Am 3. Oktober stirbt mit Reichsaußenminister Gustav Stresemann (DVP) ein wichtiger und konstruktiver Politiker der Weimarer Republik. Das zweite Halbjahr steht im Zeichen der Auseinandersetzungen um den noch von ihm verhandelten Young-Plan, mit dem die Bedingungen des Versailler Vertrages für Deutschland erneut erleichtert werden. Die Rechtsparteien - zum ersten mal unter Einschluss der NSdAP - erreichen ein Volksbegehren, dem ein beispielloser Propaganda'feldzug' vorausgeht. Sie stellen dem Young-Plan das "Gesetz gegen die Versklavung des deutschen Volkes"[1] entgegen; ein Volksentscheid scheitert an mangelnder Beteiligung (15%). Ziel der Rechten ist nicht in erster Linie, das Abkommen zu verhindern, sondern den Sturz der Regierung zu bewirken. Dieses Vorgehen wird auch in konservativen Kreisen kritisch gesehen.
Den Hintergrund bildet die sich stetig verschlechternde weltwirtschaftlichen Lage. Im Oktober folgt mit der Weltwirtschaftskrise ("Schwarzer Freitag" an der New Yorker Börse) ein katastrophaler Absturz, der viele Menschen für Jahre in existenzielle Not bringt und in Deutschland den Aufstieg der Nazis begünstigt.
Der Kieler Konsum verfügt über 88 Verteilungsstellen, dazu 15 Verteilungsstellen für Back- und Grünwaren, 8 für Fleisch- und Wurstwaren sowie ein Kaufhaus an der Holtenauer Straße Ecke Jägersberg.
7. März - In einer Massenauseinandersetzung zwischen SA und KPD in Wöhrden/Dithm. - von den Nazis später als "Blutnacht von Wöhrden" glorifiziert - gibt es drei Tote und zahlreiche zum Teil schwer Verletzte, darunter der ehemalige Sozialdemokrat Christian Heuck.
22. März - Die Gemeindevertretung von Russee stimmt der Eingemeindung des Ortes nach Kiel zu. Aus ungeklärten Gründen wird dieser Beschluss nicht umgesetzt.
12. Mai - Die Wassersportabteilung der Freien Turnerschaft, ein Segel- und Ruderverein für Arbeiter, weiht sein erstes Klubhaus an der Wiker Bucht (heute Kiellinie) ein. Im oberen Geschoss ist die Jugendherberge untergebracht.
Friedrich-Ebert-Denkmal, Büdelsdorf (Zeichnung)Louise Schroeder soll in diesem Sommer am Friedrich-Ebert-Denkmal in Büdelsdorf gesprochen haben, vor über 1000 Frauen, von denen einige sogar aus Kiel angereist sind.
22. August - Karl Meitmann wird mit großer Mehrheit zum Landesvorsitzenden der Hamburger SPD gewählt und verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach Hamburg.
22. Dezember - Volksabstimmung über den Young-Plan. Von 1527119 Wahlberechtigten in Schleswig-Holstein geben nur 190318 überhaupt ihre Stimme ab. Die Abstimmung scheitert.[1]
Luise Schmidt beginnt als Dozentin an der Volkshochschule Lübeck.
Anni Krahnstöver wird Bezirksfrauensekretärin in Oppeln/Oberschlesien.
Karl Langebeck übernimmt als hauptamtlicher Parteisekretär die Zuständigkeit für den Unterbezirk Ostholstein (=die Kreise Plön, Oldenburg und Eutin); dadurch wird er Mitglied im Bezirksvorstand.
Rudolf Wissell erhält für seinen Einsatz für die Gemeinwirtschaft die Ehrendoktorwürde der Kieler Universität.
Die erstarkende KPD bemüht sich zunehmend um Einfluss auf die Arbeitersportvereine, gegen den Widerstand der SPD-nahen Vorstände. Reichsweit verlassen daher in diesem Jahr 32.000 Mitglieder die bestehenden Vereine.
Die Freie Volksbühne Kiel gibt auf Grund wirtschaftlicher Not die bisherige klassenbewusste Linie auf und öffnet sich für Beamte und Angestellte als Mitglieder.