Kreisverband Herzogtum Lauenburg

Aus SPD Geschichtswerkstatt

Der Kreisverband Herzogtum Lauenburg ist eine Gliederung der SPD Schleswig-Holstein. Er umfasst zur Zeit 34 Ortsvereine. Gegründet wurde er um die Jahreswende 1945/1946. Vor 1933 gab es die Kreisarbeitsgemeinschaft Herzogtum Lauenburg.

Am 14. Oktober 2023 wählte der Kreisparteitag Cira Ahmad und Hinnerk Bruhn zur ersten Doppelspitze im Vorsitz des Kreisverbandes.

Der Kreisverband der Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus wird geleitet von Angela Hoff (2001 bis 2021 von Hans-Peter Iversen)[1], der Kreisverband der Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) von Dietrich Häfner (bis 2025 von David Welsch). Seit 2025 gibt es auch eine Arbeitsgemeinschaft SPD Frauen; jedenfalls legte sie dem Kreisparteitag im November 2025 eine Rechenschaftsbericht vor.[2]

Geschichte

Kaiserreich

In einer Nachwahl von 1875 zur Reichstagswahl 1874 wurde die Sozialdemokratie im Herzogtum Lauenburg zum ersten Mal sichtbar. Sie erreichte 23,7 % in einem Wahlkreis ohne nennenswerten Anteil an Industriearbeitern, ihrer "natürlichen" Wählerschicht.[3]

Ab 1876 gehörte der Landkreis Herzogtum Lauenburg zur Provinz Schleswig-Holstein im Königreich Preußen und unterlag damit bei Landtags- und Kommunalwahlen dem geltenden Dreiklassenwahlrecht.

Frühe Spuren der Sozialdemokratie im Gebiet des schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkreises 10 (RWK 10) waren Wahlvereine in Mölln und Schwarzenbek, die anlässlich der Reichstagswahl 1877 bzw. der Reichstagswahl 1878 in amtlichen Unterlagen erwähnt werden. Vermutlich schloss man sich hier aber nur kurzfristig zusammen, um in diesen Wahlen für die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) zu werben.[4]

Seither trat die Sozialdemokratie im RWK 10 regelmäßig bei Reichstagswahlen an.[5] Immer hatte sie dabei gegen Obrigkeit, Oberschicht und Presse zu kämpfen. Während des Verbots unter dem Sozialistengesetz gelang es dieser Phalanx, die Bewegung und ihre Wähler so einzuschüchtern, dass die lokalen Wahlergebnisse zwischenzeitlich auf 0,5 % fielen. In der Reichstagswahl 1890 konnte die SPD allerdings wieder 23,7 % holen und baute den Stimmenanteil in den folgenden Wahlen deutlich aus.[6]

Einen eigenen Kreisverband konnte es damals noch nicht geben. Das "Verbindungsverbot" erlaubte nur Ortsvereine und zu den Reichstagswahlen die überregionalen Wahlvereine. Die lokalen Organisationen vernetzten sich über ein System aus Vertrauenspersonen.

Frauen war politische Betätigung, auch die Mitgliedschaft in einer Partei, noch bis 1908 verboten; wählen durften sie bis 1918 nicht. Wer in der SPD war, las im Hamburger Rand damals das sozialdemokratische Hamburger Echo oder die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung.[7]

Bis 1900 gab es auch kaum Ortsvereine im Kreis, obwohl diese ab 1890 nicht mehr verboten waren.

"Der Grund dafür liegt in einer Überwachungspraxis und Unterdrückung, wie sie den Hochzeiten des Sozialistengesetzes alle Ehre gemacht hatte."[8]

Ein anderer Grund war, dass die lokale Organisation vielen gar nicht so wichtig war, da marxistische Sozialisten ohnehin den Zusammenbruch des Kapitalismus erwarteten und sich deswegen bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht für die Kommunalpolitik interessierten.[9]

Statt dessen bildeten Sozialdemokraten andere Vereine, um sich auszutauschen.

