte erstreckte, konnten Ortsvereine gebildet werden. Diese "Sozialdemokratischen Vereine" schlossen sich zu Bezirksverbänden und Landesorganisationen zusammen, deren selbstständige Führung der Geschäfte allerdings nicht in Widerspruch zum Statut der Gesamtpartei stehen durfte. Mindestens 20 % ihrer Einnahmen waren an die Parteileitung abzuführen. Kein Wahlkreis durfte durch mehr als drei Delegierte auf dem reichsweiten Parteitag vertreten werden. Diese Struktur setzte Schleswig-Holstein zügig um, wie auf dem Provinzialparteitag 1905 berichtet wurde. Der gemeinsame Agitationsbezirk mit Hamburg wurde jedoch in der Übergangsphase zunächst noch beibehalten.
Es gab folglich im Bezirk insgesamt vierzehn Wahlkreisvereine: 10 aus Schleswig-Holstein, einen aus dem Fürstentum Lübeck und drei aus Hamburg. Die schleswig-holsteinischen Wahlkreise waren im Jahr 1904 in 57 Ortsvereine untergliedert, das Fürstentum Lübeck in fünf.[10]
Die Hamburger waren skeptisch, was diese Reorganisation anging; die Stadt mit ihren besonderen Landes- und Kommunalgesetzen passe nicht in das Organisationsgebilde der Provinz. Nach längeren Diskussionen beschlossen sie daher 1905 in einer Urabstimmung mit 1610 gegen 640 Stimmen, aus der Provinzorganisation auszutreten.[11] Am 1. Juli 1905 gründet sich der Bezirksverband für Schleswig-Holstein, das Herzogtum Lauenburg und das Fürstentum Lübeck. Die SPD in der Freien Hansestadt Hamburg gründete ihre eigene Landesorganisation.
1906 übernahm Friedrich Bartels den Vorsitz des Agitationsbezirks Schleswig-Holstein.[12] Er wurde als Parteisekretär besoldet und war eine Art früher Landesgeschäftsführer. Ab 1912/13 nannte sich dieAgitationskommissionBezirksvorstand. Am 1. November 1913 wurde Heinrich Kürbis zum Bezirksvorsitzenden gewählt und angestellt.[13]
Siehe auch
Literatur
→ Hauptartikel: Literatur zur Geschichte der Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein Nur wenig Literatur beschäftigt sich mit der Geschichte des Landesverbands insgesamt:
- Danker, Uwe: Die Geburt der Doppelstrategie in der "Roten Hochburg". Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein 1863-1918, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 21-62
- Martens, Holger: Die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Schleswig-Holstein 1945 - 1959 (2 Bde., Malente 1998), ISBN 3993862248 (liefert trotz des Titels viele Informationen über die Zeit der Weimarer Republik)
- Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963])
- Paetau, Rainer: Konfrontation oder Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925 (Neumünster 1988)
- Rüdel, Holger: Ein schwieriger Start. Zur Frühgeschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 77-85
- Schulte, Rolf / Weber, Jürgen: Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) in Schleswig-Holstein, in: Demokratische Geschichte, 3(1988), S. 307-317
- Strommenger, Anna: "Heimat Arbeiterbewegung"? Zwischen sozialdemokratischer Selbstbeschreibung im Kaiserreich und nostalgischer Rückprojektion in der Weimarer Republik, in: Kohäsionskräfte in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914, Bonn (2022), Seite 53-66
- Trautmann, Günter: Liberalismus, Arbeiterbewegung und Staat in Hamburg und Schleswig-Holstein 1862 - 1869 In: Archiv für Sozialgeschichte, Band 15 (1975), Seite 51-110
Archive
- Unterlagen des Bezirksvorstands wurden zu Beginn der NS-Diktatur beschlagnahmt und befinden sich heute im Bestand des Landesarchivs Abt. 384.1[14]
Links
Einzelnachweise
- ↑ Danker, Uwe: Die Geburt der Doppelstrategie in der "Roten Hochburg" Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein 1863-1918. In: Demokratische Geschichte Band 3(1988), S. 31
- ↑ SPD-Ortsverein Elmshorn: 100 Jahre SPD-Ortsverein Elmshorn (Elmshorn 1963)
- ↑ Sozialdemokratischer Parteitag Kiel 1927 (o.O.u.J [Kiel 1927])
- ↑ Rüdel, Holger: Ein schwieriger Start. Zur Frühgeschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 77-85
- ↑ 5,0 5,1 Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 11
- ↑ Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 13
- ↑ Zitiert nach: Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 14
- ↑ Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 14
- ↑ Unter dem Schandgesetz in Schleswig-Holstein, Hamburger Echo, 21.10.1928
- ↑ Lübecker Volksbote, 3. September 1904, S. 5
- ↑ Vorwärts Nummer 290, Jahrgang 22, 12.12.1905
- ↑ Martens, Holger: Die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Schleswig-Holstein 1945 - 1959 (Malente 1998), ISBN 3-933862-24-8, S. 24
- ↑ Paetau, Rainer: Konfrontation oder Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925 (Neumünster 1988), S. 508
- ↑ Schreiben 395/2016 des Leitenden Archivdirektors Prof. Dr. Dr. Rainer Hering an den SPD-Landesverband, Ralf Stegner, vom 10.2.2016
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