"Im Jahre 1913 bestanden mindestens 5 Radfahrvereine, 4 Arbeitergesangsvereine und 2 Pfeifenclubs, die insbesondere zu Zeiten der Reichstagswahlen Aktivitäten entwickelten."[10]

Friedrich Lesche
Nur in Geesthacht hatten Sozialdemokraten schon direkt nach dem Ende des Sozialistengesetzes einen Ortsverein gegründet. Allerdings wurde Geesthacht erst mit dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 durch Hamburg an den Landkreis Herzogtum Lauenburg abgetreten.

Die ersten Ortsvereine im Landkreis Herzogtum Lauenburg wurden 1890 in Lauenburg und am 1. Oktober 1900 im Arbeiterwohnort Grünhof gegründet - heute ein Ortsteil von Geesthacht.[11]

Bei der Reichstagswahl 1903 konnte die Sozialdemokratie im Kreis zum ersten Mal ihren Kandidaten Friedrich Lesche durchsetzen. Beflügelt von diesem Erfolg gründeten sich in der Folge weitere Ortsvereine in Schwarzenbek (1903), Wentorf (1904), Ratzeburg (1903)[12], Besenhorst (heute Geesthacht) (1907), Gülzow (1909) und 1911 in Hamwarde, Börnsen und Wohltorf.[13]

Die gesamte Zeit des Kaiserreichs wurde Lauenburg organisatorisch und agitatorisch aus dem Wahlverein des schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkreises 8 (Altona-Stormarn) mitversorgt, d.h. von Altona und Hamburg. 1893/94 gab es dort Diskussionen, die Lauenburger einen eigenen Verein gründen zu lassen, um vor allem die finanzielle Belastung loszuwerden. Dagegen aber wehrten sich die Lauenburger erfolgreich.[14]

1906 stellte die SPD im Herzogtum Lauenburg zum ersten Mal einen Parteisekretär an, professionalisierte sich damit und machte sich ein wenig unabhängiger von Altona. Allerdings war dieser Schritt nicht ganz unumstritten, da die Mitgliederzahl und die damit verbundenen Einnahmen noch kein Personal finanzieren konnten. Trotzdem trug die gemeinsame Organisation dann die Kosten.[15]

Bei der Reichstagswahl 1907 hatte die SPD das gesamte bürgerliche Lager vereint gegen sich. Dessen Ziel war es, den Wahlkreis der SPD wieder abzuringen. Die überall bestehenden Militärvereine setzten zum Beispiel die Gastwirte unter Druck, keine Räumlichkeiten an Sozialdemokraten zu vermieten. Die bürgerliche Presse feierte die Erfolge dabei. Nur in acht Orten konnte die SPD Räume mieten und Wahlveranstaltungen abhalten - ansonsten konnte sie nur Flugblätter verteilen. Sie verlor daher Stimmen und den Wahlkreis.[16]

Nach und nach wurde die Parteiorganisation aufgebaut. Es gelang etwa, dass erste SPD-Gemeindevertreter gewählt wurden. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wuchs die Kreispartei auf 982 Mitglieder an. Zum Vergleich: 1757 Personen waren Mitglied einer Gewerkschaft.

Weimarer Republik

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, in der Novemberrevolution, kontrollierten auch im Herzogtum Lauenburg Arbeiter- und Soldatenräte die öffentliche Verwaltung. Am 6. November 1918 gründete sich in der Garnisonsstadt Ratzeburg ein Soldatenrat. Am 7. November entstand in Lauenburg ein Arbeiter- und Soldatenrat, der sogar die "Unterelbische Republik" ausrief. Insgesamt aber war die Arbeiterräte eher brav und nicht auf die große Revolution aus.[17]

In der ersten Wahl der neuen Zeit, der Wahl zur Nationalversammlung 1919, holte die MSPD 41,6 % der Stimmen und die USPD 2,9 % - Rückenwind für die Sozialdemokratie. Doch die alten Ressentiments im Bürgertum überlebten die Revolution.

So forderte etwa der Landrat dazu auf, bei der Berichterstattung über die Kandidierenden für die Kommunalwahl 1919 jeweils zu vermerken, ob sie sozialdemokratisch oder bürgerlich seien:

"Es wurde der Sozialdemokratie vorgeworfen, 'Politik' in die Gemeindeparlamente zu tragen, wo doch nur 'Wirtschaftsfragen' und 'Verwaltungsangelegenheiten' zu entscheiden seien."[18]

Diese Dinge stellten auch nach dem Ende des Kaiserreichs sehr bald die alte Konfrontation zwischen "Bürgerblock" und Sozialdemokratie wieder her.

Für Letztere war die Weimarer Republik keine gute Zeit im Kreis Herzogtum Lauenburg. Die Arbeiterschaft im Kreis schmolz zusammen. Bei der Kommunalwahl 1924 verlor die SPD eine ganze Reihe Sitze in Gemeinderäten.

Als sich im Ersten Weltkrieg die USPD von der SPD abspaltete, war die SPD im Kreis davon nur wenig betroffen - nur der Ortsverein Gülzow schloss sich der USPD an.[19] Einzig im damals noch zu Hamburg gehörenden Geesthacht gab es eine starke USPD und später eine starke KPD, mit der die SPD erbitterte Auseinandersetzungen austrug.[20]

1926 war Genosse Rubach aus Wentorf Vorsitzender der Kreistagsfraktion.

Die Partei schrumpfte und alterte. 1928 starben mit Paul Göhre und Franz Meyer zwei der Aushängeschilder der Partei. Von 1929 bis 1932 sanken die Wahlergebnisse von 32,2 % auf 25 %.

"Resigniert und gelähmt nahmen die meisten lauenburgischen Sozialdemokraten den 30. Januar 1933 hin. Im März griff die Verhaftungswelle auf viele noch im Amt befindliche SPD-Mitglieder über. Diejenigen, die davon verschont geblieben waren, legten meistens im April 1933 ihre Ämter als Kreis- oder Gemeindevertreter nieder."[21]

Wiedergründung 1945

Direkt nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur 1945 begannen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Kreis Herzogtum Lauenburg mit der Wiedergründung der SPD - auf Ebene der Ortsvereine, aber auch auf Kreisebene. Eine Gruppe wählte Walter Krause zum Vorsitzenden. In Absprache mit dem provisorischen Bezirksvorstand in Kiel bemühte sie sich bei der britischen Militärregierung um Zulassung des Kreisvereins. Gleichzeitig versuchte der Genosse Krauss aus Neu Pampau, ebenfalls einen Kreisverein genehmigen zu lassen. Aus Aumühle gab es eine weitere unabgesprochene Initiative in diese Richtung.[10]

Archive

Literatur & Links

Kreisverband Herzogtum Lauenburg
Kreisverband Herzogtum Lauenburg
Kreisverband Herzogtum Lauenburg
Gegründet: 1903
Wiedergegründet: 1945
Vorsitzende/r: Cira Ahmad/Hinnerk Bruhn
Homepage: https://www.spd-herzogtum-lauenburg.de/


Übersicht

Gremien

Kreisvorstand

Ortsvereine

Alt-Mölln | Aumühle | Berkenthin und Umgebung | Bliestorf | Börnsen | Breitenfelde | Büchen | Dassendorf | Escheburg | Geesthacht | Groß Grönau | Gudow | Gülzow | Güster | Hamwarde | Hollenbek | Klein-Pampau/Müssen | Krummesse | Labenz | Lauenburg | Linau | Mölln | Mustin | Nusse | Ratzeburg und Umgebung | Roseburg | Schwarzenbek | Siebenbäumen | Sterley | Wentorf bei Hamburg | Wohltorf

Ehemalige Ortsvereine

Basedow-Dalldorf | Horst | Kankelau | Kastorf | Klempau | Kröppelshagen | Kuddewörde (mit Kasseburg) | Kühsen | Lütau | Müssen | Rondeshagen | Sandesneben | Schönberg | Sirksfelde | Witzeeze | Ziethen | weitere noch nicht aufgeführt

Kreisvorsitzende

Cira Ahmad/Hinnerk Bruhn (Seit 2023) | Manfred Börner (2021-2023) | Nina Scheer (2017-2021) | Birgit Wille (2015-1017) | Kirsten Patzke (2013-2015) | Peter Eichstädt (2007-2013) | Claudia Preuß-Boehart (1994-2007) | Henning Besser (1992-1994) | Matthias Esche (1988-1992) | Jürgen Hinz (1982-1988) | Udo Lumma (1971-1982) | Rudolf Donath (1967-1971) | Erich Wendicke (1947-1967) | Carl Bung (1946-1947) | Walter Krause (1945-1946) | Hans Michel (?-1933)

Bundestagsabgeordnete

Nina Scheer (Seit 2013) | Gabriele Hiller-Ohm (2002-2021) | Thomas Sauer (1998-2005) | Eckart Kuhlwein (1976-1998) | Friedrich Beermann (1969-1975) | Fritz Sänger (1961-1969) | Wilhelm Gülich (1949-1961)

Landtagsabgeordnete

Kathrin Bockey (2017-2021) | Olaf Schulze (2005-2016) | Peter Eichstädt (2005-2017) | Wolfgang Fuß (2000-2005) | Maren Kruse (2000-2005) | Birgit Küstner (1996-2000) | Claudia Preuß-Boehart (1992-1996) | Jürgen Hinz (1983-1996) und (1997-2000) | Udo Lumma (1982-1992) | Harry Starck (1976-1979) | Jan Sierks (1971-1979) | Rudolf Donath (1968-1971) | Rudolf Basedau (1950-1967) | Hermann Franck (1954-1967) | Paul Preuß (1950-1967) | Wilhelm Gülich (1947-1950) | Karl Müller (1947-1950) Joachim von der Lieth (1946-1947)

Reichstagsabgeordnete

Friedrich Lesche (1903-1907)


Einzelnachweise

  1. Nina Scheer dankt Hans-Peter Iversen und gratuliert Angela Hoff als Nachfolgerin im Vorsitz der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus, LOZ-News, 12.11.2021
  2. Kreisverband Herzogtum Lauenburg: Kreisparteitag, 15. November 2025, Homepage, abgerufen 12.2.2026
  3. Zimmermann: Sozialdemokratie, S. 218
  4. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  5. Zimmermann: Sozialdemokratie, S. 219, Übersicht Reichstagswahlergebnisse
  6. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  7. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  8. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  9. Paetau, Rainer: Das kommunalpolitische Programm der schleswig-holsteinischen SPD von 1901. Eine Dokumentation.. In: Demokratische Geschichte 1(1986), S. ?
  10. 10,0 10,1 Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), S. 88
  11. Sozialdemokratischer Verein von Lauenburg a. E. und Umgegend, Hamburger Echo, 22.7.1903
  12. So der Ortsverein. Zimmermann, Sozialdemokratie, S. 234, gibt 1906 an. Dieser Widerspruch ist noch zu klären.
  13. Zimmermann: Sozialdemokratie, S. 234
  14. Zimmermann: Sozialdemokratie, S. 232
  15. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  16. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  17. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  18. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  19. Zimmermann: Sozialdemokratie, S.
  20. Blandow, Wolfgang: Gewalt in der Geesthachter Kommunalpolitik. Ein Beitrag zur Auseinandersetzung von SPD und KPD in der Weimarer Republik, in: Demokratische Geschichte 2(1987), S. 213-228
  21. Zimmermann: Sozialdemokratie, S. 251